Für die Sicherheit im Alter: der ambiact von oldntec



Im Alter können selbst kleinere Stürze zu einem lebensbedrohlichen Risiko werden. Ist es dann für ältere Menschen nicht möglich einen Notruf zu tätigen, bestimmt häufig bloß der Zufall bis Hilfe eintrifft. oldntec kommt diesem Problem mit ihrem Produkt ambiact bei. Drei Jahre haben die Gründer an Idee und Produkt getüftelt – auch gefördert durch das EXIST-Gründerstipendium. Nun ist es fertig und überzeugt nicht nur Kunden sondern auch bei Businessplanwettbewerben.

Wie das Produkt genau funktioniert und wo die ersten Schwierigkeiten bei der Unternehmensgründung auftraten, erfahren Sie im ersten Teil des Interviews. Auf der zweiten Seite des Interviews gibt uns der Gründer Thomas Frenken dann nähere Einblicke in die Zielgruppenerfassung des Start-ups, die bisherigen Erfahrungen bei Gründerwettbewerben und die Pläne für die Zukunft des Unternehmens.

Für-Gründer.de: Hallo Herr Frenken, mit der Idee des ambiact belegten Sie u.a. den vierten Platz beim Science4Life Venture Cup und zählen zu den Preisträgern der ersten Runde 2014 beim Gründerwettbewerb IKT Innovativ. Bitte stellen Sie unseren Lesern ihren intelligenten Stromsensor für den Hausnotruf vor.

Thomas Frenken von oldntec: Unser intelligenter Stromsensor „ambiact“ macht den Alltag vieler älterer Menschen deutlich sicherer, indem er über den Hausnotruf automatisch Hilfe ruft, wenn Elektrogeräte ungewöhnlich lange nicht verwendet werden. Im Gegensatz zu manch anderem Produkt müssen dabei keine Einschränkungen in der Lebensqualität akzeptiert werden. Fast alle Aktivitäten des täglichen Lebens sind heute mit der Nutzung von Elektrogeräten verbunden.

Den ambiact schließen Sie einfach nur an eines oder auch mehrere solcher Elektrogeräten an, von denen Sie mindestens eines einmal am Tag verwenden. Solange Sie die Geräte wie gewohnt eingeschaltet werden, ist vermutlich auch alles mit ihnen in Ordnung.

Wenn Sie aber zum Beispiel stürzen und den Notrufknopf nicht bei sich haben, verwenden Sie die Elektrogeräte auch nicht mehr. Das merkt unser Produkt und sendet für sie den Notruf aus. Allerspätestens nach einer eingestellten Zeit kommt also Hilfe, auch wenn man den Notrufknopf einmal nicht bei sich hat. Wir erhöhen mit unserem intelligenten Stromsensor also die Sicherheit vieler alter, insbesondere auch vergesslicher Menschen in ihrem Zuhause.

Thomas Frenken von Oldntec
Thomas Frenken von oldntec

Für-Gründer.de: Wie setzt sich das Gründerteam zusammen und wie sind Sie auf das Produkt gekommen?

Thomas Frenken von oldntec: Wir haben zu viert gegründet. Mein Kollege Ralf Eckert und ich selbst übernehmen das operative Geschäft. Ralf, der ursprünglich eine Ausbildung zum Industrie-Elektroniker gemacht hat und dann auf dem zweiten Bildungsweg Informatik studiert hat, ist maßgeblich für die technische Entwicklung und die Produktion unseres Produktes zuständig. Ich selbst habe nach meinem Informatik-Studium in den Ingenieurwissenschaften promoviert und verantworte bei uns zurzeit das Management, den Vertrieb und die Öffentlichkeitsarbeit.

Kennengelernt haben Ralf und ich uns als wissenschaftliche Mitarbeit am OFFIS, einem Informatik-Forschungsinstitut in Oldenburg. Wir haben zusammen mit unserem wissenschaftlichen Leiter am OFFIS, Professor Dr. Andreas Hein und einem unserer Projektpartner, Alexander Jüptner, Dienststellenleiter in der Hausnotrufzentrale der Johanniter Unfall Hilfe e.V. in Berne, gegründet.

Unsere Produktidee stammt noch aus unserer Zeit am OFFIS. Dort haben Ralf und ich Projekte im Bereich des Ambient Assisted Living, kurz AAL, bearbeitet. Hinter dem Kunstwort verbergen sich am Ende technische Unterstützungsprodukte für den Alltag gekoppelt mit Dienstleistungen.

