Pastor gründet Start-up: Gottesdienst als Geschäftsmodell



Was macht ein Pastor, dem die Stelle gekürzt wird? Er macht sich selbstständig. Heute vermittelt er auch anderen kirchlichen Rednern Aufträge für Hochzeiten und Beerdigungen. Mit der Kritik aus den eigenen Reihen, den Gottesdienst zu kommerzialisieren, kann der Gründer aber gut umgehen, denn auch ein Pastor muss Rechnungen zahlen. Vielmehr erklärt er uns sogar die Gemeinsamkeiten von Glauben und Gründung. Mit dem Geschäftsmodell des buchbaren Pastors schaffte es der Gründer in diesem Jahr sogar ins Halbfinale beim Hessischen Gründerpreis.



Für-Gründer.de: Herr Diekmann, Sie gründeten mit rent-a-pastor eine Agentur zur Vermittlung von Pastoren und freien Rednern. Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?

Samuel Diekmann, rent-a-pastor.com: Auch eine kirchliche Anstellung muss nicht zwangsläufig eine sichere Anstellung sein – so ging es mir 2012, als mir mein Kirchenvorstand mitteilte, dass meine Anstellung als Pastor in den nächsten Jahren möglicherweise auf eine Teilzeitstelle gekürzt werden müsse. Das ist in diesem Jahr eingetreten, aber dank meines Start-ups kann ich diesen finanziellen Ausfall sehr gut kompensieren.

Was macht man da als möglicherweise teilzeitarbeitsloser Pastor? Das fragte ich auch in der Agentur für Arbeit nach. Richtig, weiter helfen konnte man mir dort nicht.

„Sie sind eigentlich überqualifiziert, suchen Sie sich etwas Eigenes”, war der Rat. Genau das habe ich mit rent-a-pastor getan.

Für-Gründer.de: Wie kam es dann zur Gründung der Agentur? Haben Sie beispielsweise einen Businessplan geschrieben?

Samuel Diekmann, rent-a-pastor.com: Nein. Ich hab einfach losgelegt. Im Nachhinein habe ich mich mit Businessplänen, Start-up-Strategien usw. beschäftigt und festgestellt, dass ich ganz intuitiv viel richtig gemacht habe.

Wir bieten unsere Redner fast ausschließlich über unsere Homepage an, daher lag mein Hauptfokus von Anfang an auf dem SEO-Bereich. Flankiert habe ich dies mit Pressearbeit. Hier habe ich stets auf Verlinkung bestanden und konnte so unseren Traffic steigern. Heute haben wir neben der Homepage eine eigene Twitter- und Facebook-Seite sowie eine eigene App. Vor allem im technischen Bereich musste ich mir viel selber beibringen und habe sehr viel gelernt.

Hochzeitsbeispiel aus dem Weinkeller mit Pastor Samuel Diekmann
Hochzeitsbeispiel aus dem Weinkeller mit Pastor Samuel Diekmann

Heute bieten wir zu unserem Agenturbetrieb auch einen Paarblog an, in dem wir rund um die Themen Liebe, Beziehung, Ehe, Konflikte, Hochzeit, Sexualität und Familie bloggen und unseren Kunden viele kostenlose Impulse bieten. Hier haben wir auch das Thema Sponsored Post für uns entdeckt und bieten Produkte und Dienstleistungen, von denen wir selbst überzeugt sind, eine Zielgruppen optimierte Werbemöglichkeit an. Ein weiterer Service ist unser kostenloser Hochzeits-Budgetplaner für Brautpaare. Wir haben mittlerweile also mehrere Geschäftszweige.

Für-Gründer.de: Für welche Anlässe, Religionen, Sprachen und Regionen sind Sie mit rent-a-pastor einsatzbereit?

Samuel Diekmann, rent-a-pastor.com: 80 % unserer Kunden sind konfessionslos, legen aber Wert darauf, eine Zeremonie von echten Profis begleitet zu haben, die zudem auch noch Spaß an der Arbeit haben und sich persönlich auf die Biografien der Kunden einstellen. Ich hatte schon Muslime, Juden, Atheisten, Agnostiker usw. als Kunden. Wir versuchen so flexibel wie möglich, aber auch so echt wie möglich aufzutreten.

Unser Name rent-a-pastor.com ist dabei nicht nur Qualitätsversprechen, sondern auch Programm: Man bucht einen Pastor und bekommt auch einen! Damit sind möglicherweise auch einige Grenzen des Machbaren skizziert.

Ich sage meinen Kunden zum Beispiel stets – mit einem gewissen Augenzwinkern – dass ich mich sehr flexibel auf ihre Wünsche einstelle, aber natürlich auch nicht nackt ums Feuer tanzen werde.

Bisher habe ich aber noch keinem Kunden absagen müssen. Buchbar sind wir vor allem für Hochzeiten, aber auch Kinderwillkommensfeiern, Beerdigungen oder auch als Ghostwriter.

