Beruf oder Kind? Beides als Mompreneur!



So wie viele andere berufstätige Frauen auch, stand die studierte Betriebswirtin Andrea Lässing vor der Frage: Job oder Kind? Sie nutzte ihre Erfahrung als Unternehmensmanagerin und gründete eine Kita mit Ganztagsbetreuung. Eine Gründerstory von einer Mutter und Unternehmerin in Personalunion.

Für-Gründer.de: Hallo Frau Lässing, Sie gründeten 2010 die Kinderstube Nordstadthaus, eine Kindertagesstätte in Heilbronn. Zuvor waren Sie Managerin in einem Konzern. Wie kam es zu dieser großen Veränderung?

Andrea Lässing, Nordstadthaus: Die Idee ist eigentlich aus eigener Not und Betroffenheit als alleinerziehende Mutter mit zwei Kindern entstanden. Ich hatte Betriebswirtschaftslehre studiert, dann mehrere Jahre bei der Unternehmensberatung KPMG gearbeitet und mich für ein Projekt in die USA versetzen lassen. Irgendwann kam der Zeitpunkt, an dem ich etwas ändern wollte. Ich machte eine Weiterbildung zur Pressereferentin und arbeitete in diesem Bereich bei dem amerikanischen Halbleiterunternehmen Atmel, bis ich mein erstes Kind bekam.

Als alleinerziehende Mutter wurde ich von meinem Arbeitgeber vor die Wahl gestellt, mich entweder für meinen Job oder für mein Kind zu entscheiden.

Da ich jedoch keinen Betreuungsplatz fand, begann ich vorübergehend eine Teilzeitbeschäftigung bei der dualen Hochschule Baden-Württemberg und merkte dort das erste Mal, dass auch andere berufstätige Frauen das Problem mit der fehlenden Kinderbetreuung hatten. So entstand die Idee zur Kinderstube Nordstadthaus.

Andrea Lässing, Gründerin der Kinderstube Nordstadthaus
Andrea Lässing, Gründerin der Kinderstube Nordstadthaus

Für-Gründer.de: Wie reagierte man in Ihrem näheren Umfeld auf den drastischen Branchenwechsel?

Andrea Lässing, Nordstadthaus: Es waren alle Meinungen dabei: Es gab Menschen, die mir mit aller Überzeugung von der Idee abrieten und andere, die meinen Schritt vollkommen nachvollziehen konnten. Es gab auch viele, die sagten: So kennen wir dich.

Für-Gründer.de: Wovor hatten Sie die größte Angst und wo lagen dann tatsächlich die größten Hürden im Gründungsprozess?

Andrea Lässing, Nordstadthaus:

Ich hatte keine Angst. Ich bin überzeugt davon, dass gerade meine Furchtlosigkeit und mein Glaube ans Gelingen mich dorthin gebracht haben, wo ich bin.

Was mir sehr nützlich gewesen ist, war das Wissen um meine Stärken und Schwächen, welche ich im Laufe der letzten Jahre beruflich wie auch privat für mich erkannt habe. So bin ich beispielsweise durch meine Berufserfahrung organisatorisch gut strukturiert. Und ich weiß, dass ich eine Macherin bin. Ich hatte eine rosarote Brille auf und war davon überzeugt, dass alles klappen wird. Dieser extreme Optimismus ist zwar nicht für jeden Gründer zu empfehlen, hat mir in diesem Moment jedoch sehr geholfen.

Der größte Stolperstein war die Bürokratie: Es gab Probleme mit dem Gewerbeaufsichtsamt. So mussten beispielsweise nach dem fast fertigen Küchenausbau aufgrund rechtlicher Auflagen Wände wieder eingerissen und Änderungen vorgenommen werden. Das sind Dinge, die mich privat und persönlich am meisten gestresst haben.

Für-Gründer.de: Wie und mit wem haben Sie diese Aufgaben bewältigt?

