Soft- und Hardware von 4 Start-ups, die unser Leben wirklich besser machen



Die Welt mit einem großen Sprung verbessern – das wollen viele. Vier Start-ups setzen mit ihren Technologien gezielt bei der Bekämpfung von Krankenhauskeimen, Alzheimer, der Fehlplanung von Satelliten sowie dem vernetzten Reisen ohne Tickethickhack an. Wir stellen die vier Geschäftsideen vor, die als Gewinner des KfW Awards Gründen zu den besten Start-ups in Deutschland zählen.

Ohne Stress, Tarifwirrwarr und Verspätungen mit den öffentlichen Verkehrsmitteln ins Büro oder zum Geschäftstermin – und das zum besten Preis. An den Träumen vieler Reisender arbeitet MotionTag. Das im Oktober 2015 gegründete Start-up bietet ein infrastrukturloses, intelligentes Smartphone-Ticketing. „Wir brauchen weder Schranken am Bahnsteig noch Ticketautomaten – alles läuft über die Sensoren der Smartphones“, erklärt Gründer Stephan Leppler.

Technologien MotionTag
Reisen ohne Schranken und digitales Ticketing von Fahrtanfang bis -ende ist das Ziel von MotionTag. (Foto: MotionTag)

Konkret heißt das, ich steige in meinen Bus vor der Haustür ein und starte in der App den Fahrtenschreiber. Am Ende der Fahrt, egal ob nur mit dem Bus oder mit S-Bahn, Regionalbahn, ICE oder Straßenbahn, gibt es eine einheitliche Abrechnung. Der Reisende kann auch spontan seine Route und Verkehrsmittel ändern, er zahlt nur die tatsächlich gefahrenen Stationen. „Das Schlüsselerlebnis für die Gründung von MotionTag war, dass ich in München zum Flughafen wollte. Keiner konnte mir bei den mir unbekannten Tarifen sagen, wie ich am besten und günstigsten dahin komme.

Der Tramfahrer riet mir, einfach das teuerste Ticket zu kaufen. Da dachte ich, das muss besser gehen. Das war der Startpunkt für ein Ticketing zum besten Preis.

MotionTag erleichtere durch sein digitales Ticketing den Nutzern das Reisen und den Transportunternehmen einen besseren Service für deren Endkunden. „Unser B2B-Produkt ist gut skalierbar und über verschiedene Verkehrssysteme hinweg anwendbar. Wir können die Technologie regional sowie überregional ausrollen – rein auf Bahnen, aber auch in Verbindung mit Car- und Bikesharing“, betont Leppler.

Und das ruft große Kunden auf den Plan. Das B2B-Produkt testet beispielsweise die Deutsche Bahn; die Berliner Verkehrsbetriebe oder die SBB testen die Technologie für andere Anwendungsfälle. Ein anderer Kunde wünscht sich eine automatische Parkplatzabrechnung, ein Logistikunternehmen möchte die letzten Meter der Paketzusteller vom Auto bis hin zu den Häusern optimieren und in Lissabon wird geschaut, wie sich die Touristen durch die Stadt bewegen. Wie ist diese Vielfalt möglich? Leppler: „Wir bauen keine App für alle, sondern bieten unseren Kunden eine Software, die sie in ihre bestehenden Apps integrieren können.

Wir wollen nicht den alten Ticketautomaten aufs Handy bringen, sondern bieten eine Art Betriebssystem, mit welchem der Kunde sein eigenes Programm schreibt – vom Ticketing, über Parking bis hin zur Lastensteuerung von Zügen.

Die Vision ist ein Betriebssystem für schlaue, nachhaltige und vernetzte Mobilität, damit die Verkehrssysteme intelligenter werden.

Optimiertes Datenmanagement für fehlerfreie Satelliten und Autos

Für Valispace sind neben Zügen und Autos vor allem Satelliten, Raketen und Roboter interessant. Seit dem Start im Jahr 2016 entwickelt das Start-up eine Software von Ingenieuren für Ingenieure, damit sie ihre Daten besser managen und fehlerfreier ihre Visionen umsetzen können. „Um einen Satelliten irgendwann ins All zu senden, arbeiten Ingenieure an zehntausenden Dokumenten“, berichtet Mitgründer Marco Witzmann. „Ob, Word, Excel oder Simulationstools, wenn man einen Wert anpasst, muss dieser oft in zig andere Dokumente kopiert werden.“ Das koste nicht nur viel Zeit, sondern ist fehleranfällig.

