Warum der Norden das bessere Berlin für wilde Ideen ist



Die Wahl hat man ja immer. Currywurst oder Fischbrötchen, Hektik oder Ruhe, Ellenbogen oder Augenhöhe. Während man über Berlin und Hamburg nicht mehr viel erzählen muss, widmen wir diese Zeilen einem Geheimtipp. Dem echten Norden. Irgendwo da oben. In Kiel zum Beispiel. Hier trifft Innovation auf norddeutsche Gelassenheit und Networking auf Lebensqualität mit frischer Luft und kurzen Wegen. Frühförderung samt Gründungsstipendium, geringeren Lebenshaltungskosten als in den Metropolen und der Mangel an VC Kapital machen Mut zur Nische.

Erfolgsgeschichten aus dem Norden

Zwischen norddeutscher Mentalität, jeder Menge Know-How und nachkommenden Talenten aus den vier Kieler Hochschulen und verschiedensten Networking-Gelegenheiten, wie zum Beispiel dem Waterkant Festival, wundert es nicht, dass Kiel die eine oder andere Start-up Perle hervorgebracht hat.

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Networking in familiärem Umfeld: Gerade einmal 250.000 Einwohner zählt Kiel, in der Start-up Szene kennt man sich. Auch Neueinsteiger finden schnell Anschluss, zum Beispiel auf dem Waterkant Festival. (Foto: Jan Konitzki)

Light Instruments: Zack und schön

Schlechtes Lichtdesign in Kieler Clubs brachte Martin Fischbock erst auf die Palme und dann auf eine Idee. Wie könnte man Objekte einfacher maskieren und jedwede Flächen mit individuellen Lichteffekten bespielen? Die Umsetzung folgt im Rahmen seiner Masterarbeit an der FH Kiel. 2013 starteten Martin Fischbock und sein Co-Founder Kay Sörnsen dann mit dem Resultat daraus: Light Instruments. Kay machte seinen Bachelor zum Wirtschaftsingenieur an der Uni Kiel. Hinzu kam Jonas von der Muthesius Kunsthochschule als Mann fürs Interface Design. Die Drei stehen damit prototypisch für die Kraft unterschiedlicher Talente und Skills, ausgebildet von drei der vier Kieler Hochschulen.

Finanziellen Support erhielten die Gründer in ihrer Seed-Phase von EXIST, dem Förderprogramm des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie. Zudem unterstützte sie das Kieler Software Unternehmen CAP3 mit Entwicklerpower. Als eine der ersten jungen Firmen bezogen sie die offenen Räume der starterkitchen.de vom Bildungscluster opencampus.sh im Kieler Wissenschaftspark:

Wir hätten uns vielleicht auch so getroffen, aber durch die Starterkitchen ging alles viel schneller. Das Netzwerk und die hochschulübergreifende Zusammenarbeit sind immens wichtig für uns. – Martin Fischbock

LI konzentrierte sich zu Beginn auf das technologische Verfahren Projection Mapping. Fassaden oder ganze Gebäude werden hierbei kantengenau mit Videoprojektionen zum Leben erweckt. Dazu entwickelten Martin und Kay gemeinsam mit ihrem Team eine eigene App, mit der Projektionen von Videos kinderleicht erstellt werden können. 2015 gehörten sie als Preisträger beim „IKT Innovativ Gründerwettbewerb“ der Bundesregierung, den Kultur- und Kreativpiloten Deutschlands und dem Innovationspreis Schleswig-Holstein zu den erfolgreichsten Start-ups der Bundesrepublik.

Mittlerweile liegt der Fokus auf den sogenannten Bereichen out of home und digital signage bei dem sich das Unternehmen auf die Entwicklung von Media Servern und einem eigenen Content Management System spezialisiert hat. Dabei geht es quasi um alles, was mit Bildschirmen zu tun hat, zum Beispiel als digitale Werbeflächen oder Menu-Boards in einem Restaurant.

Mage: Aus Kiel zum Y-Combinator ins Silicon Valley

Die beiden Schleswig-Holsteiner Peer Oke Richesen und Malte Delfs sind Spieler. Kein Wunder, dass sie ihre Leidenschaft für das Sammelkartenspiels Magic: The Gathering zur Profession machen und eine App namens Mage (ehemals Snapcardster) entwickeln, mit der Spielkarten blitzschnell eingescannt werden können. Damit waren sie weltweit die Ersten. Die smarte Technologie dahinter: Machine Learning. Außerdem verfügt die App über einen eigenen Marktplatz für Magic Karten, auf denen Fans ihre Sammlungen tauschen und verkaufen können.

Im Frühjahr 2016 nahm Peer an der Prototyping Week in der Kieler Starterkitchen teil, bei der die ersten Prototypen der App entstanden.

Während der Prototyping Week habe ich gemerkt, dass ich Interesse für das Thema generieren und gute Leute mit Know-How finden kann. Das war der Startschuss, tatsächlich mit Snapcardster loszulegen. – Peer Richelsen

Dank gelerntem Wissen aus dem IT-Studium sowie autodidaktischem Talent entwickelten die Jungs von Mage eine eigene Kameratechnologie mit erhöhter Scangeschwindigkeit. Mithilfe des Starterkitchen Inkubators von opencampus.sh und Risikokapital aus dem Seed- und StartUp-Fonds Schleswig-Holstein ging es in die Weiterentwicklung der App. Das Team wächst schnell und noch viel wichtiger: Die App kommt in der Community gut an. Dutzende Nutzerinnen und Nutzer scannen ihre Karten ein und “trainieren” damit den Algorithmus.

