Corona: Top Start-ups und HTGF berichten



Wie gehen die erfolgreichen Top 50-Start-ups und Kapitalgeber mit der Corona-Krise um? Wir haben Florian Petit von Blickfeld, Fabio Schmidberger von voize und Alex von Frankenberg vom High-Tech Gründerfonds gefragt und spannende Antworten erhalten.

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Wie reagieren Top Start-ups und Kapitalgeber auf die Corona-Krise? Wir haben nachgefragt. (Foto: Unsplash)

GründerDaily: Hallo Florian, Fabio und Malte. Wie ernst schätzt ihr die Lage für eure Start-ups ein? Mit welchen Entwicklungen rechnet ihr in der Absatz- und Umsatzentwicklung?

Florian von Blickfeld: Wir nehmen die aktuelle Situation sehr ernst, weshalb wir uns viele Gedanken gemacht und Maßnahmen ergriffen haben, um unseren Teil zur Verlangsamung der Ausbreitung des Virus zu leisten. Wir als Blickfeld haben das Glück, den Umsatz betreffend, mit nicht allzu großen Sorgen auf die aktuelle Situation blicken zu können.

Unsere Projekte sind zum großen Teil eher langfristig angelegt, daher sind wir gut abgesichert. Wir rechnen dennoch kurzfristig mit einem Knick, erwarten allerdings auch einen starken Rebound.

Fabio von voize: Da wir gerade frisch gegründet haben und unsere Ausgaben niedrig sind, wird uns die COVID-19-Krise nicht so schlimm treffen und wir können den Umsatzausfall verkraften. Trotzdem müssen wir Wachstumspläne anpassen und Investitionen reduzieren. Das Schwierige ist vor allem die Unklarheit, wie lange die Krise andauern wird. Das normale operative Geschäft wird für wahrscheinlich 6 Monate ausfallen.

Die aktuelle Lage kann aber auch neue Chancen bieten. Es kann damit gerechnet werden, dass auch die Konkurrenten und Mitbewerber in den vorübergehenden Notbetrieb und Homeoffice-Modus wechseln.

Größere und weniger agile Unternehmen werden hier erhebliche Einbußen bei der Produktivität haben. Agile und digital aufgestellte Start-ups wird diese Umstellung zum Homeoffice und der Umgang mit der Quarantäne-Situation deutlich weniger in ihrer Produktivität einschränken.

Malte von Goldeimer: Das werden die kommenden Monate zeigen. Unsere Festivalsaison mit knapp 20 Veranstaltungen steht vor dem Aus, was in jeglicher Hinsicht für uns eine Herausforderung sein wird. Mit den Festivals brechen uns gut 30-40 Prozent des Gesamtumsatzes weg. Ich denke, dass die Nachfrage nach Toilettenpapier nicht steigen wird, aber über das Jahr wenigstens konstant. Auch wenn die Welt momentan Klopapier handelt wie Gold, gehen wir von einem Abschwung der Nachfrage aus, sobald die Keller vollgehamstert sind. Damit stehen unsere zwei Haupteinnahmequellen momentan auf der Kippe. Wie stark, ist jetzt schwer absehbar.

Wer jetzt vernünftig bleibt, sich strategisch klar ausrichtet und fleißig weiterarbeitet, kann Mitbewerber trotz Krisenzeit abhängen und gestärkt aus der Corona Krise-herauskommen.

Ganz nebenbei hält man mit langen Arbeitstagen im Homeoffice auch die Quarantäne-Richtlinien und tut der Firma, sich selbst und seinen Mitmenschen einen Gefallen.

GründerDaily: Wie sichert ihr eure Liquidität?

Florian von Blickfeld: Wir sind dank unserer mittel- und langfristigen Projekte und Investoren finanziell gut aufgestellt und verfügen über Liquiditätsreserven. Aktuell sehen wir keinerlei Einschränkungen und werden alle unsere Aktivitäten unvermindert weiter vorantreiben.

Fabio von voize: Für die nächste Zeit reichen unsere eigenen Rücklagen noch gut aus. Gerade jetzt sind aber die Start-up-Fördergelder durch KfW und zum Beispiel in Brandenburg durch die ILB besonders attraktiv. Aus meiner Sicht sollte man als Unternehmen die aktuelle (finanzielle) Lage klar mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern kommunizieren.

Wenn tatsächlich die Rücklagen anfangen, knapp zu werden, müssen alle Mitarbeiter das früh wissen. Diese Transparenz sorgt aus unserer Sicht nicht für Unsicherheit im Team, sondern stärkt Solidarität und macht klar, warum mögliche Sparprogramme nötig sind.

