Grüne Ideen: horizontale Bäume, kompostierbare Klos und sauberes Wasser



Um die Umwelt nachhaltig zu schützen, muss mehr getan werden, als über Nachhaltigkeit zu sprechen. Drei Start-ups setzen bei der Luftverschmutzung, kontaminierten Grundwasser und der Bekämpfung von Krankheiten an. Mit ersten Erfolgen – unter anderem ausgezeichnet als beste Start-ups in ihren Bundesländern beim KfW Award Gründen 2018. Alle Drei sind nachhaltige Geschäftsideen.

Es ist laut, heiß und stickig. Gerade im Hochsommer ist es unangenehm, zwischen großen und befahrenen Straßen und steinernen, Wärme reflektierenden Häuserfassaden entlang zu laufen. Da möchte das Stuttgarter Start-up Visioverdis ansetzen und mit ihren technisch-botanischen Produkten einen guten Lebensraum für alle schaffen. „Wir haben mit Stadt- sowie Hausklimatisierung angefangen“, erklärt Gründerin Dr. Alina Schick. „Wir begrünen Fassaden nicht nur aus optischen Gründen, sondern insbesondere für die Gebäudekühlung und für saubere Luft. Es ist bewiesen, dass die Dachbegrünung nicht so viel bringt wie an der Fassade, insbesondere an den Straßen, wo die Luftverschmutzung am größten ist.“

Eine der drei nachhaltigen Geschäftsideen: Mit GraviPlant wurde Visioverdis Landessieger Baden-Württemberg beim KfW Award Gründen. (Foto: Visioverdis GmbH)

GraviPlant heißt das Hightech-Pflanzenversorgungssystem, das im September als neue Generation herausgekommen ist. Die kugeligen, einmetervierzig großen Bäume werden horizontal an Fassaden montiert und in ihrer Halterung um die horizontale Achse gedreht. Das geschieht so langsam, dass es für das menschliche Auge nicht sichtbar ist, die Pflanzen aber Schwerkraft und Licht anders wahrnehmen. Die Vorteile: Die Bäume können horizontal wachsen, dadurch mehr Licht auffangen, mehr Blattmasse bilden, verstärkt Luft filtern, CO2 binden, mehr Sauerstoff produzieren und die Umgebung kühlen. Städte werden dadurch grüner und schöner anzusehen. Das Ziel sei es auf mehreren Ebenen zu begrünen – so wie es die Natur mache. Unten wachsen Kräuter, darüber Sträucher und Bäume.

Wir wollen quasi eine Obstwiese an die Fassade bringen. Wir haben auch schon einen vertikalen Weinberg erschaffen.

Nun müsse noch die Politik mitziehen. „Die horizontalen Flächen, die immer teurer werden, sind da. Wir hoffen, dass die Politik Fassaden als Ausgleichsflächen in großen Städten ansehen, dann könnten wir in den Städten viel umsetzen“, betont Schick, die bereits 2009 anfing Bäume zu drehen, getestet mit Halterungen aus Wachmaschinentrommeln. Was es für jede begrünte Fläche brauche, sei Strom, Wasser und W-Lan, um die Pflanzen ausreichend zu versorgen.

Über den PC oder die Haustechnik können wir die Drehgeschwindigkeit, die Wassermenge, Feuchtegrad und Wärme und bei Wunsch auch Lampenbestrahlung einstellen, so dass tatsächlich nur zwei Mal im Jahr ein Rückschnitt für die Optik nötig wäre.

Ob Maibaum oder Tannenbaum – die Halterung sei für diverse Bäume ausgerichtet. Und auch Bienen, Schmetterlinge und Eichhörnchen haben sich bereits in den bisher begrünten Fassaden aufgehalten.

Im Sommer kaufen viele Menschen Klimaanlagen. Mit Fassadenbegrünungen ist laut einer Studie der TU Berlin nur noch ein Drittel der Energie für die Kühlung des Hauses im Vergleich zu nicht beschatteten Fassaden nötig. Im Gegensatz dazu stehen ein wenig mehr Heizkosten.

Der Unterschied zwischen einer begrünten und einer unbegrünten Fassade beträgt laut eigenen Messungen 15 Grad.

Die Nachfrage wächst: In Europa soll ein Vertriebspartnernetz mit Fassadenbegrünern aufgebaut werden. „Den neuen GraviPlant mit integriertem Wassertank installieren wir jetzt in Wien. Darüber hinaus führe ich gerade Gespräche in Singapur als Eingangstor für den asiatischen Markt und stelle diese auch in Dubai und Abu Dhabi vor“, so Schick. „Um den Auslandsmarkt zu erreichen, arbeiten wir daran, unsere Produkte anzupassen und suchen dafür Investoren.

Es bringt vielen Menschen etwas. Wir wissen, was Pflanzen leisten können und wir bieten die Technik, damit sie ihre Leistung optimal umsetzen können. 

Kompostierbar und angesehen: Weg von Omas Plumpsklo

Bei Sauberkeit und dadurch Bekämpfung von Krankheiten setzt auch Goldeimer aus Hamburg an. Das 2014 gegründete Start-up von Malte Schremmer und Viva con Agua baut ökologische und nachhaltige Klos, die anstelle von Wasser mit Sägespänen betrieben werden.

4,5 Milliarden Menschen auf der Welt verfügen über keine sichere Sanitärversorgung. Wir wollen möglichst viele Klos auf der Welt bauen und viele Menschen erreichen.

