Wie gründe ich das perfekte Start-up?



Viele Gründungsfehler ließen sich vermeiden, sagt Entrepreneur und Buchautor Yann Girard. Deshalb schreibt er gerade ein Buch, in dem er seine Erfahrungen und die vieler anderer Unternehmer einfließen lässt, so dass zukünftige Gründer nicht die gleichen Fehler machen müssen. Nebenbei tourt er auf seinem Fahrrad quer durch Deutschland, um Studenten deutschlandweit zum Gründen zu bewegen.

Wir sprachen mit dem umtriebigen Autor und Gründer über seinen Ansatz, mit dem man weniger Zeit mit der falschen Geschäftsidee vergeudet und fragten nach dem Wert eines Businessplans.

Für-Gründer.de: Hallo Yann, was hast du vor deinem Buch gemacht?

Yann Girard, The Perfectly Executed Startup: Bevor ich anfing, mein Buch zu schreiben, habe ich von 2009 bis 2011 an einem Start-up in China gearbeitet – eine Art Quiksilver, also eine urbane Bekleidungsmarke nur für den chinesischen Markt. Wie die meisten Unternehmer habe ich bei meinem ersten Projekt einiges an Lehrgeld zahlen müssen. Der Standort China hat da nicht unbedingt positiv auf das ganze Unterfangen eingewirkt. Er war eher ein Katalysator für Fehler.

Neben einer wirklich schwierigen Zeit in einem Land, in dem ich die Sprache nicht wirklich beherrschte, konnte ich allerdings unglaublich viel lernen. Vor allem wie man mit Fehlern umgeht, wie man aufsteht und weitermacht und wie man daraus lernen kann.

Absagen und Fehlschläge gehören zum tagtäglichen Geschäft dazu. Und davon gibt es nun mal leider nicht wenige. Wer nach den ersten hundert Absagen nicht mehr aufsteht und nicht alles probiert hat, für den wird es wahrscheinlich schwer werden, ein Start-up aufzubauen.

Als ich 2012/13 aus einer Stelle im Bereich Technologie & Innovation heraus auch auf der Investorenseite in Deutschland und den USA Erfahrung sammeln konnte, merkte ich schnell, dass die Fehler, die ich und mein Partner damals machten, auch von anderen Start-ups gemacht werden. Es handelt sich um Fehler, die man eigentlich leicht vermeiden kann. Zurück in meiner Heimatstadt München, mit einem neuen Job ausgestattet, bei einem kleineren Company Builder, merkte ich dann doch, dass meine Erfahrungen auch für andere sinnvoll sein könnten.

Immer mehr Freunde und Bekannte kamen auf mich zu und baten um Rat für ihre Projekte. Um zu testen, ob überhaupt ein Markt für mein Buch da war, prüfte ich meine Idee und beobachtete die Reaktionen der Menschen. Nachdem ich eine große Nachfrage geschaffen habe, kündigte ich meine Stelle, da mein Job mich langweilte. Seitdem versuche ich meine Erfahrungen mit anderen zu teilen und sie dabei zu unterstützen, nicht immer wieder dieselben Fehler zu begehen. Unter anderem auch mit Hilfe meines Buches und meiner aktuellen Fahrradtour durch Deutschland.

Yann Girard, Autor "The Perfectly Executed Startup"
Yann Girard, Autor von The Perfectly Executed Startup

Für-Gründer.de: Du bist kein Freund von Businessplänen. Warum?

Yann Girard, The Perfectly Executed Startup: Ich bin auch nicht unbedingt ein Feind davon. Ich bin nur der Meinung, dass die Art und Weise, wie wir an das Thema Unternehmensgründung heutzutage herangehen, nicht mehr dem aktuellen Marktumfeld entspricht. Früher war es absolut sinnvoll, eine Idee mit einem Businessplan zu konkretisieren und dann auf Investorensuche zu gehen, um das Produkt mit Hilfe des finanziellen Investments zu entwickeln – heute eher weniger.

Der Markt wird von den Kunden gelenkt. Hatten wir früher einen Markt, der absolut regional beschränkt war und geringe Alternativen bot – der also vom Angebot bestimmt wurde – so kann man sagen, dass wir heute einen Markt mit schier unendlich vielen Anbietern haben, die um die Gunst der Nachfrager buhlen.

