Vier Start-ups, die gesellschaftliche Innovationen vorantreiben



Mehr Innovationen für Deutschland – das fördert EXIST, ein Förderprogramm des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie. Wir zeigen heute vier EXIST-geförderte Unternehmen aus dem Bereich Social Entrepreneurship, bei denen der Begriff Innovation nicht nur für eine neue Technologie, sondern auch für ein „Umdenken“ in der Gesellschaft steht. 

#1 Bessere Orientierung für Blinde

Feelspace ist ein Start-up aus Osnabrück, das einen Gürtel auf den Markt gebracht hat, der Menschen navigiert. Dazu wird der Gürtel mit einem Smartphone verbunden, auf dem die Feelspace App installiert ist. Die App berechnet nach der Eingabe des Ziels den Weg und teilt es kabellos dem Gürtel mit. Dort, wo der Gürtel vibriert, führt der richtige Weg entlang. Das Konzept Feelspace gibt Orientierungssicherheit und ist beispielsweise auf einer Radtour oder bei einem Städtetrip nützlich. Besonders hilfreich ist die Technik aber für Menschen mit Sehbehinderungen, wie dieses Video zeigt.

#2 Sicherheit für Senioren – ohne Bevormundung

easierLife ist ein System, das älteren Menschen sowie deren Familienmitgliedern oder Freunden mehr Sicherheit bietet. Dazu werden Sensoren in der Wohnung des Betroffenen installiert, die per App über Unregelmäßigkeiten informieren. Denkbar ist das beispielsweise, wenn die Person nicht nach Hause gekommen oder nicht zur gewohnten Uhrzeit aufgestanden ist. Auch bei langer Inaktivität oder offenstehender Wohnungstür bekommen die Angehörigen eine Nachricht auf ihr Handy. Das System kann an den individuellen Tagesablauf angepasst werden – ebenso wie die dazugehörigen Benachrichtigungen, die passend zu den Informationsbedürfnissen der Angehörigen konfigurierbar sind.

Erfolgreich getestet wurde easierLife bereits in über 100 Seniorenhaushalten. Die Erfahrungen sind in die Entwicklung eingeflossen und Testergebnisse haben gezeigt, dass sich Senioren weniger kontrolliert oder bevormundet fühlen, als beispielsweise bei regelmäßigen Nachfragen per Anruf. Mehr dazu zeigt folgendes Video.

#3 Eingliederung in den Arbeitsmarkt einmal anders gedacht

Der Einstieg in den Berufsalltag kann aus verschiedensten Gründen nicht ganz einfach sein. Sei es die Berufswahl nach der Schule, der Wiedereinstieg nach einer gesundheitlichen oder privaten Auszeit oder die Jobsuche in einem fremden Land.

Volunteer Vision beschäftigt sich mit dem Thema Berufseinstieg und will Mentoren mit den entsprechenden Zielgruppen verbinden.

Durch Volunteer Vision wird gesellschaftliches Engagement von Mitarbeitern erstmals in das digitale Zeitalter übertragen. Menschen, die keinen Zugang zu Programmen vor Ort haben, erhalten einen kompetenten und motivierten Ansprechpartner aus der Wirtschaft.

Die Onlineplattform bietet beispielsweise einen Zugang zu E-Learning-Materialien, die in Kooperation mit sozialen Organisationen und akademischen Instituten entwickelt wurden. Außerdem werden über die Plattform Mentoren und Mentees verbunden. Für diesen Zweck werden bei der Registrierung Persönlichkeitsmerkmale erfasst, die später miteinander verknüpft werden. Die Plattform basiert auf einem mehrjährigen Forschungsprojekt der Universität Hamburg.

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Das Start-up Volunteer Vision will den Berufseinstieg erleichtern (Foto: Volunteer Vision)

#4 Geflüchtete eingliedern – Flüchtlingskosten reduzieren

Auch IntegrAi.de hat das Thema Berufseinstieg im Fokus. Dabei handelt es sich um eine Ausgründung der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Würzburg, die eine Plattform für die Jobvermittlung von Geflüchteten ins Leben gerufen hat. Wir haben mit Joscha Riemann, einem der Gründer über das Geschäftsmodell gesprochen.

  • Übrigens: IntegrAi.de ist das 1.500 Start-up, das durch das EXIST-Gründerstipendium gefördert wurde. Mehr dazu sowie weitere spannende Zahlen rund um das EXIST-Gründerstipendium findet ihr in diesem Beitrag [inkl. Infografik].

Für-Gründer.de: Hallo Joscha, was ist die Idee hinter IntegrAi.de und wie kamt ihr darauf?

Joscha Riemann von IntegrAi.de: Anfangs hat sich Professor Dr. Richard Pibernik selbst in der Arbeitsvermittlung von Geflüchteten versucht und wollte im Juni 2015 dazu „nur“ ein paar Seminar- und Abschlussarbeiten ausschreiben. Aufgrund der großen Anzahl an Rückmeldungen der Studierenden entschloss er sich aber, ein Seminar zu gestalten.

