Social Start-up und Gewinnorientierung – passt nicht zusammen, oder doch?



Das Top 50 Start-up feelSpace vereinbart zwei eigentlich gegensätzliche Ziele: auf der einen Seite Social Start-up sein, auf der anderen Seite damit Gewinne erzielen. Mit der Idee eines taktilen Gürtels, der (nicht nur) blinden Menschen die Navigation erleichtert, konnte zuletzt auch ein Investor überzeugt werden, 600.000 Euro in das Start-up zu investieren. Wie feelSpace funktioniert, wie sich für die Neurowissenschaftlerinnen der Einstieg vom Universitäts- in den Unternehmeralltag gestaltete und was ein Eventspiel damit zu tun hat, erfahrt ihr in dieser Gründerstory.



Für-Gründer.de: Hallo Silke, du bist Mitgründerin des Start-ups feelSpace. Stell uns doch bitte dein Unternehmen kurz vor.

Silke Kärcher von feelSpace: Ich habe die feelSpace GmbH im November 2015 mit meinen beiden Kolleginnen Jessika Schwandt und Susan Wache gegründet. Unser Team ist seit der Gründung auf sechs Mitglieder gewachsen. Die feelSpace GmbH entwickelt und vertreibt einen taktilen – also fühlbaren – Navigationsgürtel, der um den Bauch getragen wird und dort Richtungen anzeigt.

Per Smartphone kann ein Ziel eingegeben werden, der Gürtel vibriert dann in die entsprechende Richtung. Vor allem für blinde und sehbehinderte Menschen wird die Navigation so sehr vereinfacht.

Mit dem taktilen Gürtel von feelSpace kann man die Orientierung nicht verlieren. (Bildquelle: feelSpace)

Für-Gründer.de: Die Idee für euren Navigationsgürtel entstand aus einem Forschungsprojekt der Universität Osnabrück. Wie liefen für euch die ersten Schritte ins Unternehmertum?

Silke Kärcher von feelSpace:

Die Idee kam schon früh auf, da Prof. Dr. König, in dessen Arbeitsgruppe wir geforscht haben, zuvor schon eine andere Firma gegründet hatte und meinte: „Hey, das mit dem Gürtel könnte auch was werden!“

Ich habe dann erst mal lange überlegt, wie und für wen der Gürtel außerhalb der Forschung interessant sein könnte. Es war ziemlich schnell klar, dass ein fühlbares Navigationsgerät eine sehr interessante Marktneuheit ist.

Als die Idee immer mehr Gestalt annahm, habe ich Jessika und Susan ist Boot geholt, weil ich einfach nicht alles alleine stemmen konnte: eine aufwändige Hardwareentwicklung, Softwareentwicklung, Marketing, Vertrieb, Verwaltung, Patente, Finanzierungsfragen… dafür braucht man ein gutes Team.

Für-Gründer.de: Eine Idee ist ja meistens die eine Sache, die tatsächliche Vermarktung des Produktes eine ganz andere. Habt ihr euch hier Hilfe ins Boot geholt beziehungsweise wie setzt sich euer Team hier zusammen?

Silke Kärcher von feelSpace: Ja, wir haben uns schon früh Hilfe geholt. Jessika, Susan und ich sind alle drei Neurowissenschaftlerinnen – es hat eine ganze Weile gebraucht, bis wir unternehmerisches Denken verinnerlicht hatten. Erster Ansprechpartner war der gemeinsame Wissens- und Technologietransfer der Universität und Hochschule Osnabrück. Dort wurde uns erst mal auf den Zahn gefühlt, wie gut wir unsere Hausaufgaben gemacht haben:

Der strukturierte Ansatz hat uns sehr gut getan, so haben wir dann ein EXIST-Gründerstipendium beantragt und bekommen. Seitdem haben wir immer wieder Zeit und auch Geld in Coachings investiert, das hat sich sehr gelohnt.

