Freiberufler ohne Lobby? Landtagswahl BW 2026: Parteien im Unternehmer-Check

Wortanalyse der Wahlprogramme: Wer spricht wirklich über Selbstständige?
Wir haben die offiziellen Wahlprogramme der Parteien textanalytisch ausgewertet und zentrale Wirtschaftsbegriffe systematisch erfasst. Zusätzlich wurde geprüft, in welchem politischen Zusammenhang die Begriffe stehen. Die Analyse misst die sprachliche Präsenz, nicht die Qualität oder Umsetzbarkeit der Inhalte. Das sind die Ergebnisse:
| Gründen | Start-up | Mittelstand | Unternehmen | |
| Grüne | 30 | 23 | 13 | 66 |
| CDU | 28 | 10 | 22 | 56 |
| SPD | 14 | 6 | 5 | 33 |
| FDP | 34 | 8 | 10 | 81 |
| AfD | 4 | 0 | 6 | 22 |
| Linke | 6 | 0 | 0 | 21 |
| Freie Wähler | 3 | 2 | 3 | 9 |
| Volt | 18 | 25 | 18 | 89 |
| BSW | 7 | 2 | 15 | 19 |
| WerteUnion | 3 | 0 | 6 | 8 |
Mittelstand und Unternehmen
Welche Parteien sprechen in ihren Wahlprogrammen am häufigsten über "Mittelstand" und "Unternehmer"? Unsere Auswertung zeigt ein deutliches Bild – mit einer kleinen Überraschung an der Spitze:
- Volt (107 Nennungen)
- FDP (91 Nennungen)
- Grüne (79 Nennungen)
Mit deutlichem Abstand folgen SPD (38), BSW (34) und AfD (28). Am seltensten tauchen die Begriffe bei der Linken (21), WerteUnion (14) und Freien Wählern (12) auf.
Volt setzt fast durchgehend auf den Begriff "Unternehmen": 89 der 107 Nennungen entfallen darauf. Im Wahlprogramm widmet die Partei dem Mittelstand allerdings ein eigenes Kapitel.
Ein ähnliches Bild bei der FDP: 81-mal "Unternehmen", 10-mal "Mittelstand". Wirtschaft ist das erste Kapitel im Wahlprogramm, Seite 7 ist dem Mittelstand gewidmet.
Die Grünen kommen auf 66 Nennungen für "Unternehmen" und 13 für "Mittelstand". Wirtschaft wird hier häufig im Kontext von Transformation und Innovation beschrieben.
Die CDU dagegen nutzt beide Begriffe vergleichsweise ausgewogen. 22-mal "Mittelstand", 56-mal "Unternehmen". Handwerk und Mittelstand nehmen einen großen Teil des Wahlprogramms ein.
Die Linke kommt auf 21 Nennungen für "Unternehmen" und verzichtet vollständig auf ein eigenes Mittelstands-Kapitel. Wirtschaftliche Themen tauchen vor allem im Zusammenhang mit Arbeitsmarkt, sozial-ökologischer Transformation und Kapitalismuskritik auf. Unternehmer werden dabei eher als Teil wirtschaftlicher Machtstrukturen beschrieben.
Die Freien Wähler nennen "Unternehmen" neunmal und "Mittelstand" dreimal. Ein eigenständiges Schwerpunktkapitel für Mittelstand oder Unternehmertum gibt es nicht. Wirtschaft erscheint vor allem im Kontext von Kommunalpolitik, regionaler Entwicklung und Bürokratieabbau, weniger als programmatisches Kernfeld.
Gründer und Start-ups
Wer die Wirtschaft von morgen gestalten will, muss heute über Gründung sprechen. Doch nicht alle Parteien tun das mit gleicher Intensität. Unsere Auswertung der Begriffe "Gründen" und "Start-up" bringt deutliche Unterschiede ans Licht:
- Grüne (53 Nennungen)
- Volt (43 Nennungen)
- FDP (42 Nennungen)
Knapp dahinter folgt die CDU (38). Deutlich weniger Aufmerksamkeit bekommen Gründungen bei SPD (20), BSW (9), Linken (6), Freien Wählern (5), AfD (4) und WerteUnion (3).
Die Grünen verbinden "Gründen" (30) und "Start-up" (23) häufig mit Klimaschutz, Transformation und Innovationspolitik. Start-ups erscheinen als Motor für den ökologischen Umbau der Wirtschaft.
Volt setzt stärker auf den Begriff "Start-up" (25) als auf "Gründen" (18). Die Sprache wirkt technologieorientiert und international. Junge, digitale Unternehmen stehen klar im Fokus.
Die FDP spricht am häufigsten von "Gründen" (34), nutzt den Begriff "Start-up" jedoch deutlich seltener (8). Der Schwerpunkt liegt auf Bürokratieabbau, Unternehmergeist und wirtschaftlicher Dynamik.
Die CDU kommt auf 28 Nennungen für "Gründen" und 10 für "Start-up". Gründungspolitik ist im Programm verankert, häufig im Zusammenhang mit Mittelstand, Handwerk und Unternehmensnachfolge.
Am unteren Ende fällt auf: Bei AfD, WerteUnion, Linken und Freien Wählern spielt das Thema Gründung nur eine Nebenrolle. Eigene, klar sichtbare Start-up-Schwerpunkte sind dort nicht erkennbar.
Blinder Fleck: Freiberufler
Freiberufler sichern die ambulante Versorgung, begleiten Geburten, arbeiten als Künstler, Berater oder Therapeuten, meist ohne großes Sicherheitsnetz. Sie tragen wirtschaftliches Risiko allein. Und doch tauchen sie in den Wahlprogrammen nur am Rand auf.
Erwähnungen bleiben punktuell und konzentrieren sich auffällig auf einen Bereich: freiberufliche Hebammen. Hier zeigt sich eine überraschende Überschneidung. Zwei politisch weit voneinander entfernte Parteien setzen beim selben Problem an: Sowohl Linke als auch AfD greifen die hohen Haftpflichtprämien von Hebammen auf und fordern staatliche Unterstützung.
Darüber hinaus adressiert die Linke Solo-Selbstständige im Kulturbereich. Das BSW nennt Freiberufler im Zusammenhang mit Bürokratieabbau.
Was jedoch fehlt, ist ein übergreifender Ansatz für Freiberufler im Land. Fragen nach Altersvorsorge, sozialer Absicherung oder fairen Wettbewerbsbedingungen bleiben weitgehend unbeantwortet. Für einen wirtschaftsstarken Innovationsstandort wie Baden-Württemberg ist das ein auffälliges Vakuum.
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Quellen:
Wahlprogramme der Parteien