Agile Führung: Prinzipien + Tipps



Agile Führung ist ein Trendthema in vielen Unternehmen. Aber was genau bedeutet es, agil zu führen, wo liegen die Vor- und Nachteile und welche Maßnahmen gibt es? Ein Überblick.


Inhaltsverzeichnis


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Agile Führung kennt keine Hierarchien? Nicht unbedingt. Das gemeinsame Arbeiten ist nur anders strukturiert. (Foto: Unsplash)

Vor- und Nachteile der agilen Führung

Vorteile der agilen Führung

Bei der Ausübung des agilen Führungsstils nennen Teams häufig die folgenden drei Vorzüge.

#1 Austausch auf Augenhöhe

Flache Hierarchien ermöglichen eine wertschätzende Kommunikation zwischen Chef und Mitarbeitern. Das macht die Zusammenarbeit angenehm und motiviert das Team.

Wenn Mitarbeiter das Gefühl haben, dass ihre Wünsche und Bedürfnisse ernstgenommen werden, fühlen sie sich mit dem Unternehmen verbunden und arbeiten effizienter als frustrierte Kollegen.

#2 Mehr Verantwortung bei Mitarbeitern, weniger beim Chef

Agile Führungskräfte ermutigen Mitarbeiter dazu, Verantwortung zu übernehmen und die Initiative zu ergreifen – sei es im Alltag oder beim Start neuer Projekte. Dadurch entlasten sich Chefs zugleich, weil sie Aufgaben vertrauensvoll an kompetente Performer übergeben können.

#3 Entwicklungspotenzial vorhanden

Mit der vermehrten Verantwortungsübernahme gehen im Team natürlich auch Entwicklungschancen einher. So lernen Mitarbeiter die Teamführung, wenn sie das möchten.

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Agile Führung gibt Mitarbeitern jeden Tag die Chance, sich weiterzuentwickeln. (Foto: Unsplash)

Die hohe Eigen- und Personalverantwortung fördert Mitarbeiter auch auf den Ebenen des Zeitmanagements, des Projektmanagements und in ihren allgemeinen Sozialkompetenzen. Wer sich gedanklich in den Kollegen oder Chef hineinversetzen kann, versteht die Person besser und kann sie bei Herausforderungen unterstützen. So wird effektives Arbeiten möglich. Auch in der externen Kommunikation lernen die Mitarbeiter, mit den verschiedensten Kunden umzugehen.

Nachteile der agilen Führung

#1 Umsetzung komplex und langwierig

Agile Führung ist nichts, was sich in wenigen Tagen in einem Unternehmen umsetzen lässt. Der Prozess braucht Zeit, in der sich Chefs und Teams gleichermaßen an den Führungsstil gewöhnen sollten. Schließlich ist die Ausrichtung auf agile Führung eine Umstellung auf mehreren Ebenen, je nachdem, wie agil das Unternehmen bereits arbeitet. Oftmals müssen jedoch Kommunikationsabläufe sowie -regeln und Verantwortungsbereiche komplett neu definiert und eingeübt werden.

#2 Flache Hierarchien können bremsen

Klassische Hierarchien nach dem Top-down-Prinzip sind zwar nicht sonderlich beliebt, doch haben sie eine Stärke: Entscheidungen können von der Geschäftsführung zügig durchgesetzt werden. Im Extremfall gipfelt dieses Prinzip im autoritären Führungsstil, bei dem die Meinungen der Mitarbeiter keine Rolle spielen. Die Form der Führung kann jedoch sehr frustrierend für die Angestellten sein.

Flache Hierarchien bieten sich als Alternative an, doch führt mehr Mitbestimmung und Beteiligung seitens der Mitarbeiter auch zu vermehrter interner Kommunikation und höherem Klärungsbedarf. Der Anspruch, immer einen Konsens zu finden, bringt die agile Führung an ihre Grenzen. Besser ist das Prinzip des Konsents: Eine Entscheidung wird dann umgesetzt, wenn es keine triftigen, mit Argumenten belegbaren Einwände dagegen gibt. Doch selbst dann können flache Hierarchien die Kommunikation im Unternehmen verkomplizieren, dieses Restrisiko bleibt bei agiler Führung bestehen.

#3 Überforderung des Chefs und der Mitarbeiter

Nicht jeder im Team freut sich über die Zunahme an Eigenverantwortung. Für einige Menschen kann es belastend sein, wie ein Unternehmer im Unternehmen denken und arbeiten zu müssen. Sie brauchen besonders intensive Führung und ein offenes Ohr der Geschäftsleitung, was diese wiederum überfordern kann. So kann aus der agilen Führung schnell eine wenig flexible Hauptbeschäftigung werden, während das eigentliche Tagesgeschäft liegen bleibt.

