Nach 75 Jahren Leifert: Insolvenz bei Traditionsbäckerei

Wie es zur Insolvenz von Leifert kam
Die Bäckerei Leifert aus Gifhorn (Niedersachsen) hat ein gerichtliches Sanierungsverfahren in Eigenverwaltung eingeleitet. Das Amtsgericht Gifhorn ordnete die vorläufige Eigenverwaltung an. Betroffen sind 40 Filialen und rund 220 Mitarbeiter. Der Geschäftsbetrieb läuft weiter, die Löhne sind zunächst über Insolvenzgeld gesichert.
Als Hauptgründe nennt die Geschäftsführung die schwache Konjunktur sowie hohe Energie- und Rohstoffkosten. Sanierungsexperte Joachim Walterscheid begleitet den Prozess. Er betont die Chance des Verfahrens: "Mit der Eigenverwaltung schaffen wir die Basis, die Strukturen an die aktuellen Marktbedingungen anzupassen."
Leifert ist ein Familienbetrieb: Seit 1950 wird gebacken. Heute führt die dritte Generation das Unternehmen. Vor drei Jahren war Leifert noch mit 56 Filialen präsent. Die Schrumpfkur zeigt, wie eng die Lage bereits vor dem Antrag war. Für Kundinnen und Kunden soll sich vorerst nichts ändern: Die 40 Filialen bleiben geöffnet. Das Sortiment wird "in gewohnter Qualität" fortgeführt, heißt es.
Inflation, Energiepreise, Discounter-Konkurrenz: Bäckerei-Handwerk in der Krise
Teuerung, Kostendruck, Kaufzurückhaltung: Das Trio setzt den Bäckern 2025 zu. Während die Preise hoch bleiben, wandern Kunden zum Discounter ab und das Handwerk verliert Frequenz. Die Inflationsrate lag im August 2025 bei +2,2 %. Destatis meldet zugleich einen verstärkten Preisauftrieb bei Nahrungsmitteln – genau dem Warenkorb, der Bäckereien trifft. Wer einkauft, zahlt weiter spürbar mehr.
Bei Brot und Brötchen gestaltet sich die Teuerung sogar noch drastischer: Zwischen 2019 und 2023 verteuerten sich Brot und Brötchen um +34,4 % – doppelt so stark wie die Verbraucherpreise insgesamt. Auch wenn die Dynamik zuletzt nachließ, bleibt das Preisniveau hoch. Kunden reagieren sensibler, Bons werden kleiner. Die Energiepreise drücken zusätzlich, mit Nachwirkungen aus der Krise. Selbst ohne neue Rekordstände bleiben Strom- und Gasrechnungen ein Risiko für ofenlastige Betriebe. Tarife schwanken, Entgelte steigen punktuell. In vielen Kalkulationen ist damit kaum Luft für Rabatte, zumal Rohstoffe und Löhne – nicht zuletzt durch den Mindestlohn – ebenfalls mehr kosten.
Gleichzeitig beschleunigt der Strukturwandel: Ende 2024 zählte das Handwerk 8.912 Betriebe mit rund 35.000 Filialen bzw. ca. 44.000 Verkaufsstellen. Trotz Druck stieg der Branchenumsatz 2024 auf 17,92 Mrd. €, pro Betrieb im Schnitt gut 2,01 Mio. €. Das Wachstum trägt vor allem die Spitze – kleine Häuser tun sich schwer.
Und im Verkauf wartet die härteste Konkurrenz an der Kasse. Backstationen im LEH und bei Discountern verzeichnen seit Jahren starken Zulauf. Preisaggressiv, immer verfügbar, lange Öffnungszeiten. 2023 meldete z. B. Edeka Minden-Hannover "spürbar positive" Absätze im Frischback-Segment, Studien sehen SB-Stationen weiter im Trend.
Das passt zur gedrückten Kauflaune: Das GfK/NIM-Konsumklima rutschte im September 2025 das dritte Mal in Folge auf -23,6 Punkte ab. Sparneigung steigt, Anschaffungen werden verschoben. Für Bäcker heißt das: weniger Spontankäufe "to go", häufiger der Griff zu günstigeren Alternativen.
