Team, Idee, Businessplan: 9 Expertentipps für die ersten Schritte als Gründer



Wer gründet, sollte die zahlreichen Unterstützungsangebote auf jeden Fall nutzen. Für Hochschulgründer ist eine der ersten Anlaufstellen das Gründungszentrum an der Uni – eines der bekanntesten Förderprogramme ist EXIST. 2015 wurden allein mit dem EXIST-Gründerstipendium 23,8 Mio. Euro an 199 Gründungsprojekte vergeben. Ein Anlass für uns, mit den Experten der Hochschulen zu sprechen und herauszufinden: Teamaufstellung, Ideenentwicklung, Businessplan – worauf kommt es wirklich an?

Insgesamt werden derzeit 21 Hochschulen im Rahmen von EXIST gefördert. Ob kleine oder große Stadt, ob Norden oder Süden, ob TU oder FU – entscheidend für die Auswahl als EXIST-Hochschule ist lediglich eine ganzheitliche und hochschulweite Strategie, die die Gründungskultur an der Hochschule verbessert und den Unternehmergeist der Studierenden fördert. Wir haben mit Experten aus Aachen, Halle und Karlsruhe gesprochen, die tagtäglich mit Hochschulgründern zu tun haben.

EXIST Expertentipps

Erster Stopp: Univations Gründerservice an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (#Teamaufstellung)

Schon seit November 2011 wird das Projekt namens MLU-Gründungskultur an der Universität Halle-Wittenberg von EXIST gefördert. Um eine hochschulweite Gründungskultur zu etablieren, gibt es neben interdisziplinären Lehrangeboten und verschiedenen Beratungsangeboten auch den Ideenwettbewerb Scidea oder den Investor Club, der für innovative Start-ups einen frühzeitigen Zugang zur Kapitalakquise bieten soll. Heute wollen wir aber von den Experten der Hochschule wissen: Auf was kommt es wirklich an, wenn man das perfekte Team zusammenstellen will? Schließlich gründen 95% der EXIST Gründungsstipendiaten zu zweit oder dritt.

Für-Gründer.de: Welche Vorteile und welche Nachteile haben Gründungen im Team?

Dipl.-Kfm. Steffen Ahrens, Gründungsberater beim Univations Gründerservice: Unbedingt für eine Teamgründung spricht, dass man aus einem größeren Potenzial an Wissen und Fertigkeiten schöpfen kann. Außerdem kann unter Umständen mehr eigenes Kapital eingebracht und das unternehmerische Risiko geteilt werden. Ein Nachteil kann sein, dass Entscheidungen länger dauern. Konfliktpotenzial haben Gründungen unter Freunden, insbesondere wenn es um die Verteilung von Verantwortungen geht. Mein Tipp: Gleich zu Beginn der Zusammenarbeit offen über die individuellen Zukunfts- und Erfolgsvorstellungen und Motivationen reden.

Darauf zu vertrauen, dass sich Dinge unter Freunden alleine regeln, sollte man lieber nicht. Freundschaften geraten oft dann unter Druck, wenn erste Probleme im Unternehmen auftauchen und unterschiedliche Ansichten über die Lösung auftauchen. Zudem können enge Freundschaften notwendige, rationale Entscheidungen behindern oder verzögern und somit hinderlich werden.

Für-Gründer.de: Worauf sollte man bei der Zusammensetzung des Teams achten?

Steffen Ahrens: Bei der Wahl seiner Mitstreiter sollte man auf komplementäre Kompetenzen achten, um fehlende Fertigkeiten und Fachwissen zu bestimmten Themen zu ergänzen. Außerdem ist es wichtig, offen miteinander zu kommunizieren und Rollen klar zu verteilen. Nicht zu unterschätzen sind auch die unterschiedlichen Arbeitsweisen von Menschen. Diese sollten im Team bekannt sein und gut zusammenpassen. Genauso wie Visionen und Werte. Mitgründer sollten also gut ausgewählt werden und sich am besten in einer mehrwöchigen Phase des Kennenlernens „ausprobieren“, bevor langfristige Verträge geschlossen werden.

Interdisziplinaer_EXIST

Für-Gründer.de: Welche Besonderheiten gibt es bei Gründungen aus der Wissenschaft? Sind Teamgründungen hier von Vorteil?

Dr. Robert Szczesny, Technologiescout beim Univations Gründerservice: Neben der wissenschaftlichen ist unternehmerische Kompetenz unabdingbar. Dabei kommt es weniger auf hochqualifiziertes Wirtschaftswissen an, sondern mehr auf einen gewissen Geschäftssinn und den Willen, ein Produkt verkaufen zu wollen. Im Idealfall bringt einer der Wissenschaftler diese Kompetenz mit ins Team.

Interdisziplinarität im Team kann helfen, den Perspektivwechsel vom eigenen Forschungsfokus hin zum marktfähigen Produkt zu erleichtern.