Eine Sonde, die zum Mars flog, sei beispielsweise abgestürzt, weil ein Zulieferer bei der Einheitenberechnung etwas nicht richtig anpasste. „Mit unserer Lösung kann ein Ingenieur seine Komponente ändern und es aktualisieren sich automatisch alle anderen Dokumente. Alle technischen Daten sind an einem Ort gebündelt und mit Formeln verknüpft.“

Technologien Valispace
Von Ingenieuren für Ingenieure: Das Tool von Valispace möchte die Dokumentenverarbeitung revolutionieren. (Foto: Valispace)

Wenn ein Ingenieur überlegt, in das geplante Auto ein Sonnendach einzubauen, könne er berechnen, welche Auswirkungen dies auf das Gewicht des Autos etc. habe. Die physikalischen Größen sind mit Formeln verknüpft sowie auch mit den Simulationstools. „Wir wollen die Bürokratie minimieren und, dass sich die Ingenieure auf ihre Arbeit und ihre Spezialisierung fokussieren können.“

Die Softwareentwicklung ist der Hardwareentwicklung bereits 10 Jahre voraus. Wir wollen letztere dynamischer, agiler und digitaler machen.

Das geht nur, wenn die Prozesse vereinfacht und automatisiert werden. „Wir sind alles Freunde von Excel, aber man arbeitet immer mit mehren Leuten an einem Dokument, was nicht gleichzeitig funktioniert. Bei 5.000 Dokumenten für komplexe Projekte mit 200 internen und 800 externen Ingenieuren müssen Daten sinnvoll verknüpft und zu pflegen sein. Nur so können Ingenieure optimal Produkte planen und bauen.

Wir wollten etwas speziell für Ingenieure entwickeln. Einen Brückenschlag von den heutigen Tools zum modernen, digitalen Arbeiten.

Bei den heutigen komplexen Systemen, könne ein Mensch diese nicht alleine überblicken und jedes Detail kennen. Aber jeder Ingenieur muss sein Produkt verstehen, um die Auswirkungen zu erkennen, wenn sich ein Detail ändert.

Wir wollen Designs entwickeln können, die man mit dem heutigen Stand der Technik noch nicht entwickeln kann.

Um die großen Unternehmen im Hier abzuholen und zu digitalisieren, gebe es Schnittstellen für alle gängigen Office-Programme, Simulationstools und Programmiersprachen. Valispace zählt mittlerweile Airbus sowie andere Player aus der Luft- und Raumfahrt zu seinen Kunden; mit Automobilindustrie und Herstellern von Zügen und Robotern gibt es Gespräche. Und die Implementierung des neuen Tools ist schnell gemacht: „Nach Abschluss der Verträge dauert die Installation und das Training der Mitarbeiter nur ein bis zwei Tage“, so Witzmann.

Gegen das Vergessen: Mit mobilen Gedächtnistests Alzheimer besser verstehen

Großes hat auch neotiv vor. Das 2017 zufälligerweise am Welt-Alzheimertag gegründete Start-up möchte mit seiner App für Gedächtnistests die Menschen im Alltag erreichen. Anhand der Ergebnisse, die die User bei dem Test erzielen, soll ein mögliches Alzheimer-Risiko eingeschätzt werden. „Bei der Alzheimer-Erkrankung sind in unterschiedlichen Stadien unterschiedliche Hirnregionen betroffen, was in der Folge Auswirkungen auf bestimmte Gedächtnisprozesse hat“, erklärt Mitgründer Dr. Chris Rehse „Die Symptome dafür können schon Jahre vor ersten Klinischen Auffälligkeiten der Krankheit erkennbar sein.“

Technologien neotiv
Geschäftsführer Dr. Chris Rehse (rechts) entwickelt mit seinem Teram eine App für Gedächtnistests, um Symptome für Alzheimer frühzeitig zu entdecken. (Foto: neotiv)

Mit der App ermöglicht neotiv, dass Menschen ihre Gedächtnisfunktion über längere Zeit testen und verfolgen, um diese Symptome zu erkennen. Wer seinen Lebensstil rechtzeitig verändere und Risikofaktoren wie falsche Ernährung, Schlafmangel, Stress, Diabetes und Bluthochdruck anpasse, könne den Verlauf der Krankheit unter Umständen hinauszögern.

Mit der App diagnostizieren wir nicht, sondern testen einzelne Gedächtnisfunktionen und analysieren mögliche Auffälligkeiten. 

Bei anderen Tests müssen sich Innen- und Außenaufnahmen eingeprägt werden. Darüber hinaus wurden weitere neuropsychologische Testverfahren digitalisiert. „Man kann die Tests nicht auswendig lernen. Sie wurden über mehrere Jahre in Studien entwickelt und optimiert.“ Zielgruppe sind unter anderem die 50- bis 60-Jährigen, die bei ersten Anzeichen ihren Lebensstil noch ändern können, bevor es irreversible Schäden im Gehirn gibt.

Die Besonderheit dieser App: Die Gedächtnistest wurden und werden im MRT mit Gesunden und Kranken validiert. neotiv ist eine Ausgründung der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg in enger Kollaboration mit dem Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) und kann daher auf neueste wissenschaftliche Erkenntnisse zugreifen. Ziel sei es, ein zertifiziertes Medizinprodukt zu werden. Die App ist bereits in Demenzstudien in Deutschland, Schweden und den USA im Einsatz.

