FuckUp Nights: Die neue deutsche Kultur des Scheiterns



Niemand scheitert gerne. Auf dem Weg zum erfolgreichen Unternehmer kommt es jedoch immer wieder vor, dass man strauchelt und das eigene Vorhaben misslingt. Auf mittlerweile fast der ganzen Welt veranstaltet man sogenannte FuckUp Nights, die das Scheitern allerdings zelebrieren, indem Gründer von ihrem Misserfolg berichten. Das Ziel: Daraus lernen und das Scheitern in der Gesellschaft als etwas Normales zu etablieren. Wir haben mit einem der Gründer der FuckUp Nights Köln darüber gesprochen.

Für-Gründer.de: Hallo Berkan, du bist Gründer und Initiator der FuckUp Night Cologne. Wie ist es dazu gekommen?

Berkan, FuckUp Nights Cologne: Fünf Freunde und ich haben das Ganze gegründet. Ehrlich gesagt hatten wir den Grundgedanken, generell etwas auf kultureller und sozialer Ebene zu bewegen. Als wir von der weltweiten Bewegung aus Mexiko hörten, waren wir Feuer und Flamme, da auch uns diese stigmatisierte Haltung zum Scheitern in unserer Gesellschaft auf die Nerven ging.

Für-Gründer.de: Wie darf man sich als Zuschauer den Ablauf einer FuckUp Night vorstellen?

Berkan, FuckUp Nights Cologne: Es treten insgesamt drei „FuckUp’er“ auf. In 90 % der Fälle sind das Unternehmer. Sie erzählen ihre Geschichten über das Scheitern und teilen ihre wertvollen Erfahrungen mit dem Publikum. Das Ganze dauert jeweils 12 bis 15 Minuten. Im Vergleich zu anderen FuckUp Nights-Veranstaltungen gibt es bei uns noch den „4. Speaker“, der auf das Thema Scheitern nochmal aus einer ganz anderen Perspektive eingeht. So hatten wir zum Beispiel bisher einen Comedian, Psychologie-Professor, Poetry-Slammer und einen Soziologie-Professor als ergänzenden Redner bei uns in Köln.

Beko, FuckUp Night Cologne
Berkan hat gemeinsam mit fünf Freunden die FuckUp Nights Cologne ins Leben gerufen

Für-Gründer.de: Wie unterscheidet ihr euch von FuckUp Nights in anderen Städten?

Berkan, FuckUp Nights Cologne: Wir versuchen gelegentlich neben Unternehmern auch anderen Menschen, die wertvolle Scheiter-Stories haben, eine Bühne zu geben. Wir sind nämlich der Meinung, dass der Umdenkprozess bezüglich des Scheiterns bereits im zwischenmenschlichen Bereich stattfinden muss. Ansonsten unterscheidet uns nicht viel von anderen.

Für-Gründer.de: Stellen sich bei euch viele gescheiterte Gründer als Redner zur Verfügung und wenn ja, was ist deren Motivation?

Berkan, FuckUp Nights Cologne: Viele würde ich jetzt nicht sagen, allerdings hat es bisher immer ausgereicht, um ein spannendes Line-Up zu stellen. Die Redner haben mehrere Motivationen: Learnings mit anderen zu teilen, damit diese nicht dieselben Fehler machen. Sie wollen auch dabei helfen, das Scheitern zu entstigmatisieren. Zuletzt spielt aber wohl der persönliche Abschluss mit der meist emotionalen Scheiter-Vergangenheit eine gewisse Rolle.

Für-Gründer.de: Wie würdest du die Einstellung der Deutschen zum Scheitern beschreiben?

Berkan, FuckUp Nights Cologne: Klar, so etwas kann man nie pauschalisieren, aber wenn man sich mit der Thematik auseinandersetzt, wird einem dann doch sehr schnell bewusst, dass Scheitern in unserer Gesellschaft fälschlicherweise immer noch als reine Schwäche angesehen wird. Dabei wäre es richtig, es als einen möglichen Ausgang von einer mutigen Herangehensweise für Träume, Ideen oder Projekte zu sehen, bei der man viel Wertvolles für das Privat- und Arbeitsleben mitnehmen kann. Berichte darüber, wie schnell doch erfolgreiche Menschen ihr Ansehen nach einem Misserfolg spürbar bei Mitmenschen verlieren, bestätigt die Grundannahme leider.

