Resilienz-Tipps für Unternehmer & Mitarbeiter



Erfolg hat heute, wer widerstandsfähig ist. Wie das Führungskräften und Mitarbeitern im Team gelingt und welches Resilienztraining es gibt, erfahrt ihr von den beiden Resilienz-Experten Dr. Donya Gilan und Dr. Omar Hahad im Interview.

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GründerDaily: Hallo Donya, hallo Omar, was ist die Voraussetzung, um die Resilienz zu stärken?

Donya & Omar: Es gibt sicherlich Personen, denen es aufgrund ihrer genetischen Ausstattung leichter fällt, bspw. optimistisch in die Zukunft zu schauen, weil sie dispositionell dazu veranlagt sind.

Auch kommt es häufig darauf an, wie wir gelernt haben, unsere Ressourcen und Fähigkeiten einzusetzen und auszubauen, Herausforderungen zu meistern, erfolgreich an etwas zu arbeiten, mit geeigneten Strategien Frustration und Langeweile zu besiegen, und über sozial akzeptable Durchsetzungsfähigkeiten zu verfügen. Das bedeutet aber nicht, dass man nicht daran arbeiten könnte.

Es kommt auf die Motivation an, tagtäglich etwas zu tun, um an seiner Stresskompetenz zu arbeiten.

Was man aber zusammenfassend zum jetzigen Zeitpunkt sagen kann, ist, dass Trainings zur Resilienzförderung positive Effekte auf die psychische Gesundheit zeigen.

Darüber hinaus schadet es nie, präventive Angebote zur Gesundheitsförderung in Betrieben anzubieten, um im Zeitalter der Leistungsgesellschaft den Mitarbeitern Ressourcen an die Hand zu geben.

Verhaltensänderungen fordern jedoch Konsequenz und Zeit, das heißt, dass einzelne Faktoren immer wieder geübt und in neuen Interaktionen trainiert werden müssen.

Bei Resilienz geht es um einen lebenslangen Lernprozess, der dynamisch ist, Vor- und Rückschritte beinhaltet und sich insbesondere in realen Krisensituationen entwickelt.

GründerDaily: Wie kann Resilienztraining aussehen?

Donya & Omar: Die Mehrzahl aktueller Interventionen findet im Gruppenformat statt, gefolgt von individuellen Settings oder einer Kombination.

Bezüglich der Darbietungsform erfolgen die meisten Programme Face-to-Face. Weitere Formate umfassen z. B. internetbasierte Interventionen, telefonische Interventionen oder Kombinationen verschiedener Formate. Hinsichtlich der Zielgruppe für ein Resilienztraining richtet sich der Großteil der Programme an Arbeitnehmer.

Inhaltlich basieren die Interventionen auf sehr unterschiedlichen (psychotherapeutischen) Ansätzen. Ein Resilienztraining auf Basis der Akzeptanz- und Commitment-Therapie fokussiert die psychische Flexibilität, indem z. B. das Handeln entsprechend eigener Wertvorstellungen sowie die Akzeptanz gegenüber negativen Situationen und Gefühlen gestärkt wird.

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Resilienztraining am Strand oder im Ruheraum des Büros: Meditation wirkt sich positiv auf das eigene Resilienzvermögen aus. (Foto: Unsplash)

Ähnlich versuchen auch achtsamkeitsbasierte Programme oder Trainings nach der Aufmerksamkeits- und Interpretationstherapie aufseiten der Teilnehmer ein im “Hier und Jetzt”-Sein und eine bewertungsfreie Wahrnehmung zu fördern, beispielsweise, indem Akzeptanz oder Dankbarkeit für positive Ereignisse gefördert werden.

Ein Resilienztraining auf Basis der Problemlösetherapie stärkt insbesondere den Resilienzfaktor aktives Coping (Bewältigungsstrategie), indem die Teilnehmer lernen, zwischen veränderbaren und nicht kontrollierbaren Situationen zu differenzieren und im ersten Fall ein mehrschrittiges Problemlösemodell (Problemanalyse, Brainstorming von Lösungsstrategien, Handlungsplan, Umsetzung und Bewertung einer Lösungsstrategie) anzuwenden.

Teilweise wird auch das Konzept der Stressimpfung angewandt, wobei während der Intervention eine abgeschwächte Stressor-Exposition stattfindet.

Indem Teilnehmer auf diese Weise verschiedene Bewältigungsstrategien einsetzen, steigt ihr Vertrauen in eigene Copingfähigkeiten und ihre Selbstwirksamkeit wird gestärkt.

