Studienscheiss: mit unseriösem Namen seriös vermitteln



Sein eigenes Unternehmen gründen will gelernt sein. Tim Reichel von Studienscheiss hat dazu seinen Job an der Uni und die Kenntnisse seiner vorigen Arbeitsstelle genutzt, um sich selbstständig zu machen. Das Besondere dabei: Statt auf alte Tugenden zu setzen, bringt Tim Reichel frischen Wind in das trockene Metier rechtlicher Hürden und Tücken im Studium.

Für-Gründer.de: Was ist deine Geschäftsidee und wie beziehungsweise wann bist du darauf gekommen?

Tim Reichel von Studienscheiss: Studienscheiss ist Deutschlands erste digitale Hilfsplattform für Studentinnen und Studenten mit rechtlichen Problemen im Studium. Wir bieten unseren Usern neue Lösungen rund um die Themen Prüfungsrecht und Bürokratie an der Uni.

Ich bin promovierender Wirtschaftsingenieur an einer großen deutschen Hochschule und dort als Fachstudienberater und Koordinator eines Prüfungsausschusses eingebunden. Ich betreue dort einen Masterstudiengang und mache das auch von Herzen gern. Durch viel positives Feedback von meinen Studenten entstand die Idee, eine deutschlandweite Anlaufstelle für Studierende zu schaffen, die sich mit prüfungsrechtlichen oder bürokratischen Problemen rumschlagen müssen.

Ich wollte das Ganze aber anders als branchenüblich aufziehen: Modern, eher witzig statt trocken, online und preislich so ausgelegt, dass jeder Student unser Angebot nutzen kann.

Tim Reichel arbeitet bereits seit Jahren an der Uni und berrät Studenten. (Quelle: Studienscheiss)
Tim Reichel arbeitet bereits seit Jahren an der Uni und berät Studenten. (Foto: Studienscheiss)

Für-Gründer.de: Welche Zielgruppe sprichst du damit an und wie groß schätzt du den Markt?

Tim Reichel von Studienscheiss: Wir haben insgesamt drei Zielmärkte definiert: Studierende in Deutschland im B2C-Bereich, Anwältinnen und Anwälte in Deutschland im B2B-Bereich und perspektivisch Schülerinnen und Schüler in Deutschland ebenfalls im B2C-Bereich. Im Moment gibt es in Deutschland ca. 2,7 Millionen Studierende an Hochschulen und Universitäten. Die Zahl der Neueinschreibungen ist dabei steigend.

Wir gehen davon aus, dass jeder Studierende mindestens einmal während des Studiums prüfungsrechtliche Fragen oder Probleme hat und direkt mit der Hochschulverwaltung oder einem Prüfungsausschuss in Verbindung gerät: Vergessene Prüfungsanmeldung, Probleme mit Anerkennungsverfahren, Auslandssemester, Wechsel der Prüfungsordnung und so weiter. Der Markt ist also groß und interessant. Weiterhin waren im letzten Jahr mehr als 160.000 Anwälte in Deutschland zugelassen. Studierende bzw. angehende Akademiker sind für diese Berufsgruppe eine sehr interessante Zielgruppe.

Für-Gründer.de: Was wird Studenten im Detail auf Studienscheiss geboten?

Tim Reichel von Studienscheiss: Ziel der Studienscheiss UG ist es, Studenten in Deutschland bei rechtlichen Problemen zu helfen und lästige Bürokratieaufgaben rund um das Studium abzunehmen. Das organisieren wir in verschiedenen Eskalationsstufen:

  1. Für einfache Standardprobleme gibt es bei uns im Onlineshop fertige Formulare zum Download. Einfach runterladen, an den jeweiligen Prüfungsausschuss schicken und fertig.
  2. Für komplexere Probleme gibt es bei uns Studienberatungsangebote. Dabei coachen und beraten wir die Studenten und stellen gängige Best Practice Beispiele vor. Für den Ernstfall vermitteln wir den Studierenden einen passenden Anwalt, der sie juristisch vertritt. Zusätzlich bauen wir aktuell einen großen Blog mit Artikeln zu den Themen Studium, Prüfungsrecht, Bürokratie und Organisation auf.

Diese Zusammenstellung an Beratungs- und Informationsprodukten ist aus unserer Sicht einzigartig. Fertige Antragsformulare zum Download inklusive Begründung und Checkliste gibt es in dieser Form bisher nicht. Dadurch bieten wir einen neuen Mehrwert.

Für-Gründer.de: Wie funktioniert das Geschäftsmodell, sprich wie verdienst du Geld?

Tim Reichel von Studienscheiss: Die Antragsvorlagen, Formulare und Checklisten erstellen wir selbst und verkaufen diese über unsere Website. Die Preise sind bewusst gering gewählt. Damit wollen wir den Studenten entgegenkommen, denn unsere Vision ist: Ein Antrag soll nicht mehr kosten als ein Mittagessen in der Mensa.

