Wasserkioske gegen die Armut



Verschmutztes Trinkwasser ist für viele Menschen noch immer eine Alltäglichkeit. Boreal Light versorgt mit solarbetriebenen Entsalzungsanlagen wirtschaftlich benachteiligte Länder mit sauberem Wasser. Mit Erfolg: Sie sind Bundes- und Publikumssieger des diesjährigen KfW Awards Gründen.

“Wasser ist existenziell und nicht ersetzbar”, betont Ali Al-Hakim. “Mit den Wasserkiosken ermöglichen wir das, was Länder wie Afrika alleine nicht stemmen können”. Dafür baut das Berliner Start-up Boreal Light 15 Quadratmeter große Betonhütten mit befestigten Solaranlagen auf dem Dach.

Boreal Light
Boreal Light ist Bundes- und Publikumssieger des KfW Awards Gründen 2019. (Foto: Thorsten Futh)

Im Inneren des sogenannten Wasserkiosks ist eine Maschine, die mit Solarplatten angetrieben wird. Die Solarpanel sorgen dafür, dass sich die Pumpen bewegen und verschmutztes Wasser aus Brunnen oder dem Meer gefiltert wird. Im „Winture Cube“ wird das Wasser entsalzt und zu Trinkwasserqualität gesäubert, sodass es für die Menschen in Ländern wie Somalia und Kenia genießbar ist. Das übrige Salzwasser wird für Sanitäranlagen wie Duschen und Toiletten genutzt.

“In Europa gibt es vereinzelt ähnliche Systeme, nur sind sie für Länder wie Somalia und Jemen viel zu teuer”, erklärt Ali Al-Hakim, der mit Hamed Beheshti diese selbstpatentierte Lösung fand. “Dort gibt es nicht nur kein sauberes Wasser, sondern auch keinen Zugang zum elektrischen Netzwerk.

Boreal Light ist in ganz Deutschland das einzige Unternehmen mit solarbetriebenen Wasserentsalzungsanlagen. Hamed Beheshti und Ali Al-Hakim lernten sich bereits 2012 kennen, während beide noch in unterschiedlichen Positionen arbeiteten. 2014 starteten sie gemeinsam ein Projekt und bauten Windturbinen. Die Nachfrage war nicht groß genug, weshalb sie nach etwas suchten, was nicht ersetzbar war. Das Gründerteam konzentrierte sich auf solarbetriebene Wasseranlagen, wodurch die Idee zu Boreal Light entstand.

Wasser als vielseitige Lösung

Die Wasser- und Sauerstoffpumpen des Wasserkiosks lassen sich in vielseitigen Bereichen einsetzen. Neben Trinkwasser bietet Boreal Light vor Ort auch Strom, besondere Wasseranlagen für die Agrarwirtschaft, Sauerstoffpumpen für Fischzucht und Vertical Farming.

Wasser lässt sich vielseitig einsetzen und kann auch im Lebensmittelanbau einen bedeutenden Unterschied machen.

Um die Wasserkioske herum sind 30 Quadratmeter Fläche, auf denen knapp 800 Pflanzen angepflanzt werden können. Die Pflanzen werden beim Vertical Farming mehrstöckig übereinander gepflanzt. Das spart Platz und bietet gleichzeitig die Möglichkeit für die Massenproduktion pflanzlicher Erzeugnisse.

Neben Wasser bietet Boreal Light auch Fläche für Vertical Farming. (Foto: Boreal Light)

Wassermangel ist besonders in wirtschaftlich schwachen Ländern noch immer ein großes Problem. Die Erde ist zu zwei Dritteln mit Wasser bedeckt, aber davon seien nur 0,3 Prozent trinkbar, so das Hilfswerk der Vereinten Nationen Unicef. Mit dieser Innovation durchbricht Boreal Light den Kreislauf der Armut und schenkt Menschen eine gesunde Zukunft mit Ausblick auf einen Job oder eine gute Schulausbildung.

Frauen und Kinder müssen jetzt nicht mehr kilometerweit laufen, um überhaupt an Wasser zu kommen. Durch das saubere Trinkwasser breiten sich Krankheiten nicht mehr so schnell aus.

Mit den Wasserkiosken schafft Boreal Light auch Arbeitsplätze für Einheimische. Drei Personen dürfen angestellt werden. Frauen werden bevorzugt, da es für sie schwieriger sei, einen Job zu finden, so Al-Hakim. Kinder können wieder zur Schule gehen und auf eine sicher Zukunft hinarbeiten.

