"Sich Zeit für Menschen zu nehmen, lohnt sich immer"

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Best Practice

Müsli rösten, um Menschen zu beschäftigen - mit diesem Ansatz feiert HEYHO, Sonderpreisträger des KfW Award Gründen 2021, sein fünfjähriges Jubiläum. Lest über die Herausforderungen der sozialen Müslirösterei und wie sich ihr Modell deutschlandweit ausbreiten könnte.

HEYHO
Ausgezeichnet: Die soziale Müslimanufaktur HEYHO hat den Sonderpreis des KfW Award Gründen 2021 erhalten. (Foto: Kai-Hendrik Schröder)

Die Vision war von Anfang an klar: Sie wollen Menschen, die niemand einstellt, eine berufliche Teilhabe und Perspektive bieten. Ob Ex-Häftlinge, Menschen mit psychischen Erkrankungen oder ehemals Suchtkranke - alle haben bei HEYHO eine Chance.

Wo man positives Staunen oder Bewunderung gegenüber dem Gründertrio erwarten könnte, schwappten ihm nur Widerstände und Vorurteile entgegen. Wie solle man mit ihnen wirklich arbeiten, wie belastbar werden sie sein und wie soll man mit einer sozialen Manufaktur Geld verdienen? Die Antwort des Co-Gründers Christian Schmidt klingt einfach:

Wir legen einfach mal los!

Beharrlichkeit, ein fester Wille und Empathie geben ihnen schließlich recht: Die veganen Müslis erzeugen positive Resonanz, das Team ist auf 25 Personen angewachsen, davon 9 mit schwierigen Biografien und der Betrieb ist auf dem Weg, profitabel zu werden.

Was sich so einfach in der Aufzählung anhört, ist ein beständiges Ausprobieren, Lernen und Raum für Begegnungen schaffen. "Es liegt viel Arbeit hinter und noch viel vor uns", zieht Christian Bilanz ihres fünfjährigen Bestehens.

Man kann nicht nur einen sozialen Gewinn durch Spenden oder CO2-Reduktion erreichen, sondern durch eine zugewandte Einstellungspolitik.

So ist das Gründertrio - Timm Duffner, Stefan Buchholz und Christian Schmidt - gerade dabei, ein Modell zu entwickeln, in dem sie Handlungsempfehlungen für Betriebe geben, wie man Menschen mit schwierigen Lebensläufen, die auf dem ersten Arbeitsmarkt keine Chancen haben, in den Regelbetrieb eingliedert.

Wir wollen die Menschen in ihren Talenten bestärken und dazu beitragen, dass sie sich weiterentwickeln können.

HEYHO Team
HEYHO schafft bewusst Räume für Begegnungen. Die offene Gesprächskultur sorgt dafür, dass die Mitarbeiter offen mit ihren Lebensumständen umgehen können. (Foto: Kai-Hendrik Schröder)

Dass es funktioniert, hat HEYHO bewiesen. Alle Mitarbeiter sind gleichgestellt und nun stehen die nächsten Wachstumsschritte an.

Mittlerweile braucht die soziale Müslimanufaktur aufgrund ihrer Teamgröße neue Hierarchieebenen, wie zum Beispiel eine Schichtleitung in der Produktion. Klassische Führungs- und Personalfragen stehen auf der Agenda: Wer kann mehr Verantwortung übernehmen? Wer ist belastbar für die neuen Aufgaben?

Knatsch ist normal und es gibt Konflikte, wer ist schneller, wer ist langsamer? 

Wichtig ist es, den Knatsch nicht einfach abzutun, sondern die Mitarbeiter gut zu führen.

Von erster Pöbelei zum positiven Gespräch

Dafür ist eines besonders wichtig: Empathie.

Wir haben keinen bewussten Führungsstil, sondern sind den Menschen im Team erstmal radikal zugewandt.

Das heißt nicht, dass alles geduldet wird, denn der Betrieb muss professionell weiterlaufen. "Aber man muss Widerstände aushalten können", betont Christian.

Man sollte Konflikte als Chance sehen.

Ein Mitarbeiter sei beispielsweise gerade in einem starken Entwicklungsprozess. Er will viel Verantwortung übernehmen, aber pöbelt manchmal etwas herum. Die einen würden sagen "Der soll sich mal beruhigen und seinen Job machen." Wir sagen: "Ihm ist es wichtig, dass die Prozesse laufen und er drückt es durch etwas rotzige Pöbeleien aus. Wir können ihn dabei unterstützen, in dem wir Prozesse strukturieren und haben ihn daher zu einem Einzelgespräch eingeladen."