Für-Gründer.de: Was möchtest du mit der Organisation der FuckUp Nights erreichen?

Berkan, FuckUp Nights Cologne: Letzten Endes haben wir mehrere Ziele mit der Veranstaltung: Die Menschen sollen aus den Fehlern bzw. Learnings von anderen profitieren können. Sie sollen sehen, dass es keinen Grund gibt, sich bei Misserfolg zu verstecken. Sie sollen die Hemmungen vor dem Scheitern und dem oft damit verbundenen Gründen verlieren oder gar nicht erst entstehen lassen. Allerdings baut alles auf einem Hauptziel auf: der Wunsch des Umdenkens beim Scheitern – und das bestenfalls bereits auf zwischenmenschlicher Ebene.

Für-Gründer.de: Wie reagiert das Publikum auf die Ausführungen der gescheiterten Gründer?

Berkan, FuckUp Nights Cologne: Sehr dankbar. Man respektiert zum einen die Tatsache, dass der Redner gewisse negative Erfahrungen mit dem Publikum teilt, und lernt zugleich aus dessen Fehlern. Allerdings ist das Publikum auch immer sehr kommunikativ und übt gerne auch mal im Dialog mit dem Redner Kritik, die das Ganze natürlich dann noch spannender macht.

FuckUp Night Cologne
Volles Haus bei den FuckUp Nights in Köln

Für-Gründer.de: Welcher Speaker auf der FuckUp Night Cologne hat mit seiner Rede die größte Wirkung bei dir hinterlassen?

Berkan, FuckUp Nights Cologne: Oliver Gothe wollte „Erektionsbekleider“ sein, in einer „hauchdünnen Branche“. Doch aus dem Scherz unter Freunden wurde mit einem Startkapital von 15.000 D-Mark innerhalb von kurzer Zeit einer der größten Kondomhersteller Europas. Wenn Oliver Gothe von Condomis Aufstieg erzählt, klingt das wie der wahr gewordene Traum eines jeden Unternehmers: Erst ein Laden in der Kölner Innenstadt, dann Filialen, die eigene Marke, eine ständig wachsende Zahl an Fabriken und die Vorherrschaft im europäischen Großhandel. 1999 dann der Börsengang:

„Und plötzlich hatten wir unfassbar viel Geld“, erzählte er. Der tiefe Fall folgte kurz darauf. Doch so detailliert wie über den Aufstieg sprach Gothe nicht über den Abstieg. Die Essenz bleibt: „Wir haben uns verrechnet“. Gothe verliert alles: seine Condomi-Aktienanteile, sein Baby.

Für-Gründer.de: Welche gravierenden Fehler sollte man laut euren Speakern als Gründer besonders vermeiden?

Berkan, FuckUp Nights Cologne: Es wurden oft Fehler angesprochen, wie:

  • fehlende Mitentwicklung der Organisationsstrukturen bei schnellem Wachstum,
  • ein nicht gut aufgestelltes Second Management Level,
  • Kompetenz- und Verantwortungsdefizit der zweiten Reihe,
  • blindes Vertrauen in Investoren.

Für-Gründer.de: Wie kann man Speaker bei der FuckUp Night Cologne werden?

Berkan, FuckUp Nights Cologne: Wir sind permanent auf der Suche nach Rednern. Ich möchte jetzt auch keine großen Voraussetzungen nennen, da wir in der Hinsicht sehr offen sind. Wenn man etwas zu erzählen hat, jemanden kennt oder Vorschläge hat, dann einfach bitte eine Mail an beko@fuckup-cologne.de schicken.

Für-Gründer.de: Vielen Dank für das Interview.

  • Die nächste FuckUp Night Cologne findet am 26. November um 20 Uhr in der St. Michael Kirche am Brüsseler Platz in Köln statt.

Wer nicht so lange warten möchte, der kann sich einen ersten Eindruck von den FuckUp Nights im Aftermovie verschaffen:

Unser Tipp: Um das Scheitern zu minimieren, gilt es, bei der Unternehmensgründung eine gut durchdachte Geschäftsidee zu entwickeln. Hier kann ein Businessplan helfen, der das Geschäftskonzept strukturiert abbildet.