Wie Frauen gründen – ein Interview mit Christiane Stapp-Osterod von Jumpp



Anknüpfend an den Bericht über das Mentoringprogramm für Gründerinnen aus der Vorwoche, sprechen wir diese Woche über das Thema Frauen als Existenzgründerinnen mit Frau Christiane Stapp-Osterod von jumpp – Ihr Sprungbrett in die Selbstständigkeit.

Christiane Stapp-Osterod von Jumpp

Für-Gründer.de: Frau Stapp-Osterod, laut KfW Gründungsmonitor waren Frauen nur mit 37 % unter den Gründungen vertreten – warum gründen Frauen aus Ihrer Sicht weniger häufig als Männer?

Christiane Stapp-Osterod von Jumpp: Das Gründungsverhalten ist stark von der spezifischen Lebens- und Familiensituation geprägt, bei Frauen dabei stärker hemmend–so ist der Familienstand ein bedeutender Faktor. Nach bundesweiten Daten ist für Frauen der Verheiratetenstatus eher unterstützend für einen Unternehmensstart. Heute gibt es versprechende Verschiebungen: Einerseits widerspiegeln sie den Wandel rund um das traditionelle Familiensystem, andererseits zeigen sie, dass für eine steigende Anzahl an unterschiedlichen Zielgruppen unter Frauen die berufliche Selbständigkeit attraktiv wird.

Für-Gründer.de: Welche besonderen Herausforderungen bestehen für Frauen bei der Existenzgründung?

Christiane Stapp-Osterod von Jumpp: Zusätzlich zur Doppelbelastung und Vereinbarkeit zwischen Beruf und Familie, existieren frauenspezifische Stolpersteine. Heute sind Frauen genauso qualifiziert wie ihr männliches Alter Ego und häufig auch in leitenden Positionen anzutreffen. Dennoch sind sie in Spitzenpositionen immer noch rar – also gerade dort, wo unternehmerische Entscheidungen fallen. Ferner verfügen Frauen generell aufgrund ihrer allgemeinen Lebenssituation über weniger Finanzierungskapital als Männer.

Und obwohl hohes Fachwissen vorhanden ist, fehlen oft kaufmännisches Know-how und Vertriebskenntnisse. Dies wiederum erschwert Verhandlungen mit Banken- und Kreditinstituten oder Anträge auf öffentliche Fördermittel. Hinzu kommt, dass Frauen häufig nicht von den Instrumenten profitieren können, weil ihre Gründungskonzepte nicht den Förderrichtlinien entsprechen – z. B., wenn die Investition unter der Mindestfördersumme liegt.

Für-Gründer.de: Bei der nebenberuflichen Selbstständigkeit liegt der Anteil der Gründerinnen höher als Durchschnitt. Ist der Schritt der Gründung im Nebenerwerb also eine mögliche Testphase? Oder sehen Sie hier aus Risiken?

Christiane Stapp-Osterod von Jumpp: Die nebenberufliche Selbständigkeit ermöglicht Frauen, Familie und Beruf flexibler zu vereinbaren. Die Zeitplanung kann sich nach dem Terminplan der Kinder richten, die Mutter übernimmt die „Mütze“ der Unternehmerin, wenn die Kleinen betreut sind, oder auch abends, wenn der Nachwuchs zu Bett ist. Ein weiterer Vorteil für Selbständige ist, zusätzlich zu der täglichen individuell organisierbaren Zeit, die mittel- bis langfristige Aufteilung der Arbeitszeit: Diese verändert sich parallel zum steigenden Alter der Kinder. So bietet sich für viele Mütter ein Einstieg in eine nebenberufliche, Teilzeit-Selbständigkeit zunächst sehr gut an.

Somit können sie besser zwischen Familie und Unternehmen jonglieren. Zudem ist diese Phase positiv, um das Unternehmerinnendasein in echten Konditionen zu erleben. Frauen können abwägen, ob sie dann das Unternehmen ausbauen, z. B. wenn die Kleinen unabhängiger geworden sind: Ihr Unternehmen wächst, einhergehend mit dem eigenen Rhythmus der Chefin und ihrer Familie. Dieser solide und graduelle Ausbau ist auch nachhaltig.

Für-Gründer.de: Ein Hauptfokus von Jumpp ist die Gründerinnenberatung – wie lange gibt es dieses Angebot in Frankfurt schon und welche besonderen Unterstützungsangebote gibt es für die Gründerinnen?

Christiane Stapp-Osterod von Jumpp: Jumpp Frauenbetriebe e. V. leistete richtige Pionierarbeit, als er sich 1984 gründete, um Frauen für alle Phasen ihrer Unternehmensentwicklung zu qualifizieren. Hierfür haben wir eine frauenspezifische Herangehensweise entwickelt: Der sozioökonomische Beratungsansatz nimmt sowohl marktwirtschaftliche Kriterien als auch persönliche Lebensumstände – wie Motivation, soziales Umfeld oder auch Fachwissen – in den Blick.

