Crowdfunding: Deutschland noch Entwicklungsland?



Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern muss Deutschland in Sachen Crowd noch aufholen, findet Dr. Michael Gebert. Auf seiner Veranstaltung, der Crowd Dialog Konferenz in München am 26. November, bekommen Entscheider aus dem Mittelstand und Start-ups die Gelegenheit, sich über das Potenzial des Schwarms zu informieren. Im Interview erfahren wir mehr über Chancen und Bedeutung der Crowd für die Zukunft von Arbeit und Finanzierung.

Für-Gründer.de: Startnext-Mitgründer Denis Bartelt berichtete vor Kurzem im Für-Gründer.de-Interview, dass Crowdfunding immer noch bei vielen Menschen unbekannt ist. Wie sind Ihre Erfahrungen hierzu?

Dr. Michael Gebert: Was Crowdfunding angeht, ist Deutschland leider im globalen und europäischen Kontext wirklich teilweise noch Entwicklungsland. Die dem Deutschen attestierte Skepsis spiegelt sich auch in innovativen und alternativen Formen für Finanzierung wieder. Wir durften uns Ende August bei der Veranstaltung Crowd Dialog Europe von mehr als 300 Experten aus 23 EU-Ländern inspirieren lassen. Deutschland hat bei der Adaption von Crowdfunding keine Führungsrolle übernommen. Staaten wie Finnland, Dänemark, Estland und Großbritannien sind viel weiter, wenn es um Bekanntheit und positive Grundstimmung von Crowdfunding bei den Bürgern geht.

Für-Gründer.de: Es scheint, als liefe es einfach immer noch sehr schleppend mit der Verbreitung von Crowdfunding und Co.? Welchen Eindruck haben Sie?

Dr. Michael Gebert: Das mit der Crowd hat 2008 erstmals Erwähnung gefunden. Kommend von Crowdsourcing über Open Innovation zu Crowdfunding. Damit ist das Phänomen Crowd noch nicht einmal zehn Jahre alt. Im Vergleich dazu sind die bestehenden Finanznetzwerke geprägt von etablierten und starken Akteuren. Mit der Arbeit in Brüssel bei der EU-Kommission sowie dem Bundesministerium für Wirtschaft und Soziales, aber auch der kontinuierlich gesetzten Akzente des Crowdsourcing Verbands und dessen Arbeitsgruppe, dem German Crowdfunding Network wird an einem verlässlichen Fundament für nachhaltiges Handeln gebaut. Es bedarf weiterhin viel Engagement, aber auch einem noch intensiveren Austausch und mehr Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Anbietern und Plattformen.

Für-Gründer.de: Was macht für Sie persönlich den Schwarm aus? Zu was ist er Ihrer Ansicht nach im Hinblick auf Finanzierungsthemen imstande? Wo sehen Sie persönlich noch viel Potenzial?

Dr. Michael Gebert: Der Schwarm, den ich als disruptives Element bei alternativen Finanzierungsformen verstehe, ist gekennzeichnet von radikaler Transparenz des Handelns des Einzelnen.

Dadurch entstehen „Herding-Effekte”, die schließlich erfolgreiche von nicht ausreichend finanzierten Projekten unterscheiden. Allen crowdbasierten Phänomenen ist auch ein mehr oder weniger starker Kontrollverlust der Projektinhaber immanent. 

Beides, radikale Transparenz und Kontrollverlust, sind klassischerweise nicht in der Definition eines tradierten Verständnisses von Finanzdienstleistung.

Aber auch Unternehmer und damit der als Mittelstand bezeichnete Rückgrat Deutschlands haben verständlicherweise noch umfassende Problemstellungen mit der Umsetzung und Interpretation von Crowd zu lösen. All das bedarf Zeit. Allerdings ist der Druck in einigen Branchen und Schlüsselclustern bereits groß und mehr und mehr öffnet man sich den Crowd-Themen. Manchmal leider eher aus der Not, als aus dem Verständnis zum Wandel.

Für-Gründer.de: Während sich Start-ups regelmäßig über die Crowd finanzieren, greift die Finanzierungsform im Mittelstand noch nicht so – woran liegt das?

Dr. Michael Gebert: In Deutschland ist der Begriff Mittelstand leider nur unscharf definiert. Auch ein Unternehmen wie die Kathrein Werke aus Rosenheim mit 9.000 Mitarbeitern und über 1,3 Milliarden Euro Umsatz ist Mittelstand und wird im gleichen Atemzug wie der kleine Bäcker mit fünf lokalen Filialbetrieben genannt.

Zudem ist der Mittelstand in Deutschland durch hunderte, wenn nicht sogar tausende Interessensgruppen und Verbände auf politischer, wissenschaftlicher und praktischer Seite vertreten. Dadurch ergibt sich bei innovativen neuen Strömungen, wie unter anderem beim Crowdfunding eine gewisse Lähm- und Lehmschicht, die den Zugriff und die Umsetzung erschweren.

Insofern ist es umso wichtiger, möglichst viele Stakeholder über die Chancen und Risiken aufzuklären und bei etwaigen Bedenken und Ängsten professionell abzuholen.

Michael Gebert, Veranstalter Crowd Dialog
Dr. Michael Gebert, Veranstalter Crowd Dialog

Für-Gründer.de: Wie kann man die Schwarmfinanzierung auch für den Mittelstand attraktiver machen?

Dr. Michael Gebert: Ein Mittel für kurzfristig attraktive Angebote sind Crowdlending und Peer-to-peer lending. Die Fusion von Zencap und Funding Circle zeigt sehr gut den Bedarf für international agierende Plattformen.