Ab Dezember dieses Jahres wird die App in Deutschland im Rahmen eines Citizen Science Projekts genutzt. Gemeinsam soll hier mit der breiten Bevölkerung das Gedächtnis erforscht und Faktoren identifiziert werden, die unsere Merkfähigkeit im Alltag beeinflussen. Diese Kampagne wird unter dem Motto: Gemeinsam Gedächtnis erforschen – welche Faktoren beeinflussen unsere Merkfähigkeit im Alltag?“ erscheinen.

Wir wünschen uns, dass die App später so selbstverständlich wie ein Blutdruckgerät eingesetzt wird. 

Da die neotiv App eine nicht-invasive Methode darstellt, kann diese ohne größeren Aufwand und für jedermann zugänglich gemacht werden. Dabei ist die Implementierung in das deutsche Gesundheitswesen ausschlaggebend. Die App könnte das Tor zur Alzheimer-Prävention und Intervention bilden. „Wir sind teilweise selbst Ärzte und wissen, wie sich unsere Patienten fühlen. Nicht jede Vergesslichkeit ist bedenklich und automatisch ein Anzeichen für eine spätere Alzheimer-Erkrankung. Je nach Tagesform ist auch die kognitive Leistung unterschiedlich.“

Gegen Krankenhauskeime: Händedesinfektion digital überprüft

Man sollte meinen, dass ein ständiges Händedesinfizieren in Kliniken selbstverständlich ist. Jedoch stirbt laut GWA Hygiene alle 2 Minuten in Europa und den USA ein Mensch an den Folgen einer Infektion mit Krankenhauskeimen. „Häufige Ursache ist die unzureichende Händedesinfektion des Klinik-Personals“, betont Tobias Gebhardt, Mitgründer von GWA Hygiene.

Technologien GWA Hygiene
GWA Hygiene automatisiert mit Sensoren die Händedesinfektion und sagt dadurch Krankenhauskeimen den Kampf an. (Foto: GWA Hygiene)

Die Idee zum Händehygiene-Monitoring-System NosoEx kam, als Mitgründer Maik Gronau 2013 selbst im Krankenhaus lag und bemerkte, wie unterschiedlich das Desinfektionsverhalten des medizinischen Personals war und es scheinbar weder Anforderungen noch zugehörige Messmethoden gab.

Wir können mithilfe unserer Messungen die Daten rund um die Händehygiene automatisiert bereitstellen, wofür das Hygiene-Personal bisher noch einen hohen manuellen Aufwand hat.

Die NosoEx-Sensorik lasse sich außerdem nahtlos in die Krankenhaus-Infrastruktur integrieren. Zwei Jahre entwickelte das Team um Gebhardt, Gronau und Marcel Walz die Hardware und Software. Mitte 2017 erfolgte der Start mit ihrem marktreifen Produkt.

Die Desinfektionsmittelspender werden mit Sensoren ausgestattet genauso wie das Personal, so dass die Hygieneprozesse auf den einzelnen Stationen erfasst werden. So lasse sich schnell erkennen, wo es gut funktioniert, wo Seifen und Desinfektionsmittel nachgeliefert werden müssen oder gar Spender kaputt sind. „Mittlerweile ist NosoEx in 15 Gesundheitseinrichtungen bundesweit im Einsatz. Dort konnten wir bereits über 4,5 Mio. Händedesinfektionen erfassen“, berichtet Gebhardt. Bei einem der Referenzkunden, der Klinikum Lüneburg, wurde beispielsweise innerhalb kurzer Zeit ein Anstieg des Desinfektionsmittelverbrauches von 35 Prozent erzielt.

NosoEx soll zum digitalen Assistent für die Krankenhaushygiene werden und somit aus dem Alltag des Hygiene-Personals nicht mehr wegzudenken sein.

Dafür sollen künftig noch weitere Hygiene-Prozesse wie die Oberflächendesinfektion abgebildet werden. Derzeit laufen außerdem Vorbereitungen für die Expansion in zahlreiche europäische Länder.

Krankenhäuser sollen zu einem sicheren und vernetzten Ort werden, um Infektionen mit Krankenhauskeimen massiv einzudämmen.

Noch mehr von den besten Start-ups Deutschlands

Mehr ausgezeichnete Start-ups: Die Sieger des KfW Awards Gründen 2018, grüne Geschäftsideen sowie die Bundessieger Schuhe24 und Publikumssieger Superseven stellen wir in unseren Gründerstorys vor.

  • Seit 20 Jahren zeichnet die KfW Bankengruppe Unternehmen in den ersten fünf Jahren ihrer Geschäftstätigkeit mit dem KfW Award Gründen (ehemals „GründerChampions“) aus. Für den renommierten Preis können sich Unternehmen aller Branchen bewerben, die ihren Sitz in Deutschland haben. Die Preisträger werden von einer Jury aus erfahrenen Vertreterinnen und Vertretern aus der KfW, Politik und Wirtschaft ausgewählt. Die Preisverleihung fand am 11. Oktober im Rahmen der Eröffnungsveranstaltung der deGUT statt.