Die Aufgaben einer Gründung lassen sich besser im Team bewältigen. (Bildquelle: feelSpace)

Für-Gründer.de: Euer Gürtel erleichtert blinden Menschen die Navigation, gleichzeitig verkauft ihr den Gürtel aber auch an Radfahrer oder Weltreisende. Wie gelingt euch der Spagat zwischen Social-Start-up und gewinnorientiertem Unternehmen?

Silke Kärcher von feelSpace: Wir haben 2015 mit großer Begeisterung angefangen, ein Produkt zu entwickeln, um blinden und sehbehinderten Menschen den Alltag zu erleichtern. Mitte 2016 sind wir erst mal hart auf dem Boden der unternehmerischen Realität gelandet: Ohne Finanzierung keine Entwicklung, ohne Entwicklung kein Produkt, ohne Produkt kein alltagserleichternder Navigationsgürtel für Blinde und Sehbehinderte.

Als Unternehmer muss man immer auch unternehmerisch – und damit auch gewinnorientiert – denken, sonst bringen die ganzen schönen Ideen und Pläne zur Weltverbesserung nichts.

Um profitabel zu sein, verkaufen wir deshalb verschiedene Produkte und Dienstleistungen. Unsere blinden und sehbehinderten Kunden finden das gut – sie haben so das Gefühl, Teil einer großen Gruppe von Menschen zu sein, die einen Navigationsgürtel im Alltag nutzen: Der Fahrradfahrer, damit die Hände bei der Fahrt am Lenker bleiben, der Wanderer, damit er die Umgebung genießen kann und nicht dauernd aufs Smartphone starren muss – und der Blinde, weil er eben nichts sieht!

Für-Gründer.de: Im Mai 2016 habt ihr eine Kampagne auf Indiegogo gestartet. Wie ist rückblickend euer Fazit? Würdet ihr wieder diesen Weg der Kapitalbeschaffung wählen und hat es sich gelohnt?

Silke Kärcher von feelSpace: Als Kapitalbeschaffungsmaßnahme war die Kampagne nicht so wirklich erfolgreich. Wir haben unser Ziel damals nur zu etwas mehr als 50% erreicht und waren weit hinter dem, was wir wirklich für Finanzmittel in die Entwicklung stecken wollten. So eine Crowdfundingmaßnahme ist sehr aufwändig in der Vorbereitung – es steckt viel kreative Arbeit in der entsprechenden Kampagnenseite, dem Video, den Perks, dem Gesamtkonzept. Kostenlos ist es auch nicht. Heute müssen die Videos schon professionell gestaltet sein, das dreht man nicht mal eben mit der Smartphonekamera.

Auch während der Kampagne und danach haben wir viel Zeit hineingesteckt, um Anfragen zu beantworten und anschließend unsere Versprechen zu erfüllen. Im Nachhinein betrachtet wäre es bei unserem Finanzierungsbedarf besser gewesen, die Zeit für eine intensive Investorensuche zu nutzen. Aber die Crowdfundingkampagne hat viel Spaß gemacht, wir haben viele interessante Leute kennengelernt, es ist ja ein tolles Video rausgekommen und vor allem haben wir damit einiges an medialer Aufmerksamkeit gewinnen können.

Für-Gründer.de: Kürzlich war nachzulesen, dass ihr in einer privaten Finanzierungsrunde über die Aufnahme eines neuen Gesellschafters 600.000 Euro Kapital aufnehmen konntet. Was plant ihr mit dem Kapital?

Silke Kärcher von feelSpace: Ja, wir konnten einen regionalen Investor von unserem Geschäftskonzept überzeugen und genug Geld für die kostenintensive Entwicklung erhalten. Als erstes haben wir Leute fest eingestellt, die für den Erfolg der Firma unerlässlich sind: einen Entwickler, der sich mit der Schnittstelle Hardware/Software beschäftigt. Das ist ein ganz zentraler Punkt, den wir nicht an eine andere Firma auslagern wollen. Außerdem eine Vertriebsleiterin, die dafür sorgt, dass unsere Produkte auch unsere Kunden erreichen.

