Agilität: 6 Experten-Tipps für Start-ups, um dem Wandel zu begegnen



Digitalisierung, New Work, Transformation – wer heute ein Start-up gründet oder schon eines leitet, muss sich mit vielen Prozessen und Maßnahmen auseinandersetzen. Früher oder später wird euch dabei auch der Begriff Agilität begegnen. Was ist damit gemeint und wie werdet ihr ein agiles Unternehmen? Wir liefern euch brandaktuelle Tipps vom diesjährigen growth marketing SUMMIT direkt aus Frankfurt.

Agilität: Was ist das überhaupt?

Böse Zungen behaupten, dass sich Agilität nahtlos in den Kanon der Buzzwords einreihe. Damit wird dem Begriff aber Unrecht getan, denn Agilität sollte ein zentraler Baustein der Unternehmenskultur sein, wenn ihr mit den rasanten technologischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklungen schritthalten wollt.

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Agilität bringt viel Freiheit und Flexibilität für Start-ups. Aber sie bedeutet auch beständige Lern- und Anpassungsbereitschaft

Agilität bezeichnet das Vermögen eines Menschen oder eines Unternehmens, flexibel, vorausschauend und proaktiv auf neue Entwicklungen wie veränderte Marktbedingungen einzugehen.

Betroffen sind dabei alle Unternehmensbereiche: Produkt- und Preisanpassung, Marketing, Mitarbeiter finden, Kundenbindung etc. Aber ist das Ganze wirklich so dringend? Muss Agilität schon jetzt passieren?

#1 Be agile or die – den Ernst der Lage erkennen

André Morys vom Unternehmen konversionsKRAFT hat zur obigen Frage eine klare Antwort: Ja, die Zeit drängt. Dahinter steckt eine einfache Logik: Wer sich stetig an den Wandel anpasst, der wächst und überlebt. Start-ups hingegen, die sich dieser Anpassung verweigern, wachsen nicht und sterben.

Das klingt radikal, aber genau das ist die Botschaft, die durch sämtliche Vorträge des Summits schimmert: Agilität ist kein netter Zusatz, der einfach nur als ein wohlklingender Punkt auf der Unternehmenswebsite auftaucht, sondern längst gelebtes Prinzip in vielen starken Industrienationen, allen voran den USA und China.

Im Vorabend-Meetup bezeichnete Content-Marketer Ben Harmanus die damit verbundene Gefahr als Tsnumai-Effekt: Die heranrollende Gefahr in Form agiler Unternehmen ist für viele Start-ups hierzulande noch nicht sichtbar. Was aber nichts daran ändert, dass sie eines Tages davon wie von einer Welle überrollt werden.

Agil heißt, schneller zu lernen, was funktioniert – nicht, schneller zu arbeiten!

Die Lösung laut Morys also: Konzentriert euch in puncto Agilität nicht wie die meisten Start-ups nur auf Effizienz, sondern auch auf Effektivität.

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Agilität bedeutet kontinuierliche Innovation. Bleibt beständig dran und überfordert euch nicht, dann gelingt der Prozess schrittweise.

Konkret müsst ihr hierfür zwei Kernmaßnahmen umsetzen:

  • Customer Centrictiy: Fokussiert euch voll und ganz auf die Bedürfnisse und Wünsche eurer Kunden.
  • Data Drivenness: Was ihr nicht messt, könnt ihr auch nicht verwerten und daraus lernen.

Agilität ist jedoch nicht nur ein Prozess, der sich auf den Umgang mit Kunden bezieht, sondern das gesamte Team betrifft.

#2 Experimentelle Unternehmenskultur zulassen

Eine ernsthafte Umsetzung von Agilität ist immer auch mit Mut verbunden. Und zu diesem Mut gehört eine Experimentierfreudigkeit, wie die Speakerin und Head of Marketing der GO Group Natasha Wahid vorschlägt.

Zum einen schlägt auch sie in dieselbe Kerbe wie Morys: Es geht darum, die eigenen Kunden besser zu verstehen. Wesentliche Werkzeuge hierfür sind aus ihrer Sicht:

  • A/B-Tests
  • Analysen der Kundenreisen
  • Umfragen

Doch das ist nur eine Seite der Medaille. Auch intern braucht es eine experimentelle Unternehmenskultur. So gilt für das A/B-Testing:

Bildet Eure Führungskräfte aus! Führt sie durch den Prozess, wie ihr den Test entworfen und welche Ergebnisse ihr erreicht habt.

experimentelle kultur natasha wahid
Ziel ist nicht, einfach nur ein experimentelles Programm aufzubauen, sondern eine entsprechend tiefgreifende Unternehmenskultur.