Zwischen enger Begleitung und klassischem Betriebsablauf

Zeit und genaues Hinhören führen zum Erfolg.

Wir haben ein ehrliches Interesse daran, was los ist und sind bereit, an den Widerständen zu wachsen, auch wenn es manchmal schwer ist. Natürlich könnten wir in der Zeit auch mit Neukunden statt mit Mitarbeitern sprechen.

Unser Ziel ist es aber, lange mit den Menschen bei uns zu arbeiten. HEYHO ist kein Sprint, sondern ein Marathon.

Wir können nicht alles kompensieren und sind auch kein Familienersatz, sondern ein empathischer Arbeitgeber, der sich wünscht, dass die Mitarbeiter Spaß in der Müslimanufaktur haben.

Vorgegebene Strukturen sowie regelmäßige Termine mit der Personalleitung und dem Team dienen dazu, über die aktuellen Aufträge genauso zu sprechen wie über Probleme. So wird alles bestmöglich geklärt.

Offene Gesprächskultur und gemeinsames Essen

Die offene Gesprächskultur führt dazu, dass Menschen mit Depressionen, welche in der Arbeitswelt tabuisiert sind, bei HEYHO offen darüber reden können. Es gibt Tage, wo diese Mitarbeiter zum Beispiel nur im Bett bleiben können.

Wir versuchen auf die Lebensumstände der Mitarbeiter einzugehen, hören zu und versuchen zu helfen wo es geht.

Bei anderen Mitarbeitern habe es geholfen, die Belastungsgrenzen herauszufinden. Mit einer Arbeitszeitveränderung - anstelle von 8 Stunden an 4 Tagen auf etwas mehr als 6 Stunden an 5 Tagen - konnten sie Arbeitsausfälle reduzieren.

Wir fragen uns immer, was wir als Geschäftsführung beitragen können.

Geht es einem Teammitglied nicht gut, können sie auf ein Hilfsnetzwerk aus Sozialinstitutionen in Lüneburg zurückgreifen und können ihm sofort Hilfe anbieten und sie begleiten.

Wir haben keinen klassischen Arbeitsalltag, sondern einen Blumenstrauß an Aufgaben. Aber der Betrieb muss immer professionell weiterlaufen.

Christian ist vor allem für die Prozesse hinter HEYHO zuständig, für die Buchhaltung und operative Logistikprozesse. "Der menschliche Austausch durch die gemeinsame Zeit mit dem Team sind daher ein schöner Ausgleich zu meiner ansonsten oft eher technischen Arbeit."

Schön seien insbesondere die Erfolge. Eine Mitarbeiterin war beispielsweise längere Zeit in einer stationären Unterbringung. Dank der Anstellung bei HEYHO und eines Wohnberechtigungsscheins hat es nun geklappt, dass sie bald ihre erste eigene Wohnung nach einer längeren Krisenzeit beziehen kann.

Die Geschäftsführer sorgen nicht nur mit einem Stundenlohn von 13 Euro für ungelernte Mitarbeiter dafür, dass sie über die Runden kommen können, sondern helfen zum Teil auch bei Formularen.

Wir haben eine starke zusätzliche Verantwortung. Dabei schaffen wir bewusst Räume für Begegnungen. Das ist sehr bereichernd.

Der Austausch zwischen den Mitarbeitern wird auch beim täglichen Mittagessen gefördert. Ein Teammitglied kümmert sich um den Einkauf und kocht täglich für das ganze HEYHO-Team.

Mit blauem Auge durch die Corona-Zeit

Während der ersten Corona-Krise wurde die soziale Müslirösterei auf die Probe gestellt. Sie mussten Produktionsobergrenzen einführen, konnten nur noch 8 Leute pro Halle - natürlich mit Maske und Abstand - beschäftigen und im Schichtsystem arbeiten, damit die Produktion nicht still steht. 

Abgesehen davon konnten sie ihre Gastronomieoffensive nicht starten.  Zum Glück hatten sie früh auf ihren eigenen Online-Shop gesetzt, auch die steigende Nachfrage nach besonderen Bio-Lebensmitteln half dem Betrieb durch die Zeit. Denn HEYHO beliefert viele kleine und große Biohändler, wie z.B. Alnatura. 

