300 € mehr Gesundheitsreform: BBG steigt – diese Selbstständigen zahlen mehr

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Für viele Selbstständige wird die gesetzliche Krankenkasse teurer. Der Grund: Die Beitragsbemessungsgrenze 2027 soll zusätzlich zur regulären Anpassung um 300 € steigen. Was das für Gründer sowie Selbstständige bedeutet und was sie jetzt tun können.

Geld fällt auf den Tisch
Beitragsbemessungsgrenze wird 2027 angehoben: Wer als Selbstständiger gut verdient und freiwillig gesetzlich versichert ist, wird höhere Krankenkassenbeiträge zahlen. (Bild: pexels.com / Wolfgang Weiser)

Regierung plant Gesundheitsreform

Das Bundesgesundheitsministerium (BMG) rechnet für 2027 mit einer Deckungslücke von rund 15 Milliarden Euro bei den Gesetzlichen Krankenkassen (GKV). Um dem entgegen zu wirken, hat das Bundeskabinett am 29. April 2026 den Entwurf für das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz beschlossen. Das Entlastungsvolumen soll bei rund 16,3 Milliarden Euro für 2027 liegen.

Wie hoch ist die Beitragsbemessungsgrenze?

Die Beitragsbemessungsgrenze (BBG) definiert, bis zu welchem Einkommen Beiträge zur gesetzlichen Kranken- und Pflegeversicherung berechnet werden. 2026 liegt die BBG in der gesetzlichen Krankenversicherung bei 5.812,50 € im Monat (69.750 €/Jahr).

Die Gesundheitsreform sieht die einmalige zusätzliche Anhebung der monatlichen Beitragsbemessungsgrenze um 300 € für das Jahr 2027 vor. Somit liegt die Beitragsbemessungsgrenze bei mindestens 6.122,50 € pro Monat (73.350 €/Jahr). 

Damit sollen gutverdienende GKV-Mitglieder stärker zur Stabilisierung der Beitragssätze beitragen. "Die geplante zusätzliche Erhöhung der Beitragsbemessungsgrenze sehe ich besonders kritisch", betont Jan Roß, Geschäftsführer Perspektiven Versicherungsmakler GmbH. "Die politische Botschaft dahinter lautet: 'Stärkere Schultern sollen mehr tragen.'"

In der Praxis treffe diese Maßnahme laut Roß jedoch insbesondere gut verdienende Selbständige, Unternehmer und Freiberufler – also genau jene Gruppe, die ohnehin bereits hohe steuerliche und sozialversicherungsrechtliche Belastungen trägt.

Wen trifft die höhere Beitragsbemessungsgrenze? 

Von der Steigerung der Beitragsbemessungsgrenze 2027 sind vor allem Arbeitnehmer sowie folgende Selbstständige betroffen:

  • Freiwillig gesetzlich versicherte Selbstständige mit hohem Gewinn
  • Freiberufler, deren Einkommen bereits nahe an der Beitragsbemessungsgrenze liegt
  • Geschäftsführer mit hohem Gehalt
  • Gründer, deren Gewinn 2027 stark steigen dürfte
  • Gutverdienende Angestellte in der GKV.

Betroffen sind vor allem Selbstständige, die freiwillig gesetzlich versichert sind und hohe Gewinne erzielen. Dazu zählen etwa Berater, IT-Freelancer, Ärzte, Anwälte, Agenturinhaber oder erfolgreiche Onlinehändler

Für Angestellte klingt die vom BMG genannte Mehrbelastung von rund 25 € im Monat zunächst überschaubar, da sie sich mit ihren Arbeitgebern die Beiträge teilen.

Bei Selbstständigen sieht es anders aus. Wer freiwillig gesetzlich versichert ist und oberhalb der neuen Grenze verdient, trägt den vollen Beitrag allein. Allein die Sonderanhebung kann bei Kranken- und Pflegeversicherung mehr als 60 € im Monat kosten.

Rechenbeispiel: So viel mehr kann die GKV kosten 

Für 2026 gelten in der gesetzlichen Krankenversicherung 14,6 % allgemeiner Beitragssatz plus ein durchschnittlicher Zusatzbeitrag von 2,9 %. Zusammen sind das 17,5 %. In der Pflegeversicherung liegt der Beitragssatz bei 3,6 %. Kinderlose zahlen zusätzlich 0,6 Prozentpunkte, also 4,2 %.

Allein die geplante Sonderanhebung um 300 € kann dadurch spürbar werden. Ein freiwillig gesetzlich versicherter Selbstständiger mit Einkommen oberhalb der Beitragsbemessungsgrenze zahlt auf diese zusätzlichen 300 € Krankenversicherungsbeitrag. Bei 17,5 % sind das 52,50 € mehr im Monat

Mit der Pflegeversicherung steigt die Belastung weiter. Bei Eltern wären es 63,30 € im Monat. Bei kinderlosen Selbstständigen wären es 65,10 € im Monat. Auf das Jahr gerechnet sind das bis zu 781,20 € zusätzlich allein durch die Sonderanhebung. Die normale jährliche Erhöhung der Beitragsbemessungsgrenze kommt noch dazu.