Auf Festivals in ganz Deutschland erreicht die gemeinnützige GmbH die junge Zielgruppe, die über 50-Jährigen eher durch Produkte wie Klopapier. „Durch das Klopapier haben wir auch unser Skalierungspotenzial. Neben unserem Online-Shop wird es in und um Hamburg bereits in einer Drogeriekette mit 170 Filialen vertrieben. Biosupermärkte wie Denns und alnature führen das Klopapier bereits seit Mitte des Jahres bundesweit.“

Goldeimer - nachhaltige Geschäftsideen
Goldeimer wurde mit seinen Komposttoiletten beim KfW Award Gründen als Landessieger Hamburg gekürt. (Foto: Goldeimer)

Das Schlüsselerlebnis war für Schremmer ein furchtbarer Magen-Darm-Infekt, den er sich auf einer längeren Reise durch Burkina Faso und Ghana eingefangen hatte. Völlig dehydriert und bewegungsunfähig im Bett fing Schremmer an über das Thema Klos und Sanitärversorgung nachzudenken. Es folgten eine Bachelorarbeit über den Stuhlgang nach der Spülung bis hin zu Kläranlagen, über Nährstoffe im Urin und Gesundheit. Aus der theoretischen Arbeit entstand Goldeimer.

Wir bauen nachhaltige, ökologische und unterhaltsame Kompost-Toiletten, mit denen wir Festivals ausstatten.

Über den Spaß – mit einem Areal aus 15 Toiletten, mit Musik, einer eigenen Zeitschrift und 200 ehrenamtlichen Mitarbeitern, die über das Projekt aufklären – möchte Goldeimer für das Thema Sanitärversorgung sensibilisieren. „Wir fingen mit zwei Holzklos an und wurden belächelt für unsere Hippie-Klos. Heute können wir uns vor Anfragen kaum retten. Die Kompost-Toiletten sind sauber, stinken nicht und die gesammelte Biomasse kann man zu fruchtbarem Humus kompostieren lassen.“

Neben den Festivalbetreibern melden sich auch die Besucher, die in der Nähe der Klos zelten wollen, um diese morgens zu nutzen. „Das Umdenken bezüglich Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft hat stattgefunden und die Leute werden für das Thema Sanitärversorgung sensibilisiert.“ Seit drei Jahren schreibt Goldeimer schwarze Zahlen, künftig sollen Gewinne für Auslandsprojekte erwirtschaftet werden. Neben den Festival-Klos gibt es auch ein Klo-to-go im Sortiment, welches den Camper und Kleingärtner anspricht. „Wir wollen eine positive Stimmung rund um das Thema Toilette erzeugen.“

Sauberes Trinkwasser: Maßgeschneidert und umweltschonend gegen Schadstoffe

Auch das 2015 von Dr. Julian Bosch und Dr. Johannes Bruns gegründete Start-up Intrapore aus Essen setzt sich für das Wohl der Menschen ein – für sauberes Trinkwasser. Durch Verunreinigungen seitens der Industrie und Rohstoffabbau gelangen Schadstoffe ins Grundwasser und bleiben dort auch über Jahre bestehen. Mit Nano- und Mikropartikeln sagen sie unter anderem Kohlenwasserstoffen, Schwermetallen und Pestiziden umweltschonend den Kampf an. Das Besondere an ihrer Technologie: Passende Nano-Partikel werden nach einer Boden- und Wasseranalyse zielgerichtet in den kontaminierten Bereich gegeben und diese können über eine große Reichweite von bis zu 20 Metern das Wasser unterhalb der Erde reinigen.

Die Technologie sei nicht nur nachhaltig, sondern weitaus kostengünstiger als die aktuellen Maßnahmen zur Boden- und Grundwassersanierung, wie die Pump-and-Treat-Methode. Das belastete Grundwasser müsse nicht kostenintensiv abgepumpt, gereinigt und schließlich wieder zurückgeführt werden. Mit der Technologie von Intrapore können zudem schwerzugängliche Bereiche wie der Boden unter Schienen und Gebäuden gereinigt werden.

Für mehr als 90 Prozent der Schadstoffe könne Intrapore Nanopartikel anbieten, um Verunreinigungen abzubauen oder zumindest das Wasser zu filtern und Schwermetalle im Boden für immer zu binden. Aktuell ist der Landessieger NRW beim KfW Award Gründen vor allem im deutschsprachigen Raum unterwegs, aber die Kontaminierung von Böden und Gewässern ist weltweit ein Problem. Im Fokus stehen daher die Märkte in Asien und Nordamerika.

Mehr ausgezeichnete Start-ups: Die Sieger des KfW Awards Gründen 2018. Bundessieger Schuhe24 und Publikumssieger Superseven stellen wir in unseren Gründerstorys vor.

  • Seit 20 Jahren zeichnet die KfW Bankengruppe Unternehmen in den ersten fünf Jahren ihrer Geschäftstätigkeit mit dem KfW Award Gründen (ehemals „GründerChampions“) aus. Für den renommierten Preis können sich Unternehmen aller Branchen bewerben, die ihren Sitz in Deutschland haben. Die Preisträger werden von einer Jury aus erfahrenen Vertreterinnen und Vertretern aus der KfW, Politik und Wirtschaft ausgewählt. Die Preisverleihung fand am 11. Oktober im Rahmen der Eröffnungsveranstaltung der deGUT statt.