"Verschnaufpause" Insolvenzen bei großen Unternehmen sinken um 35 %

Großinsolvenzen sinken, Niveau bleibt hoch
Der aktuelle 5-nach-12-Insolvenzreport von FalkenSteg und FINANCE zeigt zunächst eine Entspannung: Im ersten Quartal 2026 wurden 94 Insolvenzanträge von Unternehmen mit mehr als 10 Millionen Euro Umsatz gezählt. Das sind 35 % weniger als im Vorquartal und 27 % weniger als im Vorjahreszeitraum.
Doch der Fünf-Jahres-Durchschnitt liegt laut Report bei 67 Fällen. Das aktuelle Niveau bleibt also deutlich erhöht. Die Autoren sprechen von einer "Verschnaufpause", doch der strukturelle Druck auf deutsche Unternehmen ist ungebrochen.
Besonders auffällig: Die Krise konzentriert sich nicht auf einzelne Branchen. Der Insolvenzstress läuft damit quer durch die deutsche Unternehmenslandschaft:
- Metallwarenhersteller
- Maschinenbau
- Logistik
- Automotive
- Elektrotechnik
- Kunststoff
- Gesundheitswesen
- Nahrungsmittel
Wenn Mittelständler und größere Unternehmen unter Druck geraten, spüren Startups und kleine Betriebe das häufig indirekt: Kunden entscheiden langsamer, Budgets werden gekürzt, Pilotprojekte verschoben. Zahlungsfristen verlängern sich, Rechnungen fallen aus und Finanzierungen werden härter geprüft.
Wie tief die Krise reicht
Der eigentliche Warnruf des Reports steckt im Interview mit Prof. Dr. Michael Grömling vom Institut der deutschen Wirtschaft Köln. Grömling beschreibt Deutschland nicht als Volkswirtschaft in einer kurzen Konjunkturdelle, sondern als Land in einer seit 2019 anhaltenden "Stagnationskette".
Seine Diagnose:
- In der Industrie berichten nur gut 14 % der Unternehmen von einer besseren Geschäftslage als vor einem Jahr.
- Knapp 43 % sehen dagegen eine Verschlechterung.
- Noch problematischer ist der Blick auf die Investitionen. Laut Grömling planen 42 % der Industriebetriebe für 2026 niedrigere Investitionen, nur 19 % höhere.
Das ist mehr als ein Stimmungstief. Wenn Unternehmen über Jahre weniger investieren, entsteht ein Zukunftsproblem.
Digitalisierung wird verschoben. Maschinen, Systeme und Geschäftsmodelle altern. Mitarbeitende werden nicht ausreichend weitergebildet. Und Wettbewerber, die trotz Krise investieren, ziehen vorbei.
Grömling warnt deshalb ausdrücklich vor dem Abwarten. Unternehmen sollten in dieser Phase vor allem eines nicht tun: Investitionsentscheidungen in der Warteschleife parken. Wer heute nicht in Technologie, Weiterbildung und neue Geschäftsmodelle investiere, verliere morgen den Anschluss.
Unsere Partner-EmpfehlungenDie 3 großen Belastungen für Unternehmen
Grömling nennt mehrere Faktoren, die die deutsche Wirtschaft gleichzeitig treffen:
- Hohe Energie- und Rohstoffpreise: Sie belasten nicht nur Unternehmen direkt, sondern entziehen auch privaten Haushalten Kaufkraft. Wenn Verbraucher weniger ausgeben, sinkt die Nachfrage — und das trifft am Ende auch kleinere Anbieter, Händler, Dienstleister und Startups.
- Neue Risiken in den Lieferketten: Der Report verweist auf geopolitische Spannungen und mögliche Produktionsausfälle durch gestörte globale Lieferketten. Für große Industriebetriebe kann das fehlende Vorprodukte bedeuten. Für Gründer kann es längere Lieferzeiten, höhere Einkaufspreise oder unsicherere Planungen bedeuten.
- Ein belastetes Geschäftsmodell am Standort Deutschland: Hohe Bürokratiekosten, Energiepreise, Steuern und Lohnnebenkosten treffen besonders jene Unternehmen, die ohnehin wenig Puffer haben. Große Unternehmen können solche Lasten länger tragen. Gründer und kleine Betriebe haben diesen Spielraum meist nicht.
Auch Sanierungen werden schwieriger
Der Insolvenzreport zeigt auch, wie schwer es wird, Lösungen zu finden. Im ersten Quartal 2026 wurden 67 Verfahren abgeschlossen. Das sind 26 % weniger als im Vorquartal.