Unsere Partner-EmpfehlungenNische statt Bauchladen: So entgehen Bäckereien der Krise
Das Handwerk steht unter Druck. Gerade deshalb lohnt der Blick auf Betriebe, die gegen den Trend wachsen. Ihr Muster ist ähnlich: weniger Breite, mehr Tiefe und eine glasklare Positionierung.
1. Reduzierte Auswahl, dafür Qualität
Wer alles kann, überzeugt niemanden. Erfolgreiche Vorbilder reduzieren die Auswahl, perfektionieren Kernprodukte und kommunizieren das offensiv. Max Kugel in Bonn verkauft – provokant einfach – "nur Brot": zehn Sorten, handwerklich, mit klarer Haltung. Das Konzept stützt Qualität, Prozesse und Marge und es schafft Wiedererkennbarkeit.
2. Premiumpreise durch Vertrauen
Zeit für Brot zeigt die Backstube, arbeitet mit Bioland-Zutaten und langer Teigführung: sichtbar, riechbar, filmbar auf Social Media. Transparenz wird zur Bühne für Qualität. Das erlaubt Premiumpreise und baut Vertrauen auf. Branchenberichte beschreiben genau diesen Weg – reduzierte Öffnungszeiten, klare Preispunkte, dafür kompromisslose Qualität.
3. Regional und Bio als Preistreiber
Kunden honorieren Herkunft und Nachhaltigkeit, solange es glaubwürdig ist: Für "Regionalfenster"-Produkte liegt die durchschnittliche Mehrzahlungsbereitschaft in Studien bei 18–20 %. Bio legte 2024/25 im Absatz wieder zu. Für Bäckereien heißt das: Rohstoffe und Mühlen partnerschaftlich wählen, Herkunftsangaben sauber dokumentieren und den Mehrwert am Regal erklären.
4. Heldenprodukte kuratieren
Ein "Hero"-Artikel zieht: Bei Zeit für Brot sind es Zimtschnecken und lange geführte Sauerteigbrote; bei Hofpfisterei die Öko-Natursauerteig-Range. Der Effekt: verlässliche Frequenz, weniger Schwund, besser planbare Produktion. Ergänzend hebt die Heißgetränke-Schiene die Bonhöhen: Kaffee ist margenträchtig und ideal fürs Cross-Selling von süßen Stücken.
5. Aufenthaltsqualität schlägt Preisvergleich
Wer Räume zum Verweilen schafft, entzieht sich der reinen Preislogik. Das Third-Place-Prinzip – Café als Treffpunkt zwischen Homeoffice und Büro – stärkt Stammkundenbindung und Frequenz außerhalb der Rushhour. Studien und Branchenanalysen verorten hier Potenzial. Erfolgreiche Neugründungen setzen auf weniger Stunden, dafür volle Qualität und Atmosphäre.

Wie Bäcker in Zukunft erfolgreich bleiben
Leifert zeigt exemplarisch, wie hart die Mischung aus Kostenwellen, preissensiblem Konsum und LEH-Konkurrenz das Handwerk trifft. Die gute Nachricht: Insolvenz heißt nicht automatisch Aus. Der Weiterbetrieb aller 40 Filialen und das Sanierungsverfahren in Eigenverwaltung eröffnen eine zweite Chance. Entscheidend werden jetzt: klare Positionierung, Premium-Qualität mit transparenter Story und effiziente Prozesse. Das sind die Stellhebel, mit denen kleinere Bäckereien heute trotz Marktdruck bestehen können.
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Quellen:
Bild: Traditions-Bäckerei meldet Insolvenz an
Brot+Backwaren: Großbäcker: Bake off legt zu und wird vielfältiger
Reuters: German consumer sentiment dips in September on job loss concerns, finds GfK
Statistisches Bundesamt: Inflationsrate im August 2025 bei +2,2 %
Zentralverband des Deutschen Bäckerhandwerks: Wirtschaftsfaktor Bäckerhandwerk