Recap zum Adobe Summit 2019: 5 Learnings für Gründer



Wohin entwickelt sich die Digitalwirtschaft? Wie können Unternehmen die Kundenzentrierung ausweiten? Und was braucht ihr, um talentierte Mitarbeiter langfristig an euch zu binden? Diesen spannenden und hochaktuellen Fragen haben sich Experten in Vorträgen auf dem diesjährigen Adobe Summit in London gestellt. Und richtungweisende Antworten geliefert.

Dem Publikum stockt der Atem, als Amal Clooney in einem schwanenweißen Kleid die Bühne betritt. Die Frau des Hollywood-Schauspielers hat genügend Ausstrahlung, um die Leinwand des Keynote-Raumes von der geschätzten Größe eines Fußballfeldes mit ihrer Präsenz zu füllen.

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Der Adobe Summit fand vom 14.-16. Mai in London statt. GründerDaily-Redakteur Benjamin Brückner war vor Ort.

Clooney spricht über den notwendigen Wandel in der Gesellschaft und scheut dabei die harten Themen nicht. Seit Jahrzehnten engagiert sie sich international als Anwältin und Menschenrechtsaktivisten, drückt den Stachel in die Wunde.

Ein solcher Stachel drückt auch in die Wunde der Digitalwirtschaft, das schwingt auf diesem Summit zwischen den Ständen und Stuhlreihen mit. Zwar wird die neue Produktserie in Verbindung mit Adobe Sensei mit knackscharfen Bildern und Sounds präsentiert. Schließlich handelt es sich dabei um das Tech-Flaggschiff des Konzerns.

Allerdings kann sich dieses Flaggschiff nur über Wasser halten, wenn permanent volle Fahrt voraus gilt: Die Technologie muss pausenlos optimiert werden, um eine langfristige Kundenbindung sicherzustellen.

Die Kunden messen alles am besten Kundenerlebnis, das sie je hatten. Sie erwarten großartige Erlebnisse bei jeder Interaktion, auf jedem Kanal.

So spricht Europas Adobe-Präsident Paul Robson vom Kampf im internationalen Wettbewerb. Kundengewinnung bleibt also weiterhin ein hartes Brot. Der Konzern fährt zweigleisig: Einerseits zeigt Adobe auf dem Summit, was man hat und kann. Mit Keynotes, die ein wenig an US-amerikanische Freikirchenspektakel erinnern. Und dann wären da natürlich auch noch die nahtlos organisierten Sessions und eine der legendären Partys, für die Adobe inzwischen berühmt ist.

Wichtigste Trends: Künstliche Intelligenz, Schluss mit B2C & B2B, zwangloses Recruiting, Qualität im Marketing

Zum anderen schwingt der Geist des Wandels mit. Adobe ist sich bewusst, dass der Kampf um die Kunden selbst als Marktführer jeden Tag aufs Neue geführt werden muss. Daher setzt der kalifornische Koloss auf fünf Säulen, die jetzt und in Zukunft auch für Gründer wichtig sind.

#1 Künstliche Intelligenz und Machine Learning entwickeln sich rasant

Adobes künstliche Intelligenz Sensei kommuniziert und interagiert mit dem kompletten Adobe-Ökosystem. Senseis Fähigkeiten sind derart fortgeschritten, dass während der Präsentationen „Ahs“, „Wows“ und „Ohs“ durch die Halle raunen.

Sensei wird ständig weiterentwickelt und bekommt während der Sneak-Sessions die Gelegenheit, seine neuen Kräfte spielen zu lassen. One-Click-Implementierung und visuelle Umwandlung von Datentabellen als Grafiken? Kein Problem. Detaillierte Produktsegmentierung nach individuellen Kundenwünschen? Ein Kinderspiel für Sensei und nur einen Fingertipp auf dem Smartphone entfernt. Auch die Kundenreise an verschiedenen Touchpoints lässt sich anschaulich nachverfolgen.

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Die Kundenreise verläuft online wie offline über zahlreiche Touchpoints. Unternehmen müssen diese kennen und herausfinden, an welchen Stellen ihnen Kunden verloren gehen.

