Gründer stellen sich vor… heute mit Martin Becker von viasto



Im Februar haben wir im Blog von Für-Gründer.de bereits die amerikanische Geschäftsidee Ovia vorgestellt, die es Unternehmen ermöglicht, über eine Internetplattform Bewerbungsgespräche und Auswahlverfahren per Video zu organisieren. Wie sich zeigte, haben auch in Deutschland bereits Gründer diese Geschäftsidee aufgegriffen: Martin Becker ist Gründer der viasto GmbH und spricht im Interview über die Besonderheiten seiner Geschäftsidee und über den Weg in die Selbstständigkeit.

Für-Gründer.de: Herr Becker, welche Geschäftsidee verbirgt sich hinter viasto und wie sind Sie auf den Namen für das Unternehmen gekommen?

Martin Becker ist Gründer der Geschäftsidee viasto

Martin Becker von viasto: Der Name viasto entstand aus den ersten beiden Anfangsbuchstaben des Begriffs „Video Assessment Tool“. Dahinter verbirgt sich eine browserbasierte Anwendung für zeitversetzte Videointerviews im Recruiting. Der Einsatz unserer Lösung nützt Bewerbern, Recruitern, Fachabteilungen und Unternehmen gleichermaßen: Bewerber können im Video einen authentischen Eindruck von sich vermitteln. Standardisierte Fragestellungen sorgen für mehr Chancengleichheit. Recruiter müssen weniger der zeitaufwändigen und meist in den Randarbeitszeiten liegenden Telefoninterviews führen.

Fachabteilungen erhalten durch entsprechende Fragestellungen einen direkten Eindruck von der fachlichen Kompetenz eines Bewerbers und Unternehmen profitieren zudem durch die Kosteneinsparungen, die ein effizienteres Recruitment mit sich bringt – auch weil nur noch wirklich geeignete Bewerber zum persönlichen Gespräch eingeladen werden.

Für-Gründer.de: Wann haben Sie viasto gestartet und  warum haben Sie sich für die Selbstständigkeit entschieden?

Martin Becker von viasto: Die Idee zu viasto entstand bereits 2009. Ich stand selbst – quasi als Fachabteilung – mit in der Verantwortung, aus den eingegangenen Bewerbungen die geeignetsten Kandidaten zu wählen. Als Zwischenschritt haben wir Telefoninterviews geführt, aber die Resultate waren nicht befriedigend: Oft saßen uns dann Personen gegenüber, die wir nicht mehr wiedererkannt haben und die für die jeweiligen Stellen letztlich nicht geeignet waren. Durch diesen Prozess haben wir viel wertvolle Zeit verloren.

Damals hätte ich mir ein Tool für zeitversetzte Videointerviews gewünscht und weil es so etwas auf dem Markt nicht gab, hat mich dieses Thema nicht mehr losgelassen. Einige Bekannte hatten ähnliche Herausforderungen in teils ganz anderen Bereichen des Recruitings. Viele interessante Gespräche und ein Jahr später haben mein Mitgründer Christian Graf und ich uns dann entschlossen, die viasto interview suite zu entwickeln. Seit August 2010 ist viasto als GmbH eingetragen.

Für-Gründer.de: Welche Dienstleistungen erbringen Sie konkret im Personalbereich? Und was ist das Besondere an viasto?

Martin Becker von viasto: Die viasto interview suite integriert sich nahtlos in die Karrierewebsite und eRecruiting-Lösungen bei den Unternehmen. Recruiter laden die interessanten Bewerber einfach per E-Mail ein. Die Bewerber erhalten einen Link, der auf eine Webseite im Look & Feel des jeweiligen Unternehmens führt, und können sich hier Videos der Unternehmen ansehen, z.B. kurze Videovorstellungen des Recruiters und des Hiring Managers. Sie können einige Testaufnahmen machen, um ihre Technik zu testen, und dann zu einem selbst gewählten Zeitpunkt per Webcam ihr Videointerview durchführen.

Recruiter und Hiring Manager können sich die Antworten der Videointerviews zu einem für sie passenden Zeitpunkt ansehen und sie mit denen anderer Kandidaten vergleichen und bewerten. Pro Bewerber dauert das ungefähr 10 Minuten, da die einzelnen Videoantworten typischerweise nicht länger als 2 Minuten sind. Und die Antworten können sich Recruiter und Fachabteilungen aufteilen, so dass jeder nur die für ihn relevanten Antworten sieht.

Eine Besonderheit unserer Lösung ist die Asynchronität – ein Videointerview wird beispielsweise am Samstag vom Kandidaten aufgenommen, am Montag vom Recruiter und Dienstag Nacht von dem Hiring Manager angesehen. Das erhöht die Flexibilität und Zufriedenheit aller Beteiligten.

