Onlineriese feiert Geburtstag Amazon: Wie Jeff Bezos vor 32 Jahren den Konzern gründete

"Cadabra": Der Name, der nach Tod klang
Am Anfang von Amazon stand kein perfekter Markenname. Als Jeff Bezos das Unternehmen am 5. Juli 1994 gründete, hieß es zunächst Cadabra. Der Name sollte an "Abrakadabra" erinnern: an Magie, Verwandlung und die neue Welt des Internets.
Doch die Idee hatte ein Problem. Ein Anwalt soll den Namen am Telefon als "cadaver" verstanden haben, also als englisches Wort für Kadaver oder Leichnam. Für ein junges Unternehmen, das Vertrauen aufbauen wollte, war das ein denkbar schlechter Klang.
Bezos suchte weiter und landete bei Amazon. Der Name klang groß, fremd und mächtig. Er erinnerte an den Amazonas, einer der größten Flüsse der Welt – passend zu Bezos’ Ziel, die größte Buchhandlung der Welt aufzubauen.
So wurde aus einer kleinen Namenspanne ein frühes Signal für Amazons Anspruch: Dieses Unternehmen wollte nicht nett klingen. Es wollte größer wirken als alles, was der junge Onlinehandel bis dahin kannte.
Die Anfänge als Buchhandel
Als Jeff Bezos 1995 mit Amazon.com online ging, sah das Unternehmen noch nicht nach Weltkonzern aus. Die ersten Bestellungen wurden in einer Garage in Seattle bearbeitet. Bezos und sein kleines Team packten Bücher, improvisierten Abläufe und arbeiteten an einer Idee, die größer war als der Raum, in dem sie entstand.
Die Wahl fiel nicht zufällig auf Bücher. Bezos suchte ein Produkt, das sich gut im Internet verkaufen ließ: viele Titel, klare Daten, keine Größen, keine Anprobe.
Ein stationärer Laden konnte nur eine begrenzte Auswahl zeigen. Eine Website konnte theoretisch Millionen Titel anbieten.
Der erste große Trick war also nicht Größe. Es war Fokus: Amazon startete als Buchhandlung, baute Vertrauen auf und lernte, Bestellungen zuverlässig auszuliefern. Erst danach wurde aus dem Buchladen Schritt für Schritt der "Everything Store".
Unsere Partner-Empfehlungen"Es ist immer Tag 1"
1997 ging Amazon an die Börse. Das Unternehmen war noch jung, schrieb Verluste und verkaufte vor allem Bücher. Doch Bezos versprach Anlegern keine schnelle Rendite. Er versprach eine Wette auf die Zukunft.
In seinem ersten Aktionärsbrief formulierte er den Gedanken, der Amazon bis heute prägt: "It’s All About the Long Term."
Bezos wollte Marktanteile, Kundenvertrauen und Wachstum höher gewichten als kurzfristige Gewinne. Für viele Investoren war das riskant. Für Amazon wurde es zur Betriebsanleitung.
Der berühmteste Satz folgte als Haltung dahinter: Bei Amazon solle es immer "Day 1" bleiben.
Also: nie satt werden, nie verwalten, nie so tun, als sei der Erfolg schon sicher. Ein Weltkonzern sollte denken wie ein Unternehmen am ersten Tag.
Damit wurde aus Amazon mehr als ein Onlinehändler. Bezos verkaufte nicht nur Bücher, sondern eine Erzählung: Wer heute geduldig Kapital investiert, könnte morgen den Handel verändern. Genau diese Geschichte gab Amazon den langen Atem, den viele frühe Internetfirmen später nicht hatten.
Volles Risiko: Amazon wird zum Marktplatz
Im Jahr 2000 tat Amazon etwas, das auf den ersten Blick gefährlich wirkte: Der Onlinehändler öffnete seine Plattform für andere Verkäufer. Plötzlich standen nicht mehr nur Amazons eigene Angebote im Schaufenster, sondern auch Produkte von Drittanbietern.
Für Amazon war das ein radikaler Schritt. Wer fremde Händler zulässt, gibt Kontrolle ab und holt sich Konkurrenz direkt auf die eigene Seite. Doch genau daraus entstand der nächste Wachstumsschub.
