16,3 Mrd. Euro einsparen Gesundheitsreform der Bundesregierung: Was das für Gründer bedeutet

Kabinett beschließt Gesundheitsreform 2026
Der Kabinettsbeschluss ist noch kein fertiges Gesetz. Der Entwurf geht nun in das parlamentarische Verfahren. Bundestag und Bundesrat können noch Änderungen vornehmen.
Bei der Krankenkassenreform geht es um ein großes Spar- und Steuerungspaket für die gesetzliche Krankenversicherung. Die Bundesregierung will verhindern, dass die Zusatzbeiträge weiter deutlich steigen. Dafür sollen die Ausgaben im System gebremst werden. Betroffen sind mehrere Bereiche: Kliniken, Ärzte, Pharmaunternehmen, Krankenkassen und Versicherte.
Das Entlastungsvolumen soll nun bei rund 16,3 Milliarden Euro für 2027 liegen. "Die Zusatzbeiträge wollen wir stabil halten und eine Entlastung für alle Versicherten", betonte Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) heute früh im ZDF-Morgenmagazin. "Auch die Versicherten werden ihren Beitrag leisten müssen, in dem die Zusatzbeiträge leicht erhöht werden. Das haben wir 20 Jahre nicht gemacht."
Die Expertenkommission sah sogar ein Einsparungspotential von 42 Mrd. Euro, wobei darin 12 Mrd. Euro an Kosten für Grundsicherungsempfänger enthalten gewesen waren. Dafür müssten aber mehr staatliche Leistungen - finanziert aus Steuermitteln - fließen. Im ersten Regierungsentwurf sei es um 20 Mrd. Euro gegangen.
Für Gründer ist die Krankenkassenreform wichtiger, als sie zunächst klingt. Denn Krankenkassenbeiträge sind nicht nur Privatsache. Sie beeinflussen Lohnnebenkosten. Sie treffen freiwillig gesetzlich versicherte Selbstständige. Und sie entscheiden mit darüber, wie teuer neue Mitarbeiter werden.
Krankenkassenreform: Diese Veränderungen sind geplant
Diese Maßnahmen werden u.a. im Rahmen der Gesundheitsreform diskutiert:
- höhere Beiträge für Gutverdienende
- Familienversicherung: Einschränkung der kostenlosen Mitversicherung von Ehe- und Lebenspartnern
- höhere Zuzahlungen bei Medikamenten: 10 % des Abgabepreises, mindestens 7,50 Euro und höchstens 15 Euro
- Krankschreibung soll künftig auch zu Teilen möglich sein
- Ursprüngliche sollte außerdem das Krankengeld gekürzt werden. Das ist aber vom Tisch.
Medienberichte nennen u. a. eine einmalige Anhebung der Beitragsbemessungsgrenze 2027 um 300 Euro auf rund 6.112,50 Euro monatlich. Dadurch würden die Beiträge zum Beispiel von Selbständigen direkt steigen können.
Die Gesundheitsministerin betont: "Alle Bereiche leisten ihren Beitrag. Es ist ein breiter Ansatz. Es gibt auch eine prozentuale Belastung von Krankenhäusern, Ärzten etc., wie sie Kosten verursachen."
Warum die Gesundheitsreform kommt: Finanzloch der Krankenkassen
Die gesetzliche Krankenversicherung hat ein Finanzproblem. Nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums steigen die Ausgaben deutlich schneller als die Einnahmen. Im Referentenentwurf heißt es, die Ausgaben der GKV wüchsen derzeit um knapp 8 Prozent pro Jahr. Das sei etwa doppelt so stark wie im Durchschnitt der 2010er Jahre. Die Beitragseinnahmen seien 2025 dagegen nur um rund 5 Prozent gestiegen.
Die Folge ist eine wachsende Lücke. Für 2027 rechnet das Ministerium mit einer Deckungslücke von rund 15 Milliarden Euro. Bis 2030 könnte sie auf rund 40 Milliarden Euro steigen.
Ohne Gegenmaßnahmen würden auch die Zusatzbeiträge weiter steigen. Laut Referentenentwurf könnte der Zusatzbeitrag bis 2030 auf rund 4,7 Prozent klettern. Zusammen mit dem allgemeinen Beitragssatz würde der Gesamtbeitrag zur gesetzlichen Krankenversicherung dann bei bis zu 19,3 Prozent liegen.
Die Bundesregierung will mit der Krankenkassenreform die erwartete Lücke in der gesetzlichen Krankenversicherung schließen oder zumindest deutlich verkleinern.
Kritik an der Gesundheitsreform 2026: "eine soziale Schieflage"
"Es ist richtig und wichtig, die Finanzlücke in der GKV zu schließen", sagt Dirk Wiese (SPD), erster Parlamentarischer Geschäftsführer in der Bundestagsfraktion. "Die Vorschläge, die sich die Gesundheitsministerin zu eigen gemacht hat, haben eine soziale Schieflage. Am Ende muss eine Reform da sein, die sozial ausgewogen ist, wo jeder seinen Beitrag dazu leistet."
Matthias Miersch, SPD-Fraktionsvorsitzende im Bundestag, spricht gar von einer "Unwucht zu Lasten der Versicherten".