Zum anderen ermöglichen wir eine hohe eignungsdiagnostische Qualität des Prozesses, indem Bewerber die Fragen vorher nicht kennen und den Videointerviewprozess nach dem Beginn auch nicht anhalten, unterbrechen oder wiederholen können. Somit wird sichergestellt, dass jeder die gleiche Chance hat sich entsprechend seiner Leistungsfähigkeit optimal darzustellen. Die Bewertung nach vorab festgelegten Kriterien macht den Prozess transparent und fair für alle Beteiligten.

Zusätzlich unterstützt viasto die Recruiter tatkräftig dabei, den Videointerviewprozess zu managen. Unsere HR-Experten stehen nicht nur bei technischen Fragen, sondern auch bei der Erstellung von aussagekräftigen Videointerviewleitfäden oder der Formulierung geeigneter Interviewfragen mit Rat und Tat zur Seite.  Gemeinsam mit unseren Kunden entwickeln wir Szenarien, bei denen der Einsatz zeitversetzter Videointerview einen optimalen Mehrwert bietet. Diese können unterschiedlichster Art sein: Mal geht es darum, die Dauer der Recruitingprozesse zu verkürzen, in anderen Fällen darum, risikoarm international rekrutieren zu können, oder einfach darum, im Recruitment effizienter zu arbeiten. Der gemeinsame Nenner ist immer, Talente so früh wie möglich zu erkennen und Fehlentscheidungen zu vermeiden.

Für-Gründer.de: Welche Erfahrungen haben Sie sowohl mit den personalsuchenden Unternehmen also auch mit den Bewerbern bei Ihrem Verfahren gemacht?

Martin Becker von viasto: Die Unternehmen nutzen die viasto interview suite in sehr unterschiedlicher Weise, und es ist generell hochmotivierend mit begeisterten Kunden zu arbeiten, die selbst viele interessante Ideen und neue Anforderungen einbringen. Viele Erfahrungen sind allerdings eher spezifisch und lassen sich schwierig zusammenfassen.

Eine unserer ersten Erkenntnisse betraf das (Nicht-)Vorhandensein einer Webcam. Das war total überproblematisiert. Viele Personaler vermuteten, dass nur die Hälfte ihrer Bewerber eine Webcam besitzen, dieser Ansicht war oft auch argumentativ nicht beizukommen. Letztlich haben wir es einfach ausprobiert. Fakt ist, dass bei einer vierstelligen Zahl von Kandidaten weniger als 1 Prozent unsere Support-Hotline kontaktieren, weil sie keine Webcam haben. Letztlich kann man sich für ein Videointerview ja auch einfach den Laptop der Ehefrau oder des Nachbarn leihen.

(Quelle: Screenshot Website viasto.com)

Eine weitere Erkenntnis war, dass Fachabteilungen von der Möglichkeit begeistert sind, die Videointerviews mitzubewerten und ihre fachliche Expertise einzubringen. Sie bekommen so mehr „ownership“ über die vorausgewählten Kandidaten. Das ist gut für Recruiter und Bewerber gleichermaßen, weil hierdurch gleichzeitig ein gutes Erwartungsmanagement betrieben wird. Das ist ein netter Nebeneffekt. Eine wichtige Erfahrung war auch, wie wesentlich eine gute Kommunikation mit den Bewerbern ist. Natürlich freut sich jeder über eine gelungene Benutzerführung in der interview suite, aber die eigentliche Hürde liegt manchmal eher im grundsätzlichen Verständnis. Wenn Kandidaten erst einmal verstanden haben, welche Möglichkeiten und Vorteile ein Videointerview  ihnen bietet, ist auch die Akzeptanz sehr hoch.

Insgesamt überwiegt auf Bewerberseite aber die Neugier und das Interesse an einem innovativen Prozess. Wenn es Berührungsängste gibt, dann in der Regel eher bei der älteren Generation. Wenn das Videointerview erst geschafft ist, merken die meisten, dass hier auch nur mit Wasser gekocht wird. Unsere Kunden stellen ja schließlich keine hinterhältigen Fallen, sondern eben ganz typische Fragen, die auch in klassischen Bewerbungsgesprächen vorkommen können und auf die man ohnehin vorbereitet sein sollte. Übrigens läuft derzeit eine wissenschaftliche Studie der Freien Universität Berlin, welche die Akzeptanz zeitversetzter Videointerviews mit der viasto interview suite unter Verwendung wissenschaftlich validierter Skalen misst. Die Resultate sollen im April veröffentlicht werden.

Für-Gründer.de: Wo bestanden die größten Hürden beim Start von viasto bisher?

Martin Becker von viasto: Ich glaube die größte Hürde war es, die ersten drei großen Kunden zu gewinnen. Viele Unternehmen warten lieber erst einmal ab und lassen andere ins kalte Wasser springen, statt selbst etwas Neues auszuprobieren. Diese Mentalität und fehlende Fehlerkultur scheint mir besonders in Deutschland sehr ausgeprägt zu sein und sie ist im Effekt natürlich eher innovationsfeindlich, denn 6 Monate Zaudern können für ein junges Start-up bereits das Aus bedeuten.