Gemeint ist damit, dass ihr euch und eurem Team die Kapazitäten zur Verfügung stellt, um zu brainstormen und eigene Ideen zu entwickeln. Das steigert nicht nur die Mitarbeitermotivation, sondern führt auch zu innovativen Ideen, da Kreativität diesen Raum braucht.

Dafür braucht es Zeit und messbare Ergebnisse. Habt auch ein Auge darauf, welche Mitarbeiter diese Zeit tatsächlich nutzen und sich ins Zeug legen. Das werden nicht alle sein und ihr solltet diejenigen fördern, die sich besonders engagieren.

#3 Growth Mindset entwickeln

Der Speakerin Dr. Nicole Lipkin zufolge gibt es zwei Mindsets: das Fixed und das Growth Mindset. Nur eines davon hat eine Chance auf Potenzialentfaltung.

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Starres vs. flexibles Mindset: Agilität beginnt im Denken und setzt sich dann auf Unternehmensebene fort.

Auf Basis der Erkenntnisse der Psychologie-Professorin Dr. Carol Dweck hat Dr. Lipkin die Mindsets wie folgt unterteilt:

Fixed Mindset

  • Fehler vermeidend
  • Bedacht auf eine smarte Außenwirkung
  • Vermeidung von Herausforderungen
  • Nur auf bereits bestehendes Wissen stützend
  • Feedback und Kritik persönlich nehmend
  • Keine Veränderung oder Verbesserung gewünscht

Growth Mindset

  • Wunsch nach konstantem Lernen
  • Unsicherheiten konfrontierend
  • Herausforderungen annehmend
  • Keine Angst vor dem Scheitern
  • Bereitschaft, hohen Lernaufwand zu betreiben
  • Feedback konzentriert sich auf aktuelle Möglichkeiten

Drei Tendenzen, die das Growth Mindset blockieren

Dr. Lipkin sieht das Growth Mindset als wichtigen Bestandteil einer Psychologie der Agilität. Diese vermeidet vor allem drei negative Tendenzen, denen Start-ups begegnen müssen:

1. Versunkene Kosten

Wer nur Ausreden sucht, bewirkt keine Veränderungen. Bei versunkenen Kosten gilt es im Sinne des Growth Mindsets, lösungsorientiert hinzuschauen. Auch wenn das unangenehm ist.

2. Vermeidung von Verlusten

Zu Agilität gehört auch, Verlusten ins Auge zu sehen. Die Sache hat nur einen Haken: Menschen mögen Verluste überhaupt nicht, da sie doppelt so sehr schmerzen wie uns ein Gewinn Freude bereitet. Lieber vermeiden wir es, etwas zu verlieren, als etwas Neues dazuzugewinnen.

Verluste gehören aber zum Leben wie auch zu einer Start-up-Weiterentwicklung dazu. Man könnte auch sagen, dass Wachstumsschmerzen ein unvermeidlicher Bestandteil jeder Weiterentwicklung sind. Das zu akzeptieren, ist Teil eines progressiven, auf die Zukunft ausgerichteten Growth Mindsets.

3. Status quo behalten

Das Problem bei der Status-quo-Erhaltung zeigt sich an einem typischen Satz:

Das haben wir schon immer so gemacht.

Auch wenn wir die Floskel heutzutage meistens im Scherz verwenden – in vielen Unternehmen ist das durchaus noch das Mindset, das unter der Oberfläche schleppender Veränderungsprozesse bis hin zu Starsinn gegenüber notwendigen Anpassungen gärt.

Die Ursache ist Lipkin zufolge genau wie bei der Vermeidung von Verlusten eine menschliche: Veränderungen finden wir erst einmal so naja.

Selbst wenn das Bestehende auch nicht das Gelbe vom Ei ist, so ist es uns doch immerhin vertraut. Das allein kann ein starker Antrieb sein, an alten Strukturen nicht rütteln zu wollen.