Für-Gründer.de: Welche Kriterien müssen Pastoren und Redner erfüllen, um in die Agenturkartei zu kommen?

Samuel Diekmann, rent-a-pastor.com: Unser Name ist Programm, daher ist das Berufsbild des Pastors mit seiner ganzen Ausbildung bzw. dem Studium und beruflichen Erfahrung Voraussetzung. Das alleine reicht aber nicht aus. Wir vermitteln nur Menschen, die wirklich Spaß und Freude an dem haben, was sie tun und hoch motiviert sind.

Da die meisten unserer Kunden nicht konfessionsgebunden sind, stellen wir sicher, dass wir keine „Kreuzritter” vermitteln, die Menschen moralisieren wollen. Wir sind herzlich, entwickeln gerne zusammen mit unseren Kunden eine Zeremonie und sind einfach tolle, coole Typen!

Dass wir hier und da auch Brücken bauen und über Gott und die Welt ins Gespräch kommen, mancher auch über den Glauben ins Grübeln kommt, ist davon unberührt. Der Kunde steht aber im Zentrum. Wir stellen dies sicher, indem wir unsere Redner intensiv interviewen und selber erst kennenlernen.

Für-Gründer.de: Wie genau läuft es ab, wenn man rent-a-pastor nutzen möchte, zum Beispiel für eine Trauung im Freien. Und mit welchen Kosten müssen Paare rechnen?

Samuel Diekmann, rent-a-pastor.com: Unsere Redner findet man auf der Seite in einer Übersichtskarte oder nach Land, Bundesland und Postleitzahlen sortiert in unserem Rednerportfolio. Hier kann man sich über die Redner in seiner Region informieren, sich Bilder von Hochzeiten ansehen und Kundenrezensionen lesen, um sich einen ersten Eindruck vom Redner zu verschaffen. Hat man jemanden gefunden, kann man eine unverbindliche Buchungsanfrage stellen und ein erstes, kostenloses Kennenlerntreffen vereinbaren.

Das Rednerhonorar hängt vom jeweiligen Redner und dem Leistungsumfang der Dienstleistung und der Region ab. Eine Hochzeit in Frankreich kostet zum Beispiel verständlicherweise mehr, als eine um die Ecke. Mancher Redner bietet noch eine Redneranlage oder die ausgeschriebene Rede in Buchform als Erinnerung an. Ein realistischer Preis liegt dabei grob zwischen 700 und 1.200,- Euro für eine Hochzeit.

Für-Gründer.de: Als Social Entrepreneur wickeln Sie Ihre Geschäfte über die EthikBank ab, eine nachhaltig handelnde Bank, und unterstützen soziale Projekte mit jährlich 10 % Ihrer Einnahmen. Wie sehr würden Sie sagen beeinflusst Ihr Background Ihr unternehmerisches Handeln?

Samuel Diekmann, rent-a-pastor.com: Meine christliche Ethik bestimmt hier auf jeden Fall mein Handeln. Aber ich finde es eigentlich selbstverständlich, etwas von dem abzugeben, was man hat. Denn arm ist, wer nicht teilen kann.

Auch in den ersten Jahren, damals noch als Kleinunternehmer, habe ich an diesem Prinzip festgehalten. Ich kenne viele, die sagen, „Wenn ich mal ganz viel habe, dann gebe ich etwas ab“. Das ist aber in der Regel Selbstbetrug. Fangt heute an, etwas abzugeben und zu teilen. Oh ich merke gerade, ich fange schon fast an, zu predigen. Aber ich steh dazu: Wir alle sind soziale Wesen – auch Unternehmer – und sollten auch sozial haushalten.

Für-Gründer.de: Wie lassen sich Christ- und Unternehmersein generell miteinander vereinbaren? Wo liegt die gemeinsame Schnittmenge von Pfarrer und Gründer? Wo fängt der Gründer an und hört der Pfarrer auf – und umgekehrt?

Samuel Diekmann, rent-a-pastor.com: 

Ach das ist überhaupt kein Widerspruch! Ein Christ muss doch auch seine Rechnungen bezahlen.

Auch als Pastor ist man immer Gründer, man gründet zum Beispiel einen Arbeitskreis in der Gemeinde, entwickelt Strategien, muss sich mit dem Haushalt auseinandersetzen, Mitarbeiter schulen, fördern, motivieren, Teambesprechungen leiten sowie Visionsprozesse moderieren. Aber sicherlich gibt es immer wieder Momente als Dienstleister, wo wir mehr als Seelsorger reagieren.

