Die simyo-Story: Nach dem Exit ein Neuanfang in Australien



Im ersten Teil des Interviews erzählen Rolf Hansen und Christian Magel, wie die Idee zu simyo entstanden ist und wie sie die Etablierung einer neuen Mobilfunkmarke meisterten. Jetzt geht es um ihre Erfahrungen als Auslandsgründer in Australien. Konnten Sie ihr Know-how auch dort nutzen?

Für-Gründer.de: Nach dem Verkauf der simyo-Unternehmensanteile ging es direkt mit der nächsten Unternehmensgründung am anderen Ende der Welt weiter. Warum haben Sie sich gerade für Australien entschieden?

Rolf Hansen, amaysim: Die Entscheidung für Australien war eine Mischung aus Lifestyle und kommerzieller Entscheidung. Auf der einen Seite bietet Australien eine tolle Mischung aus europäischer Sicherheit und südpazifischer Exotik. Mit über 230 Tagen Sonne im Jahr, einem der größten und schönsten Naturhäfen der Welt und unzählbar vielen Stränden bietet Sydney ein ideales Umfeld für einen aktiven und outdoor- orientierten Lifestyle.

Gleichzeitig hatte unsere Marktanalyse ergeben, dass Australien nahezu perfekte Voraussetzungen für unser disruptives Mobilfunkmodell bot. Wettbewerber waren reichlich vorhanden, aber keiner hatte vermocht, sich in den Jahren zuvor wirklich durchzusetzen. Zudem waren die Preise für mobiles Telefonieren im weltweiten Vergleich auf dem höchsten Niveau. Gleichzeitig waren die australischen Mobilfunkkunden mit dem niedrigen Servicelevel und der komplexen Tarifwelt extrem unzufrieden. Alle drei Netzbetreiber haben uns seinerzeit mit offenen Armen empfangen, da alle nach neuen Wegen des Wachstums suchten. Von Optus haben wir schließlich das beste Angebot erhalten.

Mit dieser perfekten Mischung aus Unternehmerchance und Lifestyleangebot haben wir uns dann mit acht Erwachsenen, neun Kindern und einem Pferd auf den Weg nach Australien gemacht, um das amaysim-Abenteuer zu beginnen. Die Tatsache, dass wir mit Peter einen erfahrenen australischen Unternehmer und Kenner des Marktes neu im Team hatten, machte diese Entscheidung deutlich leichter.

Für-Gründer.de: Welche Herausforderungen gab es bei der Unternehmensgründung und den ersten Jahren in Australien zu bewältigen?

Rolf Hansen, amaysim: In den ersten Wochen und Monaten gilt es natürlich, erst einmal den Markt und die Kunden zu verstehen sowie das richtige Team zusammenzustellen. Unser Fall zeigt, dass selbst ausgiebige Marktforschung und Erfahrung mit dem Konzept beim Produkt keine 100 %-tige Erfolgsgarantie sind. Zwar war unser erstes Mobilfunkprodukt – von der Struktur und Preisgestaltung ähnlich dem in Europa – nicht unerfolgreich, dennoch trafen wichtige KPIs des Businessplanes nicht ein.

Team Meeting bei amaysim
Team Meeting bei amaysim (Foto: amaysim)

Also schauten wir uns den Markt nochmals genauer an und entdeckten, dass in Australien Verbraucher im jungen und mittleren Alter vor allem nach einem Mobilfunkmonatsbudget mit möglichst großem Minuten-, SMS- und Datenvolumen entscheiden und nicht, wie in den Märkten, in denen wir vorher aktiv waren, nach dem günstigsten Preis der Einzeleinheit. Mit dieser Erkenntnis führten wir knapp ein halbes Jahr nach Start mit großem Erfolg unser „Unlimited”-Produkt ein und wurden damit und mit einer breiteren Produktpalette zum viertgrößten unabhängigen Mobilfunkanbieter Australiens.