HEYHO Müsli
Die Nachfrage nach dem Bio-Müsli von HEYHO steigt. Es locken Sorten wie "Peanut Power to the People", "Frühsportfreunde", "Late Night Breakfast" oder "Golden ChaiChai". (Foto: Lina Sternberg)

In der Weihnachtszeit stand die Frage im Raum, den Betrieb zwischen den Jahren für eine kurze Verschnaufpause zu schließen.

Die Begegnung und das Zusammenkommen ist jedoch Kern bei uns.

Die Weihnachtszeit ist eine sehr emotionale Zeit. Für einige Mitarbeiter ist dies belastend. Da besteht die Gefahr, dass MitarbeiterInnen wieder durch persönliche Krisen in alte Muster zurückfallen.

Wir haben daher ganz bewusst beschlossen, jedes Jahr den Betrieb zwischen den Jahren offenzulassen. Einer von der Leitung ist immer da und hat eine offene Tür.

Es werden in Ruhe Pakete gepackt, Tee getrunken und das Büro aufgeräumt.

Der Regelbetrieb darf nie zulasten der Schwächsten im Team gehen. Wir nutzen keine starke Effizienzschraube, sondern stellen lieber mehr ein.

Das bedeutet fürs Team: So gut wie keine Überstunden und aktuell kein zusätzlicher Dienst am Wochenende. Zusätzliche studentische Aushilfen verstärken dann das Team. Und wenn die Nachfrage nach Müsli steigt, können wieder mehr Menschen eingestellt werden.

Ein Drittel der Belegschaft besteht aus Menschen mit schwierigen Lebensläufen. Das Verhältnis muss passen, damit es auch genug Resilienz gibt. Das Gründerteam achtet auf Stärken und Schwächen und wenn es mehr Bedarf gibt, werden die Studenten gefragt, ob sie mehr Stunden arbeiten wollen.

Das Gründer-Trio ist ständig dabei zu schauen, wie ein gesundes Wachstum verlaufen kann, was dies für die Produktion bedeutet und wie sich die Prozesse weiterentwickeln. Aktuell arbeiten sie an neuen Verpackungen neben dem bekannten Glas, um eine massentaugliche Produktionsgröße mit einer größeren Beutellösung zu schaffen. Prinzipiell soll auch das Produktfolio erweitert werden.

Wir brauchen Unterstützung, um die Arbeit auf mehr Schultern zu verteilen, Strukturen aufzubauen und alles modellhaft in Form zu bringen.

Sie wollen das HEYHO-Modell zum Leben erwecken, versuchen den sozialen Impact zu skalieren und es so vielen Menschen wie möglich ermöglichen, einen echten Arbeitsplatz zu finden.

Sich Zeit für Menschen zu nehmen, lohnt sich immer.

Über die Auszeichnung als Sonderpreisträger des KfW Award Gründen 2021 freuen sie sich sehr. "Das ist für uns eine schöne Wertschätzung", betont Christian. "Dadurch bekommen wir Raum, unsere Vorstellung von Unternehmertum zu zeigen. Wir glauben, dass reine profitorientierte Unternehmen keine Zukunft haben."

Viele Transformationsprozesse zeigen es bereits. Das Bedürfnis nach menschlicher Begegnung nehme zu.

Der Schlüssel zum Erfolg: 7 Learnings von HEYHO:

  • ehrliches Interesse an Menschen zeigen und leben
  • Routinen zum Start am Morgen
  • gemeinsame Anlässe schaffen (z.B. Mittagessen)
  • Unterstützung anbieten, wenn benötigt
  • als Geschäftsführung achtsamer sein
  • Konflikte als Chance sehen
  • Wege zur Entwicklung aufzeigen

Lest mehr über die Geschäftsidee von HEYHO und wie alles begann. 

KfW Award Gründen

  • Seit 24 Jahren zeichnet die KfW Bankengruppe Unternehmen in den ersten fünf Jahren ihrer Geschäftstätigkeit mit dem KfW Award Gründen (ehemals GründerChampions) aus. Für den renommierten Preis können sich Unternehmen aller Branchen bewerben, die ihren Sitz in Deutschland haben. Die Preisträger werden von einer Jury aus erfahrenen Vertreterinnen und Vertretern aus der KfW, Politik und Wirtschaft ausgewählt. Die Preisverleihung fand am 28. Oktober statt. Das sind die 16 besten Start-ups Deutschlands.
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