Ein Resilienztraining stellt aber keine Garantie für ein höheres Wohlbefinden dar, sondern eine Möglichkeit, Stressoren besser bewältigen zu können. Auch ist es individuell ganz unterschiedlich, wer welche Resilienzfaktoren braucht und entsprechend trainieren muss.

GründerDaily: Ist Resilienz Privatsache oder können Unternehmen etwas tun?

Donya & Omar: Zum einen ist es natürlich Privatsache, da jeder persönlich dazu bereit sein muss, sich über die eigene seelische Hygiene oder Resilienz Gedanken zu machen, und auch offen sein muss für den Einsatz von Resilienzstrategien. Das auch im Alltag umzusetzen, steht jedem frei.

Jeder muss selbst am Ball bleiben, Unternehmen können nicht die gesamte Verantwortung übernehmen. Andererseits haben die Arbeitgeber auch eine Verantwortung für ihre Mitarbeiter und deshalb müssen Angebote kontinuierlich erfolgen.

Es reicht dann eben nicht nur, einmalig einen Vortrag oder ein Seminar zur Resilienz oder einen Sportkurs anzubieten. In unserer Gesellschaft nehmen die Stressoren und psychische Erkrankungen zu. Dies ist ein Problem aller Altersgruppen und Bevölkerungsschichten und kein Randgruppenthema.

Bei den Erwachsenen sind vor allem schlechte Arbeitsbedingungen, erhöhte Konkurrenz, Ängste vor Arbeitsplatzverlust und steigender Leistungsdruck die Hintergründe von Depressionen, Stresserkrankungen, Mobbing und Burn-out. Aber auch ein erhöhten Risiko für koronare Herzerkrankungen, Schlaganfall und Diabetes ist festzustellen.

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Resilienztraining ist keine Über-Nacht-Aktion: Resilienz sollte regelmäßig geübt und kultiviert werden, um sie fest in den Alltag zu integrieren. (Foto: Unsplash)

Psychische Gesundheit ist daher auch eine kontinuierliche Aufgabe, die im Arbeitskontext zu fördern ist. Besonders tragisch ist jedoch, dass nach wie vor psychische Erkrankungen gesamtgesellschaftlich ein Tabuthema sind, entsprechend stigmatisiert, ignoriert und von den Betroffenen aus Scham versteckt werden.

Um gute Bedingungen für psychische Gesundheit und die Bewältigungsfähigkeit von Konfliktsituationen (Resilienz) zu schaffen sowie die psychische Gesundheit am Arbeitsplatz zu fördern, ist die Schaffung eines neuen Bewusstseins hinsichtlich psychischen Leidens als eine zentrale gesellschaftliche Zukunftsaufgabe zu sehen.

Es ist auch die Aufgabe vonseiten der Politik und des Gesundheitssystems, Maßnahmen zur Verbesserung der staatlichen Versorgungssysteme zu schaffen. Psychische Leiden müssen enttabuisiert werden.

GründerDaily: Was kann ein Unternehmen tun, um für das Thema Resilienz zu sensibilisieren?

Donya & Omar: Es ist immer sinnvoll, Störungen als Chance für Wachstum und Veränderung einsetzen. Voraussetzung dafür ist, gute und realistische Alternativ-Lösungen zu finden, statt sich an dem Bedauern über die bestehenden Probleme aufzuhalten.

Rückschläge dürfen nicht als Katastrophe aufgefasst werden, sondern als ein Weg, der nicht gegangen werden kann, und der nach einem anderen verlangt.

Wird das in jedem Konflikt steckende Veränderungspotenzial für die Weiterentwicklung von Ideen genutzt, können Niederlagen auch dem Fortschritt dienen.

GründerDaily: Und wie lässt sich das im Alltag umsetzen?

Donya & Omar:

  • Persönliches Gespräch und Offenheit im Umgang mit psychisch belasteten Mitarbeitern suchen
  • Sensibilität für Belastungsfaktoren entwickeln
  • Psychologisches Gefahrenpotenzial erkennen
  • Kollegialen Austausch und Beratung bei Unsicherheiten fördern

Hierbei ist es hilfreich, sich an sinnstiftenden Unternehmenswerten zu orientieren und Wertschätzung zu erfahren.

Der Erfolgsfaktor Gesundheit ist einer der wichtigsten Aspekte, um den wachsenden Anforderungen einer immer komplexer und flexibler werdenden Arbeitswelt gewachsen zu sein.

