Start-up nimmt sich den Finanzsektor in Schwellenländern vor



Vier Millionen Menschen – vor allem in Schwellenländern – haben nur unzureichenden Zugang zum Bankensystem. Das amerikanische Start-up Airfox möchte diesen Menschen via Blockchain alternative Finanzierungsmöglichkeiten bieten. Die Jury des code_n Awards kürte Airfox letzte Woche zum Gewinner in der Kategorie „Bestes Geschäftsmodell“ sowie zum allgemeinen Gewinner. Wir sprachen mit Katie Sedat, VP of Marketing bei Airfox, über das Geschäftsmodell des Start-ups.

GründerDaily: Hallo Katie. Airfox wurde beim new.New.Festival mit den code_n Awards „Best Business Model“ sowie „Overall Winner“ ausgezeichnet. Herzlichen Glückwunsch! Was genau macht Airfox?

Katie von Airfox: Airfox hat es sich zur Aufgabe gemacht, die finanzielle Integration von unterversorgten Bevölkerungsgruppen auf der ganzen Welt zu fördern. Weltweit gibt es zwei Milliarden Menschen ohne Zugang zum Bankensystem und weitere zwei Milliarden mit unzureichendem Zugang zum Bankensystem. Das bedeutet, dass sie auf viele Finanzdienstleistungen nicht zurückgreifen können, die wir oft für selbstverständlich halten.

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Das Airfox-Team rund um Co-Founder und CEO Victor Santos (m.) und VP of Marketing Katie Sedat (stehend, zweite v.l.) will Geringverdiener ins internationale Finanzleben integrieren. (Foto: Airfox)

Airfox zielt darauf ab, dieses Problem zu lösen, indem es für genau diese Menschen ein neuartiges, mobiles Finanz-Ökosystem auf Blockchain-Basis schafft. Die Airfox-App, die kostenlos auf Android-Smartphones verfügbar ist, ermöglicht schnelle und kostengünstige Geldtransfers und digitale Zahlungen alltäglicher Transaktionen. Zum Beispiel dem Bezahlen von öffentlichen Verkehrsmitteln, Stromrechnungen und vielen Offline-Waren. All dies ist für den Einsatz auf kostengünstigen Android-Handys in Schwellenländern optimiert.

GründerDaily: Digitale Wallets und mobile Zahlungsmethoden sind in vielen Bereichen bereits gut etabliert. Wie unterscheidet sich Airfox von diesen Anwendungen?

Katie von Airfox: Bestehende mobile Wallet-Anwendungen erfordern in der Regel, dass die Benutzer ein Bankkonto oder eine Kreditkarte haben, um sie zu nutzen. Das ist bei Airfox nicht so. Außerdem sammelt die App Daten über die getätigten Geldtransaktionen und kann so einen eigenen Kreditscore für jeden Benutzer erstellen. Dadurch können wir an vertrauenswürdige Kreditnehmer Mikrokredite mit günstigeren Zinssätzen vergeben. Wir setzen dabei auf drei technische Säulen: mobil, maschinelles Lernen und Blockchain.

GründerDaily: In letzter Zeit hat der Begriff „Blockchain“ nicht nur in der Krypto-Community viel Aufmerksamkeit erregt. Wie nutzt Airfox die Technologie und was sind die Vorteile?

Katie von Airfox: Wir glauben, dass die Blockchain-Technologie die Macht hat, den Finanzsektor zu demokratisieren und Milliarden von Menschen aus der Armut zu befreien. Da die Blockchain dezentral und somit unabhängig von dritten Instanzen ist, gibt es keine Transaktionsgebühren für die Benutzer, was ideal für die Schwellenländer ist, auf die wir uns fokussieren.

Dank Blockchain erhält ein Nutzer ein sogenanntes Cyber Wallet für den Zugang zu Finanzdienstleistungen und die digitale Dokumentation der Finanzdaten. Das kann weder verloren gehen noch gestohlen werden. Airfox hat eine eigene Kryptowährung, AirToken oder kurz AIR, ein auf Ethereum basierendes ERC-20-Token, entwickelt, um den Kapitaltransfer auf der ganzen Welt zu erleichtern. Über unsere geplante Peer-to-Peer-Kreditplattform verteilen wir so das Risiko beim Bereitstellen von Mikrokrediten auf einen globalen Pool von Kreditgebern.

GründerDaily: Um ein Darlehen zu erhalten, müssen in der Regel Informationen wie zum Beispiel über den finanziellen Status und das Eigentum bereitgestellt werden. Du hast bereits angedeutet, dass ihr eine andere Methode verwenden wollt, um die Kreditwürdigkeit eurer User festzustellen. Kannst du kurz erläutern, wie das funktioniert?

Katie von Airfox: User unserer App erklären sich bei der Nutzung einverstanden, Informationen wie GPS, Anrufverlauf und App-Nutzung weiterzugeben. Unser Plan ist es, diese Informationen mit den Transaktionsdaten aus der App sowie einigen Datenquellen Dritter wie beispielsweise Telco-Informationen zu kombinieren. So können wir einen Bewertungsalgorithmus entwickeln, der bestimmt, ob eine Person ein Darlehen erhalten soll und wenn ja, was die richtige Kredithöhe sowie die Rückzahlungsbedingungen sein sollen. Die Benutzer der Airfox-App werden anhand dieser Bewertung in risikoarme oder risikoreiche Gruppen unterteilt.