Andrea Lässing, Nordstadthaus: Mit meinen Eltern, sehr guten Freunden, aber auch den Ämtern der Stadt Heilbronn sowie dem gemeinnützigen Wohnbauunternehmen der Stadtsiedlung Heilbronn, die die Vermieterin des Hauses ist.

Zum Hintergrund: Mein Vater war viele Jahre in der Geschäftsführung eines internationalen Konzerns, bevor er sich als Berater selbstständig machte. Meine Mutter war bis vor wenigen Jahren Leiterin einer Kita in der gleichen Größenordnung wie die Kinderstube. Hier hat mir natürlich das Netzwerk meiner Mutter sehr geholfen. Ich konnte in vielen Einrichtungen hospitieren und immer wieder Fragen stellen.

Heute arbeiten tatsächlich zwei Kita-Leiterinnen, die eigentlich bereits im Ruhestand sind, bei mir in Teilzeit. Aber auch der Austausch mit Freunden, die immer wieder Fragen gestellt haben, die ich beantworten wollte bzw. musste, gab mir sehr viel Klarheit. Darüber hinaus habe ich mich stets weitergebildet: in pädagogischen Themen, aber auch meine Qualifizierung zur systemischen Beraterin und Theaterpädagogin. Letztlich hat mir mein guter betriebswirtschaftlicher Hintergrund auch sehr weitergeholfen.

Für-Gründer.de: Gab es auch etwas, das erstaunlich leicht von der Hand ging?

Andrea Lässing, Nordstadthaus: Ich glaube, da ich einfach so zuversichtlich an die Sache und das Gelingen heranging, lief auch vieles so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Ich war von meinen Vorstellungen einfach sehr überzeugt. Vieles ging mir auch deshalb leicht von der Hand, weil ich selbst auf einen langen Erfahrungsschatz aus meiner Vergangenheit – privat sowie beruflich – zurückgreifen konnte, gerade auch in meiner Tätigkeit als Unternehmensberaterin in Deutschland und den USA.

Leicht gingen mir vor allem organisatorische und koordinative Themen von der Hand. Auch die Zusammenarbeit mit den vielen Handwerkern, Ämtern und Institutionen stellten mich vor keine wirklich große Herausforderung. So war der Hausumbau zum Beispiel unproblematisch und ist mir leicht gefallen.

Für-Gründer.de: Das Besondere an der Kinderstube Nordstadthaus ist die Gründung als gemeinnützige GmbH? Warum haben Sie sich dazu entschlossen?

Andrea Lässing, Nordstadthaus: Ich habe mich zur Gründung einer gGmbH entschlossen, um selbst schnelle und unbürokratische Entscheidungen treffen zu können, was bei der oft genutzten Organisationsform des Vereins nicht möglich ist. Ich teile mir das Büro mit der pädagogischen Leitung und bin jeden Tag vor Ort. Da lassen sich Dinge unglaublich schnell lösen und umsetzen.

Das Besondere an der Gemeinnützigkeit ist auch, dass alle Einnahmen der Kita reinvestiert werden müssen.

Für-Gründer.de: Wie haben Sie den Aufbau der Kindertagesstätte finanziert?

Andrea Lässing, Nordstadthaus: Für die Gründung der gGmbH war die Summe von 25.000 Euro erforderlich. Dafür habe ich einen Kredit aufgenommen. Ansonsten werde ich, wie die städtischen Einrichtungen in Heilbronn auch, bezuschusst durch öffentliche Gelder.

Dann gibt es noch unseren Förderverein für Vorhaben und Projekte, die nicht bezuschusst werden. Meine erbrachte Eigenleistung kommt hier natürlich noch hinzu. Allein die Zeit der Planung und Vorbereitung sowie die Umbauphase, in der der Kita-Betrieb offiziell noch nicht erfolgte, arbeitete ich im Grunde ehrenamtlich. Zur Unternehmensgründung gab es dann über einen Kooperationsvertrag mit einer öffentlichen Institution einen zusätzlichen Zuschuss.

Lesen Sie auf der zweiten Seite mehr über die Herausforderung, die sich durch die Doppelrolle als Unternehmerin und Mutter stellen.

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