Doch ein Start-up muss sich weiterentwickeln. Euch bleibt also nichts anderes übrig, als Workflows immer wieder zu prüfen und an die Realität da draußen anzupassen.

Sonst geschieht das, was Lipkin als mahnende Beispiele wie Kodak, Borders und Blockbuster anführt: Euer Unternehmen geht unter.

#4 Risikovermeidendes Verhalten bei Kunden erkennen und nutzen

Wenn ihr versteht, auf welcher Basis eure Kunden Entscheidungen treffen, steigen eure Chancen, erfolgreich zu verkaufen. Ziel eurer Bemühungen ist in diesem Zusammenhang der Nucleus accumbens, wie Ubisofts UX Supervisor Iva Randelshofer betont.

Das ist nämlich das Spaßzentrum des menschlichen Gehirns. Je präziser ihr dieses ansteuert, desto höher sind eure Aussichten auf Kundengewinnung und -bindung. Randelshofer veranschaulicht die Wirkung am Beispiel der Netflix-Website.

iva randelshofer ubisoft kundenverhalten
Kein Risiko, jederzeit kündbar und einen Gratismonat gibt es noch dazu: Netflix weiß, welche Hürden beim Abschließen eines Abos ausgeräumt werden müssen.

Zwei Dinge fallen sofort auf:

1. Neugier wecken

Die Ansprache See what’s next auf der Netflix-Website weckt Neugier, was bei uns Menschen eng mit Freude verbunden ist. Wir wollen erkunden und entdecken. Das stimuliert unser Spaßzentrum, den Nucleus accumbens, was eine stark positive Auswirkung auf unser Kaufverhalten hat. Wir sind dadurch eher bereit, einen Deal einzugehen.

2. Ängste abbauen

Der Schriftzug Watch anywhere. Cancel at anytime. ist insofern genial, als dass er die Angst beim potenziellen Kunden abbaut, aus einem einmal geschlossenen Abo mit Netflix nicht mehr herauszukommen.

Wer jederzeit kündigen kann, muss sich nicht vor unangenehmem Papierkram in der Zukunft fürchten. Die Risiken sind kalkulierbar, weshalb unser Gefahreninstinkt nicht anspringt. Der ist nämlich sehr mächtig und kann bewirken, dass wir von einem Kauf absehen, weil wir unangenehme Konsequenzen in Verbindung mit einem Kauf fürchten.

3. Vertrauen schaffen

Das letzte und wichtige Kunststück ist der Gratismonat, den Netflix anbietet. So kann der Kunde unverbindlich testen, ob ihm das Angebot zusagt. Das Prinzip einer Gratisprobe ist uralt und wir erinnern uns an den berühmten Spruch:

There ain’t no such thing as a free lunch.

Auch in unserer Sprache bekannt als:

Es gibt nichts umsonst.

Zumindest in der Wirtschaft scheint es zu stimmen. Denn wie häufig passiert es, dass Nutzer nach einem Gratiszeitraum schlicht und ergreifend vergessen, das Abo zu kündigen? Bestimmt ist euch so etwas auch schon einmal passiert. Trotzdem verfehlt eine kostenlose Probezeit ihre Wirkung nicht. Denn dieser Deal ist maximal risikofrei, was Kunden umso mehr motiviert.

#5 Disruption? Kombination!

Disruption – schon wieder so ein Begriff, unter dem jeder etwas anderes versteht? Ruppert Bodmeier von disrooptive erklärt anhand von Beispielen glasklar, was Disruption ist und wie sie funktioniert.

diruption ruppert bodmeier disrooptive
Disruption kombiniert zwei scheinbar nicht zusammenpassende Elemente wie Landingpages für Wahlkampfspenden und Newsletter-Anmeldungen in der Economy miteinander.

Sein Ansatz lautet: Disruption durch Rekombination. Bedeutet im Klartext: Ihr müsst das Rad nicht neu erfinden, sondern könnt den Markt bereits revolutionieren, indem ihr verschiedene Bausteine miteinander so zusammenfügt, wie es vor euch noch nie jemand getan hat.

Als weiteres Beispiel nennt Bodmeier das Schneemobil. Denn das ist eine Kombination aus bereits vorhandenen Erfindungen:

Schiff + Panzer + Fahrrad + Skier = Schneemobil

Wer einmal die Kraft der unendlichen Kombinationsmöglichkeiten verstanden hat, der atmet Agilität und kann Unternehmen beraten und originelle Lösungskonzepte zusammen mit ihnen ausarbeiten.