Besonders die Hintergrundgeschichten, wieso sich die einzelnen Studenten engagieren wollten, waren sehr interessant. Beispielsweise bietet ein Teilnehmer regelmäßig Mitfahrgelegenheiten an, fährt mit Geflüchteten im Auto aus dem Saarland nach Würzburg und hat dadurch viele Lebensgeschichten mitbekommen. Ein anderer Student war in der Entwicklungshilfe tätig und wollte seine Erfahrungen weiter nutzen. Nach einem Jahr ist die Initiative aus Professoren, Studenten, Absolventen nun auf insgesamt 30 Mitglieder angewachsen.

Unsere Vision ist es, nachhaltig wirksame Konzepte zu entwickeln und uns um deren Umsetzung zu kümmern. Wir möchten einen maßgeblichen Beitrag zur gesellschaftlichen Integration von Geflüchteten leisten.

Im Teilprojekt „Job Coach“ haben wir eine Lücke im drängenden Bereich Arbeitsmarktintegration identifiziert, die wir durch unser Konzept schließen wollen. Wir sehen großes Potenzial darin, Geflüchtete deutschlandweit besser in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Aus diesem Grund haben wir uns gemeinsam entschlossen, das Projekt durch die Gründung langfristig auf professionelle Beine zu stellen.

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Das ist das Gründungsteam von IntegrAi.de: Thomas Glaser (l.), Joscha Riemann und Bianca Heim (r.) (Foto: IntegrAi.de)

Für-Gründer.de: Welches Geschäftsmodell steckt hinter IntegrAi.de? Sprich: An welcher Stelle verdient ihr langfristig gesehen Geld?

Joscha Riemann von IntegrAi.de: Wir qualifizieren Ehrenamtliche durch die „Job Coach“-Ausbildung und die Bereitstellung von verschiedenen Hilfsmitteln dazu, Geflüchtete einfacher und schneller in Arbeit zu bringen. Jeder vermittelte Geflüchtete erspart der Gemeinde oder dem Landkreis, in dem der Geflüchtete untergebracht ist, Sozialausgaben. Dieser Einspareffekt beläuft sich auf geschätzte 5.000 Euro pro Jahr und geflüchteter Person. Dabei sind der zusätzliche Konsum und Steuern, die der Geflüchtete zahlt sowie die Integrationsleistung in die Gesellschaft, nicht eingerechnet.

Wir verdienen Geld, indem wir für die Gemeinden die Ausbildung von beispielsweise drei bis vier „Job Coaches“ übernehmen, die Umsetzung begleiten und die erforderlichen Hilfsmittel bereitstellen. Insgesamt ist unser Angebot nicht teurer als die Sozialausgaben, die durch die um ein Jahr schnellere Vermittlung schon eines Geflüchteten in Arbeit wieder eingespart werden.

Für-Gründer.de: Ein Startgeld erhaltet ihr momentan durch das EXIST-Gründerstipendium: Inwiefern profitiert ihr neben dem Fördergeld von dem Programm?

Joscha Riemann von IntegrAi.de: Die EXIST-Förderung durch das Bundeswirtschaftsministerium ist für uns viel mehr als eine Finanzspritze. Das „Job Coach“-Konzept wurde durch die EXIST-Gutachter auf Herz und Niere geprüft und nicht nur für sinnvoll, sondern auch als langfristig tragfähig und erfolgsversprechend, bewertet – dies ist ein Qualitätssiegel, dass das Konzept auch für andere potenzielle Geldgeber attraktiv machen wird.

An EXIST schätzen wir zudem, dass es uns die Möglichkeit gibt, morgens aufzustehen und der Arbeit an unserem Herzensprojekt nachzugehen. Dadurch hat man auch das Gefühl, etwas „Sinnvolles“ zu tun. Darüber hinaus haben wir uns während der Bewerbung für EXIST strukturiert Gedanken gemacht, wie wir unser Konzept auf den Markt bringen und welche Partner wir dafür gewinnen wollen. Aktuell fördert uns das Programm darin, klare Meilensteine festzulegen und professionelle Strukturen aufzubauen. Auch das Treffen und der Austausch mit anderen Gründern sind für uns sehr wertvoll. Die Förderung des Bundeswirtschaftsministeriums ist natürlich auch eine große Hilfe in Sachen Marketing!

Für-Gründer.de: Sowohl die Flüchtlingsthematik ganz allgemein als auch der Begriff „Social Entrepreneurship“ stehen oft in der Kritik. Habt ihr ebenfalls schon Kritik für das Konzept erlebt und wenn ja, wie seid ihr dieser begegnet?

Joscha Riemann von IntegrAi.de: Bisher haben wir für unsere Idee kaum Kritik einstecken müssen. Die Idee an sich wird sehr positiv bewertet, besonders vor dem Hintergrund, dass wir ein gesellschaftliches Problem lösen, aber gleichzeitig auch dem Staat Sozialausgaben ersparen. Gegen diese Kombination beider Punkte gibt es wenige kritische Argumente.

Im Zuge unseres Pilotprojektes kam aber die Frage auf, wieso wir uns nur um die Gruppe der Geflüchteten und nicht zum Beispiel auch um Langzeitarbeitslose kümmern würden. Wir planen deshalb mittelfristig, das Konzept auch auf diese Gruppe zu erweitern. Aktuell konzentrieren wir uns aber aufgrund unserer begrenzten Kapazitäten auf Geflüchtete.

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