Eine weitere Herausforderung war die Feststellung, dass wir keinen Kundenservice-Outsourcing-Partner mit australischen Standorten und unserer Vorstellung von Qualität finden konnten. Viele der Betreiber hatten ihre Standorte in den letzten Jahren nach Asien verlegt. Kurz entschlossen bauten wir vier Wochen vor dem Start unsere eigene Serviceeinheit auf, was sich später als echter USP in den Augen der Kunden erweisen sollte.

Von Anfang an war es wichtig, Peter, der in Sydney und Australien exzellente Kontakte besitzt und sich in den Eigenheiten des Marktes auskennt, an Bord zu haben. Neben seiner fachlichen Expertise öffnete er so manche Türe bei Partnern und war auch ein wichtiger australischer Identifikationspunkt für das Team. Ich denke, dass er ein wesentlicher Erfolgsfaktor bei der Gründung war.

Alleine ein Start-up im Ausland zu gründen, ist schon eine Herausforderung – erst recht, wenn alle deutschen Partner zudem mit den Familien von Düsseldorf nach Sydney zogen. Diese Erfahrung hat uns gelehrt, dass man sich ein gutes Jahr Zeit geben sollte, um wirklich anzukommen.

Für-Gründer.de: Wie lässt sich die australische Gründerszene beschreiben und wo sehen Sie die größten Unterschiede zu Deutschland?

Christian Magel, amaysim: Als wir amaysim starteten, war die Gründerszene in Australien sehr übersichtlich. Einige erfolgreiche digitale Unternehmen der ersten und zweiten Generation hatten Fuß gefasst, aber die große Entfernung zu den Hauptmärkten USA und Europa, die relativ geringe Bevölkerungszahl, wie auch die geringe Anzahl von institutionellen Investoren bedeuteten nur langsame Fortschritte.

Mit den schnell zusammenwachsenden globalen Absatzmärkten und internationalen Investoren, die weltweit nach neuen Feldern suchten, beschleunigte sich das Wachstum der Start-up-Landschaft rapide. Vor allem Sydney und Melbourne, aber auch Brisbane weisen heute einen guten Talentpool auf und Start-ups wie Atlassian und Big Commerce feiern internationale Erfolge. Auch die australische Börse ASX hat nach dem Abklingen des Rohstoffbooms mit Tech-Unternehmen ein neues, florierendes Geschäftsfeld gefunden.

Die größten Unterschiede zu Deutschland liegen wohl im deutlich kleineren Heimatmarkt mit ca. 23 Mio. Einwohner ohne direkt angrenzende Volumenmärkte. Außerdem gibt es eine sehr gute Family Office- und Private Net Worth-Investorenszene, der allerdings oft die Balance einer breiten Venture Capital-Landschaft fehlt. Ein weiterer Unterschied zu Deutschland ist die erst langsam in Gang kommende Internationalisierung, die allerdings momentan umso intensiver Richtung Asien und USA unterwegs ist.

Für-Gründer.de: Zehn Jahre gemeinsam im Team sind eine lange Zeit. Gab es auch Konflikte und wie ist das Team damit umgegangen?

Christian Magel, amaysim: Der Kitt unserer lang anhaltenden Partner- und Freundschaft sind wohl die gemeinsamen Werte, die wir teilen. So setzten wir uns kurz nach der Gründung mit allen Partnern zusammen und diskutierten unsere eigenen, persönlichen Werte, die in der Unternehmenskultur eine Rolle spielen sollten. Dies ist in der Regel das Wertegrundgerüst, mit dem wir das erweiterte Team einstellen oder auch die Marke entwickeln.

In Zeiten, in denen es schnell gehen muss, minütlich Entscheidungen getroffen werden müssen und auch einmal Emotionen hochschlagen, hilft dieser Kitt, immer wieder eine gemeinsame Basis zu finden. Eine sehr transparente Arbeitsweise, konstante Kommunikation und auch die vierteljährlichen Partner Offsites am Lagerfeuer sorgen dafür, dass sich Konflikte nicht anstauen, sondern ausgesprochen werden.