GründerDaily: Eure Zielgruppe sind Menschen ohne Zugang zum Bankensystem in Schwellenländern. Das erste Land, in dem ihr aktiv seid, ist Brasilien. Wie wollt ihr eure Zielgruppe erreichen?

Katie von Airfox: Was vielen nicht bewusst ist: Zwei Drittel der vier Milliarden Menschen ohne Zugang zum Bankensystem haben ein Mobiltelefon. Die rasante Entwicklung der Mobilfunktechnologie hat dazu geführt, dass immer mehr Menschen Finanztransaktionen durchführen können. So können sie per App auf ihren mobilen Geräten Peer-to-Peer-Zahlungen nutzen, Kredite erhalten und internationale Überweisungen in ihr Herkunftsland tätigen.

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Mit dieser App sollen auch Personen ohne Bankkonto die Möglichkeit haben, Kredite zu bekommen und so aus der Armut zu entkommen. (Foto: Airfox)

Um die Menschen zu erreichen, die den größten Nutzen aus der App ziehen, planen wir zwei Ansätze. Erstens hilft unsere Partnerschaft mit Casa Bahia, dem zweitgrößten Einzelhändler in Brasilien, Millionen von Kunden zu gewinnen, die ihre monatlichen Ratenzahlungen für auf Kredit gekaufte Produkte über uns zu leisten. Diese Personen möchten wir dazu bringen, auch andere Funktionen der App zu nutzen. So können wir den Algorithmus für unseren Kreditscore schneller trainieren. Unser zweiter Ansatz besteht darin, in den Gemeinden Brasiliens vor Ort zu sein und zum Beispiel mit lokalen Klein- und Sozialunternehmen zusammenzuarbeiten. So können wir den Menschen direkt vor Ort die Vorteile unserer App vorstellen und sie zur Nutzung  anregen.

GründerDaily: Wie zahlen die Nutzer ihre Kredite zurück? Wie tauscht man Bargeld in AirTokens um?

Katie von Airfox: Da gibt es einige Möglichkeiten. Benutzer können „Boleto Bancario“, eine in Brasilien einzigartige Zahlungsmethode, nutzen, um Bargeld einzuzahlen. Außerdem funktionieren Banküberweisungen oder man zahlt an einem der fast 300.000 Orte in ganz Brasilien Bargeld in die App ein. In Zukunft wird das auch an allen Casa Bahia Verkaufsstellenmöglich sein. Je nach Einzahlungsmethode kann es bis zu 15 Minuten dauern, bis das Geld auf dem Airfox-Konto des Benutzers erscheint.

Nach der Einzahlung leitet der Nutzer die Rückzahlung des Darlehens ein. Die App wandelt dann die lokale Währung automatisch in AirTokens um, die als Brücke dienen, um den Transfer des Kapitals zurück an die Kreditgeber zu erleichtern.

GründerDaily: Die Finanzprodukte von Airfox sollen für die Nutzer keine oder nur geringe Kosten verursachen. Wie generiert Airfox Einnahmen?

Katie von Airfox: Airfox wird aus unseren beiden Hauptprodukten Einnahmen generieren: der mobilen Wallet und den Kreditprodukten. Die mobile Wallet generiert prozentual zum gesamten Transaktionsvolumen Einnahmen, wobei die Preisstrukturen je nach Ausgabenkategorie, also zum Beispiel Transport, mobile Aufladungen oder Rechnungsbezahlung, unterschiedlich sind. Darüber hinaus generieren die Kredite Erträge auf Basis der erzielten Zinsen.

GründerDaily: Airfox verzögerte das ICO dreimal, letzlich habt ihr es trotzdem durchgeführt. Welche Vorteile hat ein ICO?

Katie von Airfox: Durch das ICO erhielten wir Unterstützung von Menschen auf der ganzen Welt, die an unsere Mission glauben. Sie wollen an unserer Peer-to-Peer-Kreditplattform teilhaben, damit Menschen auf der ganzen Welt die Möglichkeit haben, der Armut zu entkommen. Dadurch haben wir fast 3.000 Menschen, die bereit sind, Mikrokredite auf der Plattform zu vergeben, sobald sie live ist.

GründerDaily: Vielen Dank, Katie, für dieses interessante Gespräch!

Keyfacts Airfox Inc.

  • Gegründet im Jahr: 2016
  • Firmensitz in: Hauptsitz in Boston, Massachusetts (USA); weitere Niederlassung in São Paulo, Brasilien
  • Die erste Finanzierung erfolgte durch/ über: Venture Capital
  • Besonders geholfen haben mir/ uns bisher: Unsere Berater, ohne die wir heute nicht da stünden, wo wir sind. Außerdem die 2.500 Personen, die während unseres ICOs AirToken erstanden haben.
  • Besonders wichtig im Arbeitsalltag sind für mich/ uns folgende:
    • Menschen: Cathy Melnikow Airfox’s Marketing Manager, Brasilien
    • Tools: Slack, Google Docs, Gmail, Branch.io, SQL
    • Internetseiten: bostinnovation.com für lokale Start-up News aus Boston, Seth’s Blog von Seth Godin für praktische und inspirierende Marketing-Anregungen
  • Kontakt

  • Katie Sedat
  • Airfox Inc.
    Boston (HQ)
    United States
    114 Western Ave 02134
  • support@airfox.io
  • www.airfox.com