Robo Advisor und Digital Payment: Wird 2017 das Jahr der Fintechs?



Die Bedeutung von Fintechs hat im letzten Jahr deutlich zugenommen. Ein Trend, den in unserem neuen Wettbewerbsleitfaden gleich vier Start-ups bestätigten, die in unserer Analyse aller Gründerwettbewerbe als Top 50 Start-up 2016 hervorgingen. Was die Zukunft im Bereich Digitalisierung von Bankdienstleistungen bringen kann, erklärt unser Gastautor Andreas Lipkow am Beispiel von Robo Advisors und Digital Payment.

Die Digitalisierungswelle hat die Bankenbranche voll erfasst und bietet in immer mehr Bereichen Start-ups mit innovativen Geschäftsmodellen die Chance, die etablierten Branchengrößen anzugreifen und als kleines und wendiges Fintech Marktanteile zu erobern. Große Potenziale existieren zum Beispiel in den Bereichen Kreditvergabe, Wertpapierabwicklung, der klassischen Vermögensverwaltung und dem Handelsbereich.

Dass Fintechs tatsächlich erfolgreich sein können, setzt aber auch eine Umstellung der Erwartungshaltung bei den Bankkunden voraus. Viele Aufgaben, die bisher durch eine persönliche Beratung erledigt wurden, werden zukünftig z.B. über Chatprogramme bearbeitet. Das gilt vor allem für immer wiederkehrende Fragestellungen und Wünsche, die standardisiert beantwortet und erfüllt werden. Die Wertpapierabwicklung wiederum kann und wird zukünftig über die Blockchain-Technologie oder einer Abwandlung dieser Idee, schneller und kosteneffizienter abgewickelt werden.

Mann nutzt Barzahlen an der Rewe-Kasse
Trend Digital Payment: Barzahlen bei Rewe (Foto: Cash Payment Solutions)

Robo Advisor: Der Roboter als Anlageberater

Anhand von automatisierten Vermögensverwaltern, den Robo Advisors für die Geldanlage, lässt sich dies gut veranschaulichen. In diesem Sektor bringen die Digitalisierung und die Anwendung von Algorithmen einen hohen Mehrwert für den Kunden und ist eine lukrative Nische für Anbieter. Zwar müssen auch sie wichtige regulatorische Vorgaben einhalten, diese bilden jedoch auch gleichzeitig einen wichtigen Prüfstein für das zugrunde liegende Geschäftsmodell. Nur, wenn alle Prozesse und Abläufe nahtlos ineinandergreifen, lässt sich in diesem Bereich langfristig und nachhaltig Geld verdienen.

Gerade aufgrund dieser hohen regulatorischen Anforderungen, der Komplexität der Materie und auch der Schwierigkeit, das eigene Geschäftsmodell verständlich zu erklären (z.B. den Investoren), haben sich viele Fintechs bisher schwer getan, in dem Bereich der automatisierten Vermögensverwaltung Fuß zu fassen.

Mathematiker und Programmierer, die sich auf dem Gebiet gut auskannten, hatten meist gut dotierte Jobs bei Großbanken und sahen keine Notwendigkeit, bei kleineren Start-ups aus der Fintech-Szene anzuheuern. Inzwischen hat sich dieses Bild aber nachhaltig geändert.

Das konnte auch an den zuletzt großen Finanzierungsrunden bei einer Vielzahl von Fintechs beobachtet werden. So beteiligte sich zum Beispiel kürzlich die Deutsche Börse AG beim Hamburger Fintech figo mit einem signifikanten Minderheitsanteil an der letzten Finanzierungsrunde über 6,8 Millionen Euro. Banking einfacher und offener zu machen ist die Geschäftsidee von figo. Das bereits 2012 gegründete Unternehmen bezeichnet sich selbst als Europas ersten Banking-Service-Provider und möchte mit seiner entwickelten Banking-API die Brücke zwischen innovativen Finanzservices und 3.100 Finanzquellen mit über 55 Millionen Nutzern schlagen.

Über eine Online-Plattform einer breiten Masse von Anlegern ein wissenschaftlich fundiertes Anlagekonzept zur Verfügung zu stellen, ist das Geschäftsmodell des Frankfurter Start-ups Ginmon. Die Anlagebausteine werden nach dem Dreifaktorenmodell zusammengestellt, das auf die Theorie des nobelpreisgekrönten Portfoliowissenschaftlers Eugene Fama zurückgeht. Das Modell nutzt die Renditestärke kleiner und unterbewerteter Unternehmen bei möglichst hoher Diversifikation. Dafür wurde Ginmon 2016 zum “Besten Robo Advisor des Jahres 2016” ausgezeichnet. Ginmon konnte im letzten Jahr den Londoner Venture Capital Fonds Passion Capital überzeugen, einen siebenstelligen Betrag in das Start-up zu investieren.

Wie das Anlageprinzip von Ginmon funktioniert, erklärt das folgende Video:

Ebenfalls eine Millionenfinanzierung erhielt kürzlich das Berliner Start-up Liqid von Dieter von Holtzbrinck Ventures. Liqid hat ebenfalls einen Algorithmus für die automatisierte Vermögensanlage entwickelt. Anders als bei Ginmon, richtet sich Liqid aber an Kunden, die mindestens eine sechsstellige Summe investieren können und versteht sich so als “digitales Family Office”.