Die Entsalzungsanlagen werden alle individuell gebaut. Der Vorteil allerdings ist, dass die Anlagen mit jedem auf dem Markt zugänglichen Material und Werkzeug repariert werden kann. Das heißt, wenn es an einem Standort technische Probleme gibt, kann einer der Mitarbeiter ohne Probleme selbst Ersatzteile besorgen und auch einbauen.

Ein weiter Weg zum Erfolg

Doch bis es soweit war, gab es einige Herausforderungen zu bewältigen. Zu den größten zählten die Finanzierung und der Vertrieb des Wassers, erzählt Ali Al-Hakim. Die Forschung des gesamten Projekts bezahlten sie zu Beginn aus eigener Tasche. Mit einem funktionierenden Prototypen suchten die Gründer nach einer Bank, die sie finanziell unterstützen würde.

Keine einzige Bank hat uns geglaubt, dass die Entsalzungsanlagen funktionieren und Menschen davon auf Dauer profitieren könnten.

Erst durch den erfolgreichen Bau und Einsatz einer der Anlagen in Afrika, könne der Erfolg des Start-ups gewährleistet und ein Kredit bewilligt werden, hieß es. Das war aber nahezu unmöglich, denn eine Entsalzungsanlage kostet knapp 50.000 Euro. Einer der Gründer verkaufte sogar eine Immobilie, um Boreal Light weiterhin am Leben halten zu können.

Durch eine Crowdfunding-Aktion kam genug Geld zusammen, um die ersten Anlagen finanzieren zu können. Die ersten Erfolge wurden schon nach kurzer Zeit sichtbar und ab diesem Zeitpunkt kam ein Auftrag nach dem anderen. „Besonders schwierig war es aber, hier die Menschen von unserem Konzept zu überzeugen, bevor die ersten zwei Wasserkioske installiert werden konnten. Wir mussten ihnen klar machen, dass unsere Anlagen das Leben erleichtern.“

Pro Stunde filtert die Maschine 2000 Liter Wasser, mit einem Produktionspreis von 50 Cent. Verkauft wird das Wasser dann zu einem Viertel des Marktpreises. Damit wurde die Idee zum Feind für lokale Geschäfte. Denn die verkaufen Trinkwasser zu einem viel höheren Preis. In den Städten kosten fünf Liter Wasser einen Dollar. „Das kann sich keiner der Einheimischen leisten. Deshalb bleibt vielen keine andere Möglichkeit, als weiterhin verschmutztes Wasser zu trinken“, sagt Al-Hakim.

Durch die Wasserkioske müssen Kinder nicht mehr kilometerweit laufen, um Wasser zu besorgen. (Foto: Boreal Light)

15 Kioske in drei Ländern sind erst der Anfang 

Das Durchhaltevermögen hat sich für Boreal Light gelohnt. Heute hat das Unternehmen bereits 15 Wasserkioske in drei Ländern installiert. 12 in Kenia, zwei in Somalia und eines in Jemen. Einmal im Monat besuchen die Gründer die jeweiligen Standorte und vernehmen Wasserproben. Dank Fernüberwachung kann jeder einzelne Standort mit einem Wasserkiosk von Berlin aus geprüft werden. So hat das Gründerteam einen genauen Überblick über Fortschritte und mögliche Probleme.

Wasser ist ein Menschenrecht. Und wir versuchen es den Menschen zugänglich zu machen, die keine ausreichende Versorgung in ihrem Land haben.

So sollen innerhalb des nächsten Jahres 40 weitere Wasserkioske in Ostafrika gebaut werden. Die Ideen von Hamed Beheshti und Ali Al-Hakim sind noch lange nicht erschöpft, besonders wenn es um spezielle Konzepte geht, um beispielsweise Krankheiten wie Cholera vorzubeugen. Dafür werden Anlagen mit speziellen Pumpen gebaut. Ali Al-Hakim ist sich sicher, dass die Wasserversorgung in Krisenländern noch viel Verbesserungsbedarf hat.

Boreal Light räumte doppelt ab

  • Seit 20 Jahren zeichnet die KfW Bankengruppe Unternehmen in den ersten fünf Jahren ihrer Geschäftstätigkeit mit dem KfW Award Gründen (ehemals „GründerChampions“) aus. Für den renommierten Preis können sich Unternehmen aller Branchen bewerben, die ihren Sitz in Deutschland haben. Die Preisträger werden von einer Jury aus erfahrenen Vertreterinnen und Vertretern aus der KfW, Politik und Wirtschaft ausgewählt. Boreal Light wurde in diesem Jahr nicht nur als Bundessieger, sondern auch als Publikumssieger ausgezeichnet. Die Preisverleihung fand am 17. Oktober statt.
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