Risiko schwankendes Einkommen

Bei freiwillig Versicherten zählen nicht nur laufende Gewinne. Entscheidend sind Nachweise wie Einkommensteuerbescheide. Wer seine Nachweise verspätet einreicht oder stark schwankende Gewinne hat, kann Nachzahlungen oder vorläufig hohe Einstufungen riskieren. Die Verbraucherzentrale weist ausdrücklich darauf hin, dass Einkommensnachweise rechtzeitig abgegeben werden sollten.

Nebenberuflich selbstständig: Versicherungspflichtgrenze beachten.

Für Selbstständige ist die Versicherungspflichtgrenze (VPG) meist weniger relevant, weil sie in der Regel unabhängig vom Einkommen zwischen GKV und PKV wählen können.

Für nebenberuflich Selbstständige und gutverdienende Angestellte ist die VPG aber wichtig, da sie ab einem Einkommen von 77.400 € brutto jährlich (Jahresarbeitsentgeltgrenze 2026) ihre Versicherung frei wählen können. Laut des Gesetzentwurfes soll jedoch die Versicherungspflichtgrenze auch um 300 € angehoben werden.

Der PKV-Verband bemängelt, dass die höhere VPG die Wahlfreiheit für Arbeitnehmer einschränke. "Die geplante Anhebung der Versicherungspflichtgrenze ist faktisch die Bürgerversicherung für Angestellte – ein direkter Angriff auf die Wahlfreiheit von Millionen Arbeitnehmern", kommentiert PKV-Verbandsdirektor Florian Reuther die Pläne der Bundesregierung. " Damit beschädigt die Bundesregierung den Wettbewerb zwischen GKV und PKV, der unser Gesundheitssystem leistungsfähig macht, und schwächt die demografiefeste Private Krankenversicherung."

Wird der Wechsel in die PKV attraktiver? 

Kurzfristig kann die PKV für junge, gesunde Selbstständige ohne Familie günstiger wirken. Aber der Vergleich ist heikel. In der GKV gibt es Familienversicherung. In der PKV zahlt jede versicherte Person ihren eigenen Beitrag. Außerdem steigen PKV-Beiträge ebenfalls, und ein späterer Wechsel zurück in die GKV ist oft schwer. Daher sollte je nach individueller Situation durchgerechnet und entschieden werden. 

Durch die steigende Beitragsbemessungsgrenze wird laut Versicherungsexperte Jan Roß "gerade für Selbständige die strategische Frage der Krankenversicherung noch relevanter". Viele Unternehmer würden künftig stärker prüfen, ob die gesetzliche Krankenversicherung langfristig wirtschaftlich sinnvoll bleibt oder ob alternative Lösungen – beispielsweise im Bereich der privaten Krankenversicherung – mehr Planbarkeit und Leistungsstabilität bieten.

Der PKV-Verband kritisiert zudem, dass eine höhere Versicherungspflichtgrenze den Wechsel für Angestellte erschwert.

Was Selbstständige jetzt konkret tun sollten 

Die aktuelle Gesundheitsreform zeigt: Sozialabgaben werden in Zukunft voraussichtlich weiter steigen. Anders als Angestellte tragen Selbständige beim Krankenversicherungsbeitrag die Mehrkosten aus versteuertem Einkommen allein. Hinzu kommen die zunehmenden monatlichen privaten und betrieblichen Fixkosten, unabhängig davon, ob tatsächlich höhere Gewinne erzielt werden oder ob die wirtschaftliche Lage schwankt. 

Daher heißt es, jetzt schon genau hinschauen und durchrechnen.

Deshalb sollten sich Unternehmer und Kreative fragen:

  • Wie entwickeln sich meine Beiträge bei steigendem Einkommen?
  • Wie planbar sind meine Fixkosten?
  • Passt das System zu schwankenden Einnahmen?
  • Welche Auswirkungen hat Wachstum auf meine Sozialabgaben?
  • Bleibe ich langfristig wirtschaftlich flexibel?

Viele Selbstständige unterschätzen laut Jan Roß die Krankenkassenwahl. Die Entscheidung zwischen gesetzlicher Krankenversicherung, KSK und möglicher privater Absicherung beeinflusst nicht nur die aktuellen Beiträge, sondern langfristig:

Versicherungsexperte Jan Roß rät: "Wer heute gründet, sollte deshalb nicht nur über Umsatz und Geschäftsidee nachdenken, sondern auch über die langfristige Struktur seiner Absicherung und Unternehmensplanung". Für Gründer, Selbständige und Künstler werde die Frage der Krankenversicherung und Sozialabgaben zunehmend zu einer echten strategischen Unternehmensentscheidung.

Außerdem verschärfe die Reform den Wettbewerbsnachteil des Mittelstands, so Roß weiter. Gerade inhabergeführte Unternehmen und Solo-Selbständige kämpfen bereits mit steigenden Energiekosten, Bürokratie, Inflation und wachsender regulatorischer Belastung. Eine weitere Ausweitung der Sozialabgaben reduziert Investitionsspielräume und hemmt unternehmerisches Wachstum.

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