Wenn die Millionen fließen – Diese FinTech-Start-ups begeistern die Investoren



FinTechs gehören weiterhin zu den Lieblingen der Venture-Szene, die Investitionssummen sind meist überdurchschnittlich hoch. Das beweisen auch die drei Unternehmen, die wir heute vorstellen und die neben ihren jüngsten, zum Teil millionenschweren, Finanzierungsrunden noch eines gemeinsam haben: Alle drei wurden zum Start von EXIST gefördert, dem Förderprogramm des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie.

Barzahlen, payever und AUTHADA gehören zu den mittlerweile 1.500 Gründungsideen, die durch EXIST seit 2007 mit fast 135 Mio. Euro gefördert wurden. Nach einer Vorstellung der drei Start-ups geben die Gründer von Barzahlen und AUTHADA Tipps rund um die Themen Finanzierung, Unternehmensbewertung und den Beteiligungsvertrag.

#1 Rewe und GRENKE Bank investieren in sicheres Online-Bezahlen

Bereits im Jahr 2011 gründeten Achim Bönsch, Sebastian Seifert und Florian Swoboda die Cash Payment Solutions GmbH. Im Jahr darauf wurde mit der Entwicklung von Barzahlen begonnen und bereits in ersten Märkten, z.B. bei dm, real- und mobilcom-debitel, eingeführt. Seit 2013 ist Barzahlen deutschlandweit verfügbar und wird inzwischen in mehr als 10.000 Filialen in Deutschland angeboten. Damit bietet Barzahlen nach eigenen Angaben die größte private Zahlungsinfrastruktur in Deutschland.

Kunden können über Barzahlen Online-Einkäufe, Online-Reisebuchungen oder Rechnungen bequem und sicher in den angeschlossenen Einzelhandelsfilialen bezahlen. Zur Abwicklung erhalten sie per E-Mail, SMS oder Post einen Barcode, mit dem sie dann an der Kasse einer Partnerfiliale zahlen. Zudem können sie bei Barzahlen bei den angeschlossenen Einzelhändlern grundlegende Banking-Geschäfte erledigen wie Geld abheben und einzahlen. Langfristiges Ziel von Barzahlen ist, die klassische Bankfiliale zu ersetzen und DER Ort für die „most basic banking needs“ der Deutschen zu werden.

barzahlen_1
Online-Rechnungen sicher lokal zu bezahlen, bietet Barzahlen seinen Kunden (Foto: barzahlen.de)

Inzwischen arbeiten mehr als 30 Mitarbeiter für die Cash Payment Solutions an der Weiterentwicklung von Barzahlen. Seit der Gründung hat das Unternehmen bereits mehrere Finanzierungsrunden abgeschlossen, unter anderem ist auch der nicht nur aus DHdL bekannte Finanzinvestor Carsten Maschmeyer beteiligt. Im Juni 2016 ist der Einzelhandelskonzern Rewe mit einer siebenstelligen Summe eingestiegen, im Oktober sicherte sich die GRENKE Bank – ebenfalls mit einer Millionenspritze – ca. 25 Prozent.

Zuletzt sorgte Barzahlen für Aufsehen, als eine Kooperation mit dem FinTech N26 (vormals Number26) bekannt gegeben wurde. Kunden von N26 können jetzt auch bei Einzelhandelspartnern von Barzahlen Geld von ihrem Girokonto abheben oder einzahlen.

#2 Nach zwei Jahren Bootstrapping steigt der HTGF bei payever ein

Während Barzahlen Bezahllösungen für Käufer bietet, hat payever Online-Bezahllösungen für Verkäufer parat. Diese können aus einem ganzen Baukastensystem von Zahlungsarten auswählen und ihren Kunden in ihrem Online-Shop anbieten. Die Palette reicht dabei von der Bezahlung über PayPal, per Sofortüberweisung, per Kreditkarte oder Lastschrift bis hin zur Ratenzahlung oder Bitcoins. Damit will payever auch kleineren Online-Händlern den Service bieten, der für Kunden von großen Online-Shops längst Normalität ist. Auch Facebook-Verkäufer können die Bezahllösungen nutzen, um Produkte direkt aus ihrem Facebook Shop zu verkaufen.

Durch eine eigens entwickelte Checkout-Lösung bietet payever seinen Kunden an, die Bezahlmöglichkeiten ohne Programmierkenntnisse im Online-Shop oder der eigenen Website zu integrieren.

Wir sind auf einer Mission, den unfairen Vorteil gegenüber den großen Shops für unsere Community aufzulösen. Unsere Verkäufer sollen zukünftig genauso auftreten, wie es ein Amazon oder Zalando heute kann,

beschreibt Gründer und Geschäftsführer Artur Schlaht die Motivation des payever-Teams.