Zudem sollte mindestens ein Teammitglied die teils komplexen Technologien kurz und prägnant anderen gegenüber darstellen können. Gründungen im Team sind insbesondere für forschungsintensive Vorhaben von Vorteil, da sie meist einen längeren Atem brauchen und das Durchhaltevermögen im Team womöglich größer ist.

Zweiter Stopp: Gründerschmiede am Karlsruher Institut für Technologie (#Ideenentwicklung)

Die Gründerschmiede KIT wird seit April 2013 von EXIST gefördert. Seither ist dort schon einiges passiert. Ein ganz besonderes Highlight ist beispielsweise das Start-up Restube, das am KIT seine Wurzeln hat. Die Gründer haben eine Rettungsboje entwickelt, die sich im Notfall nach einem kurzen Zug am Auslöser in wenigen Sekunden aufbläst und so Leben retten kann. Mit dieser Idee hat Restube den Deutschen Gründerpreis 2015 gewonnen. Es scheint in Karlsruhe offensichtlich zu gelingen, Ideen in funktionierende Geschäftsmodelle umzuwandeln. Aber wie geht’s? Um das zu erfahren, haben wir drei Tipps von Dr.-Ing. Rolf Blattner, Business Development Manager und Gründungsberater am KIT, eingeholt. Er verfügt über langjährige Erfahrung in der Beratung und Begleitung forschungsbasierter Gründungsprojekte und ist akkreditierter HTGF-Coach:

  1. Am Anfang eines Unternehmens steht das Team, welches die Idee überhaupt ins Rollen bringt. Jedes Teammitglied muss den Willen haben, Unternehmer zu werden und die damit verbundenen Höhen und Tiefen mitzugehen. Dabei braucht es verschiedene Kompetenzen, bspw. betriebswirtschaftliche Kenntnisse, Branchenwissen, oftmals auch technisches Know-how und im Idealfall sogar Gründungserfahrung. Natürlich muss nicht jeder alles können – ein komplementäres Team ist der Schlüssel zum Erfolg.
  2. Die Idee selbst lebt vom (technologischen) Innovationsgehalt im Vergleich zum aktuellen Stand der Technik. Prüfen Sie, ob es einen Nachahmungsschutz gibt und welche Alleinstellungsmerkmale Sie mit Ihrem Produkt oder Ihrer Dienstleistung bieten. Die nächsten Schritte sind außerdem auch die Zielgruppendefinition, der Mehrwert für den Kunden sowie eine Strategie, um sich Ihre Position kurz-, mittel- und langfristig zu sichern. Für all diese Punkte zählt vor allem eines: Beschreiben Sie das Produkt oder die Dienstleistung nachvollziehbar und stellen Sie den gesellschaftlichen Mehrwert heraus.
  3. Zu guter Letzt: Cash is King. Damit Sie langfristig von Ihrer Idee leben können, brauchen Sie ein funktionierendes Geschäftsmodell. Je besser Sie Ihre Wettbewerber kennen, desto besser können Sie Ihre eigene Idee einordnen. Wie groß ist der Markt? Wann sollte der Markteintritt erfolgen? Welche Eintrittsbarrieren gibt es? Sammeln Sie Daten, Daten und noch mehr Daten und nehmen Sie sich Zeit für eine umfassende Marktanalyse. Eine gute Marketingstrategie und ein Vertriebskonzept sind unbedingt erforderlich – auch Gespräche mit Pilotkunden können Ihnen weiterhelfen.

Cash is King_EXIST

Dritter Stopp: Gründerzentrum an der RWTH Aachen University (#Businessplan)

Die Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen ist die größte Universität für technische Studiengänge in Deutschland. Seit April 2013 wird das Gründerzentrum im Rahmen von EXIST gefördert. Eine Besonderheit hier: Mit dem StartLab hat die Hochschule vor rund einem Jahr den ersten universitären IT-Inkubator in Deutschland geschaffen. Dort kann man sich bereits ohne den fertigen Businessplan bewerben – der ist dann aber schnell der nächste Schritt. Mit Dipl. Wirt.-Ing. Malte Hans, Leiter des Bereichs Gründerförderung am Transfer- und Gründerzentrum der RWTH Aachen, haben wir über wichtige Aspekte, häufige Fehler und die generelle Bedeutung des Businessplans gesprochen.

Für-Gründer.de: Der Businessplan – Auf was kommt es wirklich an?

Malte Hans: Ein guter Businessplan zeigt in eingängiger Weise, dass ein Gründungsvorhaben bzw. die Unternehmensgründung auf einer originellen Geschäftsidee sowie einem durchdachten Geschäftsmodell basiert und das Gründerteam für die Umsetzung notwendige Kompetenzen besitzt bzw. hinzuziehen kann. Eine gute Geschäftsidee adressiert einen möglichst großen (potenziellen) Markt, auf dem sich das geplante Start-up profitabel positionieren kann.

