Vom Taucherurlaub zum Social Start-up



Über ihren Schmuck aus Fischernetzen möchten die Gründer von Bracenet auf die große Umweltverschmutzung durch Fischernetze aufmerksam machen. Die Sonderpreisträger des KfW Awards Gründen 2020 sprachen mit uns über den Aufbau ihres erfolgreichen Social Start-ups und wie sie die Corona-Krise in Chancen verwandelten. 

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Mit einem großen Taucherteam bergen die Gründer von Bracenet, Benjamin Wenke (2. rechts oben) und Madeleine von Hohenthal (3. von links), die Geisternetze. (Foto: Bracenet)

Eigentlich sollte es ein erholsamer, vierwöchiger Jahresurlaub für Benjamin Wenke und Madeleine von Hohenthal werden, als sie 2015 nach Tansania, Sansibar reisten. Doch anstelle eines entspannten und schönen Tauchurlaubs fanden sie zahlreiche Reste von Fischernetzen am Strand und kilometerlang unter Wasser. Benjamin erklärt:

Die Geisternetze nahmen überhaupt kein Ende und darin verfingen und verendeten zahlreiche Fische und Schildkröten.

Es blieb nicht nur bei einem schlechten Eindruck, die beiden begannen Netzstücke zu sammeln, sich mit Fischern vor Ort zu unterhalten und stellten schnell fest, dass die herrenlose Netze nicht nur ein örtliches Riesenproblem sind, sondern ein globales. Madeleine sagt:

Wir haben drei Wochen vor Ort herumgesponnen, was wir mit den Netzen anstellen könnten.

Unter anderem hielten sie die Netze an den Arm und die Idee, daraus Armbänder zu fertigen, war geboren – aus dem englischen Wort Bracelet für Armband wurde Bracenet.

Wir verschenkten unser Gepäck und flogen mit Netzen im Rucksack zurück.

Idee: Die Netze haben uns nicht mehr losgelassen

Zurück in ihrer Heimat Hamburg und an ihren Arbeitsplätzen in der Werbung und im Automotive Bereich ließ sie der Gedanke nicht mehr los, etwas Gutes machen zu wollen. Ihnen war klar, dass sie in ihren Jahresurlauben nicht viel bewegen konnten.

Wir wollten eigentlich nie Gründer werden. Wir hatten gute Jobs, waren sicherheitsverliebt und haben gutes Geld verdient. Das Thema Nachhaltigkeit interessierte uns privat.

Monatelang recherchierten sie abends, informierten sich über vegane Klebersorten, die transparent aushärten, liefen ein halbes Jahr mit einem Prototypen herum und hielten Ausschau nach Partnern. “Als wir Healthy Seas & Ghost Diving, die weltweit Netze bergen, von unserer Idee erzählten, waren sie Feuer und Flamme”, erzählt Madeleine begeistert.

Healthy Seas & Ghost Diving waren auf der Suche nach etwas, mit dem sie ihre Geschichten von der Umweltverschmutzung durch Geisternetze erzählen konnten und wir hatten das Originalprodukt.

So wuschen sie Fischernetze nur mit Wasser oder zu Hause in der Waschmaschine und fertigten bis spät in die Nacht Armbänder in allen möglichen Neonfarben. Sie bauten die Kommunikation auf wie auch ein Shopsystem. Nach eineinhalb Jahren kam die Frage auf: Bleibt es beim neuen Hobby oder setzen sie alles auf eine Karte? “Wir wollten nie kündigen”, blickt Benjamin zurück. Aber auf Dauer war es neben zwei Fulltime-Jobs und an den Wochenenden nicht mehr zu stemmen, sich um die Designentwicklung, das Produkt, die Verschlüsse und Website zu kümmern.

Wir setzten alles auf eine Karte. Zum Glück waren wir zwei ein Team, sodass wir uns gegenseitig motivieren konnten.

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Die geborgenen Fischernetze erstrahlen in den verschiedenen Farben. (Foto: Bracenet)

Durchstarten: Teamarbeit, Partnerschaften und Strukturen

Nachdem beide 2017 und 2018 ihre Festanstellung kündigten, ging es richtig los. Das gesparte Geld für die Hochzeitsreise wurde investiert, das Gewerbe angemeldet und Material wie Verschlüsse und Kleber eingekauft.

Wir haben einfach gemacht, kein großes Invest, Freunde, Verwandte und Freelancer waren im Einsatz.

Natürlich gab es auch kritische Stimmen, die die Rettung der Meere zwar als sinnvoll erachteten, aber auch hinterfragten, wer die beiden Gründer retteten, wenn sie scheitern würden.