Für-Gründer.de: Wie wird sich der Mobilfunkmarkt in Deutschland Ihrer Meinung nach in den nächsten Jahren entwickeln und wo gibt es für innovative Gründer die größten Erfolgschancen?

Rolf Hansen, amaysim: Der Mobilfunkmarkt ist nach wie vor ein Wachstumsmarkt, der aktuell vom Datenhunger der Smartphone-Nutzer getrieben wird. Traditionelle Netzwerkanbieter und MVNOs als effiziente Partner bei der Vermarktung der Kapazitäten werden nach wie vor ihre Daseinsberechtigung haben. Durch das Entbündeln der klassischen Produkte Telefonie, SMS und Daten ergeben sich aber viele neue Geschäftsmodelle.

Ob die Weiterentwicklung der OTT (Over the top) Anbieter, wie WhatsApp, die Vernetzung des Internet of Things von der Anwendung im Haushalt über Datensammlungen im Auto oder Gesundheitsanwendungen: Der Mobilfunk wird breiter denn je neue Services und Dienstleistungen ermöglichen.

Für-Gründer.de: Wie geht es nach dem Börsengang von amaysim nun weiter? Planen Sie mit Ihrem Team bereits eine neue Unternehmensgründung?

Christian Magel, amaysim: Wir sind unglaublich stolz, dass wir mit amaysim nachhaltig den australischen Telekommunikationsmarkt verändert haben, über 160 Arbeitsplätze neu entstanden sind, die Firma nachhaltige Gewinne abwirft und mittlerweile mit 400 Mio. Australischen Dollar bewertet ist. Als Gründer halten wir nach dem IPO immer noch 50 % unserer Anteile und sind größter Aktionär. Zudem sind wir mit Rolf und Peter weiterhin im Board vertreten. amaysim hat noch eine Menge vor und wird weiterhin Akzente im australischen Mobilfunkmarkt setzen.

Daneben genießen wir es, nach über 15 Jahren ununterbrochener Start-up-Arbeit wieder einmal Zeit für unsere Familien und persönlichen Interessen zu haben. Wir gehen also die Zukunft gelassen an, haben ein offenes Auge für gute Ideen und sehen mit Freude die zunehmende Attraktivität von Australien und dem asiatischen Raum für Start-ups aus Europa und den USA. Hier wollen wir in Zukunft investieren, neu gründen und unterstützen.

Für-Gründer.de: Welche sind Ihre drei wichtigsten Tipps für Start-ups?

  1. Team: Eine Mannschaft, die den Unterschied macht
    Wir richten beim Start eines neuen Unternehmens unser Augenmerk gezielt auf die Auswahl und Rekrutierung des richtigen Teams. Entscheidend sind übereinstimmende Wertevorstellungen, die Fähigkeit, Neues zu lernen und sich an immer wieder ändernde Herausforderungen anzupassen und die notwendige Expertise im jeweiligen Feld mitzubringen.
  2. Agilität: Schnell auf Veränderungen reagieren
    Ein dynamisches Umfeld, wie das eines Start-ups, verlangt es, notwendige Veränderungen schnell und ohne Zögern anzugehen. Mit knappen Ressourcen, endlichen Budgets und einem notwendigerweise sehr engen Fokus sind Agilität und schnelle Reaktionen Grundvoraussetzungen für den späteren Erfolg.
  3. Kundenfokus: Der Kunde im Zentrum allen Tuns
    Einer unserer größten Erfolgsfaktoren war, eine Lösung immer aus Kundensicht anzugehen und erst dann die wirtschaftliche Machbarkeit zu überprüfen. Oftmals hat uns das einen wirklich neuen Weg eröffnet, der das Unternehmen und das Produkt einzigartig machte.

Für-Gründer.de: Vielen Dank für den Einblick in Ihre Gründergeschichte!

amaysim

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