Gut durchdacht ist ein Geschäftsmodell aus unserer Sicht dann, wenn aus dem Businessplan ein gutes Verständnis für das eigene Produkt und die Vermarktung an potenzielle Kunden hervorgeht sowie ein umfassendes – und dennoch fokussiertes – konsistentes und plausibles Zahlenwerk mit Umsatz-, Kosten-, Kapitalbedarfs- und Gewinnschätzungen den geplanten finanziellen Erfolg des Unternehmens untermauert.

Ein gutes Gründerteam ergänzt sich in seinen Kompetenzen – technikaffine Gründer benötigen oft Unterstützung bei der Finanzplanung sowie bei Marketing und Vertrieb, während viele Betriebswirte in der Produktentwicklung starke Partner brauchen. Im Falle digitaler Geschäftsmodelle unterstützt ein (programmier-)technisch versierter CTO das Team ab der ersten Stunde. Diese Punkte in eine spannende Geschichte zu integrieren und so den Leser von sich und seiner Idee zu überzeugen ist das, was einen Businessplan von anderen abheben kann.

Für-Gründer.de: Welche Fehler werden häufig gemacht?

Malte Hans: Die meisten Fehler sind sehr individuell und beziehen sich auf konkrete Planungsschritte eines individuellen Gründungsvorhabens – es gibt jedoch einen Fehler, den wir bei vielen Teams beobachten.

Viele Gründer neigen dazu, sich auf einzelne Bereiche der Unternehmensgründung zu konzentrieren, die sie besonders spannend finden – Ingenieure verfeinern gern ihre technischen Konzepte und Beschreibungen, viele Betriebswirte entwickeln ausgefeilte Marketingpläne. Am Ende ist aber die Ausgewogenheit aller Bereiche entscheidend, da genau dies die Tätigkeit als Unternehmer ausmacht.

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Marketing, Finanzen, Produktentwicklung, Personal- und Teamaufstellung, Recht – alle diese Faktoren sind für einen Gründer wichtig und sollten entsprechend auch im Businessplan gleichwertige Beachtung finden. Durch die vielen Gründer aus technischen Studiengängen im Umfeld der Aachener Hochschulen erhalten wir am Transfer- und Gründerzentrum beispielsweise viele Businesspläne mit beeindruckendem technischen Detailniveau, die jedoch die Markt- und Kundenseite anfangs vernachlässigen. Unsere Aufgabe als Coaches sehen wir dann darin, den Finger in die Wunde zu legen und unseren Teams dabei zu helfen, auch die für sie weniger spannenden Bereiche intensiv zu durchdenken.

Für-Gründer.de: Wofür ist dieser wichtig bzw. wieso sollte man sich unbedingt „durchboxen“?

Malte Hans: Ein guter Businessplan erfüllt aus unserer Sicht zwei Hauptzwecke: Auf der einen Seite ist er die Eintrittskarte für Wettbewerbe und private sowie öffentliche Förderprogramme. Geldgeber verlangen in der Regel einen Businessplan oder einen Auszug aus diesem als Grundlage für ihre Finanzierungsentscheidung. Auch Anträge für öffentliche Förderprogramme wie das EXIST-Gründerstipendium basieren zum großen Teil auf einer Businessplan-Struktur.

Das zweite, aus unserer Sicht ebenso wichtige Ziel eines Businessplans ist die eigene, intensive Beschäftigung mit der Planung an sich in einer weitgehend festgelegten Struktur. So ist das Team gezwungen, über alle Bereiche ihres Geschäftsmodells intensiv nachzudenken, diese mit Experten zu diskutieren und auf diese Weise die eigene Idee weiterzuentwickeln. Schon aus diesem Grund ist die Entwicklung eines Businessplans auf dem Weg zur Unternehmensgründung aus unserer Sicht für jedes Team wertvoll und hilfreich.

Häufig beobachten wir, dass sich die Realitäten der Unternehmensgründer sehr schnell verändern, sodass ein Businessplan schnell veraltet sein kann. Doch das spielt eher eine Nebenrolle – es ist wichtig, ein Geschäftsmodell umfassend zu durchdenken. Trotzdem sollte man auch nach dem Schreiben des Plans flexibel bleiben und sich nicht an diesen „klammern“.

Kontakt zu den Hochschulen

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Unsere Interviewpartner im Überblick: Dipl. Wirt.-Ing. Malte Hans (o.l., Foto: RWTH Aachen University), Dr.-Ing. Rolf Blattner (o.r., Foto: KIT), Dipl.-Kfm. Steffen Ahrens (u.l., Foto: Andreas Stedtler), Dr. Robert Szczesny (u.r., Foto: Andreas Stedtler)

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