Das war uns egal. Wir wollten etwas bewegen und auf die Umweltverschmutzung aufmerksam machen.

Der unermüdliche Einsatz und der starke Wille haben sich ausgezahlt. Mit ihren Partnern Ghost Diving, Healthy Seas und Nofir haben sie mit Hilfe von rund 170 Tauchern bereits 5 Tonnen Geisternetze upgecycelt und ein Pfandsystem für Fischer aufgebaut, damit die Netze erst gar nicht im Meer versenkt werden.

Um die freiwilligen Taucher zu unterstützen, spenden wir 10 Prozent des Verkaufserlöses, damit sie eine gute Ausbildung und sicheres Equipment für die zum Teil gefährlichen Tauchgänge haben.

Die Netze werden nicht nur zu Schmuck und Schlüsselanhängern verarbeitet, sondern beispielsweise auch zu Plättchen eingeschmolzen, in Flugzeugteile oder Taucherflaschen, Brillen oder Schuhe eingearbeitet.

Das Social Start-up ist organisch gewachsen, ohne Investoren und Kredite, und sie beschäftigen mittlerweile 35 Mitarbeiter. Madeleine gibt Einblicke ins Recruiting:

Zu Beginn dachten wir, mal schauen, wer sich auf eine Fertigungsstelle bewerben wird und wurden völlig überrascht.

Sie beschäftigen aktuell zum Beispiel Umwelt-, Politik- und Sozialwissenschaftler, einen EX-HSV-Spieler und auch einen Biologen, der den Start-up Charakter und Sustainability einem Pharmakonzern mit hohen Gehältern bevorzugt. Benjamin ergänzt:

Alle haben in der Fertigung angefangen, wofür sie überqualifiziert sind. Aber alle wollten etwas Gutes tun. Wen wir einstellen, entscheiden die Mitarbeiter mit.

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Die Gründer von Bracenet waschen die Netze ganz natürlich mit Wasser und fertigen anschließend daraus die Armbänder. (Foto: Bracenet)

Mitarbeiterführung: Menschlich muss es passen

Alle Mitarbeiter produzieren die Armbänder, doch dabei bleibt es nicht. “Jeder hat andere Stärken und darf diese in die unterschiedlichen Projekte einbringen”, betont Madeleine. “Dazu zählen zum Beispiel Logistik, Teamführung oder Broschüren fertigen. Jeder hat die Chance, aufzusteigen.”

Alle drei Monate führen die Gründer Mitarbeitergespräche, halten die definierten Ziele in Tabellen fest und machen Pläne, wie sich jeder weiterentwickeln kann. “Das entspricht circa einer Woche Dauergespräche”, fasst Madeleine zusammen.

Der Zeitinvest lohnt sich. Jeder hat sein privates Päckchen zu tragen und man sollte sensibel auf gewisse Themen reagieren und auch als Geschäftsführung transparent sein, wenn es unternehmerische Probleme gibt.

Die alltäglichen Herausforderungen meistern sie durch das Führen vieler Listen, Meetings und die Nutzung von Tools wie Trello und Slack. Start-up-typisch werden aber auch alle anderen Aufgaben – vom Klosteinkauf über die Materialbeschaffung, Erstellung von Guidelines bis hin zur Mülltrennung – aufgeteilt.

Alle sind für das Wohlbefinden verantwortlich. Gerade durch die Corona-Krise, wo das meiste digital läuft, müsse man doppelt hinhören, ob alles in Ordnung ist.

Herausforderung Corona: Mit Vollgas nach vorne

Die erste Corona-Welle versetzte das Gründerpaar im März in Schockstarre. Die zentrale Frage, wie alles weitergehe und wie man alle dezentral unterbringe, stand im Vordergrund. “Wir haben schnell Lösungen gefunden. Freitag war der Lockdown, am Montag waren alle in Heimarbeit”, betont Madeleine. “Als wir im Frühjahr/Sommer die Mitarbeiter ins Büro zurückgeholt haben, haben wir ein Schichtsystem entwickelt. Der Versand musste ja aus dem Büro erfolgen.”

Für die Mitarbeiter konnten sie dennoch die Gehälter erhöhen und mussten niemanden in Kurzarbeit schicken.

Wir wollten die Zeit nutzen, um viel Neues anzustoßen, zu dem wir bisher zeitlich nicht kamen und wollten unsere Mitarbeiter nicht demotivieren.