Im Gesundheitsmanagement ist der Erhalt und die Förderung des Wohlbefindens, der Motivation und Stressresistenz der Mitarbeiter/-innen ein wichtiger Beitrag neben dem klassischen Arbeitsschutz und beeinflusst die organisationale Resilienz positiv. Schöpft aus eurem Ressourcenpool, erkennt und fördert die vorhandenen Potenziale und Fähigkeiten.

Führungskräfte und Mitarbeiter/-innen, die Unterstützung erleben und gestärkt werden, stärken wiederum das Unternehmen im Sinne von „Gemeinsam stark ans Ziel kommen!“.

Es sollte jedoch nicht der Eindruck entstehen, dass die Beschäftigten jetzt dafür fit gemacht werden sollen, jedwede Belastung klaglos zu ertragen.

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Resilienz bedeutet nicht, aus Mitarbeitern Arbeitsmaschinen zu machen, sondern eine gesunde Balance von Belastung und Erholung sicherzustellen. (Foto: Unsplash)

GründerDaily: Was kann ein Unternehmen noch tun, um die Resilienz von Mitarbeitern zu stärken?

Donya und Omar: Fördert die physische und psychische Gesundheit eurer Mitarbeiter. Dafür gibt es viele zentrale Bereiche:

Soziale Unterstützung fördern – in Gemeinschaft investieren:

  • Vertrauensvorschuss und Wertschätzung
  • Rückendeckung
  • Offenes Ohr und Lob
  • Fairness üben und Konflikte lösen
  • Maßnahmen für ein konstruktives Betriebsklima treffen
  • Führungskräfte-Qualifizierung
  • Mitarbeiter-Qualifizierung
  • Lern- statt Schuld-Kultur

Selbstwirksamkeit fördern – Entwicklung ermöglichen:

  • Vertrauen in die Kompetenz der Mitarbeiter
  • Einsatz der Mitarbeiter nach Fähigkeiten und Stärken
  • Erfolge „feiern“ / würdigen / Potenziale fördern
  • Lern- und Entwicklungsmöglichkeiten schaffen
  • Lern- statt Kritikkultur

Kohärenzgefühl fördern – Die Frage nach dem „Wozu?“:

  • Klare Kommunikation
  • Vermittlung von Sinn und Bedeutung der Arbeitsaufgaben, -bedingungen und -ziele
  • Re-Framing herausfordern
  • Bringschuld: aktive Information, Transparenz und Partizipation ermöglichen
  • Werte-Orientierung
  • Arbeitgeber-Attraktivität steigern

Aktives Coping fördern – „Vom Ende her denken“:

  • Handlungsspielräume schaffen
  • Konsequente Aufgaben und Rollenklärung
  • Entscheidungen treffen
  • Vorbild sein
  • Dialogkultur
  • Angebote zu Stressmanagement zur Verfügung
  • QM-/KVP-Prozesse realisieren
  • Aktiver Arbeits- und Gesundheitsschutz, Betriebliches Gesundheitsmanagement

GründerDaily: Habt ihr noch weitere Tipps für mehr Resilienz?

Donya & Omar: Entfaltet eine ressourcenorientierte Führungs- und Unternehmenskultur, anstatt hohe Anforderungen im Wettbewerb mit einem überhöhten Leistungsanspruch zu begegnen.

Besondere Stärke brauchen Führungskräfte. Sie werden in ihrer Sandwichposition zu Stoßdämpfern und müssen einiges an Risikofaktoren abpuffern.

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Stark sein, bis gar nichts mehr geht: Führungskräfte müssen besonders gut aufpassen, nicht in die totale Erschöpfung zu geraten. (Foto: Unsplash)

Heikel wird es besonders dann, wenn diese Leistungsträger ausfallen.

Gerade die Teams, die sich täglich auf Fehlersuche und das Lösen komplexer Probleme fokussieren, stehen unter Belastung und Druck. Werden die Belastungen nicht nachhaltig durch einen Ressourcenpool abgedämpft, dann äußert sich das durch Produktivitätsverlust, hohe Fehlzeiten, Demotivation und innere Kündigung bis zur Fluktuation.

Insbesondere die Führungskultur sowie die Strukturen und Prozesse des Unternehmens beeinflussen die Entfaltung von Stresserleben und Leistungsfähigkeit. Führungskräfte sind dabei die zentralen Schnittstellen zwischen persönlicher und organisationaler Resilienz. Sie prägen einerseits die Kultur im entscheidenden Maße und anderseits sind deren eigenes Wohlbefinden und Verhalten entscheidende Faktoren für die Leistungsfähigkeit der Mitarbeiter.