Bereits zwei hochkarätige Accelerator-Programme von Microsoft und ProSiebenSat.1 haben die payever-Gründer Artur Schlaht und Viktor Butsch durchlaufen. Bisher hat sich payever ausschließlich durch Bootstrapping (u.a. Stipendien, Förderpreise, Eigenkapital und eigener Umsatz) finanziert. Um aber das zukünftige Wachstum und die Entwicklung neuer Produkte weiter voranzutreiben, ist Mitte 2015 der High-Tech Gründerfonds (HTGF) eingestiegen. Die genaue Höhe der Finanzierung ist nicht bekannt, es dürfte sich aber um die 600.000 Euro handeln, die der HTGF in Unternehmen der Seedphase investiert.

#3 FinLab investiert siebenstellig in neue Wege zur elektronischen Identitätsprüfung

An einem neuen Weg zur sekundenschnellen Verifikation der Kundenidentität arbeitet AUTHADA und möchte damit die bisherigen Identifikationsverfahren PostIdent und Videolegitimation revolutionieren. Mit der AUTHADA-Lösung sollen Kunden zukünftig in der Lage sein, die elektronische Identität ihres Personalausweises via NFC-Schnittstelle des Smartphones sekundenschnell übertragen, prüfen und verifizieren zu lassen. Neben der Smartphone-Lösung (AUTHADA ID) bietet AUTHADA auch eine browserbasierte Kundenidentifikation (AUTHADA QR) sowie einen mobilen Identitätsnachweis während eines Telefonates (AUTHADA Voice) an.

Die Datenübertragung erfolgt verschlüsselt und entspricht den aktuellen BSI-Standards. AUTHADA verspricht seinen Kunden aus den Bereichen Banken, Versicherungen, eGovernment oder eCommerce gesteigerte Abschlussquoten durch die Geschwindigkeit des Verfahrens, deutlich niedrigere Kosten sowie eine hohe Datensicherheit.

Bereits seit 2009 arbeiten Andreas Plies, Robin Acker und Prof. Dr. Michael Massoth an der Hochschule Darmstadt an ihrer Authentifizierungstechnologie. Die Ausgründung der AUTHADA GmbH erfolgte 2015. Seit der Gründung konnten bereits mehrere Wettbewerbe gewonnen werden, so z.B. der Hauptpreis beim Gründerwettbewerb Digitale Innovationen (vormals IKT Innovativ).

Nachdem das bisherige Wachstum u.a. durch Förderprogramme und ein Business Angel-Investment finanziert wurde, stieg Anfang 2016 die börsennotierte FinLab AG mit einer siebenstelligen Investitionssumme bei AUTHADA ein. Mit dem frischen Kapital soll die Produktentwicklung sowie der Vertrieb vorangetrieben werden, um so

mit AUTHADA das nächste Level der Anwenderlegitimation einzuführen,

wie FinLab-Vorstand Stefan Schütze ausführt.

authada_1-1
Identitätsprüfung per Smartphone mit AUTHADA ID (Quelle: authada.de)

Gründer-Tipps rund ums Finanzieren, Pitchen und die richtige Unternehmensbewertung

Alle drei Start-ups konnten zuletzt kräftig Kapital in verschiedenen Finanzierungsrunden einsammeln. Grund genug, bei den Gründern von AUTHADA und Barzahlen nach ein paar Tipps zu fragen.

Für-Gründer.de: Stichwort Investorenansprache: Wie baut man am besten den Kontakt zu einem Investor auf?

Jörg Jessen von AUTHADA: Zu Veranstaltungen gehen, bei denen man selbst vor Publikum pitchen kann. Am Anfang ist es quasi nicht so wichtig, wie groß das Publikum tatsächlich ist. Die Qualität ist wichtiger, auch wenn man dies als Gründer vorher nie weiß.

Sebastian Seifert von Barzahlen: Die besten Kontakte bekommt man über sein Netzwerk. Die direkte Ansprache funktioniert fast nie. Am besten schaut man, in welche Start-ups der Investor investiert hat und versucht darüber eine Intro zu bekommen.

Für-Gründer.de: Was darf aus eurer Sicht auf keinen Fall in einem Pitch fehlen?

Jörg Jessen von AUTHADA: Die Höhe der benötigten Finanzmittel und die Verwendung der Mittel in knapper und präziser Darstellung als Summary.

Sebastian Seifert von Barzahlen:

Meiner Meinung nach sind die beiden wichtigsten Themen Begeisterung und Tiefe. Nur wenn man selber für sein Unternehmen brennt, kann man das Feuer bei jemand anderem entfachen.