So erweiterten sie ihre Räumlichkeiten, um Abstände einhalten zu können. Es entstanden neue Produkte wie Maskenketten, Taschen, Ringe und Hundeleinen. “Für solche Stellschrauben blieb vorher keine Zeit”, erklärt Benjamin. “Auch unser Marketing haben wir stärker in die Hand genommen, unseren Newsletter regelmäßig versendet, den Blog erstellt und eine neue Lasermaschine angeschafft.”

Ein zweites Büro wurde eröffnet, ein Lager geschaffen und sie bauten ihre Beratung von Unternehmen im Bereich der Nachhaltigkeit aus, gaben digitale Wirtschaftsseminare und hatten auch einen Plan zur Sicherheit aufgestellt, sodass sie in der Zeit ihre Mitarbeiter auch weiter wie gewohnt bezahlen konnten.

Mit unseren Mitarbeitern haben wir über alle Schritte transparent gesprochen. Wir wollten Unzufriedenheit vermeiden, schnell auf die außergewöhnliche Situation reagieren und sogar die gewünschten Gehaltserhöhungen wie vereinbart umsetzen.

Während der Bracenet-Verkauf bei den großen Airlines wie Lufthansa und Emirates weggebrochen ist, genauso wie bei kleineren Geschäften in Urlaubsorten, ist die Nachfrage im Onlineshop gestiegen. Darüber hinaus arbeiten sie beispielsweise mit den Fußballclubs Werder Bremen und St. Pauli zusammen.

Wir hätten entweder den Kopf in den Sand stecken können oder Vollgas geben. Uns wurde die Furcht genommen, dass durch Corona das Thema unwichtiger wird.

Der Endkundenstamm ist gewachsen, wie auch die Kooperationsanfragen. Auch wenn 2020 ohne Corona das beste Jahr von Bracenet hätte werden können, ist dank der Motivation und der Leistungsbereitschaft viel entstanden und ein anderes Wachstum ermöglicht worden.

Wir sind froh, dass wir voraussichtlich schwarze Zahlen schreiben werden und positiv aus diesem Jahr herausgehen werden.

Mehr Reichweite: Wettbewerbe und Kooperationen nehmen zu

Auch wenn ihre Reisetätigkeit und Vorträge weniger geworden sind, nimmt die digitale Reichweite zu. Die bisherigen und neuen Partnerschaften machen nicht nur viel Spaß, sondern sie bringen die Marke und den Dialog über das Geisternetz-Problem voran. “Die Kooperationen haben wir bisher noch nicht proaktiv angeschoben. Wir bekommen regelmäßig Anfragen und sagen auch einen Teil ab”, so Benjamin.

Und auch die Auszeichnungen für Bracenet nehmen zu. “Die Gründerwettbewerbe sind wir jetzt erst angegangen”, erklärt Benjamin als frisch gekürter KfW Award Gründen Sonderpreisträger. Der Benefit ist vor allem das Mediale im Nachgang.

Auf die objektive Berichterstattung werden wir oft angesprochen. Dadurch erreichen wir ohne Mediaausgaben und ohne Google Ads das richtige Publikum, die richtigen Leute, können uns weiter vernetzen und tolle Kooperationen abschließen.

Ausblick: Fokussieren, Verantwortung abgeben und Neues anstoßen

Vor drei Monaten haben Madeleine und Benjamin privat Nachwuchs bekommen. Auch diese neue Herausforderung, Familie und Unternehmen zu vereinbaren, sind sie strukturiert angegangen.

Wir haben viele unserer Aufgaben an unsere Mitarbeiter abgeben. Das muss man erst einmal lernen.

Somit dürfen die Mitarbeiter mehr entscheiden und müssen selbstständiger arbeiten.  Sie übernehmen vor allem auch Aufgaben, in denen sie mehr Fachwissen haben. “So können wir uns als Geschäftsführer auf andere drängende Aufgaben fokussieren, während die Mitarbeiter freie Hand in Social Media und gewisse Controlling-Aufgaben erhalten”, erklärt Benjamin. Und Madeleine ergänzt:

Man muss seinen Mitarbeitern Entscheidungen zutrauen, auch wenn sie mal anders ausfallen, als man sie selbst entschieden hätte.

Aber es lohne sich: “Uns hält es den Rücken frei und die Wertschätzung ist gestiegen. Und wenn ein gravierender Fehler passiert? “Dann beheben wir ihn so schnell wie möglich und verlieren uns nicht in der Ursachenforschung”, so Madeleine, so zum Beispiel, als mal durch eine ungenaue Zählung im Lager Lieferschwierigkeiten und Verkaufsprobleme entstanden sind. So gehen das Gründerpaar von Bracenet und ihr Team weiterhin unermüdlich dran, die Meere von den Geisternetzen zu befreien.

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