Warum man sich als Gründer mit der Crowd befassen sollte



Es gibt viele Wege, um Kapital für die Gründung zu beschaffen. Klassischerweise gehen Gründer den Weg über die Hausbank, einen Business Angel oder Venture Capital. Crowdinvesting hingegen ist für viele Gründer noch Neuland, obwohl es interessante Vorteile zu bieten hat. Welche das sind, erklärt Christin Friedrich. Sie ist Geschäftsführerin der Crowdinvesting-Plattform Innovestment.

Für-Gründer.de: Hallo Christin, für die Crowdinvesting-Neulinge unter unseren Lesern – was ist der Unterschied zwischen dem allseits bekannten reward-based Crowdfunding und Crowdinvesting?

Christin Friedrich von Innovestment: Beim reward-based Crowdfunding erhält das Start-up vorneweg eine finanzielle Unterstützung für ein geplantes Produkt. Es handelt sich in der Regel um einen Produktvorverkauf. Dabei kommt ein Kaufvertrag zustande. Reward-based Crowdfunding erfreut sich in Europa vor allem in der Kreativwirtschaft (Film und Musik) einer großen Beliebtheit.

Crowdinvesting, also equity-based Crowdfunding, ist eine Form der Kapitalbeschaffung für Unternehmen. Natürliche oder juristische Personen entscheiden sich mit ihrem Investitionsbetrag für eine Beteiligung am Unternehmen. Sie profitieren folglich von den zukünftigen Gewinnen der Firma, ihrer Wertsteigerung und eventuell vom späteren Verkauf des Unternehmens.

Crowdinvesting unterliegt in Deutschland – spätestens seit Mitte 2015 – strengen gesetzlichen Regularien.

Für-Gründer.de: Warum sollte sich ein Start-up überhaupt über die Crowd finanzieren lassen und nicht auf einen Business Angel oder einen Venture Capitalist zurückgreifen?

Christin Friedrich von Innovestment: Alle Institute der Unternehmensfinanzierung – auch klassische Hausbanken – sind eigenständige Akteure der privaten Wirtschaft. Als Unternehmen besetzen sie mit ihrer Expertise einzelne Nischen, komplementieren einander in der Gesamtbetrachtung. Junge Unternehmer streben einen ausgewogenen Finanzierungsmix ihrer Firmen strategisch an. So muss auch hier die Formel mit dem passenden Angebot und der Nachfrage stimmen – auch der richtige Zeitpunkt wird vorausgesetzt.

Um auf die Frage präzise zu antworten, möchte ich die aufgezählten Akteure und ihre Rolle im Start-up-Business kurz skizzieren:

Für jedes Start-up ist es ein großer Gewinn, einen erfahrenen Business Angel an Bord zu haben. Er oder sie ist in fachlicher und persönlicher Hinsicht eine wichtige Vertrauensperson. Die Unterstützung der Venture Capital-Geber eignet sich gewöhnlich für rasant wachsende Start-ups mit hoch skalierbaren Geschäftsmodellen. Für diese Unternehmen bietet die VC-Gesellschaft mit ihrer potenten finanziellen Kraft einen enormen Mehrwert.

Die Crowdfinanzierung mit Schwerpunkt Investing, bietet den Start-ups den Kontakt mit einer breiten Öffentlichkeit über eine Online-Plattform. Für die Zulassung zu einer über mehrere Wochen andauernden Finanzierungskampagne müssen die Unternehmen ein für jeden Anbieter spezifisches Auswahlverfahren bestehen. Die Gründer stellen dort anhand der Businesspläne die standardbezogene Geschäftsplanung vor, beschreiben die Produktinnovation sowie die Marktlage und unterbreiten der interessierten „Crowd“ das Angebot zur Beteiligung. Die Finanzierungsprojekte über eine Crowdfunding-Plattform haben schließlich auch die Vorzüge einer Marketingkampagne.

Zusammenfassend möchte ich sagen: Der gesamte Kapitalmarkt für junge Unternehmen ist im In- und Ausland ein hoch sensibles Geschäft, weil es von Menschen gemacht wird. Ungewissheit und Risiko, Vertrauen und Erfolg liegen nah beieinander. Wir dürfen nicht vergessen: Ein Investment welcher Art und welcher Größenordnung auch immer, ist auch ein Investment in den Menschen mit seinen schöpferischen Kräften, der als Vorreiter Altgewohntes infrage stellt und einen frischen Blick auf die Zukunft wirft.

Für-Gründer.de: Ist der eigentliche Mehrwert eines Crowdinvestings also nicht einmal unbedingt das eingeworbene Kapital?