Besonders deutlich ist der Rückgang bei Asset Deals, also Verkäufen von Unternehmen oder Unternehmensteilen aus der Insolvenz heraus. Im ersten Quartal entfielen nur noch 29 Ausgänge auf Asset Deals, nach 37 im Vorquartal und 42 im Vorjahresquartal.
Die Begründung im Report ist für Unternehmer alarmierend: Investoren sind wegen unsicherer Zukunftsaussichten zurückhaltender oder haben selbst Probleme zu lösen.
Wer zu spät handelt, kann nicht automatisch darauf hoffen, später noch Kapital, Käufer oder Retter zu finden. In unsicheren Zeiten wird nicht nur das eigene Geschäft schwieriger. Auch die Bereitschaft anderer, Risiken zu übernehmen, sinkt.
Was bedeutet die Wirtschaftslage für Gründer?
Die zentrale Frage für Gründer ist: Was sagt mir diese Entwicklung über die nächsten zwölf bis 24 Monate?
Wenn größere Unternehmen weniger investieren, trifft das B2B-Startups. Wenn Kunden sparen, werden neue Softwarelösungen, Beratungsprojekte oder Pilotangebote schneller verschoben.
Wenn Finanzierer vorsichtiger werden, reichen gute Ideen allein nicht mehr aus. Dann zählen Liquidität, belastbare Umsätze, klare Zielgruppen und ein Geschäftsmodell, das auch unter Druck funktioniert.
Die Antwort lautet: Gründer müssen gleichzeitig vorsichtiger und mutiger werden.
Vorsichtiger bei Kosten, die keinen klaren Beitrag leisten. Mutiger bei Investitionen, die Produktivität, Kundennähe und Zukunftsfähigkeit erhöhen.
Was Gründer jetzt nicht kürzen sollten
Gründer sollten vor allem dort investieren, wo mit begrenztem Budget ein messbarer Effekt entsteht:
- Produktivität: Alles, was hilft, mit demselben Team mehr zu schaffen, verdient Prioritä – Automatisierung, bessere Prozesse, KI-Tools, saubere Daten, effizientere Abläufe.
- Kundennähe: In Krisen ändern Kunden ihre Prioritäten. Gründer müssen wissen, welche Probleme jetzt wirklich dringend sind, welche Budgets noch vorhanden sind und wofür Kunden auch in unsicheren Zeiten zahlen.
- Vertrieb: Gerade im B2B-Geschäft werden Entscheidungszyklen länger. Wer seine Pipeline nicht realistisch bewertet, überschätzt schnell den kommenden Umsatz. Gründer müssen ihr Angebot so formulieren, dass es nicht als nette Zusatzleistung erscheint, sondern als Beitrag zu Umsatz, Effizienz oder Risikoreduzierung.
- Weiterbildung: Grömling betont im Report, dass Unternehmen Mitarbeitende selbst mit neuem Wissen vertraut machen, ausbilden und binden müssen. Für Gründer gilt das besonders. Kleine Teams können sich Wissenslücken oft noch weniger leisten als große Organisationen.
- Geschäftsmodelltests: Nicht jedes Unternehmen muss sich neu erfinden. Aber jedes Unternehmen sollte prüfen, ob Preismodell, Zielgruppe, Vertriebskanal und Angebot noch zur neuen Marktlage passen.
Wo Gründer hart kürzen sollten
Gleichzeitig müssen Gründer konsequent streichen, was keinen erkennbaren Beitrag leistet:
- Tools, die kaum genutzt werden
- Marketingmaßnahmen ohne messbaren Effekt
- Projekte ohne Kundensignal
- Zu große Fixkosten
- Interne Vorhaben, die zwar interessant sind, aber weder Umsatz, noch Effizienz, noch strategisches Lernen bringen.
Die Prüffrage für jede Ausgabe lautet: Macht uns diese Ausgabe in den nächsten zwölf Monaten robuster, schneller oder relevanter?
Wenn nein, gehört sie auf den Prüfstand. Wenn ja, kann Kürzen teurer sein als Investieren.
Abwarten ist keine Strategie
Die sinkende Zahl der Großinsolvenzen im 1. Quartal 2026 klingt zunächst beruhigend. Doch der Insolvenzreport zeigt: Die Lage bleibt angespannt.
Vor allem aber zeigt Grömlings Analyse: Deutschlands Wirtschaft kämpft nicht nur mit einer Delle, sondern mit einer längeren Stagnationsphase. Genau deshalb ist reines Abwarten gefährlich.
Für Gründer und Mittelständler heißt das: Liquidität sichern, ja. Kosten prüfen, unbedingt. Aber nicht die eigene Zukunft wegkürzen.
Wer jetzt klug in Technologie, Weiterbildung, Vertrieb, Produktivität und neue Geschäftsmodelle investiert, wird stärker aus der Krise hervorgehen.
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