Diese Investitionen haben sich für die Firma jetzt schon gelohnt. Darüber hinaus finanzieren wir die Entwicklung von Hardware und Software – wir wollen unseren Kunden ein qualitativ hochwertiges, sicheres und angenehm zu bedienendes Produkt zur Verfügung stellen. Das braucht Zeit und Geld. Außerdem muss das Produkt komplett barrierefrei für Blinde bedienbar sein. Das stellt zusätzliche Anforderungen – gerade auch an die Software.

feelSpace Gründerin Silke Kärcher ist Neurowissenschaftlerin und musste das unternehmerische Denken erst verinnerlichen. (Bildquelle: feelSpace)

Für-Gründer.de: Was erhofft ihr euch, neben der Kapitalspritze, noch von der Erweiterung eures Gesellschafterkreises?

Silke Kärcher von feelSpace: Wir haben das große Glück, dass unser Investor sich wirklich Zeit nimmt, um gemeinsam mit uns die Knackpunkte und strategische Fragestellungen für die Firma zu diskutieren. So profitieren wir von seiner langjährigen unternehmerischen Erfahrung und er hat eine klare Übersicht, was wir mit seinem Geld machen. Das schafft Transparenz und gegenseitiges Vertrauen.

Dabei passt seine Mentalität auch mit der Mentalität der feelSpace GmbH zusammen: Wir wollen Gutes tun, und gleichzeitig unternehmerisch erfolgreich sein, um weiterhin Gutes tun zu können. Top!

Für-Gründer.de: Silke, welche spannenden Entwicklungen darf man in diesem Jahr noch von euch erwarten?

Silke Kärcher von feelSpace: Wir haben verschiedene Eisen im Feuer! Auf der einen Seite möchten wir den Gürtel gern auch im Indoorbereich einsatzfähig machen. Dazu forschen wir gemeinsam mit der Hochschule Reutlingen und schreiben derzeit einen Antrag mit der Universität Dresden. Dann machen wir aus „der naviGürtel Erfahrung“ auch ein spannendes Eventspiel – zum Beispiel für inklusive Schulklassen. Und dann gibt es da natürlich noch andere Überlegungen für die Anwendung von taktilen Displays im Alltag – lasst euch überraschen!

Für-Gründer.de: Vielen Dank für das Gespräch!

Keyfacts zu feelSpace 

  • Unser aktuelles Team besteht aus: Silke Kärcher, Jessika Schwandt, Susan Wache (Gründerinnen), Dr. David Meignan (Softwareengineer), Dr. Julia Wache (Vertriebsleitung), Tobias Vonhöne (Minijob Design)
  • Die erste Finanzierung erfolgte durch: EXIST-Gründerstipendium
  • Inzwischen gab es folgende weiteren Finanzierungen: Crowdfunding, Förderung durch cESAh BIC Darmstadt, private Finanzierungsrunde
  • Unsere Investor ist: Johannes Busmann
  • Investoren finden wir…: Gut, weil sie die Firma in vielerlei Hinsicht unterstützen können – nicht nur mit Geld, sondern auch mit Erfahrung und Netzwerk.
  • Besonders geholfen haben uns bisher: Der Wissenschafts- und Technologietransfer der Universität, Dr. Frank Zimmermann vom cESAh, die Activoris GmbH, die Familienunternehmer Regionalkreis Münsterland-Osnabrück… und wirklich sehr viele mehr!
  • Besonders wichtig in unserem Arbeitsalltag sind für uns folgende drei:
    Menschen: Prof. Dr. Peter König, weil er immer ein offenes Ohr hat
    Tools: Excel! Für alles!
    Internetseiten: habitica.com – To-do-Listen haben noch nie so viel Spaß gemacht!
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