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Mit einem Start-up in den USA scheitern – ein Bericht



Scheitern gehört zum Gründen dazu – diese Erkenntnis ist mittlerweile auch in Deutschland angelangt. In einem vorherigen Artikel zum Thema haben wir die Frage diskutiert, warum man als Gründer aus dem Scheitern viele positiven Erfahrungen ziehen kann. Heute berichtet Felicia Schneiderhan im Rahmen eines Gastbeitrags, wie ihr Start-up in den USA scheiterte, wie es dazu kam und warum sie trotzdem wieder gründen würde.



Die schwere Tür des Inkubators fiel langsam in ihr Schloss. Zum letzten Mal trat ich aus dem riesigen klimatisierten Bürogebäude in die stickig-heiße New Yorker Sommerluft. Morgen würde ich meine Sachen packen, mein kleines Zimmer in Williamsburg räumen und nach Berlin zurückziehen.

Ein letztes Mal kaufte ich ein Mittagessen vom Dosa-Mann im Washington Square Park, wo wir als Team unzählige Male im Gras gesessen hatten, um kleine Erfolge zu feiern, Strategien hin- und herzuwälzen und uns über Probleme den Kopf zu zerbrechen.

Wie so viele Technologie-Start-ups hatten wir versucht, unsere Idee in ein funktionierendes Unternehmen zu verwandeln – und waren daran gescheitert.

Felicia Schneiderhan
Felicia Schneiderhan ist mit ihrem Start-up Peekbite in den USA gescheitert und berichtet über ihre Erfahrungen

Von Null auf Hundert, gefühlt in drei Sekunden

Anfangs hatten wir mit unserem kleinen Start-up in rasendem Tempo Fahrt aufgenommen. Erst sechs Monate zuvor hatten wir den ersten Prototypen unserer App für Gastronomiebetreiber fertiggestellt. Unsere Idee: eine bebilderte Speisekarte, die die Gäste eines Restaurants auf dem Handy öffnen können, um auf diese Weise ihr Essen zu bestellen und auch zu bezahlen.

Kurz darauf hatten wir damit den NYU InnoVention Award gewonnen, waren in das renommierte Summer Launchpad Acceleratorprogramm in New York aufgenommen worden und bekamen einen Arbeitsplatz im Inkubator der NYU.

Auf einmal durften wir in einem Umfeld arbeiten, in dem erfahrene Gründer jeden Tag über technologischen Visionen brüteten. Konzepte, die ich vorher nur aus Start-up-Artikeln kannte, waren hier Alltag. Die Arbeitsatmosphäre war dynamisch und inspirierend und machte es uns leicht, von früh bis spät produktiv zu sein. Die Chancen für unsere Idee schienen also gut zu stehen. Das Feedback von unseren Beta-Testern, Mentoren und den anderen Teams war durchweg positiv. Was wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht wussten: unser Marktfeedback würde grundlegend anders ausfallen.

Die Suche nach einem funktionierenden Geschäftsmodell

Nun war es soweit. Meine zwei Mitgründer aus Rom waren schon abgereist und der vierte im Bunde hatte seinen Arbeitsvertrag bei einer Beratungsagentur unterschrieben. Ich schlenderte langsam durch Soho Richtung U-Bahnstation. Vorbei an den unzähligen Cafés und Restaurants, die wir alle in den letzten Monaten einzeln aufgesucht hatten, um mit ihren Betreibern zu sprechen.

Nach drei Monaten Acceleratorprogramm hatten wir mit mehr als 200 potentiellen Kunden, Gastronomiebetreibern und -managern gesprochen. Wir hatten ihre Geschäftsprozesse studiert und über ihre Probleme sinniert. Wir hatten ihnen unsere Software gezeigt und ihre Bedenken verinnerlicht. Wir hatten erste Kunden akquiriert und unser Produkt iteriert.

Das gemischte Marktfeedback, das uns die große Anzahl an Kundengesprächen sehr deutlich aufzeigte, erschwerte unsere Entscheidungsfndung im Team.

