Nach 168 Jahren Kiekert AG: Insolvenz bei Autozulieferer aus Heiligenhaus

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Gestartet als Familienbetrieb in Heiligenhaus, tief verwurzelt im Ruhrgebiet: Kiekert, der Erfinder der modernen Zentralverriegelung, ist nach 168 Jahren insolvent. Rund 700 Mitarbeiter in Deutschland sind betroffen. Das Management macht fehlende Mittel des chinesischen Eigentümers mitverantwortlich. Gleichzeitig rutscht die Autoindustrie ins Stimmungstief. Was bedeutet das für die Zukunft des deutschen Mittelstands?

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Sitz der Kiekert AG in Heiligenhaus
Die Kiekert AG mit Sitz in Heiligenhaus muss nach 168 Jahren Insolvenz anmelden. Bild: Monikaja / Wikimedia Commons.

Insolvenzantrag: Gesellschafter aus China Schuld?

Die Kiekert AG hat beim Amtsgericht Wuppertal ein vorläufiges Insolvenzverfahren beantragt. Laut Berichten wurde Joachim Exner (Dr. Beck & Partner) zum vorläufigen Insolvenzverwalter für die Kiekert AG und die Holding bestellt. Der Betrieb läuft vorerst weiter. Für die rund 700 Beschäftigten in Deutschland gelten zunächst Insolvenzgeld-Zahlungen bis einschließlich November, heißt es weiter. Insgesamt beschäftigt Kiekert weltweit rund 4.500 Mitarbeiter an elf Standorten.  Als Hintergrund wird in übereinstimmenden Medienberichten genannt: ausbleibende finanzielle Mittel des chinesischen Gesellschafters – ein sofortiger Liquiditätsengpass trotz Auftragslage.

168 Jahre Kiekert: Vom Familienbetrieb zum Weltmarktführer

Kiekert beginnt 1857 als Schloss- und Beschlägefabrik in Heiligenhaus. Ein Familienunternehmen, das sich eng mit der Region verzahnt. Der Stammsitz blieb bis heute dort.

Aus der Werkstatt wird ein Technologieführer: Kiekert prägt die moderne Zentralverriegelung und entwickelt sich zum Weltmarktführer für Fahrzeug-Schließsysteme. Nach eigenen Angaben steckt jedes dritte Seitentürschloss weltweit in einem Design aus Heiligenhaus. Insgesamt wurden über zwei Milliarden Schließsysteme gefertigt.

Mit der Internationalisierung wächst die Gruppe in alle Kernmärkte der Autoindustrie: F&E-Zentren, Werke und Vertriebsstandorte kommen hinzu. Heiligenhaus bleibt jedoch Herzstück und Kompetenzzentrum.

Ein strategischer Einschnitt folgt 2012: Der chinesische Zulieferer Hebei Lingyun Industrial (heute North Lingyun Industrial) übernimmt Kiekert. Seither agiert die Marke als eigenständige AG unter diesem Dach. Ein Schritt, der die globale Expansion beschleunigte, zugleich aber neue Abhängigkeiten schuf.

Abhängigkeit von China wird zum wunden Punkt

Der große Schritt nach Osten bedeutete mehr Kapital, neue Märkte und Rückenwind für die Expansion. Aus heutiger Sicht: Segen mit Risiko. Denn die Finanzierung hing seitdem maßgeblich am Eigentümer aus China.

Und genau diese Nabelschnur riss nun: In den aktuellen Berichten heißt es übereinstimmend, der chinesische Gesellschafter stellte zugesagte Mittel nicht bereit. Die Folge war akuter Liquiditätsdruck trotz voller Auftragsbücher.

Der Fall zeigt, wie verletzlich selbst Traditionsfirmen werden, wenn die Finanzierung einseitig ist: Eigentümerabhängigkeit trifft auf geopolitische Spannungen und auf eine ohnehin schwächelnde Autobranche. Eine ausgebliebene Überweisung kann dann reichen, um 168 Jahre Unternehmensgeschichte ins Wanken zu bringen.

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Krise in der deutschen Autobranche: Aufträge dünn, Exporte brechen weg

Die harten Zahlen zeigen den Druck der deutschen Automobilindustrie deutlich: Im August 2025 wurden nur 177.700 Pkw aus Deutschland exportiert -24 % weniger als im Vorjahresmonat. Gleichzeitig liegt die Inlandsproduktion nach acht Monaten noch 12 % unter dem Vorkrisenniveau von 2019. Auch der Auftragseingang gab im August gegenüber dem Vorjahr um 3 % nach.

Das Stimmungsthermometer bleibt kühl: Das ifo-Geschäftsklima der Autoindustrie rutschte im Mai auf -31,8 Punkte und verbesserte sich bis August nur auf -14,1. Als Belastung nennen die Ökonomen die US-Zölle und die schwache Auslandsnachfrage. Unterm Strich blickt die Branche "weniger pessimistisch" auf die Zukunft, aber von Rückenwind kann keine Rede sein.

Auch die Beschäftigungszahlen zeigen den Druck: 772.900 Menschen arbeiteten 2024 in der deutschen Autoindustrie, 1 % weniger als im Vorjahr. Seit 2018 ging die Zahl um rund 61.000 zurück. Besonders Zulieferer geraten laut Branchenanalysen unter Kostendruck und Konsolidierungszwang.

700 Mitarbeiter bangen: Wie geht es für Kiekert weiter?

Angesichts der kriselnden Autobranche wird Kiekerts Weg durch das Insolvenzverfahren hart – aber nicht aussichtslos. Um sich aus der chinesischen Abhängigkeit zu befreien, strebt das Management einen Gesellschafterwechsel im Zuge der Restrukturierung an. Realistisch ist damit ein strukturierter Investorenprozess: Datenraum öffnen, indikative Angebote einholen, Fortführung sichern. Idealerweise als übertragende Sanierung oder (falls finanzierbar) per Insolvenzplan mit neuem Eigentümer.

Grundlage dafür sind: die laufende Produktion, Technologie-/IP-Werte und enge OEM-Verbindungen. Risiko bleibt die Finanzierung der Zwischenphase: fällt sie weg, droht ein Teilverkauf einzelner Sparten. Aktuell spricht jedoch die Stabilisierung des Betriebs klar für den Kurs Fortführung mit Investorenwahl.

Der Fall Kiekert dient nicht nur für Konzerne als Blaupause. KMU und Selbstständige spüren denselben Druck: wenige Großkunden, enge Margen, teures Geld. Eine geplatzte Zusage, ein stockender Auftrag und die Liquidität wackelt. Wer jetzt Strukturen schafft, senkt das Risiko.

Dabei möchte Für-Gründer.de unterstützen: mit kostenlosen Ratgebern und Webinaren, nützlichen Tools zur Finanzplanung, inspirierenden Gesprächen mit erfolgreichen Gründern im Besser gründen Podcast und YouTube-Videos, die komplexe Themen wie Buchhaltung in Minuten verständlich machen.

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