Wie man durch einen “Späti” Elektroschrott vermeidet und die Geldbörse schont



Ein durchschnittlicher Deutscher nutzt 13 Minuten seines Lebens eine Bohrmaschine, aber rund 80 % besitzen solch ein relativ teures Gerät. Die Gründer von Leihbar haben hier ein Geschäftsmodell erkannt und ermöglichen Verbrauchern die Nutzung von hochwertigen Werkzeugen, Haushalts- und Unterhaltungsgeräten, ohne dass man diese gleich kaufen muss. Bei ihrem Verleihsystem können Nutzer Geräte online mieten und in Berliner Partnershops abholen. Das reduziert Elektroschrott und schont die Geldbörse. Im Interview erzählt uns Michael Conzelmann, wie die Idee entstanden ist und was Berliner Spätis damit zu tun haben.

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Das aktuelle Team von Leihbar (Bildquelle: leihbar.net)

Für-Gründer.de: Hallo Michael, du bist Mitgründer von Leihbar. Worum handelt es sich bei dabei genau?

Michael Conzelmann von Leihbar: Nutzen statt Besitzen ist als Trend längst im Alltag angekommen: Die prominentesten Beispiele sind B2C-Carsharing und Peer2Peer-Wohnungs-Vermietung à la AirBnB. Aber auch bei Gebrauchsgegenständen stellt sich die Frage: Wollen wir die Bohrmaschine – oder das Loch in der Wand? Eine große Hürde ist der Zugang: Je mehr Zeit für Abholung und Rückgabe investiert werden muss, desto unattraktiver wird das Angebot.

Leihbar schließt diese Lücke mit einem engmaschigen Netz an Verleihstationen. Die bereits vorhandene Infrastruktur Berlins wird genutzt: Bohrmaschinen und Co. können bequem im Spätkauf – dem “Späti” – oder Café um die Ecke abgeholt werden. Auf leihbar.net wird mit wenigen Klicks aus einem Sortiment hochwertiger und langlebiger Gebrauchsgegenstände gebucht. Leihbar-Kunden können so mit wenig Aufwand und ohne zusätzliche Wege den Wunsch-Gegenstand genau dort ausleihen, wo sie ihn nutzen wollen.

Für-Gründer.de: Wer gehört neben dir zum Team und wie kamt ihr auf diese Idee?

Michael Conzelmann von Leihbar:

Ein durchschnittlicher Deutscher benutzt in seinem Leben statistisch betrachtet 13 Minuten lang eine Bohrmaschine. Dennoch haben 80% der Deutschen eine. Da habe ich mich gefragt: „Geht das nicht besser?”

Mein Mitgründer Andreas Arnold hat in Indien die Erfahrung gemacht, dass man sich dort fast alles leihen kann. Da wir im P2P-Sharing, also wenn Lieschen Müller und Max Mustermann sich gegenseitig Geräte leihen, kein Geschäftsmodell gesehen haben, fiel die Wahl während unserer Zeit beim Social Impact Lab auf die B2C-Variante: Wir vermieten an die Nutzer.

Der dritte im Bunde ist Marvin Horstmann, der mit uns den Prototypen für einen Leihautomaten, die Sharing Box, gebaut hat. Mit dem haben wir leider den zweiten Schritt vor dem ersten gemacht. Erst einmal muss der Markt erschlossen werden. Und das geht am einfachsten mit den Spätis als Partner.

Im Schnitt nutzt jeder Deutsche nur 13 Minuten lang seines Lebens eine Bohrmaschine, aber 80 % besitzen eine. Leihbar.net hebt diese Ineffizienz auf. (Quelle: Leihbar.net)
Leihbar ermöglicht es Verbrauchern, Handwerksgeräte  zu nutzen, ohne diese gleich besitzen zu müssen. (Bildquelle: Leihbar.net; www.thinkstockphotos.de)

Für-Gründer.de: Ressourcenknappheit und zunehmende Umweltverschmutzung werden in der öffentlichen Wahrnehmung immer wichtiger – wo ordnet ihr euch mit Leihbar hier ein?

