Neue IW-Zahlen Fachkräftemangel: 723.000 Stellen bis 2029 unbesetzt?

Dritte Fortschreibung seit 2023: Wie das IW auf 723.000 kommt
Seit 2023 rechnet das Institut der deutschen Wirtschaft in einer eigenen Studienreihe durch, wie sich Beschäftigung und Fachkräftelücke entwickeln würden, wenn die beobachteten Trends unverändert weiterlaufen. Die erste Ausgabe stützte sich auf Daten bis 2022, als die Fachkräftelücke ihren höchsten Stand seit Beginn der Messung im Jahr 2010 erreicht hatte. Die jetzt vorgelegte Fassung ist die dritte Aktualisierung dieser Reihe.
Für sie hat Autor Alexander Burstedde die Trends der Jahre 2018 bis 2024 in rund 1.300 Berufen bis 2029 fortgeschrieben, auf Basis von Zahlen der Bundesagentur für Arbeit und des Statistischen Bundesamts. Der Datenstand endet Ende 2024. Neben der Lücke von 723.000 ergibt die Rechnung auch ein Beschäftigungsplus auf 35 Millionen Menschen.
Entscheidend für die Einordnung: Die 723.000 sind ausdrücklich keine Prognose. Die Fortschreibung zeigt, was passieren würde, wenn alles so weiterliefe, und macht damit vor allem Trendänderungen und politische Stellschrauben sichtbar. Wer daraus Personalplanung ableitet, arbeitet mit einem Szenario, nicht mit einer Vorhersage.
Drei Entwicklungen stecken in der Rechnung noch nicht drin: der Rückgang der Fachkräftelücke im Jahr 2025, der aktuelle Geburtenrückgang und die zusätzliche Nachfrage durch das Sondervermögen. Den Rückgang von 2025 erwartet das IW in der nächsten Fortschreibung als weitere Abschwächung der Trends, der Bedarf aus dem Sondervermögen zieht dagegen nach oben.
Warum die aktuelle Ruhe am Bewerbermarkt täuscht
Viele Unternehmen halten sich derzeit bei Neueinstellungen zurück, und die Fachkräftelücke ist 2025 noch einmal deutlich gesunken, auf knapp 370.000. Burstedde ordnet genau diese Zurückhaltung als Täuschung über den strukturellen Trend ein. Für die Personalplanung heißt das: Die entspanntere Bewerberlage ist ein Konjunktureffekt, kein neuer Normalzustand.
Der demografische Druck läuft davon unabhängig weiter. Immer mehr Babyboomer gehen in Rente, während der Wanderungssaldo mit der EU 2024 erstmals seit 2008 negativ war. Wer Engpassstellen über internationale Fachkräfte besetzen will, sollte Anwerbung und Onboarding als eigenen Prozess aufbauen statt als Notlösung im Einzelfall.
Praktisch entsteht daraus ein Zeitfenster. Ein Betrieb, der eine Schlüsselposition ohnehin in den nächsten Jahren besetzen muss, entscheidet mit dem Zeitpunkt der Ausschreibung mit, in welchem Markt er sucht.
Unsere Partner-EmpfehlungenVerkauf, Kita und Pflege: Wo die Nachbesetzung 2029 am zähesten wird
Die größte Lücke sieht das IW im Verkauf: Gut 39.000 Stellen für Einzelhandelskaufleute und verwandte Berufe blieben 2029 unbesetzt, wenn die Trends so weiterlaufen. Wer ein Ladengeschäft aufbaut oder eine zweite Filiale plant, sollte längere Vakanzen und teurere Nachbesetzungen schon jetzt in die Standortrechnung schreiben.
Dahinter folgen Kinderbetreuung und -erziehung mit 29.900 fehlenden Fachkräften, Sozialarbeit und -pädagogik mit 23.600, Gesundheits- und Krankenpflege mit 18.700 sowie Bauelektrik mit 17.400. Freie Kita-Träger, Pflegedienste und Elektrobetriebe kalkulieren ihr Wachstum damit künftig nicht mehr entlang der Nachfrage, sondern entlang der verfügbaren Fachkräfte. Das verschiebt auch die Frage, welche Aufträge ein Betrieb überhaupt annehmen kann.
Ausbildungsberufe klettern im Engpass-Ranking nach oben
Für Industrie- und Handwerksbetriebe steckt die eigentliche Nachricht in einer Verschiebung: Ausgerechnet gewerblich-technische Ausbildungsberufe rücken im Ranking der größten Lücken nach oben. Mechatronik sowie Maschinenbau- und Betriebstechnik gewinnen gegenüber der ersten Fortschreibung je 16 Plätze und stehen nun auf den Rängen 10 und 11. Kraftfahrzeugtechnik liegt auf Platz 7, elektrische Betriebstechnik auf Platz 9.
In absoluten Zahlen fehlen 2029 rund 15.900 Fachkräfte in der Kraftfahrzeugtechnik, 13.800 in der elektrischen Betriebstechnik und 13.600 in der Mechatronik. Wer Wartung, Montage oder Anlagenbau anbietet, gehört damit zu den Betrieben, die ihre Nachfolgeplanung für ausscheidende Facharbeiter jetzt aufsetzen sollten. Dazu kommen rund 15.000 fehlende Experten für Bauplanung und -überwachung, weshalb das IW die Umsetzung des Sondervermögens am Personal scheitern sieht.
Für den Anstieg gerade in diesen Berufen nennt die Studie zwei mögliche Erklärungen: Entweder finden Betriebe keinen Ersatz für die in Rente gehenden Babyboomer, die überwiegend eine Ausbildung haben, während der Nachwuchs häufiger studiert. Oder die Anforderungen wandeln sich in der Transformation so schnell, dass vorhandene Beschäftigte und Arbeitslose mit formal passender Qualifikation sie nicht mehr erfüllen.
In beiden Fällen liegt der Hebel im eigenen Betrieb, und zwar in Aus- und Weiterbildung. Wer eigene Azubis übernimmt und Bestandspersonal auf die neuen Anforderungen qualifiziert, macht sich unabhängiger von einem Markt, auf dem genau diese Qualifikationen knapper werden.
Fachkräftesicherung bis 2029: Ausbildung schlägt Stellenanzeige
Bis 2029 sind es noch drei Jahre, ungefähr die Dauer einer dualen Ausbildung. Wer jetzt einen Ausbildungsplatz besetzt, hat am Ende dieses Zeitraums eine fertig eingearbeitete Fachkraft im Betrieb, statt eine Anzeige zu schalten.
Das IW selbst sieht die Höhe der Lücke als Frage politischer Weichenstellungen. Burstedde fordert: "Die Politik sollte kurzfristig die Arbeitsanreize erhöhen und mehr qualifizierte Zuwanderung aus EU-Drittstaaten organisieren." Ob und wann das greift, ist offen. Und damit bleibt für die eigene Personaldecke vor allem das, was der Betrieb selbst steuert: Azubis gewinnen und halten, Bestandspersonal weiterqualifizieren, Nachfolgen früh regeln.
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Quellen:
FinanzNachrichten: Studie: Fachkräftemangel könnte bis 2029 auf 723.000 steigen
Institut der deutschen Wirtschaft: Arbeitsmarkt: 2029 fehlen 723.000 Fachkräfte