Firmensterben auf Höchststand: Chance für Nachfolger?

187.744 Schließungen in Deutschland: So wurde die Zahl ermittelt
In Deutschland haben 2025 insgesamt 187.744 Unternehmen aufgegeben, knapp 10 % mehr als im Vorjahr. Die Wirtschaftsauskunftei Creditreform und das ZEW Mannheim haben die Zahl am 18. August 2026 in ihrer jährlichen gemeinsamen Analyse veröffentlicht.
Mehr Schließungen wies die Zeitreihe zuletzt 2007 aus, mit fast 208.000. 2025 war bereits der zweite Anstieg in Folge.
Grundlage ist das Mannheimer Unternehmenspanel, das rund drei Millionen wirtschaftsaktive Unternehmen abbildet, inklusive Kleinstunternehmen und selbstständige Freiberufler. Gezählt wird das rechtlich selbstständige Unternehmen, nicht der einzelne Standort. Als Schließung gelten drei Vorgänge: angemeldete Insolvenzen, Abmeldungen und recherchierte Geschäftsaufgaben ohne Verfahren sowie Unternehmen, deren Wirtschaftsaktivität dauerhaft endet.
Die amtliche Statistik kommt auf ganz andere Werte, weil sie Betriebe statt Unternehmen zählt und auch Übergaben, Verkäufe, Verpachtungen und Umzüge als Abmeldung verbucht. Die Zahl der Gewerbeabmeldungen sank 2025 sogar um 1 %. Wer den Marktaustritt daran misst, übersieht die Entwicklung komplett.
Nur jede achte Schließung endet vor dem Insolvenzgericht
Insolvenzbekanntmachungen zeigen nur einen Ausschnitt des Marktgeschehens. Laut dem Mannheimer Unternehmenspanel gingen 2025 lediglich 13 % der Schließungen auf ein Insolvenzverfahren zurück. Jeweils rund 43 % entfielen auf Abmeldungen und recherchierte Geschäftsaufgaben ohne Verfahren sowie auf Gesellschaften, die als nicht mehr wirtschaftsaktiv gelten.
Wer Wettbewerber, Lieferanten oder Übernahmekandidaten beobachtet, verlässt sich damit auf den falschen Indikator. Sieben von acht Abgängen tauchen in keiner Insolvenzbekanntmachung auf. Sichtbar werden sie oft erst Monate später, wenn Kundenanfragen ins Leere laufen oder ein Zulieferer nicht mehr erreichbar ist.
Unsere Partner-EmpfehlungenWarum jetzt auch kerngesunde Betriebe zumachen
Die Bonität der Abgänger hat sich verschoben. Vor ihrer Schließung wurden Unternehmen im Durchschnitt früher als mindestens schwach eingestuft, 2024 und 2025 lag die Durchschnittsnote bei mittlerer Bonität.
Creditreform-Wirtschaftsforscher Patrik-Ludwig Hantzsch fasst es so zusammen: "Anders als in früheren Jahren beenden nun auch eigentlich gesunde Firmen ihre Geschäftstätigkeit."
WirtschaftsWoche
Der zentrale Treiber ist die Demografie im Inhaberkreis: Bei eigentümergeführten Familienunternehmen hatten 2025 29 % der freiwillig geschlossenen Betriebe Inhaberinnen oder Inhaber ab 65 Jahren. 2002 waren es noch 14 %. Rund 86 % aller Unternehmen in Deutschland sind eigentümergeführte Familienunternehmen.
Für die Suche nach Übernahmezielen verschiebt das die Ausgangslage: Ein wachsender Teil der Abgänge ist kein Sanierungsfall, sondern ein Nachfolgefall mit intaktem Geschäftsmodell.
ZEW-Forscherin Sandra Gottschalk beschreibt Betriebe, die schließen, "obwohl diese Unternehmen geschäftsfähig wären". Wer erst nach der Abmeldung anfragt, verhandelt über eine leere Hülle statt über einen laufenden Betrieb.
Gastgewerbe, Bau, Arztpraxen: Wo 2025 die größten Lücken entstanden
Den stärksten Zuwachs verzeichnete das Gastgewerbe. Dort schlossen rund 15.000 Gaststätten und Beherbergungsunternehmen, 15 % mehr als 2024. Im Baugewerbe gaben etwa 24.000 Unternehmen auf (+12 %), im Handel rund 37.000 (+8 %), in der Industrie gut 11.000 (+10 %).
Wer Standorte oder Angebotsgebiete plant, sollte besonders auf die Gesundheitsbranche schauen. Hier gaben knapp 11.000 Unternehmen auf, darunter knapp 5.500 Arztpraxen – ein Plus von 23 %. Die höchsten Schließungsraten liegen im ländlichen Raum, wo die Versorgung dadurch spürbar ausdünnt.
Regional lohnt der Blick auf die Schließungsrate statt auf absolute Zahlen. Im Schnitt schlossen 2025 5,8 % des Unternehmensbestands, 2023 waren es 4,7 %. Bremen führt mit 7,8 %, überproportional zugelegt haben Schleswig-Holstein und Rheinland-Pfalz.
Lohnen sich Betriebsübernahmen jetzt?
Die Zahlen dürften vorerst nicht kippen. Für die energieintensiven Branchen rechnet das ZEW damit, dass sich die Folgen des Irankriegs 2026 in höheren Schließungszahlen niederschlagen.
Nach zwei Anstiegen in Folge wäre das der dritte. Die demografische Welle im Inhaberkreis läuft parallel weiter.
Damit wächst der Bestand an Betrieben, die weitergeführt werden könnten, aber niemanden finden. Weil rund 43 % der Schließungen erst über Creditreform-Eigenrecherchen oder Schätzmodelle sichtbar werden, taucht ein großer Teil dieser Fälle in keiner öffentlichen Liste auf.
Wer übernehmen will, findet Kandidaten eher über Kammern, Branchenverbände und direkte Ansprache als über Insolvenz- oder Gewerbemeldungen.
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Quellen:
idw: Deutlich mehr Unternehmensschließungen
WirtschaftsWoche: Firmensterben so ausgeprägt wie seit fast 20 Jahren nicht
ZEW: Unternehmensschließungen 2025 – zum zweiten Mal in Folge hoher Anstieg [PDF]