Ursprünglich, das muss man ehrlich zugeben, war der ambiact aber gar nicht die Idee von Ralf und mir, sondern ist aus einem Bedarf der Johanniter Unfall Hilfe e.V. entstanden. Die hatte das Problem, dass viele alte Menschen die Bedienung des Hausnotrufs vergessen haben und sich entsprechend unsicher und unwohl fühlten. Mit diesem Problem kamen sie zum OFFIS, wo die Idee für den ambiact entstand. In einem Forschungsprojekt haben ein ehemaliger Kollege und Ralf den ersten Prototyp gebaut und zusammen mit den Johannitern erprobt. Zur Auswertung der Ergebnisse kam ich dann mit ins Projekt. Diese Phase war für Ralf und mich so spannend, dass wir beschlossen haben, den Prototyp bis zum Produkt zu bringen. Und da stehen wir jetzt.

Für-Gründer.de: Wie lang dauerte es von der ersten Idee bis zur GmbH-Gründung der oldntec in diesem Jahr? Was fiel auf dem Weg in die Selbstständigkeit bisher leicht und wo liegen womöglich noch größere Herausforderungen?

Thomas Frenken von oldntec: Die erste Anfrage der Johanniter Unfall Hilfe stammt aus Mitte 2011. Besagtes Forschungsprojekt fand dann ab Oktober 2012 statt. Daran angeschlossen konnten Ralf und ich mit den Ergebnissen des Projektes ein EXIST-Gründerstipendium ab November 2013 zur Industrialisierung des Prototyps einwerben. Wir haben dann recht schnell, im Mai 2014, gegründet, um das Seriengerät auch erneut testen zu können.

Insgesamt kann man also von gut drei Jahren von der Idee bis zur Gründung sprechen. Leicht fiel bei der Gründung nur wenig, aber das wird vermutlich jeder Gründer behaupten. In Wahrheit gibt einem das EXIST-Programm schon viel Freiheit, weil man sich ein Jahr lang keine Gedanken um sein Gehalt machen muss und sich nur den üblichen Herausforderungen des Gründens stellen muss. Mir persönlich fiel immer die Bewerbung unseres Produktes sehr leicht.

Der Grund war, dass wir von den alten Menschen, mit denen wir unser Produkt ja über Monate getestet und immer wieder überarbeitet haben, immer so viel positives Feedback erhalten haben. Das gibt natürlich viel Auftrieb und man weiß wieder, warum man von einer Bank zur anderen und von einem Testlabor zum anderen läuft. Allerdings muss man bei den alten Menschen zu Hause auch immer viel Kuchen essen und Kaffee trinken – in der Zeit habe ich tatsächlich angefangen, regelmäßig zu joggen.

Spaß beiseite, wir haben eigentlich während unserer Gründung einen sehr stringenten Plan verfolgt und dank der finanziellen Rückendeckung durch EXIST auch einhalten können. Herausforderungen aktuell sind noch die Finanzierung für das kommende Jahr zu sichern bzw. eine Option zu wählen und ganz akut unsere erste Produktion zu stemmen. Anschließend kommt die Ausweitung unseres Vertriebs, wo wir zwar durch die Akquise eines Großhändlers schon erste Erfolge haben, aber bei uns auch generell eine Kompetenzlücke im Team besteht. Die größte Herausforderung wird noch die Aufnahme unseres Produktes in den Pflegehilfsmittelkatalog der Pflegekassen werden. Das ist eine hochpolitische Angelegenheit, würde für uns und unsere Kunden, die Hausnotrufbetreiber, aber eine erhebliche Unterstützung bei der weiteren Verbreitung des ambiact als festem Bestandteil jeder Hausnotruf-Installation bedeuten.

Mit ambiact ist für die Sicherheit älterer Menschen gesorgt ohne ständig anwesend sein zu müssen.
Mit ambiact wird für die Sicherheit älterer Menschen gesorgt ohne ständig anwesend sein zu müssen.

Für-Gründer.de: Niedergelassen haben Sie sich in Oldenburg – wie nehmen Sie die Gründungsförderung in der Region wahr? Werden Gründer optimal unterstützt oder darf es vielleicht noch etwas mehr sein?

Thomas Frenken von oldntec: Wir haben in Oldenburg eine gute Gründungsberatung durch das Gründungs- und Innovationszentrum der Universität Oldenburg. Um nur eine Person zu nennen, möchte ich ganz besonders Frau Miriam Wiediger hervorheben, die uns immer unbürokratisch zur Seite gestanden hat. Auch vonseiten des OFFIS haben wir Unterstützung erfahren. Dort durften wir während des Stipendiums kostenlos Büros und Büroausstattung nutzen.

