Zwischen Playboy und Vogue: ein eigenes Magazin verlegen



Während andere Printmagazine eingestampft werden oder es gar nicht erst ins Zeitschriftenregal schaffen, meistern die Herausgeberinnen des Séparée-Magazins eine Hürde nach der anderen. Mit eigenen Mitteln und ohne Background im Verlagswesen schaffen zwei Berlinerinnen, was nicht vielen gelingt. Doch damit nicht genug: bei dem zunehmend bekannter werdenden Printprodukt handelt es sich um ein Erotikmagazin für Frauen. Wir haben nachgefragt, wie sie ihren eigenen Verlag gegründet haben.



Für-Gründer.de: Hallo Frau Gatzky, zusammen mit Ute Gliwa haben Sie 2013 eine Marktlücke entdeckt. Welche war das – und was gab den finalen Gründerimpuls, daraus ein Unternehmen zu machen?

Janina Gatzky, Séparée: Der Anstoß war ein Mangel. Mir hat schlichtweg ein anspruchsvolles, aber unverkrampftes Erotikmagazin für Frauen gefehlt. Als Mitleserin eines bekannten Erotikmagazins für Männer war ich irgendwann gelangweilt, weil Frauen und Männer bei diesem Thema einfach unterschiedlich ticken. Statt nur zu meckern, wollten wir etwas ändern. Dann ergab es sich fast zwangsläufig, daraus ein Unternehmen zu machen. Dass Ute zu diesem Zeitpunkt nach einer beruflichen Veränderung suchte, hat die Sache sicher befördert.

Die Gründerinnen und Herausgeberinnen von Séparée
Die Herausgeberinnen Janina Gatzky (r) und Ute Gliwa (Foto: Séparée)

Für-Gründer.de: Wie sieht für Sie die typische Séparée-Leserin aus und wo steht das Magazin idealerweise im Zeitschriftenregal – beim Playboy oder der Jolie?

Janina Gatzky, Séparée: Die typische Séparée-Leserin stelle ich mir als eine lebensbejahende Frau vor, wobei Alter oder sozialer Hintergrund keine Rolle spielen. Unsere älteste Abonnentin, von der wir wissen, ist 72 Jahre alt. Ein bisschen Selbstbewusstsein braucht die Séparée-Leserin aber sicher auch, denn so selbstverständlich ist ein Erotikmagazin für Frauen noch nicht. Das hören wir immer wieder. Natürlich möchten wir die Séparée im Frauensegment platziert sehen. Bei den Männermagazinen finden uns die Frauen nicht.

Einmal lagen wir bei einem Händler zwischen Playboy und Vogue. Das macht natürlich Spaß.

Für-Gründer.de: Wie sind Sie es dann angegangen? Was ist alles passiert von der Idee bis zum Moment, als Sie die erste Ausgabe in den Händen hielten?

Janina Gatzky, Séparée: Eigentlich reichte ein „Na, dann machen wir es eben selbst” von Ute, als ich mich darüber beklagte, dass es nichts Passendes auf dem Markt gab. Als Erstes haben wir jedoch eine sehr gute Freundin, die seit vielen Jahren als Artdirektorin im Magazinbereich tätig ist, gefragt, ob sie mitmacht. Uns war von Anfang an klar, dass es nicht reichen würde, gute Texte zu schreiben und organisieren zu können. Die „Verpackung” ist heute mindestens genauso wichtig.

Als sie „Ja” sagte, haben wir angefangen, Ideen zu spinnen und ein Netzwerk aufzubauen. Außerdem haben wir eine Null-Nummer von ca. 20 Seiten in einer ganz kleinen Auflage erstellt. Das war für uns die wichtigste Schule. Die Resonanz auf unsere Idee war sehr groß und durchweg positiv. Wir hatten in kurzer Zeit Autorinnen und Fotografen, die uns unterstützen wollten. Das Netzwerk wuchs schnell. Verhandlungen mit Druckereien und Vertriebsagenturen waren irgendwann fast Routine.

Wenn man etwas wirklich will und davon überzeugt ist, muss man gar nicht lange überlegen, was der nächste Schritt ist, man geht ihn automatisch.

Für-Gründer.de: Sie beide kommen ursprünglich nicht aus dem Verlagswesen. Welche beruflichen Erfahrungen konnten Sie bei Séparée einbringen und was mussten sie für die Verlagsarbeit noch dazulernen?

Janina Gatzky, Séparée: Utes Controlling-Erfahrung hilft uns auf der wirtschaftlichen Seite sehr. Dadurch haben wir von Anfang an sehr umsichtig gewirtschaftet. Ihre berufsbedingte Gründlichkeit ist ein echtes Asset. Ich habe vor Séparée über zehn Jahre freiberuflich als Übersetzerin gearbeitet. Textkompetenz und Gründlichkeit beim Lektorat sind eine große Hilfe im Redaktionsalltag. Außerdem weiß ich, wie man ein kleines Unternehmen führt.

Was ich auch nicht außer Acht lassen würde, ist die Tatsache, dass wir beide Mütter sind – mit mehreren Kindern. Da lernt man ein hohes Maß an Selbstdisziplin, Zeitmanagement und Organisationsfähigkeiten, die uns täglich zugutekommen.

Am Anfang waren Wörter wie „Sofortremission” oder der Unterschied zwischen Rollen- und Bogen-Offset böhmische Dörfer für uns. Aber das lernt man schnell. Dies gilt auch für die Feinheiten des Magazinaufbaus, zum Beispiel wie wichtig Credits sind und auf welcher Seite üblicherweise Anzeigen platziert werden.

Séparée Magazin
Von der Druckerei in den Zeitschriftenladen (Fotos: Séparée)

Für-Gründer.de: Wie haben Sie die Gründung von Séparée finanziert?