Malte von Goldeimer: Da wir durch die Saisonalität der Festivalsaison bereits seit mehreren Jahren Erfahrung mit stark schwankenden Finanzpolstern haben, sind wir für die kommende Zeit gut ausgerüstet. Wir haben in der Vergangenheit immer sehr konservativ gewirtschaftet, Rücklagen gebildet und keine riskanten Investitionen getätigt, uns zu größten Teilen aus den eigenen Umsätzen finanziert und Fixkosten gering gehalten. Das kommt uns jetzt natürlich zugute und wir haben vielleicht einen Ticken mehr Zeit als andere, uns auf die neue Situation einzustellen. Grundsätzlich bin ich gespannt, wie sich die Folgen des Coronavirus auf das Kauf- und Konsumverhalten der Menschen auswirken. Gut möglich, dass soziale Ideen wie unsere aufgrund der Wirtschaftslage in den Hintergrund geraten und vorerst auf andere Produkte zurückgegriffen wird. Dasselbe gilt für die Spendenbereitschaft – hier stehen wir alle vor einem großen Fragezeichen.

GründerDaily: Welche wichtigen Maßnahmen setzt ihr noch um?

Florian von Blickfeld: Der Schutz unserer Mitarbeiter und der Gesellschaft hat gerade allerhöchste Priorität. Wir haben daher zahlreiche Maßnahmen ergriffen, um diesen zu gewähren:

Ein Großteil unseres Teams ist im Homeoffice und die Abteilungen, die nicht von zu Hause arbeiten können, da sie weiteres Equipment benötigen, sind im Office besonderen Schutzmaßnahmen unterstellt. So wollen wir auch im Büro den Kontakt so weit minimieren, wie möglich.

Da wir einen großen Teil unserer alltäglichen Arbeit bereits digitalisiert haben, sind alle ergriffenen Maßnahmen zwar eine Umstellung, aber wir sind dennoch voll arbeitsfähig. Selbst unser wöchentliches Meeting mit dem gesamten Team können wir erfolgreich als Video-Call abhalten.

Der Team-Spirit bei Blickfeld ist etwas ganz Besonderes und uns sehr wichtig. Um diesen aufrecht zu erhalten, treffen sich einige von uns nachmittags zu einer Kaffeepause im Video-Call – es geht vieles auch digital! Das Wichtigste für uns ist gerade, alles zu tun, um unserer sozialen Verantwortung nachzukommen. Da sind diese Maßnahmen das Mindeste.

Fabio von voize:

Die eigenen Kunden bei der COVID-19-Krise zu unterstützen ist das mit Abstand Beste, das man jetzt machen kann.

Wir von voize entwickeln einen Sprachassistenten für Pflegedokumentation und entwickeln gerade neue Anwendungen, um Pflegedienste gezielt bei Problemen, die durch COVID-19 entstanden sind, zu entlasten.

Malte von Goldeimer: Unser Thema ist WASH –  Water, Sanitation, Hygiene – und einer der Kernfaktoren, ob wir diese Krise als Gesellschaft und Gemeinschaft langfristig bewältigt bekommen. Dazu brauchen wir Verhaltensänderungen in der Gesellschaft und ein anderes Bewusstsein für Handhygiene. Ich sehe unseren Auftrag vor allem darin, den Menschen in Zukunft ein besseres Verständnis für die Wichtigkeit von Händewaschen und verfügbaren Sanitäreinrichtungen zu vermitteln. Im Globalen Süden kann Seife, die Verfügbarkeit von sauberem Wasser und gesicherter Sanitärversorgung einer humanitären Katastrophe entgegenwirken – und das sogar vergleichsweise günstig.

Deswegen vergesst bitte nicht die Menschen im Globalen Süden, den Twonships und in den Flüchtlingscamps an den europäischen Grenzen, den Obdachlosen in deutschen Städten. Zu Hause bleiben und auf Distanz gehen ist hier keine Option. Die Bereitstellung von Seife, Wasser und sanitären Anlagen schon. Gerade die Schwächsten brauchen nun Unterstützung. Wir werden daher verstärkt online auf diese Notwendigkeit hinweisen.

GründerDaily: Alex, du bist Geschäftsführer des High-Tech Gründerfonds. Wie ist die Situation aus deiner Sicht und worauf müssen Unternehmen sich einstellen?

Alex vom HTGF: Auch wenn wir in den letzten zehn Jahren etwas anderes gewohnt waren: Wir sind in einer fetten Wirtschaftskrise. Und die wird uns in 2021 auch noch begleiten.

Was jetzt gefragt ist, ist ein kühler Kopf und gesunder Menschenverstand: und Cash.

Wenn die Umsätze wegbrechen, überlebt ein Unternehmen nur mit Geld von Investoren, Darlehensgebern oder reduzierten Kosten. Es ist die Zeit der ehrlichen, mutigen und leider oft unangenehmen unternehmerischen Entscheidungen. Der HTGF wird seinen Beitrag leisten und weiter investieren. Diese Woche haben wir 8 Investments, Seed- und Anschlussfinanzierungen beschlossen.

Vielen Dank, Florian, Fabio und Alex für die Tipps. Wir wünschen euch und all unseren Lesern viel Gesundheit! Lest jetzt auch unser persönliches Corona-Statement.

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