Hamburger Modelabel schlägt Brücken für sozial Benachteiligte



Unfair bezahlte Arbeit und schlechte Produktionsbedingungen: Die großen Hersteller in der Modeindustrie machen regelmäßig mit Negativschlagzeilen auf sich aufmerksam. Die beiden Gründerinnen von Bridge & Tunnel zeigen, dass es anders geht: Im Hamburger Produktionsstandort werden hochwertige Produkte per Upcycling aus alten Stoffen hergestellt – während die zuvor benachteiligten Arbeiter in den Arbeitsmarkt integriert werden.



Für-Gründer.de: Hallo Constanze, wie fühlt es sich eigentlich an, wenn bekannte Magazine wie Barbara oder Couch über einen berichten?

Constanze Klotz von Bridge&Tunnel: Das fühlt sich richtig toll an. Aber auch richtig surreal. Wir können immer kaum glauben, dass so große, überregionale Blätter ein ehrliches Interesse daran haben, über Bridge&Tunnel zu berichten! Aber offenbar haben sie Interesse.

Partners in crime: Die beiden Gründerinnen von Bridge & Tunnel bauen die Hürden zum Einstieg ins Berufsleben für benachteiligte Frauen ab. (Quelle: femtastics)
Partners in crime: Die beiden Gründerinnen von Bridge & Tunnel bauen die Hürden zum Einstieg ins Berufsleben für benachteiligte Frauen ab. (Quelle: femtastics)

Für-Gründer.de: Zusammen mit Charlotte Erhorn hast du Bridge&Tunnel gestartet. Unter diesem Label entwickelt ihr Accessoires und Interieur-Produkte. Was ist das Besondere daran?

Constanze Klotz von Bridge&Tunnel: Die Idee zu Bridge&Tunnel kam zu uns! Unsere Gemeinschaftswerkstatt Stoffdeck, die Lotte und ich seit drei Jahren zusammen leiten, bringt Menschen mit Begeisterung für Mode- und Textildesign zusammen. Dazu gehören professionelle Designer, die bei uns feste Ateliers mieten, genauso wie zum Beispiel der türkisch-deutsche Nähclub aus dem Stadtteil, der eine Weile jeden Mittwoch bei uns genäht hat.

Für uns war es verrückt zu sehen, mit welcher Kreativität die Profis loslegen, aber auch was für tolle Handarbeitsperlen sich unter den Frauen – der Großteil mit Migrationshintergrund – aus dem Stadtteil verbergen, die oft tolle Techniken aus ihren Heimatländern oder ihrer Familientradition mitbringen.

Mit Bridge&Tunnel haben wir diese beiden Welten vernäht: Unser Label fertigt hochwertige Accessoires und Interior Design Produkte und bringt damit sozial benachteiligte Menschen in Arbeit.

Unsere erste Kollektion entsteht gerade aus Denim. Ein Rucksack, ein Weekender, ein Laptop Sleeve sowie ein Teppich und Sitzmöbel für Kinder gehören dazu. Für unsere Produkte verwenden wir ausschließlich post-consumer waste, das sind Textilien, die schon einmal ein Leben hatten, bevor der Konsument sie entsorgt. Daher ist jedes Produkt ein Unikat.

Per Upcycling schaffen die Designerinnen von Bridge&Tunnel größtenteils aus post-consumer waste Unikate. (Quelle: Bridge&Tunnel)
Per Upcycling schaffen die Designerinnen von Bridge&Tunnel größtenteils aus post-consumer waste Unikate. (Quelle: Bridge&Tunnel)

Für-Gründer.de: Ihr leitet zudem auch einen Coworking Space für Designer. Wie bekommt ihr das alles unter einen Hut?

Constanze Klotz von Bridge&Tunnel: Das fragen wir uns manchmal auch. Mit ganz viel Herzblut, Biss – und jeder Menge Nachtschichten! Ich denke, das kennen viele Gründer. Am Anfang muss man einfach wahnsinnig viel tun, um seine Idee vom Blatt in ein echtes Unternehmen zu überführen. Aber es macht auch wahnsinnig viel Spaß und deshalb ist man einfach bereit, viel zu investieren und ordentlich zu rotieren.

Für-Gründer.de: Wie seid ihr schließlich auf die Idee und den Namen für Bridge&Tunnel gekommen?