Prinzipien der agilen Führung

Agile Führung wird unterschiedlich gelebt, doch basiert sie auf einigen Grundprinzipien, durch die sie sich von klassischen Führungsstilen unterscheidet.

#1 Dynamische Kommunikation

Agile Teams nutzen moderne Kommunikations- und Kollaborationstools wie Trello und Slack. Auch virtuelle Meetings sind bei agilen Unternehmen gang und gäbe, da agile Führung üblicherweise dezentrales Arbeiten begünstigt, sprich: Einige Mitarbeiter sind vom Home Office oder anderen Standorten aus tätig, bei einer Remote Company betrifft dies sogar alle Teammitglieder inklusive Geschäftsführung.

#2 Wir-Gefühl

In einem agilen Unternehmen schauen alle gemeinsam in dieselbe Richtung, hin zur Vision, die jeden Tag ein Stückchen mehr umgesetzt wird. Sowohl die Vision als auch die Strategie für deren Umsetzung und die dafür notwendigen, konkreten Maßnahmen lassen sich mit dem Golden Circle ermitteln.

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Beim Golden Circle starten Unternehmer im innersten Kreise, dem Why. Dann arbeiteten sie sich konzentrisch nach außen vor. (Grafik: Für-Gründer.de)

Die mitreißende Vision, die ihr mit dem Golden Circle entwickelt habt, könnt ihr in Form von OKR in konkrete Teilziele herunterbrechen, um im Unternehmensalltag Schritt für Schritt voranzukommen.

#3 Flexibles Arbeiten

Das Home Office ist eine Komponente der agilen Unternehmenskultur. Eine weitere ist die Möglichkeit, die eigene Arbeit weitgehend selbst einteilen zu können, u. a. mit Rücksichtnahme auf den eigenen Bio- und Lebensrhythmus. Damit diese Form des Arbeitens effektiv und effizient verläuft, sollten die Mitarbeiter sich selbst und die eigenen Leistungsspitzen gut kennen und realistisch einschätzen. Agile Führung ist also auch immer mit dem Selbstmanagement jedes Einzelnen verknüpft.

Tipps zur agilen Führung

#1 Andere Lösungswege zulassen

Seid ihr häufig der Meinung, dass eure Herangehensweise die einzig richtige ist? Das ist ziemlich unwahrscheinlich. Agile Führungskräfte wissen das und sind den Ideen ihrer Mitarbeiter gegenüber aufgeschlossen. So lernt ihr neue und womöglich effektivere Wege für Problemlösungen kennen.

#2 Fehlerkultur pflegen

Chefs, die eigene Fehler einräumen können, sind nicht nur sympathisch, sondern leben auch vor, was sie sich von ihren Mitarbeitern wünschen: die Übernahme der Verantwortung bei Fehlern. Vertrauen in diese Selbstoffenbarung können Mitarbeiter aber nur fassen, wenn die Vorgesetzten dies authentisch vorleben und Fehler nicht bestraft, sondern als Lernchancen betrachtet werden.

#3 Probieren geht über Studieren

Ideen mit Potenzial werden nicht nur in Meetings besprochen, sondern ausprobiert. Damit das angstfrei möglich ist, braucht es als Basis die oben genannte Fehlerkultur. Dann trauen Teams sich auch, kreative Wege zu gehen.

#4 Iteratives Arbeiten

Entwickeln, verbessern, wiederholen: Iteratives Arbeiten erfolgt in Zyklen, typisch hierfür ist die Methode Design Thinking.

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Design Thinking verläuft in definierten, sich wiederholenden Phasen. Mit diesem iterativen Prozess schafft ihr kundennahe Lösungen. (Grafik: Für-Gründer.de)

Dabei verlaufen Projekte in Phasen. In diesen verschiedenen Phasen gibt es so lange Feedbackschleifen, bis zur nächsten Phase übergegangen werden kann. War beispielsweise die Analyse der Zielgruppe nicht treffsicher genug, setzt das Team genau dort erneut an. Oder der Prototyp hat den Kunden noch nicht überzeugt. Dann wird in diesem Bereich so lange optimiert, bis der Kunde zufrieden ist.