Der Marktplatz machte Amazon größer, ohne dass Amazon jedes Produkt selbst einkaufen, lagern und verkaufen musste. Kunden fanden mehr Auswahl. Händler fanden Zugang zu Millionen Käufern.
Aus dem Buchhändler wurde damit endgültig mehr als ein Händler. Amazon baute nicht nur einen Laden im Internet. Amazon baute den Ort, an dem andere verkaufen wollten.
Wie Amazon das Internet verkaufte
2005 führte Amazon in den USA Prime ein. Für eine Jahresgebühr bekamen Kunden schnellen Versand, ohne bei jeder Bestellung neu über Lieferkosten nachzudenken. Aus einem Service wurde eine Gewohnheit.
Prime veränderte die Erwartung an den Onlinehandel. Plötzlich war nicht mehr nur der Preis entscheidend, sondern auch die Frage: Wie schnell ist das Paket da?
Ein Jahr später folgte der nächste Sprung. Mit AWS machte Amazon technische Infrastruktur als Dienst verfügbar. Speicherplatz und Rechenleistung mussten nicht mehr teuer aufgebaut werden, sondern konnten flexibel gemietet werden.
Das war der Moment, in dem Amazon endgültig über den Warenkorb hinauswuchs. Der Konzern lieferte nicht mehr nur Bücher, Kameras oder Kabel. Er wurde zur Infrastruktur für Kunden, Händler und später auch für große Teile der digitalen Wirtschaft.
Jeff Bezos' Rücktritt als CEO
Am 5. Juli 2021 trat Jeff Bezos als CEO von Amazon zurück. Es war ausgerechnet der 27. Jahrestag der Unternehmensgründung. Aus dem Gründer wurde der Executive Chairman, aus dem Konzern ein Unternehmen, das längst ohne seine tägliche Führung funktionieren musste.
Sein Nachfolger wurde Andy Jassy. Jassy hatte zuvor AWS geführt, also genau jenen Bereich, der Amazon vom Onlinehändler zum Technologiekonzern gemacht hatte.
Doch mit der Größe wuchs auch der Druck: Amazon stand nicht mehr nur für Auswahl, Tempo und bequemen Einkauf. Der Konzern wurde zum Symbol für Marktmacht, harte Plattformregeln und die Frage, wie viel Einfluss ein einzelnes Unternehmen auf Handel und digitale Infrastruktur haben darf.
32 Jahre "Day 1"
Heute ist Amazon kein Buchhändler mehr, kein reiner Onlineshop und auch kein klassischer Tech-Konzern. Amazon ist Marktplatz, Logistiker, Cloud-Anbieter, Werbeplattform, Streamingdienst und KI-Infrastruktur zugleich. Genau darin liegt die Stärke des Konzerns, aber auch sein größtes Risiko.
Denn Größe schützt nicht vor Angriffen. Im Handel machen Walmart, Temu, Shein und TikTok Shop Druck.
In der Cloud kämpft AWS gegen Microsoft Azure und Google Cloud. Und bei künstlicher Intelligenz muss Amazon zeigen, dass es neben Microsoft, Google, Meta, OpenAI und Anthropic nicht nur Infrastruktur liefert, sondern auch die nächste technische Welle mitprägt.
Doch einem Satz bleibt sich Amazon bis heute treu: Es soll immer "Day 1" bleiben. Amazon ist längst kein Startup mehr. Aber der Konzern handelt weiter so, als könne der Erfolg morgen wieder auf dem Spiel stehen.
Was Unternehmer aus 32 Jahren Amazon lernen können: Große Unternehmen entstehen selten aus fertigen Masterplänen. Sie entstehen, wenn Gründer eine kleine Wette ernst genug nehmen, um sie immer wieder neu zu erfinden.
Auch spannend:
- Reformpaket: Was auf Selbstständige zukommt
- Geschäftskonto: Top-Deals im Juli
- Franchise: 300.000 € Umsatz mit Coffee-Bike
Quellen:
aboutamazon.de: Von der Garage zum Global Player: Amazons 20-jährige Erfolgsgeschichte; Amazon's original 1997 letter to shareholders [englisch]
Europäische Kommission: Antitrust: Commission accepts commitments by Amazon barring it from using marketplace seller data, and ensuring equal access to Buy Box and Prime [englisch]
History: Amazon is founded by Jeff Bezos [englisch]