Janina Gatzky, Séparée: Im Gründerjargon per Bootstrapping, das heißt mit eigenen Mitteln.

Für-Gründer.de: Auch ein Crowdfunding haben Sie gestartet, um das anfänglich schwache Anzeigengeschäft auszugleichen. Wie gestaltet sich der Anzeigenverkauf mittlerweile? Haben Shades of Grey, Amorelie und Co. indirekt dabei helfen können, einen neuen Erotik-Lifestyle zu etablieren?

Janina Gatzky, Séparée: Mittlerweile trauen sich mehr Unternehmen. Anfänglich haben viele abgewartet, um zu sehen, wie nachhaltig unsere Unternehmung ist. Sicher hat SOG einiges dazu beigetragen, dass Erotik heute unter Lifestyle fällt und damit aus der Schmuddelecke kommt.

Auch Amorelie schwimmt auf dieser gesellschaftlichen Welle und sorgt gleichzeitig dafür, dass der Kauf von Sextoys nicht länger heimlich mit Schamesröte im Gesicht passieren muss, sondern ein Erlebnis ist oder einfach nur etwas ganz Normales.

Die Gesellschaft hat sich seit den Nuller-Jahren in der Hinsicht wirklich geöffnet. Es gibt mittlerweile auch wirklich tolle Erotikboutiquen, die stilvoll und einladend sind.

Für-Gründer.de: Auf Startnext sammelten Sie dann erfolgreich über 17.000 Euro ein. Sie konnten also die Crowd von einem Produkt mit begrenzter Zielgruppe überzeugen. Wie haben Sie das geschafft und welche Crowdfunding-Tipps haben Sie für andere, die es Ihnen gleich tun wollen?

Janina Gatzky, Séparée: Eigentlich ist die Zielgruppe riesig, denn wer interessiert sich nicht für Sex und Erotik. Übrigens lesen uns auch viele Männer mit Begeisterung. Wir hören immer wieder von Leserinnen und Lesern: Endlich (!) gibt es solch ein Magazin. Die Überzeugungsarbeit war gar nicht so schwierig. Schwierig ist es, mit einem kleinen Budget viele Menschen zu erreichen.

  • Crowdfunding ist aufwendig. Man sollte sich wirklich darauf konzentrieren und schon vorher das eigene Netzwerk auf- und ausbauen.
  • Gutes Bildmaterial ist auch nicht unwichtig. Wir haben uns mit dem Film ziemlich schwer getan, aber viele Leute schauen sich lieber erstmal einen knackigen Kurzfilm an, als dass sie längere Texte lesen.
  • Auch während des Crowdfundings muss man immer wieder die Werbetrommel rühren. Man sollte sich nicht darauf verlassen, dass ein Crowdfunding ein Selbstläufer ist.

Für-Gründer.de: Wie machen Sie Marketing generell und über welche Kanäle erreichen Sie Ihre Zielgruppe am besten? 

Janina Gatzky, Séparée: Bisher haben wir die meiste Resonanz auf Presseartikel und Fernsehbeiträge. Inwieweit Anzeigen in anderen Magazinen und andere Marketingmaßnahmen wirken, ist nicht immer einfach zu bewerten. Wir versuchen einen breiten Mix, um möglichst viele Frauen (und Männer) zu erreichen: von E-Paper bis Beileger bei Erotikvertrieben, Messeauftritte und Social Media. Seit neustem arbeiten wir mit Frauenärzten deutschlandweit zusammen.

Für-Gründer.de: Wie groß sind Ihre Auflagen- und Abonnentenzahlen derzeit und was ist Ihr Ziel für das kommende Jahr? 

Janina Gatzky, Séparée: Wir haben derzeit eine Auflage von ca. 20.000 Stück. Die Abozahlen sind im vierstelligen Bereich. Diese Zahlen möchten wir natürlich verdoppeln, bei den Abos gerne auch verdreifachen.

Für-Gründer.de: Und zum Abschluss möchten wir Sie gerne noch um ihre wichtigsten Tipps für andere Gründungswillige im Verlagswesen bitten. Was haben Sie von Gründen gelernt?

Janina Gatzky, Séparée: Gleich als Allererstes: Das Verlagswesen ist für Investoren nicht sexy. Investiert wird unserer Erfahrung nach fast blind in Technik, insbesondere in die IT oder Apps. Dies sind eher männliche Themen, die von Männern vorangetrieben werden. Investoren sind in den meisten Fällen auch Männer. Man bleibt da offenbar gern unter sich, ohne hier eine Gender-Diskussion vom Zaun brechen zu wollen.

Das Verlagswesen ist ein traditioneller Bereich, den man immer wieder gern totsagt. Fremdkapital zu finden, ist enorm schwierig. Man sollte sich also darauf einstellen, erst mal selbst finanzieren zu müssen und dann sehr klug wirtschaften.

Außerdem muss man wirklich für seine Sache brennen, sonst hat man nicht den langen Atem, den man immer wieder braucht, wenn der Weg mal steiniger ist. Gründen, nur weil es gerade in ist, in Berlin ein Start-up zu haben, reicht nicht.

Aber diese Dinge werden für mich aufgewogen durch eine wirklich bereichernde Zusammenarbeit im Team und spannende Kontakte. Wir haben in den letzten beiden Jahren unglaublich viel gelernt. Wenn man dann begeisterte Zuschriften bekommt, dass ein Magazin wie Séparée einfach gefehlt hat, hängt man gern noch eine Überstunde am Abend dran, um noch ein paar Hefte einzutüten, die in die Post müssen.

Für-Gründer.de: Vielen Dank für die spannenden Einblicke in die Entstehung Ihres Magazins und weiterhin viel Erfolg!

separee