Mit Förderung zum Erfolg in der Kultur- und Kreativwirtschaft



Für-Gründer.de: Herr Samietz, wer gehört denn eigentlich zur Kultur- und Kreativwirtschaft? Können Sie uns ein paar Kennzahlen zu dieser „Branche“ geben?

Florian Samietz vom u-institut: Die Kultur- und Kreativwirtschaft ist eine Branche mit 244 Tsd. Unternehmen, beschäftigt eine Mio. Erwerbstätige und erzielt einen Umsatz von 137 Mrd. Euro – wer tiefer in die Zahlen eintauchen möchte, kann dies im Monitoring-Bericht der Initiative Kultur- und Kreativwirtschaft der Bundesregierung. Darin ist definiert, wer zur Branche gehört: von Architekt bis Zeitungsverleger all diejenigen Unternehmen, die kulturelle bzw. kreativen Inhalte, Produkte oder Dienstleistungen schaffen, verbreiten und damit Geld verdienen (Schwerpunkt ist der „schöpferische Akt“). Genauso benannt, sind elf Teilbranchen der Kultur- und Kreativwirtschaft sowie deren verschiedenen Akteure und Unternehmenstypen bspw. Theaterensembles und Tonstudios, Werbeagenturen und Webportale, Produkt-Designer und Pressefotografen, Künstler und Kinos.

Diese Unternehmen und Freiberufler tragen erheblich zum Wohlstand und Wachstum der Gesellschaft bei; gleichzeitig gilt die Branche als Vorreiterin für kreatives Unternehmertum und als Wegweiser hin zu einer Ökonomie, in der Wissen die wichtigste Ressource ist.

Für-Gründer.de: Man hat oft den Eindruck als begreife sich die Kultur- und Kreativwirtschaft noch nicht als eine Einheit – täuscht dieser Eindruck und wie sieht es Ihrer Meinung nach aus?

Florian Samietz vom u-institut: Ihr Eindruck täuscht Sie nicht. Die verhältnismäßig junge Branche der Kultur- und Kreativwirtschaft ist in Deutschland gekennzeichnet durch mangelnde individuelle Förderung, fehlende Möglichkeiten zur Vernetzung und geringfügige Sichtbarkeit – weswegen viele Akteure sich ihr nicht zugehörig fühlen. Kultur und Kreativität haben sich sicherlich vor ein paar Jahren selbstständig zu einem beachtenswerten Wirtschaftsfaktor entwickelt, der Wirtschaftszweig steckt aber noch in den Kinderschuhen.

Um das Wachstum der Branche anzukurbeln, wurde von staatlicher Seite im Jahr 2007 die Initiative Kultur- und Kreativwirtschaft aus der Taufe gehoben. Im Zuge dieser Initiative wurde vor drei Jahren ein Kompetenzzentrum etabliert, dessen acht regionale Ansprechpartner Freiberuflern und Selbstständigen im Kultur- und Kreativbereich spezifische Orientierungsberatungen bieten. Im Vergleich mit anderen Branchenkomplexen, wie der Medienwirtschaft, ist die Förderung der Kultur- und Kreativwirtschaft durch Bund und Länder zwar gering, aber dafür effektiv – mit kleinen Mitteln können hier große wirtschaftliche Effekte erzielt werden.

Für-Gründer.de: Jährlich werden in Deutschland auch die Kultur- und Kreativpiloten ausgezeichnet – wer kann sich hier bewerben und können Sie uns schon etwas zur Wettbewerbsrunde dieses Jahres sagen?

Florian Samietz vom u-institut: Jeder Freiberufler, jedes Projektteam, jede Agentur mit kulturellen und kreativen Geschäftsideen, konnte sich für den dritten Jahrgang bis zum 15. Juli 2012 bewerben – Für-Gründer.de berichtete. Dabei war es egal, ob es sich um eine erst geborene Geschäftsidee oder um eine laufende Tätigkeit handelt.

In diesem Jahr haben wir 611 Bewerbungen erhalten; 96 Bewerber sind eingeladen, zu einem Auswahlgespräch mit der Fachjury zwischen dem 3. und 14. September 2012 nach Berlin, Köln, Hamburg oder Würzburg zu kommen. Die Jury wählt dabei diejenigen Bewerber aus, die mit Blick auf Persönlichkeit, Innovation und Markttauglichkeit die besten Geschäftsideen präsentieren – nicht zu vergessen, dass alle Teilnehmer bereits bei den Gesprächen wertvolle Hinweise und Anregungen für die Weiterentwicklung ihrer Ideen mit auf den Weg bekommen. Die öffentliche Auszeichnung durch das Bundeswirtschaftsministerium und dem Kulturstaatsminister wartet auf insgesamt 32 Gewinner; diese erhalten außerdem ein Durchstartjahr mit Experten, Workshops und Publicity.

Für-Gründer.de: Das u-institut, für das auch Sie tätig sind, ist ja eine Triebkraft hinter dem Wettbewerb – geben Sie uns doch bitte kurz einen Überblick über das u-institut.