Zudem sollte man seine Themen tief durchdrungen haben und auf potenziell aufkommende Fragen bereits im Voraus Antworten finden. Vorbereitung ist alles. Man sollte konkret werden und keine allgemeinen Schätzungen vorbringen. Das ist besonders bei Marktanalyse und Financials wichtig.

  • Wer sind erste Kunden?
  • Wie nutzen diese ersten Kunden das Produkt?
  • Welche KPIs ändern sich wie in Zukunft und warum?
  • Was sind die Stellschrauben, um dies zu beeinflussen und wofür wird wie viel Geld ausgegeben?

Für-Gründer.de: Stichwort Verhandlungssache: Wie kommt man bei einer Finanzierungsrunde seiner Zielbewertung möglichst nahe?

Jörg Jessen von AUTHADA: Gar nicht. Die andere Seite bewertet immer in der A-Runde oder auch beim Seed-Money. Im besten Falle sind beide Seiten am Beginn der Partnerschaft so einigermaßen zufrieden mit der Bewertung.

Sebastian Seifert von Barzahlen: Man sollte immer versuchen, mehr als ein Angebot zu haben, um aus einer starken Position heraus verhandeln zu können. Weitere Angebote sind auch als Backup-Option immer wichtig. Man darf nicht müde werden, in die Diskussion zu gehen und sollte hartnäckig bleiben und immer wieder Argumente vorbringen. Bei den Term Sheet Verhandlungen gilt zudem „wer schreibt der bleibt“. In der besten Ausgangsposition ist man, wenn man selbst das Term Sheet vorbereitet, in dem man die Terms samt Bewertung vorgibt. Das setzt einen Ankerpunkt, von dem einen der Investor herunterhandeln muss.

Für-Gründer.de: Was sind aus eurer Sicht die wichtigsten Punkte in einem Beteiligungsvertrag?

Jörg Jessen von AUTHADA:  Die definierten Meilensteine, die vom Investor kommen und das Start-up immer auf jeden Fall erfüllen muss, wenn tatsächlich das verhandelte Kapital als Eigenkapital auf das Geschäftskonto fließen soll.

Sebastian Seifert von Barzahlen: In einem Beteiligungsvertrag gibt es viele wichtige Punkte. Neben der Bewertung sollte man unbedingt auf die Liquidationspräferenzen achten, da dies im Zweifelsfall dazu führen kann, dass man als Gründer leer ausgeht. Generell sollte die Liquidationspräferenz den Investor nach unten absichern, im Fall von Finanzierungsrunden unter der bestehenden Bewertung. Andererseits sollte die Liquidationspräferenz vom Investor nicht  als zusätzlicher Renditebringer missbraucht werden. Alles über einer einfachen Liquidationspräferenz ist unüblich.

Zudem ist das Thema Vesting entscheidend. Das Vesting regelt, wie lange man als Gründer gebunden ist, um sich seine Anteile zu verdienen. Mehr als 3 oder 4 Jahre und mehr als 12 Monate Cliff sind unüblich. Auch sollte man hierbei stark auf Good Leaver- und Bad Leaver-Regelungen achten, sprich unter welchen Umständen einem Anteile genommen werden können, z.B. bei eigener Kündigung.

Auch Governance-Themen sind wichtig. Hier wird geregelt, welche Geschäftsführermaßnahmen unter Vorbehalt der Investoren stehen. Üblich ist, dass hier mit Schwellenwerten gearbeitet wird. Bis zu welcher Summe kann beispielsweise ein Mitarbeiter ohne Zustimmung der Investoren eingestellt oder Investitionen bzw. Verträge gemacht werden. Wichtig ist, dass die Schwellenwerte hoch genug sind, so dass man im operativen Geschäft nicht an Geschwindigkeit verliert.

Die letzten beiden Begriffe, auf die ich gerne noch eingehen würde, sind Tag Along und Drag Along. Tag Along bedeutet, dass beim Verkauf durch einen Gesellschafter alle anderen das Recht haben, zu den gleichen Konditionen auch zu verkaufen. Andernfalls kann es sein, dass der Käufer im Exit-Fall nur die Investoren herauskauft und man als Gründer kein tatsächliches Cash erhält. Beim Drag Along muss man aufpassen, dass man als Gründer möglichst lange mitreden kann, ob verkauft wird oder nicht. Häufig werden hier Schwellenwerte genommen, ab welchem Betrag Gründer zum Verkauf gezwungen werden können. Man sollte sich früh die Frage stellen, bei welchem Betrag man als Gründer verkaufen würde.

Zudem sollte geregelt sein, dass die Gründer, wenn sie gedraged werden, zu den gleichen Konditionen verkaufen und auch tatsächliches Cash und keine Anteile mit langem Earnout bekommen.

Mehr über EXIST erfahren