Constanze Klotz von Bridge&Tunnel: Der Name Bridge&Tunnel bezieht sich zum einen auf unseren Produktionsort, die Elbinsel Wilhelmsburg, wo sich das Stoffdeck befindet. Zum anderen beschreibt es das Gefühl, das wir den Menschen, die für Bridge&Tunnel arbeiten, vermitteln möchten. Kulturelle, religiöse und sprachliche Einschränkungen machen es ihnen oftmals schwer, sich über Erwerbsarbeit zu integrieren und in vollem Maße am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben.

Mit Bridge&Tunnel möchten wir deshalb wortwörtlich Brücken in den ersten Arbeitsmarkt bauen. Wir schaffen Zugänge zu Arbeit, wo vorher keine war und machen die Menschen dadurch stark und selbstbewusst.

Für-Gründer.de: Gefertigt werden die Designs von Frauen, die auf dem regulären Arbeitsmarkt nicht Fuß fassen konnten. Was genau ist damit gemeint und wie soll Bridge&Tunnel verstanden werden – als beruflichen Zwischenstopp oder Zielhafen?

Constanze Klotz von Bridge&Tunnel: Beides. Unser Ziel ist es, innerhalb von fünf Jahren mit dem Verkauf unserer Designprodukte so viel Umsatz zu erwirtschaften, dass wir tatsächlich fünf Personen bei Bridge&Tunnel fest anstellen können. Und zeigen können, dass integrative Businessmodelle funktionieren! Dazu begleiten wir unsere Näherinnen engmaschig, leisten Hilfe bei Behördengängen oder klären ganz profane Dinge, wie die Steuerklasse. Für handwerkliche Fragen haben wir zudem zwei tolle Anleiterinnen mit an Bord.

Weil wir aber schon so viele Menschen gefunden haben, die – auch ohne verbriefte Fertigkeiten – toll nähen können, gleichzeitig aber nur eine begrenzte Anzahl an Arbeitsplätzen haben, können wir uns auch vorstellen, unser Produktionsteam langfristig wie eine Art Zwischenmeisterei zu denken, das auch für andere Labels produzieren kann. Auf diese Weise könnten noch mehr Arbeitsplätze für sozial benachteiligte Menschen entstehen.

Die Näherinnen können ihre Fähigkeiten nutzen, um mittels der Arbeit bei Bridge&Tunnel in die Gesellschaft integriert zu werden. (Quelle: Bridge&Tunnel)
Die Näherinnen können ihre Fähigkeiten nutzen, um mittels der Arbeit bei Bridge&Tunnel in die Gesellschaft integriert zu werden. (Quelle: Bridge&Tunnel)

Für-Gründer.de: Wie wählst du Designer aus und woher beziehst du die Materialien – worauf achtest du jeweils?

Constanze Klotz von Bridge&Tunnel: Die Entwürfe werden von wechselnden Designern aus genauso wechselnden Materialien umgesetzt. Die erste Kollektion stammt aus der Feder der dänischen Textildesignerin Signe Bonnesen. Zwei weitere Designs hat meine Geschäftspartnerin Lotte beigesteuert, die ebenfalls ausgebildete Textildesignerin ist. Alle Produkte haben sehr klare Designs, aber raffinierte Schnitte, die mit Gegensätzen spielen: Altes wird zu Neuem, strenge Linien und verspielte Funktionen treffen aufeinander, zeitgemäße Produkte werden in traditioneller Handarbeit gefertigt.

Ein Großteil unserer Stoffe ist post-consumer waste, die wir von der Kleiderkammer in Wilhelmsburg beziehen. Wir kaufen die sogenannte Ausschussware auf, das sind Materialien, die auch für Ausgabestellen zu schlecht sind und sonst an den Verwerter gehen. Daraus entwickeln wir für unsere Kollektionen dann neue Must-­Haves. Durch die Besonderheit des Materials sind unsere Produkte serielle Unikate, denen man das vorherige Leben ihrer Materialien kaum noch ansieht.

Für-Gründer.de: Mit eurer Geschäftsidee bewegt ihr euch im Social Entrepreneurship. Wie nehmt ihr die Gründungsförderung in diesem Bereich wahr? Fühlt ihr euch gut aufgehoben oder fehlt es noch an Unterstützung?