Wer nun ausschließlich an den E-Commerce-Sektor denkt, der irrt. Längst ist Sensei mit Augmented-Reality-Implementierung in die Offline-Welt vorgedrungen. Schuhe im Online-Store lassen sich als 3D-Modelle via Smartphone in die Realität projizieren und bis auf Senkel und Sohle in ihre Einzelteile auseinanderfriemeln.

Dieser Fortschritt stellt Unternehmer vor große Herausforderungen. Wer selbst nicht solche Technologien entwickelt oder kostspielige Lizenzen dafür einkauft, gerät im Kampf um die Kunden ins Hintertreffen.

Unser Tipp lautet daher: Beschäftigt euch so früh wie möglich mit dem Thema „Künstliche Intelligenz und Machine Learning“. Auch wenn ihr denkt, dass ihr die Technologie in eurer Branche vernachlässigen könnt. Denn das ist wahrscheinlich ein Trugschluss.

#2 Schluss mit B2B und B2C – stattdessen zählt B2E

Für diese Behauptung tritt Steve Lucas, CEO von Marketo, auf der Bühne ein. Statt Business-to-Customer oder Business-to-Business zählt aus seiner Sicht nur noch: B2E: Business-to-Everyone, -Everytime, -Everything.

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Marketo-CEO Steve Lucas ist sicher: In Zukunft sterben Kategorien wie B2C und B2B aus. Stattdessen wird Business-to-Experience (B2E) immer wichtiger.

Unternehmen würden nicht mehr in Schwarz und Weiß funktionieren, so Lucas. Kein Marketer stehe morgens auf und frage sich, ob er heute mit einer Person oder einem Account spricht. Als Beispiel für gelungenes B2E nennt er Amazon und tatsächlich hat der Mega-Konzern sowohl B2B– als auch B2C-Elemente miteinander verwoben.

Fraglich ist allerdings, ob und wie schnell sich der Begriff “B2E” tatsächlich durchsetzt und ob er die anderen etablierten Begriffe ablöst. Gründer können jedoch Folgendes mitnehmen: Konzentriert euch voll und ganz auf eure Kunden.

#3 Mitarbeiter wollen zwangloses Recruiting und Wohlfühlatmosphäre

Auf der Bühne des Workrooms, der sich mit viel Wohlwollen gerade einmal als bis zur Hälfte gefüllt beschreiben lässt, lächelt Tania Garrett tapfer. „Ich weiß, es ist schon spät und ich konkurriere mit der bevorstehenden Party“, sagt sie mit entschuldigendem Unterton.

Dabei ist es nicht ihre Schuld. Wohl jeder würde eine coole Party einem Vortrag vorziehen. Selbst wenn dieser Vortrag vom Senior Director of Employee Experience EMEA Adobe gehalten wird.

Ähnlich ist es auch mit Unternehmen: Mitarbeiter gehen dorthin, wo sie sich am wohlsten fühlen. So wurde Tania Garretts Vortrag ein Symbol für ihre eigene These: Top-Kandidaten für Stellen möchten nicht durch die klassische Recruiting-Mangel gedreht werden, sondern ein Klima vorfinden, in dem sie schon vom Onboarding an Freiheit atmen und Freude empfinden.

Es braucht daher eine Unternehmenskultur, die ohne Assessment Center und Performance-Gespräche auskommt, um motivierte Mitarbeiter zu finden und zu behalten.

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Eure Mitarbeiter wünschen sich individuelle Benefits und eine wertschätzende Wohlfühlatmosphäre.

Gespräche: ja. Kontrolle und Aushorchen: nein. Die Gespräche haben Garretts Erfahrung nach nämlich einen ganz anderen Zweck: Sie sollen dazu dienen, sich auf Augenhöhe nach den Bedürfnissen und Wünschen des Mitarbeiters zu erkundigen.

Jeder Kollege ist individuell und braucht andere Benefits. Dabei ist es kein Hexenwerk, diese individuellen Wünsche herauszufinden. Fragt eure Mitarbeiter einfach danach und das mindestens vier Mal im Jahr in Mitarbeitergesprächen. So sorgt ihr für echte Zufriedenheit bei jedem Einzelnen.

#4 Qualität und Technologie entscheiden über Erfolg im Marketing

Wie oft habt ihr den folgenden Satz in Hinblick auf Content-Marketing schon gelesen?