Waterkant
Sammelkartenspiele digitalisieren: Mit dieser Geschäftsidee konnte Mage sogar bei Y-Combinator punkten. Das schafften zuvor nur vier andere Teams aus Deutschland. (Foto: opencampus)

Auch eine Kickstarter-Kampagne startet Snapcardster und schnell laufen die ersten Investoren-Gespräche. Im November 2018 stoßen Peer und Malte zufällig auf eine Anzeige vom Y-Combinator, der Mutter aller Acceleratoren. Obwohl der Bewerbungszeitraum offiziell schon überschritten ist, beschließen beide es spontan einfach mal zu probieren und werden angenommen. Seitdem gehören Snapcardster, die sich nun in MAGE umbenannt haben, zum Club von Start-ups wie AirBnB, reddit, Dropbox und anderen, die vom Y-Combinator gefördert wurden. Übrigens als erst fünftes deutsches Teams überhaupt.

Umtüten: Mehrweg statt schnell weg

Anja Kromer und Christina Lehmann stinkt Plastik und Einwegmüll gewaltig. Sie fragen sich, wie Einwegsysteme erfolgreicher vermieden und Plastikkonsum leichter im Alltag reduziert werden kann. 2015 entwickelten sie dazu, mit Unterstützung von yoowedoo, einem Projekt der School of Sustainability der Kieler Uni (CAU), ihre Alternative zum umweltschädlichen Einwegbeutel und gründen umtüten.

Anfang 2018 erhalten Anja und Christina das Gründerstipendium Schleswig-Holstein und sitzen in den Räumen der starterkitchen von opencampus.sh. umtüten hat sich neben Nachhaltigkeit unter anderem auch Regionalität auf die Fahnen geschrieben und arbeitet deswegen intensiv mit Bäckereien in Kiel und Schleswig-Holstein zusammen. Mittlerweile sind aus der ersten Charge mit 500 „Tüüten“  40.000 geworden und aus dem Start in Kieler Bäckereien und Unverpäckt Läden deutschlandweite Partnerschaften.

Drei Modelle haben sie seitdem entwickelt: Die Snack-Tüüt mit auswaschbarem Inlay, die Broot-Tüüt für den Gang zum Lieblingsbäcker und die Markt-Tüüt für den wochenendlichen Gemüseeinkauf auf dem Markt.

Was macht Gründen in Kiel so attraktiv?

Mit seinen knapp 250.000 Einwohnern und über 30.000 Studierenden ist die schleswig-holsteinische Landeshauptstadt jung, recht überschaubar und punktet mit vergleichsweise geringen Mietkosten für Büroflächen und niedrigen Personalkosten. Das erleichtert den Start vieler Gründer enorm. Obendrein ermöglicht die Stadtgröße ein recht familiäres Umfeld: Jeder kennt jeden und Networking wird zum Kinderspiel. Durch die enge Verzahnung fällt auch scheitern leichter, weil man nicht fällt, sondern einfach dank des Gelernten schnell die nächste Idee starten oder einen Job in der lokalen Wirtschaft findet.

Was Kiel so besonders macht, erfahrt ihr übrigens auch im opencampus Podcast.

Die vier Hochschulen (FH Kiel, Uni Kiel, Muthesius Kunsthochschule, Duale Hochschule Schleswig-Holstein) holen die Talente an die Förde. Das landesweite Innovationsorientierte Netzwerk Start Up SH mit ihren 12 Partnern in Lübeck, Flensburg und Kiel halten sie mit Räumen, Events und Fördermöglichkeiten – zum Beispiel dem Gründerstipendium SH, Seed Funding aus dem Seed und Startupfonds, Prototyping Week etc. – im Land. Durch die Nähe zum ebenso kreativen Dänemark und internationalen Vernetzungsprogrammen wie Vekselwirk  oder dem Waterkant Festival entstehen schnell Kooperationen mit anderen Start Ups und (über-)regionalen Unternehmen sowie weiterführende finanzielle Perspektiven.

Kiel besitzt ein großes Repertoire an Gründungsideen – ob technikbasiert oder nachhaltig und sozial: die Bedingungen sind ideal! Nicht zuletzt wird Schleswig-Holstein regelmäßig im „Glücksatlas“ der Deutschen Post zum lebenswertesten Bundeslands Deutschlands gewählt. Das macht Mut zur Nische.

Kommt vorbei zum internationalen Festival der Start-ups im Norden – Northern Germanys freshest Future Festival

Treffpunkt aller Teams wird auch in diesem Jahr wieder das Waterkant Festival. Vom 13.—14. Juni stehen mehr als 100 Speaker, 70 Start-ups und 50 Unternehmen aus Nordeuropa in den Startlöchern für die rund 1000 erwarteten Besucher. Es geht um Inspiration, gesellschaftliche Visionen und Zukunftstechnologien. Jetzt könnt ihr euch noch Tickets holen – aber seid lieber schnell. Das Festival war in den letzten beiden Jahren ausverkauft. Oder um Fettes Brot zu zitieren: „Schon Störtebeker wusste, dass der Norden rockt und hat mit seinem Kahn hier gleich angedockt.“