Denn neben den Zahlen ist die Prüfung der persönlichen Lebensumstände der Frauen genauso von Bedeutung für die Tragfähigkeit und die nachhaltige Entwicklung ihres Unternehmens. Dieser Ansatz greift bei all unseren Angeboten: Existenzgründungsseminaren, Workshops, individuellen Coachings, Veranstaltungen, Netzwerken oder auch bei unseren innovativen und zielgruppengerechten Projekten – z. B. für Wiedereinsteigerinnen, Migrantinnen oder Nachfolgerinnen.

Hauptfokus von Jumpp ist die Gründerinnenberatung

Für-Gründer.de: Gründen Frauen Ihrer Erfahrung nach tatsächlich anders als Männer? Und wie äußert sich dies gegebenenfalls?

Christiane Stapp-Osterod von Jumpp: Frauen-Gründungen unterscheiden sich im Wesentlichen von Männern darin, dass Frauen ihre Einkommensquelle erschließen möchten, sie wollen ihren unternehmerischen Tatendrang verwirklichen, der beruflichen Frustration am Arbeitsplatz entgegenwirken, mehr Unabhängigkeit haben oder ihre Kompetenz für sich als Kapital einsetzen.

Ferner gründen Frauen nach Babypausen für den Wiedereinstieg oder für mehr Flexibilität und Vereinbarkeit von Arbeit und Familie. Dies hat weniger mit dem Aufbau eines profitorientierten Unternehmens zu tun, das viele Mitarbeiter beschäftigt. Frauen bauen im Durchschnitt kleinere Existenzen auf. Aber dafür ist ihr Geschäft weniger risikobehaftet und daher in gewisser Weise bestandsfähiger.

Für-Gründer.de: Welche besonderen Kompetenzen bringen Frauen Ihrer Meinung nach für die Selbstständigkeit mit?

Christiane Stapp-Osterod von Jumpp: Frauen haben ein Gespür für Marktnischen. Ihre Betriebe zeichnen sich durch hohe Kundenorientierung aus. Die Kunden-Empathie ist bei vielen Unternehmerinnen eine richtige „Vertriebswaffe“: Sie sind sehr geschickt, noch nicht erfüllte Kunden-Bedürfnisse aufzuspüren und vertriebsorientiert als Alleinstellungsmerkmal auszunutzen.

Ebenso spielen diese weichen Faktoren eine wichtige Rolle in der Firmenphilosophie: Sie sorgen für ausgeprägte Dienstleistungsorientierung sowie für hohe Mitarbeiter-Motivation, auch dank flacher Hierarchien und flexibler Arbeitszeitmodelle in den von Frauen geführten Unternehmen. Frauen bieten eine Angebotspalette, hinter der sie stehen und von der sie überzeugt sind – dies kommt gut an.

Für-Gründer.de: Können Sie uns ein paar interessante Gründungen aus Ihrer Beratungspraxis nennen?

Christiane Stapp-Osterod von Jumpp: Die Geschäftsidee  „fünf“, ein Ladengeschäft mit Werkstätten, haben fünf junge Frauen aus verschiedenen Disziplinen im Frankfurter Nordend gegründet. Die „fünf“ sind Hannah Holzschuh, Elke Gerlach, Ruth Klausenitzer, Nikola Eschenbach, Nora Gunkelmann. Das Besondere an ihrem Konzept ist, dass sie Produktion und Verkauf miteinander verbinden: Kunden sehen in den Entstehungs- und Produktionsprozess ein oder lassen auch Arbeiten nach ihren Wünschen anfertigen. Selbst produzierte Stofftaschen, textile Accessoires und Schmuckkreationen aus dem eigenen Atelier, stilvolle zugekaufte Ware und Papeterie sind nur einige Fundstücke der Laden-Werkstatt. Außerdem finden am Wochenende Kunstkurse für Kinder statt. Insgesamt weckt „fünf“ bei vielen Kunden Berlin-Assoziationen: junges inspirierendes Shopping mit Kreativität, Style und frischen Ideen.

Wiedereinsteigerin Bettina Frauen hat „DuftReich“, eine Naturparfümerie mit Duftberatung, gegründet. In ihrem Atelier finden feine Nasen nur Parfüms aus hochwertigen ätherischen Ölen in Bio-Qualität. Sie können auch ihren eigenen Duft in einer „KreAktiv-Werkstatt“ kreieren. Diese einzigartige Kombination aus Atelier und Naturparfümerie zeichnet das innovatives Konzept aus. Nach der Elternzeit und dem Verlust ihrer ehemaligen Führungsposition musste Bettina Frauen die Weichen neu stellen. Über Beratungen kamen ihre Fähigkeit und Neigung zum Trainieren immer wieder in den Fokus – aber ebenso ihr Hobby: die Welt der Düfte und ätherischen Öle. Also absolvierte sie eine Ausbildung zur Aroma-Expertin und machte sich selbständig.