Das iterative Arbeiten fußt also auf effizienten Wiederholungen zur Optimierung. Man kann sich das Prinzip wie bei einer Wanderung vorstellen: Ihr seid schneller am Ziel, wenn ihr kurz nach jeder neuen Weggabelung einen Blick auf die Karte werft und einen Irrweg frühzeitig korrigiert, anstatt stundenlang in die falsche Richtung zu laufen und erst dann den Fehler zu bemerken.

#5 Inkrementelles Arbeiten

Die Arbeit wird in einzelne sogenannte Sprints eingeteilt. Die daraus entstehenden Zwischenergebnisse der maximal einen Monat andauernden Arbeitspakete sind die Inkremente. Bei einem Inkrement kann es sich zum Beispiel um eine Software handeln, die bereits funktioniert, aber in weiteren Sprints optimiert wird.

Zur Veranschaulichung für inkrementelles Arbeiten liefern wir ein weiteres Beispiel: Ein Team soll eine Website für einen Kunden erstellen. Schon sehr frühzeitig im Prozess kann das Team eine schlanke Under-Construction-Seite mit Kontaktdaten des Kunden bauen und online stellen. Damit ist bereits ein erstes, funktionierendes Produkt online, auch wenn es sich dabei natürlich nicht um die finale Website handelt. Schritt für Schritt folgen dann weitere Website-Updates, bis die fertige Seite im Austausch mit dem Kunden live gehen kann.

Agile Führung mit Scrum

Die Methode, welche iteratives und inkrementelles Arbeiten miteinander kombiniert, heißt Scrum.

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Köpfe zusammenstecken wie beim Rugby: Scrum kommt aus dem Sport, bedeutet “Gedränge” und setzt auf ein konstruktives, wertschätzendes Miteinander im Workflow. (Foto: Unsplash)

Im Scrum-Framework steckt jede Menge Teamgeist, denn bei dieser Methode kommt es sowohl auf die Projektentwicklung als auch auf die Menschen an, die am Projekt mitwirken.

  • Tipp: Der “Scrum Guide” bietet auf wenigen Seiten einen exakten Ablaufplan für die Scrum-Methode.

Damit funktioniert Scrum anders als die klassische Wasserfallmethode, bei der von der Unternehmensführung Vorgaben nach unten durchgegeben werden. Bei dieser wenig agilen Vorgehensweise passiert es nicht selten, dass der Endzeitpunkt eines Projektes zwar festgelegt, aber immer wieder verschoben wird, so zum Beispiel bei bestimmten öffentlichen Bauprojekten. Wie die Kommunikation unter den Mitarbeitern läuft, ob diese Überstunden schieben o. Ä., interessiert die Projektleitung hierbei nicht.

Die Arbeit in Sprints hingegen legt den Fokus auf realistisch erreichbare Zwischenziele. Bei jedem Sprint gibt es eine Review, in der das Sprintziel besprochen wird. Bei der späteren Sprint Retrospektive geht es um das Miteinander im Team: Wie lässt sich die Zusammenarbeit im Team noch wertschätzender und angenehmer gestalten? Denn mehr zwischenmenschliche Zufriedenheit erhöht auch die Produktivität und den gemeinsamen Erfolg.

Für wen ist agile Führung sinnvoll?

Agile Führung ist modern und beliebt, aber macht sie das zum einzigen sinnvollen Führungsstil? Nein, denn gute Führungskräfte passen die Methoden der Situation an. Somit ist auch die agile Führung streng genommen kein Stil, sondern eine Denkhaltung, um flexibel auf die sich schnell verändernden Märkte und Situationen reagieren zu können. Diesem Verständnis nach ist Führung dann agil, wenn sie ein Wir-Gefühl erzeugt und sich zugleich auf bestmögliche Ergebnisse ausrichtet – und das ist in jedem Unternehmen sinnvoll.

Zur agilen Führung gehört weiterhin der digitale Faktor: Agile Teams kommunizieren intensiv über das Internet miteinander, von jedem Ort der Welt aus. So sind bei hoher Agilität auch Zeitverschiebungen oder häufige Ortswechsel der Mitarbeiter kein Problem, da die Erledigung der Arbeitspakete dynamisch verläuft.

Dieser Workflow ergibt jedoch nur Sinn, wenn euer Team tatsächlich so vielseitig aufgestellt ist. Führt ihr hingegen ganz klassisch ein Café oder Restaurant um die Ecke, braucht es nicht dieselbe umfangreiche Umsetzung agilen Arbeitens wie in einem Tech-Start-up. Jedoch kann es nicht schaden, sich agile Tools wie moderne Kassensysteme und eine Buchhaltungssoftware für die Optimierung des eigenen Geschäfts herauszupicken.

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