GründerDaily: Woran erkenne ich als Unternehmer, dass meine Mitarbeiter resilient sind?

Donya & Omar:

Resiliente Mitarbeiter …

  • können ihre Emotionen steuern und besser mit Druck und Stress umgehen,
  • lassen sich nicht von ihren Gefühlen überwältigen,
  • haben einen realistischen Optimismus und sehen das Gute,
  • haben keine Angst vor Veränderungen und erkennen im Gegenteil sogar neue Handlungsspielräume darin,
  • lassen sich helfen und lernen aus den Fehlern anderer,
  • übernehmen Verantwortung und begeben sich nicht in eine Opferrolle.

GründerDaily: Wie lautet euer Appell an die Unternehmen?

Donya & Omar:

  • Offenheit mit psychischen Erkrankungen
  • Entstigmatisierung
  • Kontinuierliche Förderung
  • Motivation durch Teilnahme der Führungskräfte an resilienzfördernden Programmen
  • Wertschätzung von Mitarbeitern

GründerDaily: Ist Stress denn grundsätzlich vermeidbar oder braucht es einen konstruktiven Umgang damit?

Donya & Omar: Stress per se ist nichts Schlechtes, auch wenn man über einen längeren Zeitraum am Arbeitsplatz viel Stress hat. Stress hat auch positive Seiten, aktiviert uns auch in gewisser Weise. Man muss aber sich regelmäßig Ausgleich schaffen und seine Ressourcen aufladen. Und gerade in stressigen Zeiten sich dies vor Augen führen und aktiv an einem Ausgleich arbeiten.

Wir müssen uns auch nicht alle ständig super fühlen und alles richtig machen, da das utopisch ist.

Wichtig ist es, dass wir uns selber kennen und uns mit unseren Bedürfnissen ernst nehmen. Denn wenn wir uns selber ernst nehmen, stehen wir auch für uns ein und können unsere Fähigkeiten richtig einbringen. Aus dem Film „Das Ende ist mein Anfang“ haben wir folgendes Zitat, welches wir für den diskutierten Themenkomplex sehr passend finden:

Wir haben heute jede Freiheit, die wir wollen, aber die Freiheit, zu sein, wie wir sind, haben wir verloren, da der Mensch der Marktwirtschaft hörig ist.

Wenn wir uns wieder die Freiheit rausnehmen, der Mensch zu sein, der wir sind, dann sind wir alle der Resilienz schon ein großes Stück näher.

14 Experten-Tipps für mehr Resilienz im Unternehmen

  1. Belastungssituationen sowie Ressourcen aufdecken
  2. Wertschätzende Zusammenarbeit fördern
  3. Fehlerkultur etablieren
  4. Maßnahmen zur Stärkung der Unternehmens-Resilienz planen
  5. Vitalisierende Aktivitäten steigern
  6. Soziales Netzwerk stärken
  7. Arbeitsaufgaben optimal verteilen, Verbesserung der Organisation und der Kommunikation und ein unterstützendes Führungsverhalten an den Tag legen
  8. Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung vornehmen
  9. Fähigkeiten und Ressourcen der Beschäftigten im Umgang mit Stressbelastungen stärken
  10. Kenntnisse der Stressbewältigung erlangen
  11. Zeitmanagement und Selbstmanagement betreiben
  12. Seminare zu diesem Thema in das allgemeine Fortbildungsprogramm einbinden
  13. Begegnung auch auf der menschlichen Ebene, trotz der Wirtschaftlichkeit dies nicht ausblenden
  14. Wenn Mitarbeiter belastet sind, sich bewusst zu machen, dass es neben der Arbeit auch andere Quellen der Belastung gibt

GründerDaily: Vielen Dank für das Interview, Donya und Omar, und weiterhin viel Erfolg!

Mehr über unsere Gesprächspartner zum Resilienztraining

  • Dr. Omar Hahad ist Postdoktorand im Zentrum für Kardiologie an der Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz.
  • Dr. Donya Gilan leitet den Bereich “Resilienz und Gesellschaft” des Mainzer Leibniz-Instituts für Resilienzforschung.
  • Kontakt

  • Dr. Donya Gilan & Dr. Omar Hahad
  • Leibniz-Institut für Resilienzforschung (LIR) gGmbH
    Wallstraße 7
    55122 Mainz
  • +49 (0)6131 89448-77
  • martina.diehl@lir-mainz.de
  • www.lir-mainz.de/
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