noa boa, einen Modeladen für Schwangere und Kinder, gründete Päivi Budarham in 2006 in Frankfurt. Als sie selbst mit ihrem ersten Kind schwanger war, hatte sie keine Lust, „immer in Zelten herumzulaufen“. Schicke, weibliche und trendige Mode für sie und Gleichgesinnte war Fehlanzeige in Deutschland! Also inspirierte sich die Finnin von heimischen Boutiquen und eröffnete „noa boa“: Zunächst bot sie moderne Kleidung für Frauen „in den runden Monaten“ und für Kids bis drei Jahren. Die Babys ihrer ersten und treuen Kunden sind gewachsen: Die Eltern hatten den Wunsch nach Kleidung und mehr für ihren Nachwuchs bis zwölf Jahren. Also wurde der Laden gröβer und heute beschäftigt die Unternehmerin 14 Personen. Eine näht und bestickt liebevoll auf Bestellung die personalisierte Geschenkkollektion. Auch eine kleine individuelle Kleiderkollektion für Kinder ist neu entstanden und ist bereits heiβ begehrt…

Für-Gründer.de: Werden Frauen bei Bankgesprächen anders wahrgenommen als Männer?

Christiane Stapp-Osterod von Jumpp: Eine aktuelle Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung e. V. (DIW) in Berlin zeigt, dass Banken noch immer ihre Geschäftskundinnen diskriminieren. Der DIW e. V. erklärt es dadurch, dass viele noch der Meinung seien, Frauen haben schlechtere unternehmerische Fähigkeiten. Und für Geldgeber bedeutet das, dass sie Kredite an frauengeführte Firmen für gewagter halten. Also sichern sie sich dagegen mit höheren Aufschlägen ab.
Wenn dies heute noch spürbar ist, entwickelt sich aber meines Erachtens der Trend in die richtige Richtung: Es bestehen immer weniger Unterschiede bei der Kreditvergabe seitens der Geldgeber, ob an Mann oder Frau. Vielmehr liegt es an den Unternehmerinnen selbst, sich als potenzialorientiert zu positionieren. Sie sollten mutiger sein und die Finanzierung für ihre Betriebe anfordern und nutzen, anstatt in einer Nische zu bleiben und vieles aus ihrem Eigenkapital zu decken. Schlieβlich hat ihr eigenes Verhalten auch einen Einfluss auf die (Vor-)Urteile der Bänker usw.

Für-Gründer.de: Sie haben Ihren Tätigkeitsschwerpunkt ja in erster Linie in Frankfurt – welche Angebote, Anlaufpunkte oder spezielle Förderprogramme würden Sie für Frauen im weiteren Bundesgebiet empfehlen?

Christiane Stapp-Osterod von Jumpp: In Hessen sind wir die regionalverantwortliche Stelle der bundesweiten Gründerinnenagentur (bga), die erste deutschlandweite Initiative dreier Bundesministerien, die Gründerinnen unterstützt. In jedem Bundesland gibt es eine kompetente regionalverantwortliche Stelle, die Expertin auf diesem Bereich ist und passende Angebote hat. Diese finden Sie unter: www.gruenderinnenagentur.de

Darüber hinaus können künftige Selbständige das bundesweite „KfW Gründercoaching Deutschland“ in Anspruch nehmen. Dieses übernimmt einen Teil der Beratungskosten.

Für-Gründer.de: Und zum Abschluss: Welche Tipps würden Sie insbesondere Gründerinnen mit auf den Weg in die Selbstständigkeit geben?

Christiane Stapp-Osterod von Jumpp: Viele Gründerinnen und Gründer scheitern, weil sie ihre Geschäftsidee nicht genügend vorbereitet haben. Es ist daher sehr empfehlenswert, sich vor dem Start beraten zu lassen, bei anerkannten Vereinen oder auch IHKs. Alle Phasen des Gründungsfahrplans sollten beleuchtet werden: von der Idee über das Angebot, die Zielgruppen, das Marketing bis hin zur Finanzierung des Vorhabens.

Hinzu kommt, dass Frauen andere Problematiken als Männer haben, z. B. in Bezug auf gläserne Decke, Doppelbelastung oder Management-Erfahrung. Daran knüpft insbesondere eine frauenspezifische Beratung: Künftige Chefinnen gewinnen einen neuen Überblick über ihre Kostenstruktur, begreifen, was ihr Unternehmen Wert ist, und werden sich der Ausgaben für ihre Gesundheit und Absicherung im Alter bewusst. Wir legen ihnen ebenfalls ans Herz, Netzwerke und strategische Allianzen für ihr Wachstum zu nutzen, und unterstützen sie dabei. Der geschlechtsspezifische Ansatz sorgt dafür, dass die Gründerin ihre Zukunft in guten Händen weiβ: in ihren eigenen.

Für-Gründer.de: Vielen Dank für das Gespräch!

Kontakt

jumpp – Ihr Sprungbrett in die Selbständigkeit
Frauenbetriebe e.V.
Hamburger Allee 96 Hh
60486 Frankfurt am Main

Telefon: 069.71 58 95 50
E-Mail: info@jumpp.de
Website: www.jumpp.de