Im Rahmen unserer Coaching-Angebote legt der jeweilige Coach den Preis individuell nach Absprache mit dem Studierenden fest. Studienscheiss erhält dann entweder eine Vermittlungsgebühr oder einen Gastbeitrag für den Blog.

Die Anwälte können einen Listenplatz auf unserer Website mieten. Das kostet sie einen monatlichen Fixbetrag. Für die Rat suchenden Studenten ist die Anwaltsvermittlung kostenlos. Was dann am Ende zwischen Anwalt und Student ausgemacht wird, geht uns nichts an.

Für-Gründer.de: Der Name ist ja ziemlich provokativ gewählt. Wie bist du darauf gekommen?

Tim Reichel von Studienscheiss:

„Studienscheiss“ mag provokativ und im ersten Moment vielleicht auch unseriös klingen. Das ist er auch!

Wir haben uns aber ganz bewusst für einen progressiven und Aufmerksamkeit erregenden Namen entschieden. Studienscheiss nennt das Kind beim Namen. Zumindest aus Sicht der meisten Studierenden. Er emotionalisiert, beschreibt dabei ausreichend und bleibt dank dieser Mischung im Gedächtnis. Kann man sich mal merken, oder?

Wie ich darauf gekommen bin? In der Zeit, in der ich die Gründung vorbereitet hatte, saß ich an einem Nachmittag im Büro und habe eine neue Prüfungsordnung für meinen Studiengang korrigiert.

Plötzlich kam ein Kollege zur Tür herein und sagte: „Tim, lass mal gerade den Studienscheiss sein und komm mit. Es gibt Kuchen.“ Das hat mich überzeugt.

Mit Büchern und Studium zum Erfolg – doch die Prüfungsordnung lesen nicht vergessen! (Quelle: Studienscheiss)
Mit Büchern und Studium zum Erfolg – doch die Prüfungsordnung lesen nicht vergessen! (Foto: Studienscheiss)

Für-Gründer.de: Hattest du bei der Namenswahl keine Bedenken – insbesondere in Hinblick auf die Zusammenarbeit mit den Anwälten?

Tim Reichel von Studienscheiss: Doch hatte ich. Mehr noch: Ich hatte Angst, dass die Idee unseriös und eher abschreckend wirken könnte. Wir wollen schließlich bei ernsten Problemen helfen und haben dafür ja auch richtig gute Tools geschaffen. Aber ich habe mich dann einfach trotzdem getraut und das Ganze umgesetzt. Das Konzept ist an sich schlüssig und gut durchdacht.

Wir behandeln das langweiligste Thema der Welt: Prüfungsrecht. Da muss der Name überzeugen.

Bei Anwälten kommt der Name überraschend gut an. Natürlich bekommen wir gelegentlich Rückmeldung, wie furchtbar der Firmenname sei und dass man sich gar nicht damit identifizieren könne. Die Mehrheit der Juristen ist aber wirklich aufgeschlossen und modern eingestellt. Wir bekommen sogar Lob für den Namen. Die Vorurteile von den spießigen Anzugträgern, die zum Lachen in den Keller gehen, treffen daher nicht zu. Wer sich davon überzeugen möchte, sollte mal einen unserer Studienscheiss-Anwälte kontaktieren.

Für-Gründer.de: Was unterscheidet Studienscheiss von anderen Rechtsportalen?

Tim Reichel von Studienscheiss: Rechtsportale, die ausschließlich Studenten ansprechen und sich einzig und allein um rechtliche Probleme im Studium kümmern, gibt es zurzeit nicht. Durch diese Fokussierung leisten wir also gerade ein bisschen Pionierarbeit und versuchen einen neuen Markt zu erschließen.

Im Vergleich zu bestehenden, allgemeinen Rechtsportalen wie Anwalt.de unterscheidet uns daher die zielgruppengerechte Ausrichtung. Dadurch, dass wir überwiegend junge, internetaffine User ansprechen, ist unsere Plattform sehr modern und frech ausgerichtet. Damit heben wir uns deutlich von den eher konservativ und – mit Verlaub – sehr spießig konzeptionierten Konkurrenten ab.

Für-Gründer.de: Wie hast du die Gründung von Studienscheiss finanziert?

Tim Reichel von Studienscheiss: Die Gründung von Studienscheiss habe ich aus eigenen Mitteln finanziert. Neben den Kosten für die eigentliche Gründung für einen Notar und einen Anwalt ging das meiste Geld für das Webdesign und erste Online-Marketing-Maßnahmen drauf.