Florian Samietz vom u-institut: Das u-institut für unternehmerisches Denken und Handeln ist ein Institut an der Hochschule Bremen. Als Denkfabrik für Innovation und Unternehmertum versammelt es renommierte Experten, die mit mannigfaltigen Studien und Projekten für die Bundesregierung, mehrere Bundesländer, Städte und Kommunen zur Förderung der Kreativwirtschaft hervorgetreten sind. Wissenschaftliche Erkenntnisse aus der Praxis haben unsere Experten bisher für das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie und die Enquete-Kommission „Kultur in Deutschland“ publiziert. Um unternehmerisches Denken und Handeln in Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur zu fördern, konzipieren wir Projekte für die Initiative Kultur- und Kreativwirtschaft der Bundesregierung oder die Stadt Bremen, und setzen sie um – im Übrigen ist auch das Kompetenzzentrum Kultur- und Kreativwirtschaft des Bundes eine wichtige Triebkraft hinter der Auszeichnung. Bei der Umsetzung von Studien und Projekten sind wir immer bestrebt, Handlungsexpertisen mit optimaler Wirksamkeit zu erstellen.

Für-Gründer.de: Ein Projekt aus dem u-institut ist auch das Projekt „Ideenlotsen Metropole Nordwest“ – welche Gründer können hier unterstützt werden wie wird im Detail geholfen?

Florian Samietz vom u-institut: Das Coaching-Angebot der IDEENLOTSEN Metropole Nordwest richtet sich an Künstler und Kreativschaffende aus der Metropolregion Bremen-Oldenburg. Wir beraten Menschen, die sich mit einer Geschäftsidee am heimischen Markt etablieren wollen sowie Freiberufler oder Selbstständige, die sich unternehmerisch stabilisieren oder neu orientieren möchten. Um die Wettbewerbsfähigkeit der Akteure zu steigern, haben Wirtschaftsförderungen und Landkreise gemeinsam unser Angebot in die Region geholt. Eine Internetplattform für Handgemachtes, eine Expressberaterin für Einrichtungsfragen und eine Agentur für Öffentlichkeitsarbeit in Soziale Netzwerken – insgesamt 19 Künstler und Kreativschaffende lotsen wir seit diesem Frühjahr. Zum Programm gehören sechs individuelle Coachings mit unseren Experten und vier gemeinsame Workshops. Die Teilnehmer sind von Anfang an in der persönlichen Verantwortung für die Entwicklung ihrer Ideen – wir reflektieren deren unternehmerische Perspektive. Dabei stehen die Persönlichkeit und die Entwicklungsmöglichkeiten eines jeden Teilnehmers konsequent im Mittelpunkt.

Modell für diese Methodik stand unser Bremer Angebot der IDEENLOTSEN. Seit Bestehen im Juni 2007 haben wir jährlich über 300 Erstgespräche und Einzelcoachings durchgeführt: Verbesserte Selbsteinschätzung, höhere Preise am Markt oder professionellere Kundenansprache sind einige der von den Teilnehmern beschriebene Effekte. Das Programm dient inzwischen als Referenzprojekt für das Kompetenzzentrum Kultur- und Kreativwirtschaft des Bundes.

Für-Gründer.de: Wo sehen Sie aus Ihrer Praxiserfahrung den größten Beratungsbedarf bei kreativen Gründern?

Florian Samietz vom u-institut: Zunächst haben fast alle Kreativen die Angst vor einer Kommerzialisierung, welche ihrer künstlerischen und kreativen Freiheit einschränkt. Wer jedoch seine Freiheit so betrachtet, schränkt seine Freiheit durch die Anforderungen von Kunden und Märkten bereits selbst ein.

Kreativität wird außerdem allgemein mit Vielfalt assoziiert, aber nicht mit Vervielfältigung. Viele Gründer denken daher, sie müssten jeden Tag eine neue Idee haben, ihr Ideenreichtum würde aber bei ökonomischer Betrachtung in die Kostenfalle führen – große Kunst ist auch, eine einzige Idee mehrmals zu verkaufen.

Schlussendlich erhoffen sich viele kreativen Gründer vor allem eins: große Bekanntheit ihrer Ideen und Marken. Dass eine Million Leute auf „Gefällt mir“ klicken, führt jedoch nicht automatisch zum Erfolg, denn Applaus ist keine Währung.

Für-Gründer.de: Und zum Abschluss: was wünschen Sie sich für die Kultur- und Kreativwirtschaft in der Region Bremen und in Deutschland?

Florian Samietz vom u-institut: Bezugnehmend auf einen Kommentar des Bremer Autors Sönke Busch in unserem Blog wünsche ich mir, dass sie groß und gesund werden.

 Für-Gründer.de: Vielen Dank für das Gespräch!

Kontakt:

u-institut für unternehmerisches Denken und Handeln e. V.

Institut an der Hochschule Bremen
Cuxhavener Straße 7
28217 Bremen

Telefon: 0421.69 10 78 89
Website: www.u-institut.de

 

 

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