Letztendlich entscheidet der Kunde, welches Produkt oder Unternehmen sich durchsetzt. Das macht es um so unberechenbarer, ein Unternehmen zu gründen, aufzubauen und die wirklichen Bedürfnisse des Marktes vorherzusagen.

Deshalb erscheint mir ein konkreter Businessplan erst dann sinnvoll, wenn man eine gewisse Traktion am Markt hat, beispielsweise erste zahlende Kunden. Das kann man heutzutage bereits mit einigen wenigen Kniffen schaffen, ohne dass viel Geld und Zeit in Technik und Entwicklung fließen müssen.

Einen Businessplan für eine Idee zu schreiben, die noch nicht von den Nachfragern als echtes Bedürfnis bestätigt wurde, halte ich vor allem zu Beginn der Gründung für überflüssig. Sicherlich ist ein Businessplan hilfreich, um das gesamte Umfeld und den Markt besser zu verstehen und um sich Gedanken über die mögliche Richtung des Unternehmens zu machen, aber ich „brauche” ihn nicht dafür.

Für-Gründer.de: Was empfiehlst du Gründern stattdessen?

Yann Girard, The Perfectly Executed Startup: Unsere Zeit und Ressourcen als Gründer sind leider sehr beschränkt. Daher empfehle ich Gründern, sich nicht von Anfang an auf eine einzige Idee zu versteifen, die am Ende eventuell scheitert. Meiner Erfahrung nach haben die meisten Gründungsinteressierten mehrere Ideen, die sie alle einmal am Markt testen sollten. Das lässt sich heutzutage unkompliziert und kostengünstig – mit Hilfe von sogenannten Landing Pages, Facebook und Google Werbung – realisieren.

Damit kann die anfängliche Nachfrage aufgebaut und Kontakte zu ersten potentiellen Kunden hergestellt werden. Hat man die ersten hundert potentiellen Kunden inklusive Kontaktdaten gesammelt, aber vielleicht noch kein fertiges Produkt, kann man diese Zeit wunderbar dafür nutzen, um mit interessierten Kunden zu interagieren und ihr Vertrauen durch relevante Inhalte zu gewinnen. Das erhöht letztendlich auch die Wahrscheinlichkeit eines Verkaufs. Es heißt, dass es zumeist bis zu fünf Interaktionen mit einem unbekannten Produkt eines unbekannten Unternehmens bedarf, bis der Kunde letztendlich einen Kauf tätigt.

Das ist übrigens ein Punkt, der sehr oft unterschätzt wird. Viele Gründer gehen davon aus, dass der Kunde das Produkt am Ende sicher kaufen wird. Vor allem schon nach dem ersten Verkaufsversuch. Leider passiert das so gut wie nie nach dem ersten Kontakt. Man muss ständig am Ball bleiben, mit dem Kunden interagieren und präsent sein.

Das mag zwar unangenehm sein, führt aber oftmals zum Erfolg. Ein netter Nebeneffekt: ist der Kunde nicht wirklich an dem Angebot interessiert, also kein Early Adopter, so wird er recht früh aussteigen. Eine Art natürliche Selektion, die dabei hilft, sich auf die richtigen Kunden zu fokussieren.

Leider basteln wir immer noch Monate oder sogar Jahre an Produkten und investieren viel Geld und Zeit, ohne zu wissen, ob der Kunde unsere Produkte überhaupt haben möchte. Meine Empfehlung ist daher, vor allem am Anfang den Marketingfächer über alle Kanäle hinweg soweit wie möglich aufzumachen und zu testen, welche Idee am meisten Traktion bekommt und die mit dem größten Potenzial dann weiterverfolgen. Durch großflächiges Marketing bekommen wir einen besseren Gesamteindruck und einen adäquaten Querschnitt über den gesamten Markt.

"Raise Awareness for Entrepreneurship" - Yann Girard vor 100 Studenten an der RWTH Aachen
Raise Awareness for Entrepreneurship: Yann Girard vor 100 Studenten an der RWTH Aachen

Warum es sinnvoll ist, möglichst früh den ersten Kontakt zum Kunden zu suchen und wie Investoren auf Yann Girards Ansatz reagieren, lesen Sie auf der nächsten Seite.

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