Christin Friedrich von Innovestment: Die ausreichende Kapitalisierung des Unternehmens hat eine absolute Priorität. Ein positiver Nebeneffekt einer Crowdinvesting-Kampagne ist das wertvolle Feedback potenzieller Kunden. Die Start-ups erfahren dabei eine große Aufmerksamkeit in den Medien und sozialen Netzwerken.

Unsere Erfahrung zeigt: Eine wirkungsvolle Aktion bringt sowohl Investitionen als auch „smart money” auf lange Sicht.

Und nicht zu vergessen: Vorbereitung und Durchführung einer Online-Präsentation der Geschäftsideen sind für die Gründer eine intensive Phase der Reflexion. Der Kommunikationsauftritt bringt ihre Selbsteinschätzung mit der Außenwelt in Präzisionsmaß. Als Unternehmer lernt man sehr schnell, unter Wettbewerbsdruck seine Vision vom Neuen glaubwürdig und nachvollziehbar zu transportieren und stets in der öffentlichen Kritik zu stehen.

Für-Gründer.de: Nach welchen Kriterien werden die Start-ups auf einer Crowdinvesting-Plattform, wie beispielsweise Innovestment, ausgewählt?

Christin Friedrich von Innovestment: Innovestment folgt der Philosophie, gewissenhafte und kreative Gründer mit innovativen und wettbewerbsfähigen Konzepten zu unterstützen. Der Mensch steht bei uns im Vordergrund, denn er erweckt die Ideen zum Leben und ist Garant für deren Erfolg. Wir sprechen nicht nur mit den Gründern, sondern auch mit dem ganzen Team. Die Start-ups sind unterschiedlich wie der Mensch an sich.

Wir legen großen Wert auf die Innovationstiefe der entwickelten Produkte und Dienstleistungen, ihre Qualität und Nachhaltigkeit sowie ihre lokale und globale Wettbewerbsfähigkeit. Diesen Kriterien entspricht der Sektor der kleinen und mittleren Betriebe in Deutschland. Innovestment fördert den zukünftigen Mittelstand. Darauf fußt das deutsche Wirtschaftsmodell.

Für-Gründer.de: Wie sieht eine gute Vorbereitung für einen Kampagnenstart aus?

Christin Friedrich von Innovestment: Die Start-ups entwerfen einen individuellen Plan für die Finanzierungskampagne. Es ist dabei von Relevanz, die angestrebten Zielgruppen der Investoren zu definieren.

Unsere Statistiken zeigen, dass Investoren gewöhnlich in Unternehmen investieren, deren Marktumfeld ihnen bereits vertraut ist. 

Zur Marktkenntnis gehört also eine hinreichende Akteurskenntnis. Branchenspezifische Charakteristiken sollten im Kommunikationsprogramm berücksichtigt werden.

Es ist ratsam, die Rollen und Verantwortlichkeiten im Team im Rahmen des Projekts zu regeln. Das Projektmanagement sollte nach außen einen professionellen Eindruck hinterlassen. Die Kontakte mit der Presse zum Beispiel sollten frühzeitig aufgebaut werden.

Wir gehen von einer achtwöchigen Vorbereitungszeit für einen Kampagnenstart aus. Es empfiehlt sich auch, externe Unterstützung hinzuzuziehen  – da, wo dem Team keine Kapazitäten zur Verfügung stehen. Wir arbeiten auf diesem Feld zunehmend mit „Crowdfunding-Managern” aus unserer Branche zusammen. Erfahrene Berater unterstützen das Unternehmen sowohl konzeptionell als auch bei der Projektumsetzung.

Christin Friedrich, geschäftsführende Gesellschafterin bei Innovestment
Christin Friedrich, geschäftsführende Gesellschafterin bei Innovestment

Für-Gründer.de: Was muss ein Gründer während einer Kampagne auf jeden Fall berücksichtigen?

Christin Friedrich von Innovestment: Offene und verantwortungsvolle Kommunikation ist das Fundament einer wirkungsvollen Kampagne. Sie entspricht den Erwartungen der Investoren. Davon hängt die Glaubwürdigkeit eines Vorhabens ab. Kohärente Kommunikation schafft Vertrauen und eröffnet Chancen auf einen kritischen und respektvollen Diskurs. Die Gründer dürfen nicht vergessen, dass sie bereits während eines ersten Finanzierungsprojekts eine langfristige Beziehung mit ihren Partnern aufbauen. Den Gründern muss bewusst sein, dass der Erfolg einer Kampagne in ihrer Verantwortung liegt.

Ein stimmiger Kommunikationsauftritt benennt auch temporäre Unzulänglichkeiten und Herausforderungen. Jedermann weiß, dass sich die Unternehmen im ständigen Optimierungsprozess befinden und die Potenziale des Menschen zur Problemlösung unbegrenzt sind.

