Bürokratieabbau Steuererklärung per Klick: Sind Selbstständige Steuerzahler zweiter Klasse?

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Die Steuererklärung per Klick klingt nach einem echten Fortschritt: Millionen Arbeitnehmer und Rentner sollen davon profitieren. Doch Selbstständige bleiben erneut außen vor. Ausgerechnet dort, wo Steuerbürokratie besonders viel Zeit, Nerven und Geld kostet, kommt die große Vereinfachung bisher nicht an. Der Staat zeigt Mut bei einfachen Fällen. Aber hat er ihn auch dort, wo Entlastung am dringendsten wäre?

Mann sitzt verzweifelt vor Dokumenten an Schreibtisch
Die neue Klick-Steuererklärung entlastet Millionen – doch ausgerechnet Selbstständige bleiben beim Bürokratieabbau außen vor. Bild: cottonbro studio / Pexels.

Steuererklärung per Klick: Gute Nachricht mit enger Zielgruppe

Ab dem 31. März 2026 können sich Nutzer in der App "MeinELSTER+" für die neue Funktion "Steuererklärung mit einem Klick" anmelden. Ab dem 1. Juli 2026 soll der Service dann für die erste Zielgruppe starten.

Zum Auftakt richtet sich das Angebot an ledige, kinderlose Arbeitnehmer sowie an Rentner und Pensionäre ohne weitere Einkünfte. Sie erhalten eine vorausgefüllte Einkommensteuererklärung für das Steuerjahr 2025 direkt auf ihr Smartphone, können die Angaben prüfen, bei Bedarf anpassen und die Erklärung anschließend digital absenden. Nach Angaben der Länder können bundesweit rund 11,5 Millionen Steuerpflichtige von dem neuen Verfahren profitieren.

Das ist ohne Zweifel ein Fortschritt. Doch schon der enge Zuschnitt zeigt auch die Grenze der Erleichterung: Profitieren sollen zunächst nur Steuerpflichtige mit besonders einfachen und weitgehend standardisierten Fällen. Für Selbstständige, Freiberufler und viele Gründer bleibt die Steuererklärung dagegen weiter deutlich aufwendiger.

Neu ist dieses Muster nicht: Schon bei einem früheren Pilotprojekt zeigte sich, dass der Staat vor allem dort vereinfacht, wo ihm die meisten Daten ohnehin schon vorliegen.

"Steuer macht jetzt das Amt": Vereinfachung nur für einfache Fälle

Hessen testet seit 2025 mit dem Finanzamt Kassel das Pilotprojekt "Die Steuer macht jetzt das Amt!". Dort erhalten ausgewählte Bürger, die nicht steuerlich beraten sind und deren Steuerdaten dem Finanzamt mutmaßlich bereits vorliegen, einen Vorschlag für den Steuerbescheid für 2024. Wenn sie einverstanden sind, müssen sie im Grundsatz nichts weiter tun.

Nach vier Wochen erlässt das Finanzamt automatisch den Bescheid. Zusätzliche Aufwendungen können innerhalb der Frist noch angegeben werden.

Das ist modern. Das ist bürgerfreundlich. Aber es ist eben auch eine Blaupause für die aktuelle App-Meldung: Wieder geht es um ausgewählte Fälle. Wieder geht es um Bürger, deren Daten schon weitgehend vorliegen. Wieder wird dort vereinfacht, wo standardisierte Informationen vorhanden sind und die Verwaltung das Risiko begrenzen kann.

Für die meisten Selbstständigen taugt dieses Modell deshalb nicht. Nicht, weil man sie bewusst benachteiligen will. Sondern weil ihre Realität komplizierter ist. Genau diese Komplexität ist aber der Punkt, an dem Entbürokratisierung eigentlich ansetzen müsste.

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Steuererklärung für Selbstständige: Ein anderer Sport

Die Steuererklärung ist für Selbstständige oft nur der letzte Schritt. Davor stehen Buchhaltung, Gewinnermittlung und die Frage, welche Angaben in welcher Form überhaupt gemacht werden müssen. 