Im Internet haben Nutzer die Aufmerksamkeit eines Goldfisches.

Manche Unternehmer glauben diesen Satz und konzentrieren sich darauf, nur noch Snackable und damit kurzen Content zu produzieren. Inhalte mit Tiefe gelten bei vielen als vergebene Liebesmüh. Mal davon abgesehen, dass die obige Behauptung wissenschaftlich widerlegt wurde – Adam Morgan, Executive Creative Director von Adobe, sieht die Sache ebenfalls anders: Jeder Content hat seine Berechtigung, kurzer wie langer.

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Vergesst die Sache mit dem Goldfisch und der Aufmerksamkeit. Kurzer wie langer Content hat seine Berechtigung. Es kommt dabei vor allem auf die richtige Plattform an.

Entscheidend für den Erfolg im Content-Marketing ist nicht der Umfang, sondern dass die Inhalte zur Plattform passen. Kurzer Content eignet sich hervorragend für Social Media, auf Websites darf es dagegen durchaus in die Tiefe gehen.

In seinem Vortrag hebt Morgan noch einen weiteren wichtigen Faktor hervor: die formelle und inhaltliche Qualität. Marketing muss technisch überzeugen und die Zielgruppe abholen. Erst dann zahlt es auf die Unternehmensziele ein.

#5 Findet den Sweet Spot bei der Produktentwicklung

Große Erfinder waren ihrer Zeit voraus – und genau aus diesem Grund zu Lebzeiten häufig erfolglos. Die Neurowissenschaftlerin Caroline Luft zeigt, was das mit dem Verhältnis der breiten Masse von Präferenzen zu Neuheiten zu tun hat.

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Der Sweet Spot ist die Schnittstelle, an der ihr den Wunsch nach Neuerungen eurer Kunden perfekt mit deren Bedürfnis nach Vertrautem abstimmt.

Bis zu einem gewissen Grad mögen Verbraucher Neues – neue Versionen des iPhones zum Beispiel. Solche Weiterentwicklungen sind spannend und erhöhen den Kaufanreiz. Irgendwann aber werden uns Neuerungen zu viel. Wer zu fortschrittlich für seine Zeit ist, überfordert die Nutzer, die das Produkt daraufhin ablehnen.

Genau diesen Spagat solltet ihr bei der Entwicklung und Optimierung eurer Produkte haben. Bringt etwas auf den Markt, das für eure Zielgruppe zwar neu, aber in den Grundstrukturen vertraut ist.

Weitere wertvolle Erkenntnisse für Gründer

Besonders spannend bei Events sind die kleinen Zwischengeschehnisse. Wer genau hinschaut, kann daraus viel ablesen. Beispielsweise aus der Tatsache, dass die Session The Joy of Work: Ways to fix your job culture and fall in love with your job again nach wenigen Minuten hoffnungslos überfüllt war. Besucher standen trotzdem Schlange, in der Hoffnung, doch noch einen Kopfhörer zu ergattern. Nur so ließen sich die Sessions nämlich anhören.

Der Bedarf an Lösungen für Unzufriedenheit – sowohl aufseiten der Unternehmer als auch bei Mitarbeitern – ist enorm. Tut daher alles in eurer Macht Stehende dafür, ein Klima der Zufriedenheit in eurem Start-up zu kultivieren. Dafür ist es wichtig, dass ihr in engem und wertschätzendem Kontakt zu euren Mitarbeitern bleibt. Wir erinnern uns: Schafft eine Wohlfühlatmosphäre, das bindet eure Mitarbeiter langfristig an das Unternehmen.

Wenn ihr euch darüber hinaus in den Bereichen Produktentwicklung, Vertrieb und Marketing voll und ganz auf den Kunden konzentriert, seid ihr auf dem besten Weg in eine erfolgreiche Zukunft. Ob mit oder ohne Produkte von Adobe, bleibt euch überlassen.

Hinweis: Als Teilnehmer des Adobe Summit Influencers Programms nahm ich kostenlos an der Veranstaltung in London teil. Diese Einladung erfolgte unabhängig von der Für-Gründer.de GmbH und beeinflusst meine Meinung weder hier noch auf anderen Plattformen.