In der aktuellen Phase der niedrigen Zinsen ist es allerdings auch für den Schwarm nicht einfach, bei den Konditionen für Fremdkapital von traditionellen Banken attraktive Angebote zu unterbreiten.

Für-Gründer.de: Im November veranstalten Sie ja bereits zum dritten Mal den Crowd Dialog, eine Konferenz rund um den Schwarm. Was erwartet diesen?

Dr. Michael Gebert: In diesem Jahr haben wir uns für die Agenda auf den drei Thementracks Crowdsourcing, Crowdfunding und Crowdinnovation sechs Branchenschwerpunkte definiert.

  • So werden Banking, Immobilien, Smart Cities/Smart Citizien, Gesundheit, Tourismus und Social Impact/Umwelt in über 50 Panels und Sessions von mehr als 70 Referenten diskutiert und analysiert.

Zentral für das Veranstaltungskonzept ist der Dialog zwischen Praxis, Wissenschaft und Politik. Aktuellstes Praxiswissen, Top-Experten und ein wissenschaftliches Fundament machen den Crowd Dialog zur führenden Praxis- und Wissens-Konferenz für crowdbasierte Themen in Europa.

Für-Gründer.de: Nun beziehen Sie sich ja nicht nur auf Crowdfunding, sondern nehmen auch die Themenwelten von Crowdsourcing und Crowdinnovation auf. Worum geht es dabei im Einzelnen?

Dr. Michael Gebert: Bei Crowdsourcing geht es um die zukünftige Interpretation und Ausprägung von Arbeit.

Welche Arbeitsmilieus sind crowd-konform und reflektieren unser zunehmend digitalisiertes Lebens- und Leistungsumfeld?

Zudem beleuchten und diskutieren wir mit den führenden Vertretern der Branche kritisch neue Beschäftigungsmodelle und zukünftige Formen der Zusammenarbeit. Auf der Suche nach Talenten sind im globalen Wettbewerb immer flexiblere und offenere Strukturen gefordert, um mit den sich laufend verändernden Anforderungen an Arbeitszeitmodelle Schritt halten zu können.

Im Themenkomplex Crowdinnovation, den wir als Motor für Entwicklung und Kollaboration für den Mittelstand begreifen, analysieren wir mit den Marktführern aktuelle Tendenzen für mehr Innovation sowie die Effekte auf Innovationsmethodik und die involvierten Stakeholder-Gruppen. Das Profil von Innovation verändert sich immer schneller, tiefgreifender und in einem starken globalen Spannungsfeld – und es gilt, auch mögliche Fehlinvestitionen frühzeitig zu vermeiden.

Für-Gründer.de: Für welche Akteure also ist es Ihrer Meinung nach wichtig, sich am Crowd Dialog zu beteiligen und was können diese Akteure aus dem Crowd Dialog mitnehmen?

Dr. Michael Gebert: Die Akteure aus den zu diskutierenden Branchenthemen sollten sich alle angesprochen fühlen. Besonders die zukunftsorientierten Entscheider im Unternehmen, ob CIO, CEO, Inhaber, Personalentwickler oder CFO.

Der Crowd Dialog bietet an einem Tag intensiv den wissenschaftlich fundierten und umfassenden State-of-the-Art-Einblick in das Phänomen schwarmbasierter Innovationsprozesse, Finanzierungsszenarien und Arbeitsmodelle, um potenzielle neue Geschäftsfelder und Trends rechtzeitig erkennen und bewerten zu können.

Für-Gründer.de: Ein Teil des Events wird ja auch die Gründer Poster Session sein? Der Bewerbungsschluss ist bereits vorbei und nun befinden Sie sich hier in der Phase des Crowd Rankings. Was genau passiert jetzt und wie geht es dann weiter?

Dr. Michael Gebert: Das Besondere an der Gründer Poster Session ist es, den Schwarm frühzeitig als Kurator für neue Ideen und Start-up-Teams zu nutzen. Die konsequente Verknüpfung und Einbindung des Schwarms beim Feinschliff der Idee, der Umsetzung des Businessplans bis hin zur Finanzierung ist einzigartig für das Konzept der Poster Session. Unsere Jury wählt in der Folge für den Crowd Dialog zehn Teams aus, die dann vor Ort ihre Idee entdigitalisiert auf Flipcharts den Teilnehmern präsentieren werden.

Für-Gründer.de: Wie kann man sich sonst ideal auf ein Crowdfunding-Projekt vorbereiten? Welche Tipps haben Sie?

Dr. Michael Gebert: Die Fragestellung ist Teil der Antwort. Über 90 % des Erfolgs von Crowdfunding-Projekten ist abhängig von der Vorbereitung. Es gilt, die sieben Todsünden des Crowdfunding zu vermeiden und sich mindestens sechs Monate Zeit für diese Phase der Konzeption und Umsetzung zu gewähren. Crowdfunding ist komplex. So komplex, dass wir in Zusammenarbeit mit der IHK München und Oberbayern mittlerweile zum dritten Mal interessierte Entrepreneure zu zertifizierten Crowdfunding-Managern ausbilden werden.

Für-Gründer.de: In ein paar Tagen wollen wir das Programm des Crowd Dialogs näher vorstellen. Auf welches Highlight der Veranstaltung möchten Sie aber jetzt schon gerne einen kleinen Vorgeschmack geben?

Dr. Michael Gebert: Auch in diesem Jahr ist die Agenda gespickt mit Top Experten. Der Fokus liegt auf der Vermittlung von Wissen für die praktische Umsetzung im eigenen Unternehmen. Dabei werden bei jedem der sechs Branchencluster Vertreter bekannter Firmen Ratschläge geben und einen tiefen Einblick zur praktischen Integration in bestehende Geschäftsprozesse bieten.

Für-Gründer.de: Vielen Dank für das Interview.