Was Oldenburg aus meiner Sicht aber noch etwas fehlt, ist eine Start-up-Kultur, in der sich auch die Start-ups selbst gegenseitig unterstützen. Hier sind gerade seitens des Lehrstuhls der Stiftungsprofessur Entrepreneurship unter Professor Nikolai Bemühungen im Gange. Wir sind nicht Berlin und man muss der Sache noch etwas Zeit geben. Insgesamt haben wir immer so viel Unterstützung erfahren, wie es den Leuten möglich war. Danke an dieser Stelle!

Für-Gründer.de: Kommen wir zurück zum Produkt: es gibt sicherlich noch andere Hausnotruf-Systeme. Was ist das Besondere am ambiact-Stromsensor im Vergleich zu seinen Wettbewerbern?

Thomas Frenken von oldntec: Es gibt eine Vielzahl von Hausnotrufsystemen am Markt und mit denen sind wir allesamt kompatibel. Das hört sich im ersten Moment komisch an, gehört aber zur Strategie. Denn der ambiact arbeitet ja nicht alleine, sondern immer nur mit einer Hausnotruf-Station zusammen und dieser Markt ist in Deutschland recht eindeutig abgesteckt. Kompatibel werden wir, indem wir Funktechnik der verschiedenen Hersteller in unserem Produkt integrieren. Wir stellen also für all unsere potentiellen Konkurrenten ein Zusatzgeschäft dar und verhindern so einen direkten Verdrängungswettbewerb.

Trotzdem gab es auch zuvor schon Bemühungen Notrufe durch Aktivitätserkennung, nichts anderes macht der ambiact, bzw. die Erkennung des Ausbleibens der Aktivität zu erzeugen. Die vorangegangen technischen Lösungen waren auch alle technisch sehr ausgefeilt, aber eben nicht alltagstauglich. Unsere Alleinstellungsmerkmale sind:

  • die Alltagstauglichkeit
  • minimaler Installationsaufwand
  • keine Wartungsarbeiten
  • absolute Robustheit gegenüber Vergesslichkeit
  • ein niedrigerer Preis.

Für-Gründer.de: Geht der Alarm los, läuft der Notruf nicht ins Leere. Wer reagiert, sobald der Sensor Alarm schlägt? Und wie sieht die weitere Reaktion aus?

Thomas Frenken von oldntec: Reagieren tun Menschen. Ich sage das so explizit, weil ja von vielen technischen Neuerungen in der Pflege immer behauptet wird, dass sie Arbeitsplätze gefährden. Unser Produkt und mit ihm so gut wie alle, die auch wirklich funktionieren, ist davon abhängig, dass ein Notruf am Ende der Leitung durch einen Service-Mitarbeiter des jeweiligen Hausnotrufbetreibers bearbeitet wird. Sobald also ein Elektrogerät, an welches ein ambiact angeschlossen ist, eine bestimmte Zeit lang, aktuell meist 24 Stunden, nicht verwendet wurde, löst die Notruf-Basisstation in der Wohnung automatisch einen Notruf aus.

Auf Wunsch des Kunden kann dieser Ruf auch zuerst für eine Stunde angekündigt werden, bevor er das Haus verlässt. So hat man zuerst noch die Chance, den Ruf lokal abzubrechen, sollte es sich doch um einen Fehlalarm handeln. Sobald der Ruf das Haus verlässt, wird er in einer Hausnotruf-Zentrale angenommen. Dort sieht der Sachbearbeiter auch direkt, zu welchem Kunden der Ruf gehört. Er versucht dann zuerst, eine Sprechverbindung herzustellen und die Situation zu klären. Wenn der Kunde reagiert und es liegt ein Notfall vor, so wird natürlich sofort ein Rettungswagen losgeschickt. Wenn niemand reagiert, wird eine Notfallkette abgearbeitet, die für jeden Kunden individuell ist.

Meist wird in der ersten Instanz versucht, eine hinterlegte Kontaktperson, meist ein Angehöriger oder ein Nachbar, zu erreichen, der dann entweder direkt vorbei geht oder aber definiert, wie es weiter gehen soll. Im nächsten Schritt kann dann eine Pflegekraft, eventuell mit Haustürschlüssel, vorbei geschickt werden. Wenn die Pflegekraft einen Notfall vorfindet oder aber nicht ins Haus gelangt, kommen wiederum Rettungswagen und eventuell die Feuerwehr zum Öffnen der Tür. Man sieht also, Technik alleine wird die Herausforderungen in der Pflege auch in Zukunft nicht lösen können.

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Erfahren Sie auf der nächsten Seite des Interviews mehr über die Zielgruppe von oldntec, Erfahrungen bei Gründerwettbewerben und die Zukunftspläne des Unternehmens.