Constanze Klotz von Bridge&Tunnel: Wir sind dankbare Nutznießer eines Stipendiums bei Social Impact. Das Programm hat uns wahnsinnig weitergeholfen, den Spagat zwischen gesellschaftlichem Engagement und unternehmerischer Denke zu bewältigen. Wir haben auch einige Wettbewerbe gewonnen, an die ein tolles Coaching geknüpft war. Gleichzeitig denke ich aber schon, dass der Bereich der Sozialunternehmer ruhig noch weitere Gründungsunterstützung erfahren dürfte.

Für-Gründer.de: Wie passen die deutsche Modeindustrie und eine Sozialverträglichkeit generell zusammen? Was ist hier schon geschafft und wo gibt es Ihrer Ansicht nach noch deutlichen Optimierungsbedarf?

Constanze Klotz von Bridge&Tunnel: Zum Glück gut, sonst hätten wir wohl ein Problem! Die Nachfrage nach umweltschonenden Produkten und dem bewussten Umgang mit unseren begrenzten Ressourcen steigt immer mehr. Viele Bekleidungskonzerne betreiben eigene Bio-Kollektionen, Designlabels beschäftigen sich mit Upcycling. Wir konzentrieren uns mit Bridge&Tunnel auf diesen wachsenden Markt und ergänzen ihn um die soziale Komponente der lokalen Fertigung.

Was parallel passieren muss, ist ein Umdenken auf Konsumentenseite. Weg von diesem ständigen MehrSchnellSofort hin zu einem bewussten und langfristigen Konsum. Viele Bewegungen wie #slowfashion oder #fairfashion knüpfen genau hier an. Die Mehrheit der Gesellschaft kauft aber leider immer noch nach den bewährten Mustern: Billigware.

Langfristig müssen auch die Konsumenten einsehen, dass fair für Kleidung gezahlt werden sollte statt erneut Billigware zu kaufen. (Quelle: Bridge&Tunnel)
Bridge&Tunnel wünscht sich, dass die Konsumenten einsehen für faire Kleidung mehr zu zahlen, statt Billigware zu kaufen. (Quelle: Bridge&Tunnel)

Für-Gründer.de: Welche bisherigen Herausforderungen waren bei der Umsetzung des Designlabels die größten und was fiel überraschend leicht?

Constanze Klotz von Bridge&Tunnel: Unsere größte Herausforderung ist aktuell, mit wenig finanziellem Background so etwas Großes zu stemmen. Aber wir glauben daran, dass unsere Idee zukunftsweisend ist und daran, dass wir für diese Idee ebenso begeisterungsfähige Partner finden. Einen tollen engagierten Privatinvestor konnten wir tatsächlich schon finden. Es gibt sie also wirklich!

Für-Gründer.de: Als Nächstes steht auch die offizielle Gründung des Labels an. Was ist hierfür noch zu tun und was wird sich danach – vielleicht auch für eure Näherinnen – ändern?

Constanze Klotz von Bridge&Tunnel: Momentan prüfen wir verschiedene Rechtsformen, davon hängt natürlich viel ab. Wir möchten in jedem Fall gern eine gemeinnützige Rechtsform innehaben. Für die Näherinnen wird sich dann nichts ändern. Sie sind schon jetzt sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Momentan noch bei unserem Träger Passage, unter dem auch das Stoffdeck läuft.

Für-Gründer.de: Zum Schluss brauchen wir unbedingt noch einen Rat von dir für all die Gründungswilligen, die sich auch gern mit einem Label selbstständig machen wollen. Welchen Tipp kannst du ihnen geben?

Constanze Klotz von Bridge&Tunnel: Machen machen machen. Wenn uns letztes Jahr jemand erzählt hätte, dass wir dieses Jahr ein kleines Unternehmen mit sieben Mitarbeitern haben werden, hätten wie denjenigen für verrückt erklärt. Aber dann sind unsere Ideen tatsächlich zu einem echten Projekt geworden, das ist schon toll.

Dafür muss man sich aber sehr oft trauen, auch wenn die Herausforderungen manchmal riesengroß erscheinen und man gefühlt ständig seine Komfortzone verlassen muss. Ich finde aber, dass man für seinen Mut dann auch herausragend belohnt wird. Darüber hinaus schadet eine anständige Markt- und Zielgruppenanalyse natürlich nicht.

Für-Gründer.de: Vielen Dank für das Interview und den spannenden Einblick!

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  • Bridge&Tunnel
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    2. OG Kanalgebäude
    21107 Hamburg
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