Nachdem wir das Konzept ausgearbeitet und die ersten digitalen Produkte erstellt hatten, wurde direkt eine erste Version der Website aufgesetzt. Wir haben sozusagen einfach angefangen, um unsere Idee zu testen und erstes Kundenfeedback zu bekommen. Das war auch wichtig und hat dazu geführt, dass wir nach wenigen Wochen die Proof-of-Concept-Phase abgeschlossen hatten. Danach haben wir auf dieser Grundlage einen Businessplan bei der KfW Bank eingereicht und einen Förderkredit beantragt. Das hat prima funktioniert.

Für-Gründer.de: Was waren seit der Gründung die größten Meilensteine, die du bisher erreicht hast?

Tim Reichel von Studienscheiss: Ein unvergessener Moment war natürlich, als wir unseren ersten Antrag verkauft haben. Die Website war nicht mal einen Tag online und super hässlich, aber trotzdem hat ein Student vom anderen Ende Deutschlands unseren Service in Anspruch genommen. Das war der Beweis, dass wir mit unserer Idee richtig liegen.

Wichtige Meilensteine waren natürlich der Launch der Website, die Kreditzusage der KfW Bank und die Nominierung bei dem AC²-Businessplanwettebwerb im Juni.

Für-Gründer.de: Wo lagen die bisher größten Hürden im Gründungsprozess?

Tim Reichel von Studienscheiss: Der Gründungsprozess von Studienscheiss hatte einige Hochs und Tiefs. Es lief wenig nach Plan aber vieles unerwartet gut. Die größten Probleme hatte ich dabei, das passende IT-Personal zu finden.

Gefühlt habe ich am Anfang jeden Fehler bei der Personalplanung gemacht, den man so machen kann. Und diese Fehler waren teuer. Heute habe ich zum Glück ein gutes Team zusammengestellt, auf das ich mich fast blind verlassen kann.

Die größte Hürde der Gründung liegt aber bei mir selbst. Ich verrenne mich noch viel zu oft in Kleinigkeiten, will alles selber machen und bin zu perfektionistisch. Früher dachte ich, dass das eine gute Eigenschaft sei, aber das ist großer Mist. Es bringt dich nicht weiter und lähmt manchmal wichtige Entscheidungsprozesse. Ich bin jetzt nicht langsam oder unproduktiv, aber daran muss ich auf jeden Fall noch arbeiten.

Für-Gründer.de: Was steht in den kommenden zwölf Monaten an?

Tim Reichel von Studienscheiss: Aktuell arbeiten wir an einem Relaunch der Website. Unser Webdesign ist richtig gut geworden, aber viele technische Aspekte, insbesondere die Ladezeit, sind noch unter unserem Ziel. Das möchten wir, so schnell es möglich ist, ausbügeln.

Außerdem bekommen wir gerade von allen Seiten sehr großes Lob für unser Content-Marketing. Darum möchten wir den Blog und unsere Social Media-Kanäle weiter ausbauen und noch bessere Inhalte schaffen. Da wird sich also einiges tun.

Natürlich werden wir auch unser Anwaltsnetzwerk weiter ausbauen und den Service für Studenten mit rechtlichen Problemen weiter verbessern. Dazu steht im Herbst eine größere Feedbackrunde an, damit wir auch genau wissen, wo bei den Studis der Schuh drückt.

Für-Gründer.de: Welche drei Dinge kannst du angehenden Gründern mit auf den Weg geben?

Tim Reichel von Studienscheiss: Seid mutig und traut euch mit eurem Konzept früh an die Öffentlichkeit. Versucht so schnell, wie möglich eine Website, einen Prototypen oder eine Produktprobe an die Kunden zu bringen und Feedback zu bekommen.

Mir ist in den vergangenen Monaten aufgefallen, dass viele Gründungsinteressierte oft ihre Idee für sich behalten möchten und nur ungern darüber reden. Das ist aus meiner Sicht ein großer Fehler gewesen. Sprecht über eure Idee und holt euch Feedback!

Ich hatte am Anfang große Angst davor, etwas falsch zu machen und war sehr vorsichtig. Manchmal zu vorsichtig. Heute weiß ich, dass es Unsinn ist. Bei einer Gründung macht man zwangsläufig Fehler oder trifft Entscheidungen, die sich später als nicht optimal herausstellen. Aber so ist das nun mal eben! Ihr braucht keine Angst davor zu haben, Fehler zu machen. Jeder macht Fehler – und Gründer sowieso. Fehler machen aber auch sympathisch und helfen dabei zukünftige Entscheidung besser bewerten zu können. Sie sind notwendig unumgänglich und machen euch stärker.

Meine drei Tipps sind also:

  • Frühes Proof-of-Concept
  • Viel über die Idee reden
  • Keine Angst haben, Fehler zu machen

Für-Gründer.de: Vielen Dank für das Interview.

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