Ich hätte anfangs mehr als einmal gerne gesagt „Wissen Sie was? Wenn jeder auf erste Erfahrungen anderer wartet bis er selbst Verantwortung übernimmt, dann gibt es bald keine Innovationen mehr.“ Umso dankbarer bin ich unseren ersten Kunden, die bereit waren, Verantwortung zu übernehmen und ein gewisses Risiko einzugehen – und diese Erfahrungen jetzt als Referenzen zur Verfügung stellen.

Für-Gründer.de: Wir haben in unserer Woche der Geschäftsideen Anfang Februar das Unternehmen Ovia aus den USA vorgestellt, das eine ähnliche Idee verfolgt. Wie gestalten sich derzeit der Markt und Wettbewerb in Deutschland für Sie?

Martin Becker von viasto: Ja, Ihren Beitrag habe ich gelesen und von Ovia haben wir auch schon gehört. Ich bin überzeugt, dass dieser Wettbewerb insgesamt nützlich ist, weil er gut dazu geeignet ist, die Vorteile von Videointerviews bekannter zu machen. Es gibt ja noch so viele Unternehmen, die das Konzept gar nicht kennen – da kommt uns das Marketing anderer Anbieter von Videointerviews eher zu Gute.

Welcher Anbieter letztlich die Nase vorn hat steht ja auf einem anderen Blatt. Am Ende entscheiden die Kunden selbst, welches Produkt sie am meisten überzeugt und welchem Unternehmen sie beim Bewerbermanagement vertrauen. Der Markt bietet für mehr als einen Player ausreichend Potenzial – allein in Deutschland gab es im letzten Jahr über 5 Mio. Auswahlprozesse. Salopp formuliert sind unsere stärksten Wettbewerber immer noch die Ideen von gestern und die „Nein, da bin ich dagegen! … Worum geht es?“ Leute.

Für-Gründer.de: viasto hat den dritten Platz beim HRInnovationslam 2011 gewonnen – was hat aus Ihrer Sicht dort den Ausschlag gegeben und hat Ihnen diese Auszeichnung bei der Kundengewinnung geholfen?

Martin Becker von viasto: Der HR Innovation Slam war für viasto eine tolle Sache, obwohl ich gestehen muss, dass ich mich erst selbst habe überzeugen müssen! Über den HR Innovation Slam haben wir einige interessante Kontakte zu Kunden und Kooperationspartnern bekommen und natürlich auch entsprechend PR. Den Ausschlag für die dritte Platzierung war sicherlich – wie bei allen anderen auch – eine Kombination aus der Vortragsweise beim Webinar und dem HR-relevanten Innovationsgehalt. Und da haben wir eben gut abgeschnitten.

Für-Gründer.de: Welche Kunden konnten Sie für viasto schon begeistern und für welche Zielgruppe ist das Angebot von viasto besonders interessant?

Martin Becker von viasto: Konzerne wie Haniel, Unicredit/Hypovereinsbank und die DIS AG nutzen die viasto interview suite für ihre Auswahlprozesse, aber auch kleine Unternehmen wie Atheneum Partners waren unter den ersten Kunden. Unsere primären Zielgruppen sind Unternehmen und Personalberatungen, die Young Professionals der Generation Y und Fachkräfte bis zu 10 Jahren Berufserfahrung rekrutieren.

Für-Gründer.de: Wie ist viasto finanziert – haben Sie einen Business Angel oder Venture Capital-Geber an Bord?

Martin Becker von viasto: Nein. Wir haben uns selbst finanziert, anfangs noch teilweise über Projektgeschäft und durch Innovationsförderungen.

Für-Gründer.de: Was sind die nächsten Schritte bei der Entwicklung von viasto?

Martin Becker von viasto: Wir werden unsere Lösung stetig verbessern und erweitern, zum Beispiel indem wir unsere Videoqualität weiter steigern und viele interessante neue Features entwickeln. Um alle Neuerungen aus erster Hand zu erfahren, können Sie sich gerne auf unserem Newsletter anmelden.

Für-Gründer.de: Was würden Sie anderen Existenzgründern und Start-ups für den erfolgreichen Weg in die Selbstständigkeit raten?

Martin Becker von viasto: Ein komplementäres Team, notwendige Zähigkeit und eine gesunde Portion an Selbstironie hilft. Wichtig ist auch ein regelmäßiger privater Ausgleich für die 60 Stunden Wochen, wie z.B. Sport, Urlaub oder lesen nach dem Motto „no buiness!“.

Für-Gründer.de: Vielen Dank für das Gespräch!

Kontakt

Martin Becker
Geschäftsführer / CEO
Email: martin.becker [ät] viasto.com
Telefon: 030.60 98 85 33 0
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