Das Vorgehen ist auch hier wieder logisch aufgebaut: Pain Points ermitteln und out of the box denken. Naheliegend ist dieses Prinzip natürlich bei der Produktentwicklung, aber ihr könnt es selbstverständlich auch auf Marketingkampagnen und originelle Vertriebswege anwenden.

Auf diese Weise hat Bodmeier kleinen wie auch großen Unternehmen wie der Axel Springer Verlagsgruppe, einem Wetter-Appanbieter und mehreren Online Shops geholfen.

#6 Design nicht unterschätzen

Haben euch Online-Formulare mit Fehlermeldungen auch schon in den Wahnsinn getrieben?

Invalid Data

oder

Bitte nur Ziffern eingeben

sind immer wieder ungern gesehene Besucher beim Ausfüllen eines Formulars. Und nicht immer sind sie berechtigt.

In Hinblick auf Agilität denken viele Unternehmer strategie-, technik- und prozessorientiert. Alles richtig. Aber vergesst bitte den Kunden und dessen Erfahrung mit euch offline wie online nicht.

Prüft ihr zum Beispiel regelmäßig, ob eure Website auf verschiedensten Mobilgeräten gut zu erreichen und zu bedienen ist? Sehr gut, denn dem Optimierungs-Experten Craig Sullivan zufolge tun das 95 Prozent der Unternehmen nicht. Und sorgen so ungewollt für grauenhafte User Experiences.

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Das kann nicht euer Ernst sein: Wenn die Fingerspitze in der quasi nicht vorhandenen mobilen Ansicht gleich fünf Optionen statt einer ansteuert, dann läuft etwas gewaltig schief auf eurer Website.

Eine kleine Auswahl der größten Design-Fails gefällig?

  • Formularfelder sind in der mobilen Ansicht viel zu klein
  • Eingabefehler werden angezeigt, bevor überhaupt Eingaben getätigt wurden
  • lange Klickprozesse erschweren den Kaufabschluss
  • unlogische Menüführung verwirrt den Nutzer
  • mit Pop-up, Bannern, Bildern und Videos vollgestopfte Websites überfrachten
  • Weiterleitungen auf tote Web- bzw. Unterseiten führen zu Frust
  • umständliche und sinnlose strenge Passwort-Richtlinien treiben in den Wahnsinn
  • Zwang, nur einen bestimmten Browser nutzen zu können
  • keine Scroll-Möglichkeiten
  • Menupunkte verschwinden bei kleiner Bildschirmgröße
  • falscher automatischer Keyword-Typ auf Smartphones und Tablets (Ziffern statt Buchstaben und umgekehrt) wird eingestellt

Diese Liste ließe sich beliebig fortführen. Und genau das tat Speaker Sullivan auch mit reichlich British humour zur Erheiterung des Pubkikums.

Leider steckt dahinter auch bitterer Ernst: Wer die Bedeutung von Agilität im Design unterschätzt und die damit verbundenen Herausforderungen im Sinne der User Experience nicht aktiv angeht, wird Kunden vergrätzen und damit eine Menge Geld in den Sand setzen.

Agilität ist komplex, aber zu bewältigen

Vielleicht steht der Begriff Agilität deshalb im Buzzword-Verdacht, weil es sich dabei nicht nur um ein paar wenige To-dos handelt. Agilität ist die Grundhaltung, sich beständig und an mehreren Baustellen auf das Thema einzulassen und proaktiv auf neue Entwicklungen zuzugehen.

Ist das anstrengend? Ja. Aber auch sehr lehrreich und mit großem Potenzial für euer Start-up verbunden. Wir hoffen, dass euch die Tipps der Speaker dabei helfen, mit Struktur und Klarheit agiler zu arbeiten.

  • Lasst euch von den mindful REBELS inspirieren, wie ihr mit Achtsamkeit und Empathie die Arbeitswelt von morgen mitgestaltet. Und lernt, von welche Synergieeffekten Corporates und Start-ups profitieren können.

Hinweis: Als Teilnehmer des groth marketing SUMMIT Insider-Program nahm ich kostenlos an der Veranstaltung in Frankfurt am Main teil. Diese Einladung beeinflusst meine Meinung weder hier noch auf anderen Plattformen.

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