Der Vermögensverwaltungs- und Handelsbereich wird zukünftig durch weitere sogenannte Robo-Advisor maßgeblich geprägt werden. Die Kunden können vorher ihre Risiken und Anlageziele genau bestimmen und einsehen, die dann mittels Handelsalgorithmen umgesetzt und abgewickelt werden. Lediglich die Haftungsfragen z.B. bei Störungen und Fehlern müssen noch geklärt werden.

Digital Payment: Wie in Zukunft bezahlt wird

Neben der automatisierten Geldanlage wird sich der Bereich Digital Payment in den kommenden Jahren weiter stark verändern. Mann muss nicht allzu lange zurückdenken, da war das von Banken angebotene Lastschriftverfahren ein Ausdruck von Innovation. Heute hat sich dies bereits dahin gehend geändert, dass Anbieter wie Paypal und Giropay als Intermediär zwischen dem Händler bzw. Dienstleister und dem Kunden stehen. Hier wird es in den kommenden Jahren zu noch viel tief greifenderen Veränderungen kommen, die bereits vor der Marktdurchdringung berücksichtigt werden sollten.

Ähnlich weitreichende Veränderungen warten auch auf andere Berufe, die bisher nicht in den Fokus geraten sind.

Die Digitalisierung wird in vielen Unternehmen und Sektoren für eine vollkommene Neuorientierung sorgen. Dabei müssen aber auch die Chancen für Start-ups und deren Mitarbeiter gesehen werden.

Es war und wird in den kommenden Jahren unabdingbar sein, sich mittels Fortbildung und Informationsbeschaffung auf dem neusten Stand der Technologie zu halten. Wissen verändert sich rasant und kommt noch schneller in der Realwirtschaft zur Anwendung, als es noch vor zehn Jahren der Fall gewesen ist. Die Innovations- und Anwendungszyklen werden immer kürzer.

Große Technologieunternehmen wie Google, Alibaba, Amazon, Facebook oder Apple bieten bereits ihre eigenen Zahlungssysteme an und können dabei auf eine sehr große Kundengruppe zurückgreifen. Eine Dezentralisierung des klassischen Bankensystems steht uns bevor und das bedeutet, dass Unternehmen neben den klassischen Geschäftskunden bei einer Bank auch bei den Alternativanbietern entsprechend Kunde sein sollten. Auch in diesem weiten Feld wird es zukünftig möglich sein, mittels gut durchdachter Apps und Software Nischen besetzen zu können. Die Verbindung der potenziellen Kunden mit den Zahlungssystemanbietern ist ein großer und lukrativer Sektor. Das reicht von der Schnittstellenprogrammierung bis hin zum Erstellen von Templates und der Anwendungsdefinition und Beratung.

Zahlreiche Start-ups sind inzwischen im Bereich Digital Payment aktiv und haben zum Teil schon eine große Marktdurchdringung erreicht. Das erzeugt Aufmerksamkeit bei Investoren, die zum Teil hohe Millionenbeträge in diese neuen Marktteilnehmer investieren. Einige Beispiele der jüngsten Vergangenheit sind zum Beispiel:

  • barzahlen.de: Kunden können über Barzahlen Online-Einkäufe, Online-Reisebuchungen oder Rechnungen bequem und sicher in den angeschlossenen Einzelhandelsfilialen bezahlen. 2016 stieg der Einzelhandelskonzern Rewe mit einer siebenstelligen Summe ein, im Oktober sicherte sich die GRENKE Bank – ebenfalls mit einer Millionenspritze – ca. 25% am Unternehmen.
  • payever: Eine Online-Bezahllösung für Verkäufer bietet payever, eine App, die kleineren Online-Händlern das Serviceangebot ermöglicht, das für Kunden von großen Online-Shops längst Normalität ist. Payever überzeugte zuletzt den High-Tech Gründerfonds, der Mitte 2015 in das Start-up investierte.
  • Cringle: Gestartet mit einem EXIST-Gründerstipendium, hat das Berliner Start-up eine App entwickelt, mit der man per Smartphone innerhalb von Sekunden Geld an seine Freunde in ganz Europa überweisen kann. Nachdem die Investitionsbank Berlin bereits in Cringle investierte, konnten zuletzt rund 800.000 Euro auf der Crowdinvesting-Plattform Companisto eingesammelt werden.
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Schnell und unkompliziert Schulden an Freunde überweisen – die Cringle App macht’s möglich (Foto: cringle.net)

Fazit

Ähnliche weitreichende Veränderungen, wie in den beschriebenen zwei Bereichen, warten auch auf ganz anderen Geschäftsfeldern der Finanzwirtschaft. Die Digitalisierung wird in vielen Unternehmen und Sektoren für eine vollkommene Neuorientierung sorgen. Das bietet aber gleichzeitig zahlreiche Chancen für Start-ups und deren Mitarbeiter. Wissen verändert sich rasant und kommt viel schneller in der Realwirtschaft zur Anwendung, als es noch vor 10 Jahren der Fall gewesen ist. Die Innovations- und Anwendungszyklen werden immer kürzer und die Digitalisierung ist nicht zu stoppen. 2017 könnte das Jahr der Fintechs werden.

Über den Gastautor

Andreas Lipkow arbeitet seit 1998 im Investment Banking und war zuletzt bei der Kliegel & Hafner AG als Chefstratege tätig. Die Themenbereiche Hochfrequenzhandel und die Digitalisierung in der Finanzbranche bilden die Schwerpunkte seiner Arbeit.

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