Ich hatte zum Beispiel einen Fall, wo ich eine Beerdigung gehalten habe und meine Kunden so begeistert waren, dass es mir schon fast peinlich war. Das Tragische war, dass im selben Jahr drei weitere Familienmitglieder starben und man mich jedes Mal beauftragte, wieder die Trauerzeremonie durchzuführen. Hier wuchsen tiefe Beziehungen, die weit über ein Dienstleisterverhältnis gingen. Ich bot meine Unterstützung als Seelsorger an und trauerte mit der Familie mit.

Für-Gründer.de: Wie reagiert(e) man im kirchlichen Umfeld darauf, dass Sie aus dem bisher klassischen Gottesdienst ein neuzeitliches Geschäftsmodell entwickelt haben?

Samuel Diekmann, rent-a-pastor.com: Ich bin ja nach wie vor als Pastor in einer Kirchengemeinde zu 50 % angestellt. Hier freut man sich immer über meine Geschichten – und dass ich der Gemeinde nicht so viel koste. Kirche muss umdenken lernen, um die Ecke denken und raus aus ihren Kirchenschiffen zu den Menschen gehen. Genau das mache ich. Weil sich zu vielen Kunden auch ein freundschaftliches Verhältnis aufbaut, sehe ich das Ganze auch als Investition in die Zukunft der Menschen.

rent-a-pastor im Einsatz: Heirat in Hamburg mit Pastor Christian Häring und Hochzeit in Wiesbaden mit Rednerin Marion Klug (Fotos: rent-a-pastor)
rent-a-pastor im Einsatz: Heirat in Hamburg mit Pastor Christian Häring und Hochzeit in Wiesbaden mit Rednerin Marion Klug (Fotos: rent-a-pastor)

Als Pastor stelle ich zum Beispiel alle meine sonntäglichen Predigten als Podcast online. Einige meiner Kunden sind hier zu treuen Hörern geworden. Einige besuchen – am Anfang oft zum Kennenlernen – auch einen Gottesdienst. Ja, einige Paare haben sich sogar wieder auf das Thema Glauben eingelassen. Was sollte also dagegen sprechen? Das unsere Dienstleistung etwas kostet, ist doch selbstverständlich. Für Gemeindemitglieder sind diese Dinge „Service”, alle anderen haben die Kosten natürlich selbst zu tragen.

Für-Gründer.de: Und was entgegnen Sie den Kritikern von rent-a-pastor?

Samuel Diekmann, rent-a-pastor.com: Kritik gibt es immer. Meist kommt die Kritik aus der frommen Ecke, aber für die mache ich das Ganze ja gar nicht.

Meine Zielgruppe sind Menschen, die mit Kirche schon lange nichts mehr anfangen können. Ihnen reiche ich die Hand und baue ihnen eine Brücke.

Auch Jesus ist es damals so gegangen, die Frommen waren seine größten Kritiker, warum soll es da seinen Nacheiferern anders gehen? Im Übrigen gibt es keine schlechten Nachrichten.

Jeder fromme Shitstorm begeistert andere und macht meine Idee und Dienstleistung nur bekannter.

Man muss vor allem seinen inneren Kompass folgen, Kritik nehme ich zur Kenntnis, bewerte sie, behalte das Gute, schüttele mich einmal und mache weiter mit dem, was ich als richtig und als gewaltige Chance entdeckt habe: Menschen zu erreichen, die ich mit meiner klassischen Gemeindearbeit nie erreichen würde.

Für-Gründer.de: Und zum Abschluss: Was haben Sie bisher vom Gründen gelernt? Welche Erfahrungen können Sie an andere Gründer weitergeben?

Samuel Diekmann, rent-a-pastor.com: Es braucht Geduld und Ausdauer. Selbst die besten Ideen und Produkte brauchen Zeit am Markt, um zu wachsen. Obwohl mein Unternehmen sich sowohl im Rednerportfolio als auch im Umsatz seit der Gründung jedes Jahr verdoppeln konnte, so habe ich erst in diesem Jahr Gewinn gemacht.

Der Aufbau eines Unternehmens braucht eben Zeit, Geld und viel ausdauernde Kreativität. Hier und da macht man Fehler, probiert was aus, stampft dies oder das wieder ein oder verändert etwas. Man muss die Bereitschaft zum Lernen und Ausprobieren mitbringen. Fehler darf jeder machen, das gehört dazu. Man sollte sie nur nicht immer wiederholen.

Eine andere schmerzhafte Erfahrung war, dass mir Ideen geklaut wurden und ganze Geschäftszweige kopiert wurden, deswegen mein Rat: passt auf, mit wem ihr was teilt, seid mutig und ausdauernd, lernbereit, glaubt an eure Idee oder euer Produkt – oh und – da geht der Pastor wieder mit mir durch – gebt der Gesellschaft was zurück. Investiere nie in Ideen, sondern immer in Menschen.

Für-Gründer.de: Vielen Dank, Herr Diekmann, für den Einblick in Ihre Gründergeschichte.

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