Für-Gründer.de: Welche Rolle spielen während der Durchführung einer Kampagne die Marketingaktivitäten des Start-ups für die Erreichung der Fundingschwelle?

Christin Friedrich von Innovestment: Die Start-ups sind während des gesamten Finanzierungsprozesses gefordert. Die marketingrelevanten Aktionsmaßnahmen wecken Neugier bei unterschiedlichen Interessengruppen. Es findet eine permanente Auseinandersetzung mit den Persönlichkeiten der Gründer, ihrem Hintergrund und ihren Ideen statt. Sie können für ihren Mut gelobt, aber auch als realitätsfremd abgestempelt werden.

Ich möchte erneut betonen, dass keine Crowdinvesting-Plattform die Authentizität der Unternehmer ersetzen kann.

In den Anfangsjahren 2012 und 2013 wurde das Thema der Kapitalbeschaffung über die Crowd in Deutschland gehypt. Viele Investoren haben Crowdinvesting ausprobiert – diese Zeit ist vorbei. 

Heute sind die Anforderungen an die Qualität, Originalität und Nachhaltigkeit der Projekte deutlich gewachsen. Und das ist auch gut so.

Für-Gründer.de: Worauf achten Kleinanleger besonders bei der Investitionsentscheidung auf einer Crowdinvesting-Plattform? 

Christin Friedrich von Innovestment: Wir führen seit 2011 bei unseren Investoren regelmäßige Umfragen zu ihrem Investitionsverhalten durch. Neben der Akzentuierung auf Innovation und Team steht auch die Frage nach einer transparenten Unternehmensbewertung im Fokus. Bei einem hohen Risiko der Investition wird auch eine entsprechende Gewinnerwartung einkalkuliert. Eine faire Bewertung ist daher ein wichtiger Punkt. Viele Investoren sagen mir immer wieder: „Wenn die Bewertung für uns attraktiv genug ist, dann investieren wir auf jeden Fall.” Das sind Investoren, die ihr Portfolio systematisch aufbauen. Bei eher emotional getriebenen Investoren können auch die „Impact-Faktoren” die Anlageentscheide auslösen. Es wird dabei die gesellschaftliche Relevanz der Innovationen, wie zum Beispiel bei erneuerbaren Energien, bewertet.

Die Anlagephilosophien sind unterschiedlich. Am Ende zählt nach unserer Erfahrung der Gesamteindruck. Eine schlüssige Darstellung ist ebenso wichtig wie bestimmte Signale, die das Vertrauen in den Erfolg des Projekts untermauern:

  • Relevante Erfahrung der Gründer auf ihrem Geschäftsfeld
  • Bereitschaft der Gründer für ihr eigenes finanzielles Risiko
  • Vorhandensein von ersten Investoren
  • Produkt-Auszeichnungen, mediale Berichterstattungen sowie regionaler Bekanntheitsgrad.

Für-Gründer.de: Was sind No-Gos in der Investor Relation-Arbeit und welche sind sinnvolle Maßnahmen?

Christin Friedrich von Innovestment: Ein junges Unternehmen auf hohe See zu bringen, ist alles andere als ein Selbstläufer. Dabei stehen die Gründer an vielfältigen Schnittstellen ihrer Geschäfte in der Vertragspflicht gegenüber den Kapitalgebern. In guten wie in schlechten Zeiten verlassen sich Start-ups und Investoren aufeinander. Auch wenn das Unternehmen ins Stocken gerät, sollten die Gründer die Sorgfalt bei der Erfüllung der Verträge und die Qualität der zwischenmenschlichen Beziehungen wahren.

In jeder kritischen Situation gehören Fakten und Zahlen firmenintern auf den Tisch. Nur so geht man aus dem Ungleichgewicht gestärkt heraus. Unternehmen und andere Zusammenschlüsse von Menschen – wie auch der Mensch selbst – durchleben von Zeit zu Zeit Krisen. Eine professionelle Reaktion beinhaltet eine umfassende Lageanalyse und detaillierte Ursachenforschung.

Für-Gründer.de: Welche drei Tipps gibst du Start-ups bei der Durchführung einer Crowdinvesting-Kampagne?

Christin Friedrich von Innovestment: 

  • Ein wohl überlegtes Konzept lässt im Zuge der Kampagne Kreativität und Anpassungen zu.
  • Es lohnt sich eine Konsultation mit Gründern, die einen Crowdinvesting-Prozess erfolgreich bestanden haben.
  • Allen angehenden Unternehmern und Investoren empfehle ich das Buch von Karl Popper „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde”.

Für-Gründer.de: Liebe Christin, vielen Dank für das Interview.

Aktuelle Zahlen und Trends zur Crowd finden Sie in unserer Studie, dem Crowdfunding-Monitor.

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