Michael Conzelmann von Leihbar: Wir sprechen regelmäßig auf Konferenzen zu Nachhaltigkeits-Themen. Vor allem für die Kreislaufwirtschaft bietet Sharing großes Potential: Hersteller entwickeln ein Eigeninteresse an Langlebigkeit und Reparierbarkeit.

Die Rohstoffe bleiben außerdem in ihrem Besitz, sie können also hochwertige Materialien einsetzen und erhalten diese zurück, wenn das Gerät nicht mehr zu reparieren ist. Der Effekt von Bewusstseinsbildung in Sachen Nachhaltigkeit wird jedoch stark überbewertet: Wissen wird meist nicht in Handeln umgesetzt.

Für die meisten Großstädter ist es schon lange unwirtschaftlich, ein eigenes Auto zu besitzen. Seit aber an jeder Ecke ein Carsharing-Auto steht, nutzen sie es.

Wenn das Richtige das Einfache ist, verhalten sich die meisten Menschen richtig. Ökologische Aspekte spielen da eine untergeordnete Rolle.

Leihbar setzt auf dieses „Nudging”: Wir machen Mieten einfach und besser. Wir gewöhnen die Nutzer an hochwertige Geräte und durchdachte Produktdesigns, damit sie sich grundsätzlich keinen Schrott mehr kaufen. Ob sie absichtlich oder aus Bequemlichkeit das Richtige tun, spielt unterm Strich keine Rolle.

Für-Gründer.de: Ihr habt im September 2015 ein neues Verleihsystem über Berliner Kioske gestartet. Wie funktioniert das Verleihsystem im Detail? Was springt für die Kioskbesitzer dabei raus?

Michael Conzelmann von Leihbar: Unser neuester Standort ist der urbane Garten „Prinzessinnengarten”. Die Nutzer buchen ihr gewünschtes Gerät online und bezahlen vorab. Am nächsten Tag können sie es in einer von sieben Partner-Locations gegen Vorlage des Ausweises abholen – und auch wieder zurückgeben. Die Partner erhalten eine Grundvergütung und eine Pauschale je Übergabe. Außerdem kaufen 30% der Kunden etwas. Ein Späti-Besitzer hat mir erst kürzlich erzählt, dass er durch Leihbar einen neuen Stammkunden gewonnen hat. Dieser hatte den Laden bisher nicht auf dem Schirm.

Für-Gründer.de: Wie findet ihr ganz generell neue Kunden?

Michael Conzelmann von Leihbar: Zuerst stellen wir sicher, dass uns die Nutzer, die etwas mieten wollen, auch finden. Wir sind auf Miet-Plattformen präsent, schalten aber auch gezielt Adwords für einzelne Produkte. Da wir einen einzigartigen Service anbieten, spricht sich das rum: 30% unserer Kunden kommen durch Empfehlung zu uns. Für unsere Werbe-Kampagnen für die Marke ist ein Dauerbefeuerung und mehr Budget notwendig, um die Aufmerksamkeitsspanne der Nutzer nicht zu überreizen, da teilweise zwischen erster Ansprache und Nutzung bis zu ein Jahr vergeht.

Für-Gründer.de: Welchen Anreiz haben Elektronikhersteller, euch ihre Produkte zur Verfügung zu stellen?

Michael Conzelmann von Leihbar: Da wir nur eine Bohrmaschine, einen Staubsauger oder einen Dampfreiniger listen, erfüllen wir eine Gatekeeper-Funktion: Die bei uns gelisteten Marken profitieren von unserem idealistischen Image und unserem Fokus auf hochwertige Geräte.

Einige Geräte, momentan sind das zum Beispiel der Kärcher Dampfreiniger und der Dyson Staubsauger, mieten die Nutzer, um sie vor dem Kauf zu testen. Sie wollen wissen, ob die Premium-Geräte ihr Geld wert sind.