Die Vorstände der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Dres. Andreas Gassen, Stephan Hofmeister und Sibylle Steiner, beklagen die deutlich spürbare Konsequenzen der Gesundheitsreform für die ambulante Versorgung. "Es wird weniger Termine und Leistungen für die Patientinnen und Patienten geben. Die ambulante Versorgung, wie sie die Menschen in unserem Land kennen und schätzen, wird es in dieser Form dann nicht mehr geben."
Was Selbstständige und Gründer jetzt wissen sollten
Auch Selbstständige sollten genau hinschauen. Viele Gründer sind freiwillig gesetzlich versichert. Sie zahlen ihren Beitrag selbst. Einen Arbeitgeber, der die Hälfte übernimmt, gibt es nicht.
Wenn Zusatzbeiträge steigen, merken freiwillig gesetzlich versicherte Selbstständige das direkt. Besonders in der Gründungsphase kann das hart sein. Einnahmen schwanken. Fixkosten bleiben. Krankenversicherung, Buchhaltung, Software, Steuerberater und Miete laufen weiter.
Für Gründer heißt das: Die Krankenversicherung gehört in jede Liquiditätsplanung. Wer knapp kalkuliert, sollte für 2027 einen Puffer einplanen. Das gilt besonders für Solo-Selbstständige mit freiwilliger gesetzlicher Versicherung.
"Wer sich selbstständig macht, entscheidet nicht nur zwischen zwei Anbietern, sondern zwischen zwei Systemen: GKV oder PKV", betont Jan Roß, Geschäftsführer Perspektiven Versicherungsmakler GmbH.
In der GKV orientiert sich der Beitrag am Einkommen, in der PKV an Eintrittsalter, Gesundheitszustand und gewähltem Leistungsumfang. "Wichtig ist: Wählt man einmal seinen Leistungsumfang, kann dieser nicht mehr genommen werden. Man hat einen verbindlichen Leistungsanspruch", betont Roß. "Die Beiträge hingegen können im Rahmen gesetzlicher Regelungen steigen."
Im Schnitt sind das ca. 3-4 % pro Jahr, wenn man die Vergangenheit betrachtet. Ähnlich verhalte es sich bei der GKV im Rückblick durch Steigerungen der Beiträge, Erhöhung der Bemessungsgrenzen und Änderungen an den Leistungen.
Was bedeutet die Gesundheitsreform konkret in der GKV?
Für freiwillig gesetzlich versicherte Selbstständige kann die Reform besonders relevant werden, wenn sie gut verdienen. Steigt die Beitragsbemessungsgrenze, steigen auch die maximal beitragspflichtigen Einnahmen. Damit können höhere Monatsbeiträge entstehen.
Auch der Ausblick ist hier nicht positiv zu beurteilen, da immer mehr Leistungsempfänger auf Grund der Demografie auf immer weniger Beitragszahler treffen. Ein Grundproblem des gesetzlichen Systems welches nur durch weitere Leistungskürzungen oder Beitragssteigerungen derzeit entgegengewirkt werden kann.
Zudem wird die beitragsfreie Familienversicherung politisch diskutiert. Nach Medienberichten steht ab 2028 ein zusätzlicher Beitrag von 2,5 Prozent auf Basis des Einkommens des Hauptversicherten im Raum; bei 50.000 Euro Jahreseinkommen wären das rund 1.250 Euro pro Jahr zusätzlich.
Was spricht weiterhin für die GKV?
Die GKV bleibt für viele Gründer attraktiv, wenn Kinder oder nicht erwerbstätige Ehepartner mitversichert werden sollen, keine Gesundheitsprüfung gewünscht ist oder das Einkommen zu Beginn schwankt. Auch Mutterschutz und Elternzeit können in der GKV beitragsseitig günstiger sein - noch.
Wann wird die PKV interessanter?
Die PKV kann für Selbstständige interessant sein, wenn sie gesund sind, ein langfristig stabiles oder hohes Einkommen erwarten und insbesondere Wert auf individuell vereinbarte Leistungen legen. So können freie Tarifwahl, Privatärzte, bessere Zahnleistungen, Einbettzimmer/Chefarzt je nach Tarif und Krankentagegeld Vorteile sein.
Für Gründer in der Gründungsphase gilt:
"Nicht nur auf den heutigen Beitrag schauen", appelliert Jan Roß. Entscheidend seien Familienplanung, Einkommenserwartung, Gesundheitszustand, gewünschtes Leistungsniveau, Krankentagegeld und die Frage, wie flexibel man langfristig bleiben möchte.
Sein Praxis-Tipp: "Wer gerade gründet, sollte GKV und PKV nicht nur nach Monatsbeitrag vergleichen, sondern ein 10- bis 20-Jahres-Szenario rechnen lassen – inklusive Familie, Krankentagegeld, Selbstbehalt und Altersentlastung sowie die gewünschte Versorgung jetzt und in Zukunft betrachten."
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Quellen:
ZDF Morgenmagazin/ZDF-Heute: Krankenkassen-Reform: Kabinett beschließt Gesetzentwurf
KBV: KBV - KBV-Vorstand: „Wenig bis kein Verlass auf Politik“
Referentenentwurf: Entwurf eines Gesetzes zur Stabilisierung der Beitragssätze in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz)
Welt: Bundeskabinett beschließt Krankenkassen-Reform – deutliche Einschnitte für Versicherte - WELT