Mehrmals standen wir kurz vor dem Pivot, um dann nach ausgiebigen Mentorengesprächen das Ruder wieder zurückzureißen. Oft fielen wir nach langen Arbeitstagen erschöpft ins Bett, voller Euphorie, einen neuen Ansatz gefunden zu haben, um diesen dann in den nächsten Tagen als Holzweg zu entlarven. Unsere wöchentlichen Statuspräsentationen vor versammelter Crew des Accelerators verliefen manchmal glänzend und manchmal haarsträubend.

Das Ende unserer Idee

Trotz unzähliger Nächte mit nur wenig Schlaf war es uns am Ende nicht gelungen, ein skalierbares Geschäftsmodell und den richtigen „Product-Market-Fit“ zu finden. Die Akquise neuer Kunden war zu ineffizient, deren Zahlungsbereitschaft nicht groß genug. Unsere Software griff zu sehr in bestehende Geschäftsprozesse unserer Kundengruppe ein, welche – anders als die User unserer App – den Mehrwert unseres Produktes als zu gering erachteten.

Wir wunderten uns nicht, dass der abschließende Demo Day Pitch vor Investoren für uns ohne Investment blieb. Somit war aber auch die Hoffnung auf ein spezielles Visum, das mein italienischer Mitgründer und ich aus Gründen unseres Stipendiums benötigt hätten, gestorben.

Das Gefühl danach

Ein tolles Team und eine Idee, in die wir so viel Herzblut gesteckt hatten, ziehen zu lassen, war schwer. Die ersten Monate in Berlin waren eine Umstellung für mich. Anfangs stürzte ich mich voller Kraft in mein erstes Start-up, Blackbun Fashion, welches ich gegründet hatte, bevor ich fürs Auslandssemester nach New York gezogen war. Obwohl ich den Blackbun, ein Haar-Accessoire, das Locken macht, weiterentwickeln konnte, merkte ich, dass ich kleinere Rückschläge, wie sie im Tagesgeschäft regelmäßig vorkommen, nicht mehr so leicht wegsteckte wie zuvor. Ich hinterfragte alles und zweifelte schneller.

Was sich für mich verändert hat

Um die Jahreswende verbrachte ich eine Woche bei meinen Eltern in einem kleinen Dorf in Süddeutschland. Abgekapselt von allem hörte ich auf, mich in Arbeit zu flüchten und begann, das letzte Jahr gedanklich aufzuarbeiten. Ich habe zum Beispiel gemerkt, dass ich emotional viel belastbarer bin, als ich jemals gedacht hätte. Ich habe auch festgestellt, dass große Misserfolge sehr wertvoll sein können, wenn man sich Mühe gibt, aus ihnen zu lernen.

Natürlich bleibt die persönliche Herausforderung, mit Fehlschlägen umzugehen und nicht aufzugeben.

Denn in der Gründerszene wird das Gründen unter anfangs widrigsten Bedingungen mit anschließendem Happy End – höchsten Unternehmensbewertungen – oft glorifiziert. Man liest die Geschichten von Start-ups wie Airbnb, die zeitweise Cornflakes verkaufen mussten, um sich über Wasser zu halten, später dann aber auf mehrere Milliarden geschätzt werden. Was man dabei leicht vergisst ist, dass über 90% der Geschäftsideen im Tech-Bereich scheitern. Das Stigma, das noch immer an Misserfolgen haftet, habe ich versucht abzulösen, für mich selbst und für andere. Denn kopfüber ins kalte Wasser zu springen und damit in Ordnung zu sein, gegebenenfalls auch zu scheitern, ist die beste Garantie für eine steile Lernkurve.

Zu meinem Team aus New York habe ich bis heute einen guten Draht. Wir arbeiten gerade an einem neuen Projekt: einem Reise-Concierge, der auf Machine Learning beruht, Reiseplanung optimiert und den Buchungsprozess auf eine kurze Konversation mit dem Handy reduziert. In sechs Tagen fliegen wir nach New York zurück, wo wir im selben Inkubator einen neuen Anlauf starten. Unser Motto inzwischen: einfach machen, entweder klappt es oder wir lernen eben einfach wieder enorm dazu.

Blackbun