"Korruption"? Gastro-Mehrwersteuer 2026: Warum die Preise kaum sinken

Spiegel-Recherce: Steuersenkung ohne Effekt für Kunden
Die Bundesregierung wollte den Restaurantbesuch wieder bezahlbarer machen. Seit Jahresbeginn gilt für Speisen in der Gastronomie wieder der ermäßigte Mehrwertsteuersatz von 7 statt 19 %. Doch wer auf sinkende Preise gehofft hat, wird enttäuscht. Eine Datenanalyse der Spiegel-Redaktion zeigt: Bei den großen Gastroketten kommt von der Steuersenkung kaum etwas bei den Gästen an.
In allen untersuchten Filialen von Block House, Dunkin’ Donuts, Five Guys, Pizza Hut und Dean & David blieben die Preise unverändert. Nur wenige Ausnahmen sorgten für minimale Entlastung: Bei L’Osteria wurde lediglich die Tomatensuppe günstiger. Peter Pane senkte bei mehreren Gerichten die Preise, im Schnitt um 0,7 % – der höchste Rückgang im Vergleich. Besonders auffällig: Kentucky Fried Chicken erhöhte viele Preise sogar. Laut Spiegel stiegen sie im Schnitt um 1,2 %.
Die Reaktion im Netz ließ nicht lange auf sich warten. In sozialen Medien dominieren Vorwürfe von Lobbyismus und politischer Nähe großer Konzerne zur Union. Immer wieder fällt der Name McDonald’s, verbunden mit dem Eindruck, die Steuersenkung sei ein Geschenk an internationale Ketten. Kommentare sprechen von "Korruption" und "Lobbyismus".
Der Ärger ist nachvollziehbar. Denn politisch wurde die Maßnahme auch als Entlastung für Verbraucher verkauft. Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) hatte angekündigt, darauf achten zu wollen, dass Preissenkungen bei den Gästen ankommen. Die Realität auf den Speisekarten erzählt bislang eine andere Geschichte.
Warum viele Gastronomen nicht senken können
So laut der Vorwurf der Gier auch ist, er greift zu kurz. Denn die wirtschaftliche Lage vieler kleiner und mittlerer Gastronomiebetriebe ist angespannt: 64 % scheitern in den ersten 5 Jahren. Nach der Pandemie haben zahlreiche Restaurants ihr Vorkrisenniveau nie wieder erreicht. Gleichzeitig sind zentrale Kostenblöcke weiter gestiegen.
Laut EZB verteuerten sich Lebensmittel seit 2019 um rund 37 %. Auch Energie bleibt ein erheblicher Belastungsfaktor. Nach Angaben des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (DEHOGA) machen Strom, Gas und Wärmeversorgung in vielen Betrieben bis zu 15 % der laufenden Kosten aus. In aktuellen Branchenumfragen geben mehr als 90 % der Gastronomen an, dass die Energiepreise ihr Geschäft stark belasten.
Besonders schwer wiegt jedoch der Faktor Personal. Zum 1. Januar 2026 stieg der gesetzliche Mindestlohn auf 13,90 € pro Stunde, 2027 soll er auf 14,60 € klettern. Für eine Branche, in der der Personalanteil häufig 30 bis 40 % des Umsatzes ausmacht, ist das ein massiver Einschnitt. Der DEHOGA spricht von einem "herausfordernden Ergebnis" und warnt vor erheblichen Mehrkosten, insbesondere für kleine Betriebe ohne Preissetzungsmacht.
Hinzu kommt der anhaltende Fachkräftemangel. Während der Corona-Jahre haben viele Beschäftigte der Gastronomie dauerhaft den Rücken gekehrt. Die verbliebenen Betriebe konkurrieren um weniger Personal, oft mit höheren Löhnen und besseren Arbeitsbedingungen. Der rechnerische Spielraum aus der Mehrwertsteuersenkung von 19 auf 7 % wird so in vielen Fällen vollständig aufgezehrt.
Mehrwertsteuersenkung: Bloße Symbolpolitik?
Die gesenkte Mehrwertsteuer zeigt vor allem eines: Symbolpolitik stößt an ihre Grenzen. Die Maßnahme sollte gleichzeitig Gastronomen stabilisieren und Gäste entlasten. Beides gelingt nicht. Für Verbraucher bleibt Essen gehen teuer. Für viele Betriebe reicht die Entlastung gerade aus, um gestiegene Kosten abzufedern.
Branchenvertreter hatten das früh angekündigt. Eine vollständige Weitergabe der Steuersenkung sei unrealistisch, hieß es aus dem DEHOGA bereits vor Inkrafttreten der Regelung. Dennoch weckte die Politik Erwartungen, die sie nicht erfüllen konnte oder wollte. Das Ergebnis ist Frust, bei Gästen wie bei Wirten.
Wenn die Politik die Gastronomie wirklich stärken will, braucht es mehr als eine pauschale Steuersenkung. Notwendig wären strukturelle Entlastungen: niedrigere Lohnnebenkosten, verlässlichere Energiepreise, gezielte Förderung für kleine und mittlere Betriebe statt Gießkannenpolitik für Konzerne. Solange diese Reformen ausbleiben, bleibt die Mehrwertsteuersenkung vor allem eines: gut gemeint, aber schlecht gemacht.
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Quellen:
Dehoga NRW: Preisentwicklung: Höher, schneller, weiter - leider
Diskussion auf Reddit
Hogapage: 7-%-Mehrwertsteuer: Warum der Dehoga nicht mit Preissenkungen rechnet
Horesga: Energie: Gastronomie unter Strom
Spiegel: So machen Gastroketten Kasse mit der gesenkten Mehrwertsteuer [Bezahlschranke]
Welt: EZB: Lebensmittelpreise hartnäckig über Vor-Corona-Niveau; Dehoga: Kunden profitieren nur bedingt von Steuersenkung