Mit einigen Herstellern versuchen wir außerdem herauszufinden, ob eine Tertiärisierung, also der Umstieg von Produktion und Verkauf auf ein Nutzen-statt-Besitzen-Modell, für sie eine Zukunftsperspektive ist.

Für-Gründer.de: 2015 wurdet ihr auch im Rahmen des EXIST-Gründerstipendiums gefördert. Wie habt ihr davon – neben dem finanziellen Aspekt – profitiert?

Michael Conzelmann von Leihbar: Das Centre for Entrepreneurship (CfE) der TU ist natürlich ein sehr hochwertiger Inkubator: Wir hatten inhouse Zugang zu Beratern in allen wichtigen Bereichen der Gründung. Wir haben spannende Kontakte zu etablierten Start-ups geknüpft, Seminare mit guten Experten besucht. Außerdem hat das CfE ein weitverzweigtes Alumni-Netzwerk. Der Name öffnet Türen, die ohne das CfE-Siegel verschlossen geblieben wären.

Am wichtigsten ist dabei, unternehmerisch denken zu lernen, glaube ich. Wir hatten zum Beispiel mit der Sharing-Box eine Technologie entwickelt, ohne die Marktgröße wirklich abschätzen zu können: Ein klassischer Ingenieurs-Fehler.

Heute würde ich das alles viel leaner und prototypenhafter gestalten, um schnelle Ergebnisse zu erzielen – getreu dem Motto: „If you’re not ashamed of your product, you’ve launched too late.”

Für-Gründer.de: Welche Kapitalquellen habt ihr für die Anfangsphase neben EXIST gehabt?

Michael Conzelmann von Leihbar: Den meisten Investoren sind die Wachstumsaussichten nicht hoch genug, weshalb sie von einem Einstieg abgesehen haben. Wir sind eben kein klassisches Start-up, bei dem sich die Einnahmen irgendwann von den Kosten abkoppeln. Je mehr wir vermieten, desto mehr Arbeit haben wir auch damit.

Außerdem wurden unsere Annahmen zu Missbrauch und Beschädigungen der Leihgüter von potentiellen Investoren als unrealistisch und daher als Kostentreiber eingestuft. Am Ende stellte sich aber heraus: Unsere Einschätzungen waren sogar zu konservativ. Es gibt minimale Schäden, in weniger als 1% der Fälle findet eine Unterschlagung statt – die meist auch nicht von langer Dauer ist, da wir ja bei der Übergabe eine Ausweiskontrolle durchführen.

Für-Gründer.de: An welcher Stelle verdient ihr mit Leihbar Geld?

Michael Conzelmann von Leihbar: Wir vermieten unsere Geräte zum Tagestarif an Endkunden. Da viele unserer Nutzer Geräte zu Testzwecken mieten, wollen wir in Zukunft auch an der Vermittlung verdienen. Also entweder die Kunden mit den Herstellern vernetzen oder direkt nach dem Mieten über leihbar.net zum Kauf anbieten.

Für-Gründer.de: Wie sehen die nächsten zwölf Monate von Leihbar aus? Gibt es euer Konzept bald vielleicht schon in anderen Großstädten? Wie wollt ihr die Idee weiter verbreiten?

Michael Conzelmann von Leihbar: Wir wollen unser bestehendes System öffnen, dass es für Franchise-Nehmer in anderen Städten einfach zu adaptieren ist. In Berlin gibt es Spätis. Die sind in der Form aber in Deutschland eine Seltenheit. In Mainz wiederum fahren alle Buslinien durch den Hauptbahnhof, weshalb sich dieser als zentraler Treffpunkt etabliert hat.

Ein Wissen über die lokalen Begebenheiten ist also entscheidend.

Die Partner vor Ort nutzen unsere Plattform und ihr lokales Wissen. Wir führen Executive-Level Gespräche über Kreislaufwirtschaft, pflegen die Kontakte zu den Herstellern und beliefern die Partner in anderen Städten mit Mietgeräten, kümmern uns um Reparaturen und Recycling.

Für-Gründer.de: Vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg bei der weiteren Verbreitung der Idee!

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  • Michael Conzelmann
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