Für Selbstständige besteht die Steuererklärung also nicht aus einem einzigen Formular. Sie ist das Ergebnis einer laufenden steuerlichen und kaufmännischen Dokumentation über das ganze Jahr hinweg. Einnahmen und Ausgaben müssen korrekt erfasst, Belege aufbewahrt, betrieblich und privat veranlasste Kosten sauber getrennt und Investitionen richtig eingeordnet werden. Je nach Tätigkeit kommen außerdem weitere Pflichten hinzu, etwa bei der Umsatzsteuer oder Gewerbesteuer.

Schon kleine Fehler können Folgen haben: Wird ein Beleg falsch zugeordnet, eine Ausgabe nicht anerkannt oder eine Frist übersehen, kann das schnell teuer werden. Genau deshalb arbeiten viele Selbstständige mit Buchhaltungsprogrammen, um Rechnungen, Belege und laufende Geschäftsvorfälle überhaupt strukturiert im Griff zu behalten. Diese Programme erleichtern vieles, nehmen aber nicht die grundlegende Komplexität aus dem System.

Wer gründet oder allein ein kleines Unternehmen führt, erledigt die Buchhaltung neben dem Tagesgeschäft. Gerade deshalb ist die Belastung hoch. Hier läge der größte Hebel für echte Entbürokratisierung. Wenn der Staat Steuern wirklich einfacher machen will, müsste er nicht nur Standardfälle beschleunigen, sondern vor allem dort ansetzen, wo Aufwand, Unsicherheit und Zeitverlust am größten sind.

Der Staat muss mutiger werden

Es ist nachvollziehbar, dass neue digitale Steuerverfahren zunächst mit einfachen Fällen starten: Wo Daten bereits vorliegen, Abläufe standardisiert sind und Risiken begrenzt bleiben, lassen sich neue Systeme schneller testen und sauber einführen. Insofern ist die "Steuererklärung per Klick" kein falscher Schritt. Sie zeigt im Gegenteil, dass Vereinfachung möglich ist, wenn die Verwaltung den Prozess wirklich neu denkt.

Genau deshalb sollte diese Reform aber nicht als Endpunkt verstanden werden, sondern als Anfang. Denn echte Entbürokratisierung müsste dort vorangetrieben werden, wo der Aufwand am größten ist. Und das ist bei der Steuererklärung oft nicht der klassische Arbeitnehmerfall, sondern die Realität von Selbstständigen, Freiberuflern, Solo-Unternehmern und vielen Gründern. Dort kosten Steuern nicht nur Geld, sondern vor allem Zeit, Konzentration und oft auch Nerven.

Dass der Staat einfache Fälle vereinfacht, ist richtig. Problematisch wird es aber, wenn gerade diese ersten Schritte schon als großer Bürokratieabbau gefeiert werden, während die besonders belasteten Gruppen weiter warten. Wer selbstständig arbeitet, erlebt die Steuererklärung eben nicht als schnellen Digitalprozess, sondern als wiederkehrenden Organisationsaufwand mit vielen Unsicherheiten und Pflichten.

Genau hier müsste Politik ansetzen. Nicht nur mit schönen App-Lösungen für standardisierte Fälle, sondern mit dem klaren Ziel, auch die komplexeren Steuerprozesse einfacher, verständlicher und digitaler zu machen. Denn dort wäre der Hebel am größten. Wer Selbstständigkeit politisch fördern will, darf bei der Entlastung nicht ausgerechnet jene ausklammern, die mit Bürokratie besonders stark zu kämpfen haben.

Sind Selbstständige also Steuerzahler zweiter Klasse? Rechtlich natürlich nicht. Im Alltag drängt sich dieser Eindruck trotzdem auf. Immer dann, wenn der Staat Vereinfachung verspricht, profitieren zuerst die einfachen Fälle. Wer unternehmerisch arbeitet, bleibt dagegen oft im komplizierten Teil des Systems zurück. Deshalb ist die neue Klick-Steuererklärung ein Prüfstein dafür, ob der Staat nach dem einfachen Anfang nun endlich den Mut für die schwierigeren Fälle findet.

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